Tourtagebuch Reloaded – 25.03.2010 Wiesbaden, Kulturpalast

Heute ist ein Tag, an dem ich sehr viel über die Bedeutung des Egos nachdenke. Wann schaltet es sich ein, mit Pauken und Trompeten? Wann schweigt es dezent und lässt mich das Rauschen der Baumwipfel hören? Geht es mir besser, wenn es sich auf die Brust trommelt wie ein Gorilla? Könnte ich ohne? Zwischen den großen, sonnigen Rasthöfen auf der Hinfahrt gleite ich auf der Autobahn zu den Klängen der Indierock-Band Nervous Nellie sowie zu der 8. Sinfonie von Bruckner dahin. Der Rock ist melancholisch, schroff-romantisch, eine Landschaft voller Fernweh. Die Sinfonie ist kraftvoll und klingt, als habe sich der Filmmusik-Gigant John Williams bei Herrn Bruckner einiges abgehört. Mein Ego? Ist aus! Ich bin ganz in der Musik. Als ich zwei Stunden später durch Wiesbaden rolle – Ampeln, Hotels, das große Casino – bounct Dr. Dre im Player und rappt: “This one goes out to all of those with big egos“. Ich habe Spaß und fühle mich angesprochen. Immerhin fahre ich das vierte Mal zu einem Auftritt im Kulturpalast. Ich bin Autor, die Leute wollen mich sehen, ich habe ein Hotelzimmer und sechs Bücher auf dem Markt. Check this out, man! Euphorie und Stolz und Vorfreude auf den Gig. Das Ego? Ist an!

Nach einem holprigen Beginn (ich will irgendwie lässig mit Fehlermeldung anfangen und dann stimmig zu Das Gegenteil von oben gleiten, was nicht funktioniert, weil das Wörtchen “irgendwie” in diesem Vorhaben vorkommt) begeistere ich ein volles Haus mit den Erlebnissen von Dennis und ersten neuen Auszügen aus Feindesland. Ich trinke Whisky beim Lesen und scherze darüber, dass mein Image-Berater mir angeraten hat, härter wirken zu sollen. Mir fällt auf, dass ich in Wiesbaden besonders gerne beim Auftritt trinke. Nach der Show sagt mir eine Frau, dass sie “diesen Dennis” jetzt schon ins Herz geschlossen habe und ich gebe das zweitcoolste Autogramm aller Zeiten: Auf eine “The Nightfly”-CD! (Das Coolste war die Signatur einer grauen Playstation). Jürgen Klugmann von pixelfreestyle macht Fotos. Das Ego? Ist an!

In meinem geliebten Town Hotel liege ich auf dem Bett und nutze das Gratis-WLAN für meine favorisierten Entspannungsvideos auf YouTube. Heute: Professor Harald Lesch über die (Un-)Möglichkeit des Beamens und den “echten” Subraum, Werner “Tiki” Küstenmacher über die Entstehung von “Simplify your life”, Günter Grass auf der Buchmesse über die Stasi-Tagebücher sowie einige Clips zum Thema Achtsamkeit und Meditation. Irgendwann lacht mich ein buddhistischer Großmeister an. Auf seinem T-Shirt steht: “No Place For Ego”. Harald Lesch erklärt mir, dass im Innersten der Materie auf subatomarer Ebene im Grunde überhaupt keine Materie, sondern weitestgehend Leere ist.
Ich mümmele Pizzareste vom Catering. Das Ego? Ist aus. Aber der Kopf? Läuft heiß!

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