Tourtagebuch Reloaded – 10.07.2010 Oelde, Kulturgut Haus Nottbeck (Hartmuts Singer/Songwriter-Tag)

Ich stehe am Graben hinter dem Gartenhaus, unserem “MURP!-Rasthof”, stecke den großen Zeh in das dunkle Wasser und rede mit Hartmut. “Das war charmant”, sagt er und hebt die Augenbrauen ein wenig und das ist ein großes Lob aus seinem kritischen Munde. Er meint den Auftritt von Patrick Sommer, der bei brütender Mittagshitze um 13:30 Uhr in einem Maleranzug auf die Bühne steigt, mal mit Rasta-Perücken-Hut und mal mit Dante-Maske singt, dabei aber kein Clown ist, sondern allenfalls ein Narr im besten Sinne, ein kluger, subversiver Künstler mit Melodien aus Chili-Zucker und geistreichen Einfällen. Hartmut und ich kennen ihn seit Jahren, fördern ihn, denn er ist murpig, freigeistig, er hat zur Jahrtausendwende eine New-Metal-Band mit Karriereleiter-Garantie verlassen, um seither zu tun, was er will. Nach ihm hat Werner Silberberg gespielt, den man nicht verlinken kann, weil er keine Webseiten hat, nur einen Keller zum Jammen und eine warme Crooner-Stimme. Beides zusammen hat uns auch überzeugt. Tommy Finke kann man verlinken, er twittert sogar, aber Hartmut hat ihn trotzdem eingeladen als vierten Sieger des Wettbewerbs um die ersten vier Konzerte dieses langen Tages (der dritte, Enno Bunger, musste leider absagen), denn Finke “hat einen Kompositionsabschluss von der Folkwang und macht etwas daraus”, zum Beispiel humorvolle Pop-Aufklärung, wenn er während eines Liedes vorführt, wie viele Songs auf den gleichen Tonfolgen beruhen. Es bekommt niemand mit, dass Hartmut heute hier ist und durch die Büsche schleicht, doch ich kann sagen, dass er glücklich war mit dem, was er sah. Ein paar Dutzend Grüppchen, verteilt auf dem grünen Rasen, mit Picknickdecken und Kindern und der Ausdauer, sich von mittags bis nachts elf (!) Konzerte anzugucken. Woodstock-Gefühle, also so, wie Woodstock hätte sein sollen. Frieden und Freiheit, persönliche Ansprache, Spontaneität. Momente, die keiner vergessen wird. So etwa, als Gregor McEwan nach seinem Auftritt mit ein paar Kindern und ihren Eltern seinen besten Song nochmal spielt, die Kleinen mit Percussions und Schellen in der Hand, eine Mini-Session zwischen Bierbänken. Oder Everlaunch, die plötzlich ein aus Hannover mitgereistes Mädchen auf die Bühne holen, die einen Song von ihnen singt, so dass selbst der Rasen eine Gänsehaut bekommt. Der Sänger der Fog Joggers beeindruckt solo mit der stärksten Stimme des Tages und stemmt sogar Jamie Cullum. Dave de Bourg und Oliver Minck stemmen die deutsche Sprache, denn sie betexten ihre markanten Indie-Pop-Songs mit versiertem, leicht fatalistischem Humor. Axel Bosse holt mich für den MURP!-Song “Wie wir zu leben haben” auf die Bühne, hat seine stärksten Momente aber freilich bei “Frankfurt/Oder” und “Liebe ist leise”, diesen unglaublich wahren Songs über die Liebe, wie sie tatsächlich funktionieren kann. Als die Zeile “Liebe ist kein Rock’n'Roll” verklingt, sagt ein Familienvater auf seiner Decke, der sichtlich mit seinem Leben im Reinen ist: “Wow, das sind wahre Worte.” Zu Ron Divas Darbietung, die durch Freiraum zwischen den Trauertönen und wenige, konterkarierend selbstironische Kommentare das ganze Gelände füllt, sagt ein Besucher dem Musiker später: “Du, das war nicht mehr melancholisch, das war schon brutal!”

Hartmut linst an diesem langen Tag, an dem Kopf und Herz zugleich zu ihrem Recht kommen, immer mal wieder aus dem Gestrüpp am Graben, winkt mir zu, schüttelt selten den Kopf und hält viel öfter den Daumen nach oben. Mit seinem Singer/Songwriter-Tag ist er zufrieden. Als ab 20:30 Uhr Deutschland gegen Uruguay um den dritten Platz spielt und dennoch keiner guckt, kommt Headliner Bernd Begemann mit seinem Auto neben die Bühne gefahren, steigt aus und wechselt mit mir einen Satz. “Hallo, ich bin Oliver”, sage ich. “Jetzt spielt der Löw mit dem Aogo auf Linksaußen”, erwidert Begemann daraufhin und geht wortlos zur Bühne. Seine Show im Dunkeln ist eigensinnig, böse und ja, das muss man so sagen, massiv “ironisch gebrochen”. Ich bin müde, einen ganzen Tag alt, und ich suche Hartmut rundum in den dunklen Büschen am Wassergraben. Ich finde ihn nicht mehr. Aber er ist trotzdem bei mir.

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