Tourtagebuch Reloaded – 26.02.2010 Wiltz (Luxemburg), Kulturzentrum Prabbeli

Ich bin sehr länderfühlig. Betrete ich fremden Boden, habe ich sofort einen Blick dafür, was alles anders ist. Jedes Land hat eine andere Atmosphäre, die mir bis in die Zellen kriecht und die ich einsauge wie eine Kamera mit Stimmungsfilter. Soeben habe ich die Grenze überquert und rolle über eine Autobahn in Belgien. Der Himmel ist verhangen, die Straßenschilder sehen anders aus, die Rasthöfe erinnern mich an die amerikanische Provinz. Auf einer Landstraße warten winzige Frittenbuden vollkommen einsam an Feldrändern, ein Schotterparkplatz daneben, in “Supernatural” würden sich an dieser Stelle ab dem Einbruch der Dunkelheit Vampire treffen. Es ist eine melancholische Szenerie, aber das liegt wohl auch an mir selbst. Denn so fern und auf Reisen ich an diesem Tag auch sein mag – im CD-Player höre ich die Musik meiner Kindheit, Peter Maffay live in Iserlohn, und Peter singt “Ich geh fort” und erzählt die Geschichte vom Tramper, der sein bürgerliches Leben hinter sich ließ. Gleich kommt die Bridge, diese sensationelle Bridge… “und ich spürte Tränen in mir/ wie von einem Druck befreit/ hab ich wieder geweint/ nach ewiger Zeit/ ich wusste jetzt ist es soweit…”. Seit ich sechs Jahre alt war, muss ich selber bei dieser Bridge weinen, dieser kleine Part ist meine erste Emo-Erfahrung und ich rolle durch Belgien und lobe und preise die Bridge von “Ich geh fort”, bei offenem Fenster preise ich sie und meine Lobpreisungen wehen über die Frittenbude am Feldrand, aus deren warm und schwitzig erleuchtetem Fenster mir ein einsamer Wirt nachsieht.

In Luxemburg trete ich heute mit einem Mann auf, der in diesem wunderbaren kleinen Land so bekannt ist wie der rumänisch-stämmige Rocker Maffay bei uns: Serge Tonnar. Wir kennen uns noch nicht und auch vom Kulturzentrum Prabbeli habe ich noch nie gehört. Umso begeisterter bin ich, als ich es in dem muckeligen kleinen Ort finde, der wie in einer Märklin-Landschaft zwischen grünen Hügeln eingebettet liegt. Das Prabbeli ist ein soziokulturelles Haus, staatlich gefördert, und wo derlei Einrichtungen in Deutschland meistens recht verranzt und ärmlich wirken, ist dieses Schmuckstück liebevoll und gepflegt. Das stört einige der Jugendlichen sogar, wie mir die Veranstalter erzählen, die sind dann wiederum fasziniert, wenn sie in Hamburg oder Berlin mal echt kaputte Clubs erleben. Ich liebe es und ich gerate im viertelstündigen Wechsel mit Serge in den besten Flow, den ich jemals bei einem gemeinsamen Gig mit einem Musiker hatte. Serge singt auf Englisch, Luxemburgisch und einmal nur für mich auf Deutsch und ich mache mich über mich selbst lustig, dass ich seine Moderationen nicht verstehe und er mich auch gemütlich verarschen könnte, ohne dass ich’s merkte. Ich erzähle dem aufmerksamen und unglaublich sympathischen Publikum gemischte Anekdoten von Dennis und von Hartmut und verkaufe nach der Show meine gesamte Bücher- und Merchkiste leer, was mir in Deutschland noch niemals passiert ist. Mit Serge – der mich in seiner Mixtur aus Tom Waits, Leonard Cohen und Oliver Minck‘schem Humor bestens unterhalten hat – tausche ich CDs gegen Bücher und im Hotel de la súre, das in einem noch kleineren und noch muckeligeren Nachbarsörtchen liegt, erzählt mir der Besitzer stolz von seinem Geschäftskonzept, das Hotel mit den meisten Büchern zu sein. Sie stehen in der Tat überall herum, auf schmalen Simsen und unter Nähmaschinen, in allen Zimmern und bei der Tischtennisplatte. Jeder Gast, der zwei dalässt, darf eines mitnehmen; es ist ein Wettbewerb, den er einmal mit einem deutschen Hotelier gestartet hat. Heute sitzt er mit den Politikern der Gegend zusammen und plant Barfußerlebnispfade in der naturromantischen Region; früher hat er aus dem Nichts eines der erfolgreichsten Motorradmagazine gegründet. Ich bin müde, aber wir reden noch bis 1:30 Uhr, zwei rege Geister, die im Leben nicht stillhalten können. Ich verspreche ihm, ihm noch am nächsten Tag meine Kontakte zu meinem Barfußwandelpartner Burkhard zu mailen, der sich in Deutschland so sehr für Erlebnispfade engagiert. Als ich es am nächsten Nachmittag tatsächlich sofort tue, schreibt der Hotelchef zurück: “Wow! Ein Mann, der Wort hält!” Ich mag die Luxemburger.

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