Tourtagebuch Reloaded – 31.07.2010 Oelde, Kulturgut Haus Nottbeck (Abschlussabend der Ausstellung)

Da stehen sie alle vor mir.
Meine Figuren.
Hartmut.
Caterina.
Susanne.
Sebastian.
Ich.
Barfuß bin ich über die Wiese zu ihnen gelaufen. Eben noch habe ich vor dem Rasthaus zwei Klienten meiner Autorensprechstunde beraten. Heute Vormittag habe ich mit Hartmut auf der Couch meinen Steuerberater Rüdiger Alke zum Thema Absurdistan der Gesetzgebung sowie die Donots zu Gast gehabt. Ihre Unplugged-Nummer schallte mit so viel Kraft und Präsenz durch unser Wohnzimmer, dass es uns umhaute. Beides ist demnächst bei 2010lab.tv zu sehen. Jedenfalls: Nachmittag ist es jetzt und bald geht es los. Die letzte Veranstaltung, ehemals “Abrissparty”, jetzt aber “Versteigerung” und “Theaterstück”.
Und da stehen sie.
Die Schauspieler der Studiobühne Erlangen.
Meine Figuren.
David Becker als ein sehr bärtiger, zugleich schluffiger wie Vorträge haltender Hartmut.
André Groth als “Iron Maiden”-Shirt und Mini-Bäuchlein tragendes “Ich”.
Marie-Christin Schwab als dominante, latent genervte und überaus liebenswerte Susanne, die später im Stück unbeobachtet im Wohnzimmer eine urkomische Performance zu Queen aufführen wird.
Dany Knechtel, die zugleich eine verletzliche Caterina wie eine verwirrte Vermieterin spielen kann.
Irmgard Oeser als Elke, die in dieser Adaption den hilflosen Bernd ersetzt, den “langen Hänger” und das “betroffene Stieren” samt “Fingerfummeln” aber ebenso perfekt beherrscht wie der Mann.
Levin Handschuh als wahrhaft genial getroffener Sebastian, der mit Elke in einer Szene einen endlos langen Diskurs über Habermas führt, dessen Text-Lern-Arbeit allein schon dafür sorgt, dass ich alle meine Hüte ziehe. Diese wunderbaren Darsteller und noch viele mehr bringen am Abend ein Stück auf die Bühne, dessen Plakatcover ein Student ziert, der sein Diplom verbrennt und das sich Voll beschäftigt mit dem Institut für Dequalifikation als roten Faden schnappt. Aus “Hartmut und ich” spielt zu meiner Überraschung das Landesliga-Spiel mit den Rassisten im Publikum eine Rolle, aus MURP! kommt Herr Twitter angereist (herrlich boshaft von Robert Godea gespielt, der zugleich den neurotischen Vermieter, den überdrehten Mario und den Fußball-Proleten hinbekommt) und Wandelgermanen sowie Feindesland werden mit kleinen Anspielungen gewürdigt. Es ist ein wahrhaft einzigartiges Gefühl, im Saal des Kulturguts die eigene Schöpfung auf die Bühne gebracht zu sehen, in Fleisch und Blut, interpretiert und umarrangiert. Es ist toll, hoch amüsant, mal Slapstick pur, mal Schauspielerei, die die Charaktere vertieft und bereichert. Nach dem Stück beschließt der ehemalige Nottbeck-Volontär Hendrik Heisterberg alias Paranoid Hendroid den Abend mit seinem dritten Auftritt überhaupt, nachdem er bei Hartmuts Songwriter-Tag einfach so innerhalb des Auftritts von Bosse zwei Lieder Bühnenzeit abgetreten bekam und mich bei Bochum TOTAL unterstützte. Heute Abend spielt er sein erstes komplettes Live-Set mit rund 10 Liedern, er hat noch keine CD, aber kunstvolle kleine Textfaltblätter gestaltet, auf denen man seine virtuosen und humorvollen Lyrics nachlesen kann. Er moderiert charmant und witzig und ich gebe zwischendurch am Mikro die Gründe durch, warum ich ihn supporte. Es ist ein guter Abschluss des Abends und die Verbliebenen sind sichtlich überrascht, da sie mit so eigensinniger und guter Songwriter-Kunst am späten Abend nicht mehr gerechnet haben.

Die Hui-Welt wächst. Morgen wird die Schauspielgruppe in der Ausstellung Szenen im Wohnzimmer drehen. In der Heimat haben sie bereits einen ganzen Hörsaal mit Komparsen reserviert, um Hartmuts Rede zur Lage am Arbeitsmarkt zu inszenieren. Ein Landesliga-Fußballplatz ist ebenfalls drehbereit. Matthias Nadler macht einen Spielfilm aus seinem Skript, den ersten Independent-Hui-Film, auf den ich mich jetzt schon freue. Vor der Aufführung auf der Bühne am Abend habe ich mittels der Aktion “Die Versteigerung der Welt” ein paar Requisiten der Ausstellung (Spiele, Platten, Flokati oder Gemälde aus Caterinas “Ausstellung in der Ausstellung” weit unter Listenpreis) in die Auktion gegeben, um für unser Ausstellungs-Kosten-Konto sowie für die großartige Katzenkinder-Nothilfe in Hamm Erlöse zu sammeln. Ich stelle fest, dass ich als Auktionator noch üben muss, die Leute anzuheizen, denn es läuft schleppend, was aber auch daran liegen mag, dass die Krise die Geldbörsen mit einer Doppelnaht verschließt und die Kauflust hemmt wie Andreas Wolf vom 1. FC Nürnberg die Angriffe jedes Stürmers.

Auf dem Heimweg im Auto weiß ich: Wenn ich morgen wiederkomme, baue ich die Hui-Welt an dieser Stelle ab. Nächtliche Melancholie trägt mich heim und vor meinem geistigen Auge spielen die Erlanger Schauspieler in der Bochumer WG das hartmuteske Leben.

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