Tourtagebuch Reloaded, Nachtrag – 14. bis 17.05.2010 Oelde, Kulturgut Haus Nottbeck (Aufbau der Ausstellung)

In den folgenden paar Blogs blicke ich zurück auf die Ereignisse und Auftritte von Mitte Mai bis Ende Juni. Damals war keine Zeit, zu bloggen und zu reflektieren; damals begann ein Fluss der Handlungen, der uns zugleich trug und trieb. Klar, ich könnte es auch lassen, all das nachträglich zu posten, wo das Internet doch das Medium der Gegenwart ist. Wahrscheinlich wäre es vernünftig. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass gerade in diesem Moment in einem Hotelzimmer in Hamburg Anfang Oktober ein Geist-Avatar von Werner “Tiki” Küstenmacher hinter mir steht und sagt: “Simplify your blogging! Lass die alten Sachen einfach weg!” Aber ich kann nicht. Ich bin Komplettist. Ich muss alles erzählen.

Die Vorbereitungen für die “Hartmut und ich”-Ausstellung “Ab ins Buch!” begannen im Grunde schon auf unserer Hochzeitsreise im Mai 2009. Erste Skizzen und Ideen zum Aufbau der Hui-Welt auf einem Balkon in Australien, den Blick auf Bäume und Kakadus. Seit Februar 2010 haben wir konkret geplant, gestaltet, Requisiten eingekauft, Programmhefte und Plakate erdacht. Man kann niemandem, der es noch nie selbst gemacht hat, angemessen beschreiben, wie das ist. Wie ein Aspekt den nächsten aus sich heraus gebärt wie ein unendlicher Organismus. Wie es aussieht, als würden die Aufgaben niemals zu Ende gehen. Wie man drei Wochen vorher begreift, dass man Hartmuts Wohnzimmerwände doch nicht selbst bauen kann und in Panik mit nassem Haar nach dem Schwimmen im Netz einen Kulissenbauer sucht, anruft und bekommt. Wie Sylvia Räume ausmisst und Pläne vorzeichnet. Wie wir an alles denken müssen, von den Aufstellmaterialien für die Hui-Verkehrsschilder bis hin zu der Tatsache, dass heute Nacht um 1:04 Uhr auf eBay die Auktion zu “American Fighter II” auf VHS endet, den wir dringend für Hartmuts Filmregal brauchen. Wie ich auf Retromessen und Trödelmärkten ein paar ganz spezielle alte Spiele suche, weil sie in den Romanen vorkommen. Man kann das nur versuchen, zu umschreiben, also geht mit mir zurück in die Sonnenglut des 14.05. und setzt euch mit mir hinters Steuer eines Transporters, der randvoll mit Kulissenteilen ist. Ich bringe Möbel und Requisiten nach Oelde zum Ausstellungsgelände, im CD-Player laufen die Bouncing Souls, weil ich die grundsätzlich höre, wenn ich einen Bulli fahre, ich fühle mich dann männlich und gutmütig zugleich. An der Gabelung der Landstraße steht ein rothaariger Journalist mit Techniktasche in der Pampa und kratzt sich ratlos am Kopf. Ich erkenne ihn, wir sind verabredet, er wird einen Vorbericht zu “Ab ins Buch!” für WDR 3 machen. Wir sprechen und finden heraus, dass wir uns von früher kennen. In einer langen Nacht des Jahres 2008 saßen wir gemeinsam in einer Jury zum Bochumer Literaturwettbewerb “Geld schreibt!” Noch früher hat er das Campusradio geleitet. Er ist tatsächlich ohne Auto und ohne Rad angereist. Käme ich nicht hier vorbei, hätte er noch Stunden zu gehen und seine Last zu tragen. Das Gespräch, das er mit mir und Museumschef Walter Gödden aufzeichnet, ist klug und phantasievoll, schließlich muss er sich alles, was hier erst noch kommen wird, komplett vorstellen. Nichts steht, gar nichts, gerade mal den Außenbereich des zum Rasthof umzubauenden Gartenhauses bekomme ich dekoriert. Der Kulissenbauer kommt erst am Montagmorgen, just in diesem Moment bastelt er in seiner Werkstatt in Gelsenkirchen die “Tür zum Ich” und die großen Wände des Wohnzimmers zusammen. Wir brauchen noch Füße und Stangen für die Hui-Verkehrsschilder, alle drei Minuten telefoniere ich, um Lieferungen abzusprechen, Helfer anzuheuern und Dinge zu regeln. Am Montag, den 17.05. vollbringe ich einen der dicht gepacktesten Tage meines Lebens, sage und schreibe 117 einzelne To-Dos stehen in winziger Schrift in meinem Filofax und das Schlimmste davon sind die Unwägbarkeiten. Bis 11 Uhr weiß ich immer noch nicht, ob der Bauhof uns die Stempel und Stangen leiht, mit denen wir die Hui-Schilder auf dem Gelände verteilen wollen und wie ich sie morgen überhaupt aufbauen soll. Daheim arbeitet Sylvia die Nächte durch, um Bilder zu rahmen und vorzubereiten, das “Figurennetzwerk” zu gestalten und Strukturen zu schaffen, auf denen ich dann als Pendler zwischen den Baustellen aufbauen kann. Im Museum bauen die Kulissenprofis von Z-Art ab Montag morgen endlich Hartmuts Wohnzimmer auf, das einen Tag später komplett mit Inhalt gefüllt werden muss. Übers Wochenende haben wir tausende von Fußbad-Gutscheinen in die Programmhefte verteilt, die nachträglich hergestellt wurden. Für Caterinas “Kunstpause”, die “Ausstellung in der Ausstellung”, haben wir auch noch ein Kommentarheft gemacht mit Texten zu allen Künstlern, alles im Corporate-Hui-Design, alles in den letzten zehn Tagen. In der Videospielbranche nennen sie diese Zeit kurz vor der Deadline, in welcher in kürzester alles gemacht werden muss und noch ein paar unerwartete Aufgaben oben drauf kommen, die “Crunchtime”, die Quetschzeit. Die “Crunchtime” zu “Ab ins Buch!” ist die heftigste, die wir jemals erlebt haben und Sylvia und ich haben als ehemalige Polit- und Kulturveranstalter, die bereits ganze Wochenend-Events für 400 Personen samt Werbung, Druckmaterial und Verpflegung stemmten, schon einiges erlebt. Schlaf ist abgeschafft in diesen Tagen und wir fühlen uns wie ein gewaltfreier Jack Bauer – wir tun, was getan werden muss, bis es fertig ist und wir lassen nicht nach, weil wir nicht nachlassen dürfen. Am 20.05. muss die Hui-Welt bis ins Detail fertig sein. In drei Tagen! Das Herz tanzt.

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