Tourtagebuch Reloaded – 01.08.2010 Oelde, Kulturgut Haus Nottbeck (Abbau der Ausstellung)

Es ist vorbei.
17:59 Uhr am letzten Öffnungstag der Hui-Ausstellung.
Noch eine Minute bis zum offiziellen Ende und ich laufe bereits zwischen Cafeteria, Auto und Rasthof hin und her und fühle mich dabei wie jemand, der seine Ferienwohnung ausräumt. Ich habe Werkzeug dabei und Kartons. Ich habe Wehmut dabei und Arbeitsdrang. Ich habe die Schauspieltruppe aus Erlangen verabschiedet und jedem Einzelnen eine signierte Hartmut-Fibel geschenkt. Sie haben den ganzen Sonntag lang im Wohnzimmer gefilmt, da sie die Chance der authentischen Kulisse für ihren kleinen Hui-Spielfilm nutzen wollten. Ich bin darauf eingestellt, heute die ganze Nacht durchzuarbeiten und alles soweit abzubauen, dass ich es morgen “nur noch” in vielen einzelnen Fuhren mit dem großen Transporter und meinem Helfer Daniel wegbringen muss. Ich lagere die physische Hui-Welt wieder ein, zurück in ihren Kokon, auf dass sie sich eines Tages von Neuem entfalten kann, an welchem Ort auch immer. Radfahrer und Ausflügler trinken Kaffee unter den großen Schirmen. Sie ahnen nichts von meinen Gefühlen. Für sie ist es ein ganz normaler Sonntag, der erste womöglich an diesem Ort. Für mich geht hier eine Zeit zu Ende, die sich wie ein ganzes Jahr angefühlt hat. Als es dämmert, verpacke ich im Rasthof die Gemälde der Kunstpause; nehme von den Wänden, was Sylvia, Nora und Silke vor zehn Wochen liebevoll aufgehängt und abisoliert hatten. Große Handtücher schlingen sich um Leinwände, Nägel werden aus der Wand gezogen, Einzelteile kommen in kleinen Stapeln zum Liegen. Das Gelände ist längst verlassen, ich bin ganz alleine zwischen den Wassergräben. Nicht mal Hartmut ist da. Die Stille ist drückend. Ich schwitze, ziehe mein Shirt aus. Packe Dinge in den Bus. Muss etwas aus dem Haupthaus holen, ziehe von außen die Tür zu und kriege sie nicht mehr auf. Steige halbnackt durch das offene Seitenfenster wieder ein. Löse den Alarm aus. Gruselig dröhnt er über das menschenleere Gelände und löst irgendwo Aktivität aus. Immer noch nur in kurzer Hose laufe ich brustbehaart zur Hausmeisterfamilie, die schräg gegenüber lebt, im einzigen Haus auf einige Kilometer. Sie retten mich, stoppen den Alarm, öffnen das Gartenhaus erneut, helfen mir, die Palette mit Gemälden in den Bus zu wuchten. Selten war ich so dankbar.

Gegen 2 Uhr nachts habe ich das Wohnzimmer entleert. Die Spiele aus den Regalen geräumt. Die Bilder abgehängt. Die Vitrinen geöffnet und kleine Zettel archiviert. Spätestens jetzt fühle ich mich GENAUSO wie damals, als ich von Wohnung zu Wohnung und von Stadt zu Stadt zog, immer den Jobs hinterher. Im DVD-Player läuft seit Stunden “Wrestlemania 23″. Ich lasse mich berieseln von den vertrauten Geräuschen muskulöser Leiber, die auf den Ringboden prallen und den Kommentaren der Moderatoren. Ich hocke auf den Dielen und packe Dinge in Kartons. Das hier ist kein Museum mehr für mich, in diesem Moment, kein öffentlicher Raum. Das ist intim geworden, das ist wie meine WG, die ich nun einpacke und verlasse. Das ist so merkwürdig. Draußen auf dem Hof schalte ich mit einer geheimen Telefonnummer die Außenbeleuchtung ein, wenn ich sie brauche. Sie erhellt das Dunkel dann immer für 20 Minuten. Ich brauche viele 20-Minuten-Portionen. Ich ziehe aus.

Um 3:34 Uhr liege ich im Bett in einem der Gästezimmer unter dem Fachwerk. Nur drei Stunden Schlaf, dann geht es nach Hause, auspacken. Um 9 Uhr hole ich Daniel ab, den besten Teenager des Münsterlands, der alles kann. Mit ihm mache ich morgen den Rest, vor allem den Abbau der Kulissenwände. Auf meinem Bauch steht mein Laptop und brummt. In ihm spielt eine DVD von Bob Ross. Den brauche ich jetzt, hier, unterm Dach. Er gibt mir Ruhe und Behaglichkeit. Er spricht kaum zwei Sätze, da schlafe ich ein.

This entry was posted in HUI-Ausstellung "Ab ins Buch!", Tourtagebuch 2010 and tagged , , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.