Tourtagebuch Reloaded – 18.05.2010 Kulturgut Haus Nottbeck & Mayersche Dortmund

Die Stempel und Stangen liegen auf dem Bauhof bereit und in feinem Nieselregen laden mein Helfer Benno aus unserem Heimatdorf und ich die schweren Materialien in die Busse. Es ist 6 Uhr morgens und kleine, feine Wasserkügelchen schwirren um uns herum, zu leicht, um einfach auf den Boden abzuregnen. Bennos guter Laune schaden sie nicht, glitzernd verfangen sie sich in seinem Bart und den Brauen über seinen zuversichtlichen Augen. Manche Menschen erleben genug, um Pessimisten zu sein. Manche erleben so viel, dass eine geduldige Ruhe von ihnen Besitz einnimmt, da sie wissen: Wir können nicht wählen, was uns widerfährt, aber wir können entscheiden, wie wir darauf reagieren. So einer ist Benno. Er ist gelassen, als wir ab halb sieben auf dem Ausstellungsgelände die Motive der Romane als reale Verkehrsschilder mit runden Schellen an eckige Stangen montieren, weil wir es passender nicht haben. Er ist gelassen, als ich bereits wie im Wahn Hunderte von einzelnen Objekten aus den Kartons in die Hui-WG trage und Hartmuts Wohnzimmer mit den Spielen, VHS-Videos, DVDs und Platten aus den Büchern und von der Homepage fülle. Er ist gelassen, als er am späten Mittag nach Meck-Pomm fährt, wo er sich ein neues Zuhause aufbaut und ich versuche, etwas von seiner Ruhe zu übernehmen, als ich im Keller den Autoschrott und die Fliegerbombe drapiere, im Wohnzimmer alle technischen Geräte anschließe und die Mediensäulen mit einer Multimedia-Präsentation bestücke, die Sylvia speziell für die Ausstellung programmiert hat, irgendwann in einer Dimensionsspalte zwischen 3 Uhr und 4 Uhr unserer Weltzeit. Ich räume wie ein Berserker, denn ich muss um 20 Uhr in der Mayerschen Buchhandlung in Dortmund auf der Bühne stehen.
Ich schaffe es.
Am Abend stehe ich auf einem Parkplatz am Dortmunder Stadtring im leeren Laderaum des Transporters und ziehe mich um, offen baumeln meine Glocken für einen kurzen Augenblick bei halb geöffneter Schiebetür in die schwarz-gelbe Stadt. In der Buchhandlung erkläre ich den Leuten, woher ich gerade komme und verteile die Prospekte der Ausstellung auf den Sitzen, die ebenfalls Sylvia gemacht hat, so wie sie in wenigen Wochen noch die 60-seitige “Lebensfibel” von Hartmut erschaffen wird, alles in einem Corporate-Design-Mix aus Grafiken und visuellen Arrangements der Hui-Webseiten, des Hauses der Künste und der Fischer-Verlag-Cover-Trademarks. Die Show in der proppevollen Mayerschen ist laut, grob, testend und tastend. Immerhin spiele ich Feindesland erst das zweite Mal und muss das Programm beim Vortrag selbst entwickeln, da ich in den restlichen 23 Stunden des Tages schrauben, dübeln, fahren, verladen und organisieren muss. Das Telefon steht in diesen Tagen niemals still. Ich fühle mich wie ein Broker, “verkaufen, verkaufen!”, die Augen rot brennend und die Stirnfalten voller Schweiß. Benno rumpelt derweil im Abendrot über die ostdeutsche Autobahn, mit 80 km/h, da sein alter Bulli nicht schneller kann. Von seiner Ruhe konnte ich nur Spuren übernehmen.

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