Tourtagebuch Reloaded – 03.07.2010 Hattingen, Altstadtfestival (Wortschatzbühne)

Mein heutiger Auftritt spielt auf dem Altstadtfest in Hattingen. Sieben Bühnen stehen in den urigen Gassen aus Fachwerk, die wie die Kulisse eines alten Adventures wirken. Überall Fußball und Platzregen. Ich höre vom ersten deutschen Tor gegen Argentinien im bullenheißen Dachboden-Backstage, erhasche ein paar Szenen auf Außenleinwänden im Unwetter und flüchte mich in eine winzige Eckbar. In der Halbzeit suche ich die Wortschatzbühne, die ich als von Peter Lihs und Cooltours organisiertes Format auch jedes Jahr bei Bochum TOTAL bespiele. Ich finde sie nicht. Laut Plan soll sie auf dem Haldenplatz sein, doch dort stehen nur zwei Fernseher auf einem kleinen Sockel mit Pavillon. Tommy Finke, der heute den ersten Slot mit mir teilen wird, nähert sich winkend; er wird auch am 09.07. bei Hartmuts Singer/Songwriter-Tag in Oelde spielen und hat, soweit ich sehen kann, Flügel auf den Rücken tätowiert. Im Dachboden-Backstage spielt er Police auf dem Piano. Wir sehen bei einem Italiener zwischen lauter Rentnern zu, wie Thomas Müller und Miroslav Klose endgültig Argentinien zerstören. Zurück auf dem Haldenplatz baut ein Techniker die beiden Fernseher ab und wir begreifen: Das kleine Podest ist die Wortschatzbühne! “Lass das stehen, wir wollen Fußball sehen!”, rufen zwei Männer, die mit ihren Freundinnen als einzige sitzen bleiben. Wir sind kein Programm für sie, wir sind der Koitus Interruptus der Nachberichterstattung. In den kommenden 90 Minuten wechseln Tommy und ich uns mit Liedern und kurzen Hui-Geschichten ab. Schritt für Schritt erobern wir in Kleinarbeit die Fußballmänner und ein paar wenige Zuhörerinnen, die stehen bleiben. 90 Minuten für acht Menschen Publikum, Raumgewinn in kleinsten Spielzügen, fast niemand kennt uns, wir fühlen uns wie San Marino, wenn sie in Stuttgart gegen die DFB-Auswahl auflaufen. Doch irgendwann ist es soweit: Die Fußballmänner lachen! Sie applaudieren! Wir haben Sie! Nach dem Auftritt Schulterklopfen. “Ihr seid gut zu zweit”, sagen die Fußballmänner und “immer dranbleiben!” Sie denken, wir sind Nachwuchsspieler. Wir haben ein Tor gemacht.

Den eigentlichen Solo-Auftritt, den ich ab 22:30 Uhr nach dem Spanien-Spiel haben sollte und auf den tatsächlich Menschen warten, lasse ich in Absprache mit dem Techniker fallen. Die Musikbühnen, die in nicht mal 50 Meter Luftlinie mit Coverbands die Stimmung anheizen, bolzen ihren Klang wie ein Tsunami in den kleinen Haldenplatz. Kein Mensch kann dagegen anlesen. Ich bin sauer. Mein zuständiger Künstlerbetreuer ist den ganzen Abend nicht zugegen und die netten Damen im Dachbodenhaus sind nur für Kaffee und Kekse zuständig. Gage gibt’s auch nicht in bar und im Programm wurde, wie ich feststellen muss, auch gar nicht ich, sondern ein gewisser “Oli Uschmann” angekündigt. Romane von einem “Oli” habe ich bislang im Buchhandel nicht gesehen; ich kannte wohl mal einen “Oli”, aber der sang in einer miesen Bochumer Punkrock-Band, schrieb nur Geschwurbel und war im Grunde Alkoholiker.

Ich packe gerade meinen Wagen im Parkhaus, als der Internet-Beauftragte wieder hinter mir steht. Er verrät mir, was hier eigentlich los war, denn er ist allwissend und immer überall. Sein Name ist Herfried. Er erklärt mir, dass er diesen Abend für mich gebucht habe, damit ich mal wieder auf den Teppich komme und mich daran erinnere, wie es ist, ganz von vorn anzufangen. Ob ich ernsthaft glauben würde, ein Profi wie Peter Lihs würde seine “Bühne” als TV-Podest verkleiden und nicht mal mit “Wortschatzbühne” beschriften, mich im Programm “Oli” nennen und dann zwei Rock-Bands in 50 Meter Entfernung die Anlage aufdrehen lassen? Ob ich ernsthaft denke, jemand könne so vollendet seine eigene Bühne tarnen und schließlich unbespielbar machen? Das Ganze war natürlich Absicht, der berühmte “Lihs’sche Workshop gegen das Abheben”, den erfolgreiche Autoren ab und zu brauchen, ein Geniestreich der Branche, immer dann von Wohlmeinenden wie Herfried gebucht, wenn mal wieder ein Dämpfer nötig wird. Ich höre zu und stehe im langen Hänger. Ob ich denn wohl nun endlich mal wieder einen aktuellen Tourblog schreibe, fragt mich Herfried, und ich nicke.

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