Tourtagebuch Reloaded – 15.04.2010 Zürich, NZZ Podium & Mundwerk

“Penibel, aber großzügig”. So fasst David Karrer vom Kulturbiotop Mundwerk das Wesen seiner Landsleute zusammen und so treffend hat es bislang noch keiner formuliert. Sylvia und ich sind ein paar Tage in der Schweiz, weil die Neue Zürcher Zeitung mich auf ihr Podium eingeladen hat, eine hoch etablierte Veranstaltung, auf der – moderiert von Feuilleton-Chef Dr. Martin Meyer – “internationale Experten” über heiße Themen der Zeit debattieren. Heute Abend geht es um “Jugend in der Medienkultur” und neben dem Psychologen Dr. Allan Guggenbühl und der Schulrektorin Ursula Alder bin ich der Experte für die Seele der Jugend, die Videospiele und die Ambivalenz der Internetmechanismen, die sie lieben, verführen und süchtig machen. Guggenbühl und Alder sagen eine Menge kluge und richtige Dinge, aber ich bin augenscheinlich der einzige, der die Spiele auch kennt und punkte daher mit ebenso kritischen wie komischen Details zur fatalen Funktionsweise von Spielen mit Eigenzeit und zum irrationalen schlechten Gewissen, das ich habe, weil bei “Animal Crossing” während meiner Abwesenheit der Garten verrottet. Dr. Meyer leitet das Gespräch mit ebensoviel achtsamem Geist wie trockenem Humor (nachhören lässt sich der Podcast hier) und ich bin freue mich nach der Runde, sagen zu können: “So, genug über die Jugend geredet, wir fahren jetzt hin!” Das Mundwerk ist schließlich ein alternativer Jugendclub, und wo diese beiden Worte in Deutschland oft nur das Chiffre für “verranzte Punkhütte” sind, hat uns dieses liebevoll geführte Häuschen schon am Nachmittag umgehauen. Da waren wir die Örtlichkeit inspizieren und völlig baff über die gute Einrichtung, die tolle Wandbemalung, die Gewissenhaftigkeit der Betreiber und den Musikgeschmack der Schweizer Jugend, die sich hier im Club vor allem gerne Raggae, Dub, Lounge und Deep Underground reinzieht. Veranstalter David Karrer hatte am Nachmittag bereits großen Spaß, als ich völlig überfordert meiner Frau das Steuer des Autos übergab, da ich nicht rückwärts die schmale Zufahrt hinaufkam, und heute Abend bricht er (seines Zeichens auch DJ) bei jedem dritten Refrain eines Songs gerne mal spontan in enthusiastisches Mitsingen aus. Wir trinken Cocktails wie die “besoffene Aprikose”, die zu unseren “besoffenen Äpfeln” passt und knabbern Süßgebäck, das sie für die Gäste auf den Tischen verteilen. Dass von denen während meiner Show kaum einer da ist, ist dem liebenswerten Team des Hauses viel unangenehmer als mir. Ich bin einfach froh, das erste Mal in der Schweiz zu spielen, lese und tobe heute schnell und zappelig wie Heinz Ehrhardt und wundere mich darüber, welch lange Sätze ich in alte Geschichten wie “Yannick” eingebaut habe. Zürich begeistert uns, die Menschen und die Stadt, vom genialen Flammkuchen im “Henrici” bis zu den Kirchenfenstern Marc Chagalls, die nicht weniger beeindruckend werden, bloß weil sie jeder besucht.

Den Tag darauf kurven Sylvia und ich durch sich steil in die Berge schlängelnde Straßen zum Freilichtmuseum Ballenberg) bei Hofstetten, wo auf einem riesigen Gelände die Schweiz mittels dort hingebrachten und wieder errichteten Originalhäusern vom 14.-19. Jahrhundert so aufgebaut wurde, wie sie in der Vergangenheit war. Man wandelt durch eine andere Welt, es ist enthoben und wunderbar. Lange trösten wir eine schwangere Ziege, die Schmerzen hat. Wir sagen einem Pfleger Bescheid, dass hinten am Gehege anscheinend die Wehen losgehen und er strahlt und freut sich über unsere Achtsamkeit. In einem der alten Häuser lernen wir, dass die Schweizer Uhren-Industrie ihren Anfang auf den Dachböden der Bauern nahm, wo die kernigen Farmer in den Wintern aus Langeweile begannen, sich mit der Uhrmacherei zu beschäftigen. Sie hatten kein Facebook und sie hatte die Ruhe weg. Penibel, aber großzügig. Der Himmel strahlt wolkenlos und atemberaubend schön, weil kein Flugzeug mehr fliegen darf. Es sind gute Tage.

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