Tourtagebuch Reloaded – 23.07.2010 Oelde, Kulturgut Haus Nottbeck (Finale des Short-Story-Wettbewerbs “Hartmut und Du”)

“Du solltest nicht so viel meckern”, sagt Hartmut, der auf dem Beifahrersitz des Autos auf dem Weg nach Oelde aufgetaucht ist. Ich brumme. “Wenigstens nicht öffentlich”, fährt er fort. “Du kannst nicht in deinem Tourblog hingehen und dich darüber beschweren, dass Leute dir Manuskripte senden oder Demos in die Hand drücken.
“Kann ich doch”, sage ich.
“Du bist undankbar”, sagt Hartmut. “Du solltest eigentlich frohlocken!”
“Frohlocken?”
“Ja. Dankbar sein für jede kreative Leistung. Wer kreativ ist, baut keine Waffen. Immerhin fahren wir gerade zu einem Kurzgeschichtenwettbewerb, den du und Sylvia ausgeschrieben habt!”
“Ja”, sage ich, “eben. Da haben wir zum Einsenden aufgerufen! Das ist was Anderes!”
Hartmut sieht nach vorn auf die Piste. Sein Kopf dreht sich ein wenig und bleibt am Rasthaus Vellern kleben. Der Wagen brummt. Die Hitze steht. Er sagt: “Du solltest frohlocken…”

Am Abend habe ich Grund dazu. Zu frohlocken. Der Saal des Kulturguts ist voll bis auf den letzten Platz. Weit über 100 Leute sind anwesend und das nicht etwa, weil die acht Lesenden ihre Großfamilien mitgebracht hätten. Nein, es ist einfach so, dass das Finale des Short Story Wettbewerbs das meiste Interesse aller Veranstaltungen von “Ab ins Buch!” erzeugt. So ist das. Da lädt man bekannte Indie-Helden, Fußballprosa-Götter oder Berliner Kultblogger ein und der Besuch ist bloß solide, aber an einem Abend, an dem nur Neulinge vorlesen, ist die Hütte voll. Hartmut freut das. Er steht – unbemerkt von allen – oben im Fachwerkdachgestühl und schaut sich an, wie Christina Metzler mit “Dürre” den Abend eröffnet, einer charmanten Geschichte um eine Art weiblichen Hartmut. Er hört, wie Gerhard Huber in “Paradise Cure” die Vorgeschichte von Frank aus dem Bochumer Haus erzählt und wie Thomas Kiehl eine optimale Geschichte postmodern aus Goethe, Uschmann und Jaud zusammensamplet. In der Pause schleicht er ums Gelände und lauscht den Leuten bei ihren Gesprächen, während ich literweise Limo aus dem Küchenkühlschrank trinke. Nach der Pause hängt er wieder im Gestühl und jetzt weiß ich, worauf er damit anspielen will. Kurt Wagner, der Nightcrawler aus den Marvel Comics, meine Lieblingsfigur, lebte im Dachgestühl einer alten Kirche. Hartmuts Augen leuchten da oben, gelb und listig. Er nickt beeindruckt, als Christian Bischopink in einer Geschichte die Realitätsebenen postmodern verschachtelt und schmunzelt, als der Musikjournalist und Schriftsteller Bernhard Blöchl eine Story über subversive Kunst im Amt vorträgt und sich selbst für die Bühne bereits ein Zitat-Shirt aus seiner Geschichte gemacht hat. Er lauscht dem Österreicher Othmar Plöckinger, dessen Geschichte einer Katze, eines Vogels und eines Hundes stilistisch die konsequenteste des Abends ist und zugleich an Gerhard Polt, Katz & Goldt sowie das Hamburger Dogma erinnert. Er zuckt zusammen, als Stefan Albus seinen Vortrag in allzu theatralische Dezibelzahlen schwingt, die auch die vielen Teenager aus dem Schreibworkshop erschrecken, die schon die ganze Woche hier wohnen und heute Abend fleißig mitstimmen. Er sieht, wie ich zufrieden in mich hineingrinse, weil Marie Pulm in “Interview mit Hartmut” den Ich-Erzähler als muskulösen “Römer” mit Sixpack und geöltem Körper im Bademantel beschreibt. Hartmut kommt als Super-Rhetoriker aber auch gut weg.

Eine knappe halbe Stunde sitzen Nottbeck-Kulturmanager Dirk Bogdanski, Museumschef und Literaturprofessor Walter Gödden und ich in der Cafeteria und zählen die Stimmzettel aus. Sylvia, mein Agent Holger Kuntze und meine Lektorin Susanne Halbleib, die auch zur Vorjury zählten, sind heute Abend nur in Gedanken bei uns und dem talentierten Nachwuchs. Siedend heiß fällt mir ein, dass wir vergessen haben, Urkunden zu gestalten. Und Umschläge. Ich eile ins Wohnzimmer der Museums-WG, hole drei DVDs und verteile die jeweiligen Preisgelder für den dritten, zweiten und ersten Platz auf “Free Rainer”, “Der Couch-Trip” und “Rocky”. Dritter wird Stefan Albus, zweiter Marie Pulm und Sieger der junge Meister der Postmoderne, Christian Bischopink.

Auf dem Rückweg, es ist bereits tiefe Nacht, sitzt Hartmut wieder neben mir.
“Und?”, fragt er.
“Ich frohlocke”, sage ich.
“Fein”, sagt er.
Dann schweigen wir bis zur Ausfahrt.
Seine Augen schimmern gelb in die Nacht…

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