Tourtagebuch Reloaded – 28.05.2010 Buchhandlung Graff – Braunschweig

Ich bin auf der Höhe Güterslohs, als mein Handy klingelt und Sylvia mich anruft. Ein zahnärztlicher Notfall, sie muss dringend zum dentalen Notdienst und ich habe den Wagen dabei und muss in vier Stunden in Braunschweig sein. Panisch wie der Roadrunner und konzentriert wie Jack Bauer stecke ich mein fast leeres Telefon in die Steckdose einer Tankstellen-Mikrowelle, finde heraus, welcher Doktor in unserer Region Notdienst hat und rase nach Herbern zurück. Eine Stunde später stehen wir vor der Praxis in Nordkirchen und sehen unseren Helfer in der Not im weißen Porsche vorfahren. Er ist groß, er ist braungebrannt, er ist so selbstsicher und gelassen, dass er meine Frau in seinem Stuhl beruhigt wie Antonio Banderas, wenn er aus der Deckung späht, das Magazin nachlädt, lächelt und sagt: “Das ist ein Kinderspiel, baby!” Als wir die Praxis verlassen, bin ich zwar ein wenig neidisch auf seine Aura, seinen Porsche und sein Sixpack, aber zutiefst beruhigt, dass meiner Liebsten geholfen werden konnte. Nach Braunschweig habe ich jetzt noch 2,5 Stunden Zeit. In 2,5 Stunden ist es bereits 20 Uhr und ich muss in der Buchhandlung Graff anfangen. Nicht aufbauen, anfangen! Ich trete das Pedal, wie ich es noch nie getreten habe. Ich höre absichtlich das schnellste Karnickelfickgeschrammel, das mein CD-Regal hergibt, sehe nur noch die Straße, die anderen Wagen, mein Ziel. In Braunschweig fahre ich um 19:55 Uhr in das City-Parkhaus, renne in die Buchhandlung und werde wieder beruhigt, dieses Mal nicht von Antonio Banderas, sondern eher von Sean Connery. Der Buchhändler sagt, wir fangen ein wenig später an. Der Buchhändler lässt den Techniker sogar meinen Laptop aufbauen. Der Buchhändler gibt mir ein Bier. Muss ja nicht mehr fahren. Wäre ja noch schöner. Der Laden ist rappelvoll, ich beginne ohne Übergang, mein Fuß ist noch auf dem Gas. Da bleibt er. Ausruhen kann ich später. Viel später, denn zwei sehr gut informierte und kenntnisreiche Mitarbeiter des Magazins Subway interviewen mich nach der Show gefühlte vier Stunden und erzeugen so eines der längsten jemals publizierten Interviews mit mir. Als ich um 1 Uhr nachts fast wahnsinnig vor Hunger aus meinem Hotel heraus zum amerikanischen Spezialitätenrestaurant wanke, treffe ich die Subway-Redakteure dort wieder. Vor der Tür – ich bin schon fast weg – hält mich der eine auf, um “nur noch schnell eine nachträgliche Frage” zu stellen und ehe ich mich versehe, muss ich eine Meinung zum Karikaturenstreit auf das Diktiergerät sprechen. Das ist einer der anstrengendsten Aspekte, wenn man ein Schriftsteller ist, der nicht nur über verlegte Kondome schreibt: Man muss halb verhungert, mitten in der Nacht, zu allem eine Meinung haben. Ich haue sie raus, gehe aufs Zimmer und ramme die Zähne ins weiche Weißbrot.

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One Response to Tourtagebuch Reloaded – 28.05.2010 Buchhandlung Graff – Braunschweig

  1. Hannes says:

    Ich lese schon das neueste Werk an ;-)