Tourtagebuch Reloaded – 09.07.2010 Köln, Eins Live Klubbing

“Du bist Rekordhalter”, verrät mir Mike Litt im Vorgespräch zu meinem fünften Auftritt bei Eins Live Klubbing, “noch kein anderer Autor war schon fünf Mal hier.” Rekordhalter. Der Miro Klose der Gegenwartsliteraten. Das Gebäude des Senders ist mir so vertraut, in dem Prozedere fühle ich mich so sehr zu Hause, als arbeitete ich hier und als stünde ich jeden Abend auf dem Balkon und blickte in tropischer Wärme hinunter auf den Platz des Mediaparks, auf dem die kleinen Menschen wuseln wie in den besten, atmosphärischsten Animationen in “Final Fantasy”. Meine Schwiegermutter verteilt Werbung für “Ab ins Buch!” auf den Tischen, auch sie kennt sich hier aus und begleitet mich jedes Jahr, auf der Hinfahrt hörten wir gemeinsam, wie mein Ex-VISIONS-Kollege und jetzt Eins-Live-Redakteur Jochen Schliemann über mich als “Kauz” und “Arbeitstier mit unfassbarem Pensum” sprach. Das irritiert mich und ich versuche in der Sendung, die Dinge gerade zu rücken. Ich bin kein Unfallchirurg, der nach 36 Stunden ohne Schlaf immer noch ein Bein annäht. Ich bin ein Schriftsteller, der sich mehr und mehr wundert, wie all diese Bücher fertigwerden, da ihn alles Mögliche davon abhält, zu schreiben. Die eigenen Katzen, die grundsätzlich bis zum Sommer warten, um ins Feld zu verschwinden, da die Ähren im Juli hochgewachsen sind. Ist das Feld im Spätherbst gemäht und könnte man die Silhouette der Katze noch bei Vollmond auf dem Hügel in zwei Kilometern sehen, setzt sie keine Pfote auf den Acker. Der Staat entsendet pro Quartal einen kleinen Beamten mit einem Fahrrad samt Lastenanhänger voller Papiere zu mir, die ich als “Selbständiger” ausfüllen muss, damit ich nicht zu selbständig werde. Wirft der Nachbar seine dicke Hobbyfunk-Antenne an, aktiviert sie unsere Markise und sie stürzt uns bei Sturm auf den Kopf. Ich komme nicht zum Schreiben. Im Interview formuliere ich es allerdings so, dass es so klingen muss, als säße ich nur auf der Terrasse und warte auf Eingebungen. Das sollte es nicht. Interviews sind schwierige Gesellen, sie geben dir nur wenige Minuten, um dich zu erklären und sie klopfen dabei mit dem Fuß auf den Boden wie ein ungeduldiger Dalton-Bruder vor dem Saloon von Nothing Gulch. Aber was soll’s, der Abend als Rekordgast bei Eins Live Klubbing ist ein Erfolg und macht mir Freude; das Publikum jubelt nach Hartmuts Battle Rap und nimmt Hui-Lebensfibeln mit. In der Nacht mache ich um 2:14 Uhr Halt, spaziere in leicht abgekühlter Provence-Luft unter den Kiefern eines stockdunklen Parkplatzes und werde melancholisch. “Finde die Ruhe”, flüstert eine Stimme aus einem Astloch, körperlos ist sie, nur verstärkt durch den hohlen Stamm, “finde die Ruhe”. Ich seufze, beschließe, doch nicht gegen diesen Baum zu pinkeln und taste mich durch die Schwärze zum Wagen zurück.

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