Tourtagebuch Reloaded – 15.07.2010 Bochum, Bochum TOTAL

Was definiert eigentlich einen Star? Einen VIP? Einen “prominenten Akteur” im Trubel eines Festivals? Ich kenne das nur von außen betrachtet, als Journalist, wenn ich unterwegs war, um Bands und Musiker zu befragen. Der Status dieser Leute ergibt sich aus der Schwer-Erreichbarkeit, aus den Höfen und Vorhöfen und Zwischenhöfen, die man durchqueren muss, um zu ihnen als Bewohner des Palastes zu kommen. Aus der Menge an Bediensteten und Betreuern, die um sie herumschwirren, um ihren Tag zu koordinieren. Nimmt man das als Definition eines “Stars”, dann fühle ich mich heute wie einer. Mein PR-Agent schwirrt um mich herum, führt Journalisten zu mir, sagt mir, wann ich wo und warum bei welchem Interview zu sein habe. Das Backstage befindet sich in der alten, leerstehenden Marienkirche und man setzt mich dort auf die Couch, um “Unter Hirschen” befragt zu werden; das Team von Get Addicted nimmt mich nach dem Gespräch noch mit zu einem Retro-Plattenstand nahe der Wortschatzbühne, wo sie mit mir einen Uschmann-stöbert-Film machen. Mit Tontechniker Veith habe ich gerade den Soundcheck für heute Abend angefangen, da werde ich schon wieder in die Kirche gesimst, weil eine Zeitungsredakteurin auf mich wartet. In der Kirche werfen mir zwischen Buffet, Kühlschrank und einzigem Klo lauter Bekannte Gesprächsbälle zu, die ich mit links pariere, während ich mit der rechten Hand Hendrik und seine Verlobte begrüße und – kaum am Tisch – noch das Gästebuch des Get Addicted-Film-Teams ausfülle, ein Kinder-Poesie-Album, in das alle “Promis” ihre Hobbys und Lieblingsfilme eintragen. Backstage bei einem Festival, das bedeutet nicht Koks und Nutten, das bedeutet Kontakte und Reaktion; man muss ständig reagieren, wie auf einer Hochzeit mit 350 Gästen, dabei will man eigentlich seinen Auftritt vorbereiten und sich sammeln, aber wie kann man sich sammeln, wenn man zerstreut wird? Alle haben hier Projekte und erzählen davon und niemals sagt man “kann jetzt nicht!”, denn man ist dankbar dafür, dazuzugehören und diesen Künstler-Small-Talk machen zu dürfen und spannend ist es ja auch, wenn der Flurfunk sendet und man Dinge hört, die man nur hier hören kann und die man sofort der BUNTE melden würde, wäre man skrupellos und die Gemeinschaft hier hinten dann doch ein wenig prominenter. Aber ich war bei Hendrik, den ich soeben begrüßt habe, Hendrik Heisterberg und seine Verlobte, Hendrik, die coolste Sau, die ich seit langem kennen lernte. Hendrik war bis Juli Volontär des Kulturguts Nottbeck und somit eine der Säulen der “Ab ins Buch!”-Ausstellung. Kaum waren seine zwei Jahre als akademischer Arbeitssklave des Museums herum, startete er seine Laufbahn als Singer/Songwriter namens Paranoid Hendroid, ein gutes Dutzend Songs in petto und seinen ersten Auftritt vor fünf Tagen bei Hartmuts Singer/Songwriter-Tag, als Bosse ihm einfach zwei Songs in seinem Set schenkte, damit Hendrik sein Live-Debüt fahren kann. Das war originell, lässig, beeindruckend und eigenständig und so habe ich ihn eingeladen, seinen zweiten Auftritt heute Abend zu spielen, während meines Headliner-Gigs auf der Wortschatzbühne. Womit nicht mal ich gerechnet habe, als es endlich dunkel ist und der Ansager um 22 Uhr den Uschmann ankündigt ist, dass da gut 700 Leute den gesamten Ring runter stehen und mich abfeiern wie einen Michael Mittermeier bei Rock am Ring. Mich spornt das an und ich genieße es, vor dieser Menge, die in den ersten Reihen von jeder Menge lieber, bekannter Gesichter gesprenkelt ist, ein paar knackige Szenen aus Feindesland samt Hartmuts Battle Rap zu spielen, aber besonders freut mich, dass Paranoid Hendroid sich einfach so für drei Songs vor diese gigantische Menge stellt und sie für sich gewinnt. Chapeau! Nach dem Auftritt gebe ich am Bühnenrand neben meiner Apfelkiste 45 Minuten lang Autogramme und freue mich besonders über eine junge Frau, die meine Moderation ernst nimmt und eine von Hartmuts Lebensfibeln statt mit Geld mit ihrem Lebenslauf bezahlt. So sage ich es ja immer, in Zeiten der Dauerpraktika, die nicht mehr entlohnt werden, kann man in einigen Städten schon mit seinem Lebenslauf bezahlen. Leider ist ihrer nur auf die Rückseite eines Medikamentenrezeptes gekritzelt, so dass ich ihn nicht behalten kann.

Gegen 0:05 Uhr schleichen mein Agent Stefan, Hendrik, seine Verlobte und ich durch die Tiefgarage unter der Stadtbad-Galerie und begreifen langsam, dass “geöffnet bis 0 Uhr” bedeutet, dass man nach Mitternacht tatsächlich nicht mehr rausfahren kann. Da, wo es zu meinem Auto ginge, ist nur ein heruntergelassenes, schmutzig-metallanes Rolltor. Ich will gerade zweifeln, da treten ein Mann und eine Frau aus dem Betreiberhäuschen, erhören unser stammelndes Flehen (“Auftritt… Künstler… spät weggekommen… Kirche… Auftritt… Künstler…”) und lassen uns doch noch aus Bochums Unterbauch an die Oberfläche fahren. Als ich meine treue Mannschaft dann endlich gegen 1.35 Uhr in Werne und Lüdinghausen im Münsterland abgesetzt habe und Stille in den Wagen und meinen Schädel einkehrt, mache ich noch ein paar Schritte auf dem fahl beleuchteten Vorplatz eines ländlichen Raiffeisenmarktes, lausche meinen blanken Sohlen auf dem Kies und habe das Gefühl, der Tag wäre nur ein hektischer Traum gewesen. Ich bin für so viel Input gar nicht geschaffen. Hinter einer Zapfsäule tritt leise und mit großen Augen ein schlaksiger Mann hervor, streckt die Arme aus, hält eine CD-ROM in die Luft und sagt heiser: “Ich habe hier ein Projekt, vielleicht hast du kurz eine Stunde…” Ich drehe mich um, steige schnell in den Wagen und verriegele von innen. Im Rückspiegel ist er nicht mehr zu sehen.

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