Tourtagebuch Reloaded – 24.04.2010 Gießen, Firmenveranstaltung

“Sie sind doch der mit den Männern und den Frauen.” Das war der erste Satz, den die Pressedame eines mittelständischen Unternehmens in Hessen vor ein paar Wochen durch den Hörer schickte. Ihre Anfrage war erfrischend fahrig, sie sprang von Hölzchen auf Stöckchen, von Fehlermeldung zu Hartmut und ich, bis sie endlich sagte, was sie wollte, einen Auftritt wollte sie, für eine Firmenveranstaltung, gut honoriert, sie habe gelesen, so was mache ich auch. Ja, so was mache ich auch und so sitze ich heute Abend vor rund 50 Leuten einer heiteren Belegschaft, die Jubiläum feiert und sich beömmelt, wenn ich vom “langen Hänger” des Mannes oder seinen “Fehlermeldungen” berichte, obwohl die Anspielungen auf Filme, Spiele und Indierock-Songs mangels Zielgruppenkompatibilität allesamt ins Leere gehen. Macht nichts, lese ich eben “Krank sein” aus dem ersten Hui-Roman, wo Hartmut als leidender Vergrippter seinen Mitbewohner in die Rolle der fürsorglichen Frau drängt oder “Torschusspanik” aus der brandneuen Anthologie “Stockender Verkehr”, eine Geschichte über die sexuellen Missverständnisse zwischen Frauen und Männern, die Sylvia und ich als zweite Story nach “Ein Leben in Ocker” unter Team-Autorenschaft veröffentlicht haben und die direkt auf der ersten Seite mit den Wörtern “Vagina”, “Klitoris” und “Yoni” aufwartet. Die Männer der Belegschaft erschreckt das ein wenig und ich erinnere mich an die Szene aus “The Big Lebowski”, als die verrückte Künstlerin zum Dude unablässig “Vagina!” sagt, weil er als Mann davor angeblich Angst hat. Nach dem furiosen Auftritt beginnt der anstrengende Teil des Abends, denn die Männer wollen mich noch zu zwei bis vierzehn Bier und Kurzen überreden und begreifen einfach nicht, dass ich trotz der intimen Storys kein Kollege, sondern immer noch ein gebuchter Dienstleister bin. Ein Dienstleister, der ins Hotelbett will, da dort ein Laptop auf ihn wartet, der mit Texten für die Begleitschilder der Hartmut-und-ich-Ausstellung und zahllosen Akquise-Mails für Hartmuts Interview-Couch gefüllt werden will. Ein Laptop, der mich daran erinnert, dass ich noch viel weiter die Kunde streuen muss, dass wir für besagte Ausstellung vom 20.05-01.08. in Oelde zwei Praktikanten suchen, die sich perfekt mit der Hui-Welt auskennen oder sich reinarbeiten, die Räume bewachen und pflegen, die Veranstaltungen begleiten, mit den Besuchern plaudern, die prominenten Gäste betreuen und Bücher sowie Merchandise verkaufen und dafür am Ende von 2,5 arbeitsreichen Monaten auf dem Kulturgiut Haus Nottbeck ein seriöses Zeugnis des Museums für Westfälische Literatur bekommen. Und viel gelernt haben in allen Schlüsselkompetenzen, die man als Kulturmensch braucht. Ich verspreche auch, dass ich die Praktikanten nicht zu Schnaps animieren werde. Das alles muss ich noch schreiben, später, im Hotel. Oh, ich hab’s ja schon getan. Und hoffe, dass sich ein paar Kandidaten melden.

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