Tourtagebuch Reloaded – 25.05.2010 Centralstation, Darmstadt

“Du fragst Dich, wo ich bin?”, sagt Hartmut aus einer finsteren Betonnische eines Parkhauses heraus und ich erschrecke mich fast zu Tode. Es ist weit nach Mitternacht, mein Auftritt in der Centralstation ist seit zwei Stunden vorbei und ich ging den langen Weg vom Hotel zum Bahnhof, um mir noch was zu essen zu holen. Ich lasse die Tüten fallen. Während ich sie wieder aufhebe, schält Hartmut sich aus dem Schatten. Er sieht gut aus, groß, zentriert. Er kommt dazu, seine Ohren zu putzen. “Die Lesung heute war nicht übel”, sagt er, “besonders der Rap. Die Fotos und Filme musst du organischer einbinden. Und entscheide dich, ob du die Menschen duzt oder siezt.”
“Sonst noch was?”, nörgele ich und gehe weiter Richtung Hotel. Er folgt mir, ganz locker, wo ich drei Schritte brauche, benötigt er nur einen. “Aber die Ausstellung, das habt ihr gut gemacht”, sagt er und im Licht einer alten Laterne sehe ich die Zufriedenheit in seinem Gesicht. “Ich fühle mich, als käme ich nach Hause.”
“Die Menschen betreten jetzt deine Welt”, sage ich.
“Deswegen betrete ich ihre. Es muss ausgeglichen werden.”
Wir sind am Hotel angekommen, künstliche Wasserläufe glitzern von innen ausgeleuchtet vor der Drehtür.
“Geh allein rein”, sagt er. “Du brauchst jetzt deine Ruhe. Pommes auf dem Bett, Bob Ross auf dem Computer. Stille.”
Ich nicke ihm zu und sehe im Augenwinkel, wie die Frau hinterm Empfang die Stirn runzelt. Sie sieht mich hier draußen, vor der Hoteltür, wasserbeglitzert, mit einem Unsichtbaren redend.
“Sehe ich dich wieder?”, frage ich.
“Zu gegebenem Anlass”, sagt er.
Dann ist er weg.
Ich lege mich aufs Bett, streife mein T-Shirt ab, verteile die Fritten auf meiner Brust und lasse Bob Ross eine Idylle malen.

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