Tourtagebuch Reloaded – 19.03.2010 Leipzig, Buchmesse

4:50 Uhr. Ein Parkplatz mit Klo, irgendwo an der A2. Ich bin um 3 Uhr losgefahren und brauche eine erste Pause. Es gibt hier kein Licht an den Parkbuchten, nur drüben wird die Mauer des Scheißhauses geflutet. Rechts neben mir steht ein abgestellter Schrottwagen, längst ein Strafzettel des Staates daran. Links leuchtet das Radio in einem Wagen, der seine Kennzeichen noch hat, in dem aber niemand schläft oder Pause macht. Ich schlucke. Die Nachtschwärze ist dickflüssig und durch ihren dunklen Sirup kommt mir die Titelmelodie der Serie “Dexter” in den Sinn. Ich stelle mir vor, ein Serientäter wartet hier auf mich, wo auch sonst, um 4:50 Uhr auf so einem Parkplatz zu halten statt zu warten, bis ein großer Rasthof sein 24-Stunden-Licht zur Herberge anbietet, ist im Grunde lebensmüde. Trotzdem halte ich mich 10 Minuten hier auf, gehe spazieren und nutze das Dunkel, um eine Menge MURP!-Sticker zu verkleben.

10:03 Uhr. Mein erster Auftritt des Tages im Kulturzentrum Anker. Drumherum sind Schulen und alle wurden eingeladen, aber da die letzten Klassenarbeiten vor den Ferien anstehen, wohnen meiner Lesung zu Das Gegenteil von oben nur vier Personen bei. Eine erwachsene Frau mit geübtem Messeblick, eine Mutter mit Tochter, die beide Fans sind und auch alle Hui-Romane kennen sowie eine ältere russische Mutter, die mir eifrig erzählt, dass sie das Buch unbedingt für ihren Sohn mitnehmen muss, da er sich mit 25 immer noch so benimmt wie Dennis mit 15. Sie ist begeistert von dem, was sie hört, von der Psychologie der Mutter im Roman (“mache ich vielleicht was falsch?”) und von den Thriller-Parts, als Dennis im Keller die geheime Wohnung entdeckt und das Gespräch der Männer belauscht, das so klingt, als würde hier das Schrecklichste geschehen, das sich denken lässt. Ich trinke Tee und bin zufrieden, denn vier Menschen am Morgen so zu fesseln, ist auch schon jede Reise wert.

14:00 Uhr. Der Stand der HTKW Leipzig, technische Hochschule, an der man auch Buch- und Verlagswesen studieren kann. Ich performe Das Gegenteil von oben mit Headset gegen eine laute Kulisse der Stände nebenan. An einem wird Musik gespielt, an einem anderen hin und wieder Durchsagen gemacht. Die Sitzwürfelbänke sind voll und es macht Spaß trotz des Lärmpegels. Mein PR-Mann Stefan lobt hinterher, dass ich immer so individuell auf das Publikum eingehe. Hier zum Beispiel hätte ich “die Leute gehabt”, als ich anmerkte, dass Halbstarke wie die aus meinem Roman als liebstes Schimpfwort “du Opfer!” verwenden und dass doch im Grunde alle, die hier sitzen, früher dazugehört hätten. Alle kleinen, cleveren, buchinteressierten, sensiblen Menschen. Ich plane nicht, so etwas zu sagen, es rutscht mir einfach heraus, ich hätte es sogar lieber, wenn “wir” keine Opfer wären und auch gelernt hätten, im Notfall die große Bratpfanne rauszuholen, aber ich merke tatsächlich, wie die Äuglein strahlen, wenn man etwas so Wahres und Elementares sagt und es auch noch zutrifft.

15:30 Uhr. Leipzig liest, das große Forum in Halle 4, 150 sitzende Gäste und Dutzende, die beim Vorbeigehen kleben bleiben, weil da plötzlich einer ist, der anders liest als die üblichen Autoren. Der spielt ja richtig, mit Händen und Füßen! Und was erzählt der da von diesem Dennis? Da bleibe ich mal… so sehe ich es in den Augen der Messebesucher, die ganz hinten stehenbleiben und zuhören und mich besonders motivieren, ebenso wie die erfreulich bunte Zusammensetzung der Sitzenden. Vom graumelierten Bildungsbürger bis zum ganz jungen Teenager hängen hier alle an meinen Lippen und die 30 Minuten gehen viel zu schnell vorbei.

20:00 Uhr. Auerbachs Keller, der klassische Laden, in dem einst Mephisto herumturnte. Essen mit den Verlagsleuten und einigen Autorenkollegen. Es ist interessant, sich auszutauschen, aber es ist höllisch laut hier unten, wie auf einem Bahnhof, wie im Hofbräuhaus. Ich seile mich früh ab, genieße lieber ein Telefonat mit Sylvia in der glitzernden Lichterstille der warmen Leiziger Innenstadt, die wir noch vor einem halben Jahr gemeinsam besuchten und aus Versehen in den langen protestantischen Gottesdienst gerieten. Sylvia erzählt mir, dass der Nachbarsjunge wieder vor der Tür stand und Tischtennis spielen wollte. Ich denke an unser Dorf und daran, dass ich auf der Messe, sobald ich selber flaniere, mittlerweile immer nur an Bühnen halte, auf denen ältere Herren mit sonoren Stimmen sprechen. Seien es Philosophen, sei es Martin Walser, seien es grandiose Nerds, die einen kompletten Verlag nur mit Bildbänden über Steine betreiben. Ich suche die Stille und im Hotel, während ich diese Zeilen schreibe, höre ich Lounge-Radio im Internet.

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