Tourtagebuch Reloaded – 21.05.2010 Baden Baden, SWR (Aufzeichnung von Eins Plus Leben)

Meine erste Fernsehtalkshow. Mein Leben lang schon schaue ich mir gerne an, wie vier bis zehn Menschen auf Sesseln in der Runde sitzen und diskutieren. Mit Bärchenschlafanzügen habe ich als kleiner Stöpsel auf der Couch gehockt und es genossen, wenn Erwachsene unverständliche Sätze sagten, die mich gerade deswegen beruhigten, weil ich sie nicht begriff. Motto: Die Großen regeln das schon! Da war ich ganz wie Bernd aus meinem Männer-Ratgeber Fehlermeldung, dem ich die Einladung in die Talkshow “Leben!” auf ARD Eins Plus hauptsächlich verdanke. Gemeinsam mit Hanne Seemann soll ich die Rolle einnehmen, für die “Wiederentdeckung des Männlichen” zu argumentieren, verstehe mich aber vor und während der Show mit Ilse Thomas, Frauenbeauftragte der Stadt Mannheims, besser, als die geplanten Konfliktlinien es womöglich beabsichtigt haben. Es ist eine interessante Erfahrung, den ganzen Aufnahmetag zu erleben. Wie viel und wie lange man wartet, bis das von Dutzenden wuselnder Menschen gefüllte Studio bereit und die Generalprobe absolviert ist. Wie schwer er ist, sich während der “Wie live”-Aufzeichnung in der Debatte durchzusetzen und seine Wortanteile zu erringen. Wie neckisch fast jedem Gast seine eigene Kleidung aus und Kleidung der Sender-Garderobe angezogen wird. Wie abgezockt Moderatoren es vollbringen, bis zu einer halben Sekunde vor “Los!” noch locker zu plaudern und dann ohne Übergang stante pede kamerabereit zu sein. Im Zug auf der Rückfahrt nicke ich weg, wache im Dunkeln wieder auf und frage mich für zwei Minuten, wo ich bin und was ich heute getan habe. Erst nach und nach steigen mir die Bilder ins Bewusstsein… das Wohnzimmerregal Hartmuts, die Gemälde im Gartenhaus, der gestrige Pressetag, die Scheinwerfer des Fernsehstudios. Mein Leben läuft meiner Wahrnehmung voraus und überrundet mich von hinten. Ich komme nicht mit. Ich frage mich, was Hartmut eigentlich die ganze Zeit macht, während wir hier auf Erden schwitzen. Erneut eingeschlafen verpasse ich fast den Ausstieg in Dortmund, wo das Auto steht. Hier war ich mal festangestellter Redakteur, da gab es noch das Magazin GALORE. Ist das nicht auch gestern gewesen? Ein paar Momente später bin ich auf der Landstraße kurz vor der Heimat. Den Weg bis dorthin habe ich vergessen. Mein RAM ist voll. Daheim wartet meine Süße mit den Katzen im Bett; ein Refugium, der größte Trost der Welt. Wo war ich heute?

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