Tourtagebuch Reloaded – 07.04.2010 Herbern, Haus der Künste

Es gibt diverse Gründe, weswegen ich momentan in einer reizbaren, riskanten Stimmung bin, in welcher ich davon träume, als Ballonseide tragender Spion die Züchtung tödlicher Giraffenmutationen verhindern zu müssen und in der Wirklichkeit mit Katzenhaaren auf dem T-Shirt und nackten Füßen in dreckigen Crocs durch die örtlichen Supermärkte stapfe und die Beutel in Teepackungen austausche. In dieser Stimmung kann eine unschuldige berufliche Mail das Überarbeitungsfass zum Überlaufen bringen und mich mit Stöcken auf graue Überlandkästen einschlagen lassen, aber eine gelungene Aktion vermag es im Umkehrschluss, mich in euphorische Höhen zu katapultieren. So waren Sylvia und ich heute Nachmittag während der Arbeit an den Plakat- und Programm-Materialien für die Hartmut-und-ich-Ausstellung Ab ins Buch! auf der Suche nach einer Möglichkeit, die Schrift “Techno Regular”, die alle Hartmut-Romane ziert, für den eigenHartmut-Bücher ziert, für den eigene Gebrauch zu erwerben. Klingt einfach, ist aber eine Herkules-Aufgabe, die nur von Männern erledigt werden kann, die noch dickere Eier haben als Dr. Dre, der ganz genau weiß, was er tut, wenn er sich im Booklet von “2001″ mitten in seinem Archiv von 15.000 Vinylplatten abbildet und damit dem Betrachter sagt: “Pass mal auf, du Vollpfosten, ich kenne alles, ich habe alles, ich schöpfe meine Samples aus dem Rahm so vieler Scheiben, wie du niemals hören wirst, du Stuhl!” Aber zurück zur Schrift. “Techno Regular” ist eine Schrift, die nur im Betriebssystem Mac OS 9 existierte und seither niemals mehr. Und selbst, wenn man sie im Netz findet – und ich fand sie, nachdem ich 212 amerikanische Foren ausquetschte – kann man sie nicht verwenden, wenn man wie wir zu den Frevlern gehört, die schwarzen Kaffee, grünen Pfefferminztee und Microsoft Windows XP zusprechen. Aber ich, der dickere Eier hat als Dr. Dre, ich lasse mich nicht aufhalten von Unmöglichkeiten. Mit stierem Blick und fetten Adern an den Schläfen hielt ich den Rechner vor mich und schrie wie einst John Locke: “Sag mir nicht, was ich nicht tun kann!” Dann machte ich weiter, grub mich durchs Netz wie ein Maulwurf mit vollaumatischen Klauen und ließ mich treiben vom reinen, durch nichts aufzuhaltenden Willen zur Schrift. Schließlich fand ich das Programm CrossFont (15 Tage Testversion, dann 40 Euro), das jede teufelsverdammte Apple- in eine Windows-Schrift umwandeln kann und umgekehrt. Nur wenige Stunden waren vergangen und ich konnte mit nacktem Oberkörper, den Laptop wie eine Fackel am gestreckten Arm gen Decke reckend, verkünden: “Wir haben die Schrift in unserer Hand!” Ich rief meinen Agenten an und erzählte ihm von meinen dicken Eiern. Er sagte, ich solle über meine Eier im Tourtagebuch schreiben, obwohl ich gar nicht auf Tour bin. So ward es geschehen.

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