Tourtagebuch Reloaded – 06.06.2010 Vellmar, Theaterzelt (Festival “Sommer im Park”)

Ich gebe es offen zu, manchmal werde ich neidisch. So zum Beispiel, als ich an diesem heißen, sonnigen Morgen durch das größte der Veranstaltungszelte von “Sommer im Park” Richtung Backstage-Bauwagen laufe. Das große Zelt ist ausverkauft und auf den Lehnen der Stühle hängen nummerierte Fußball-Leibchen, weil ja die WM ansteht. 500 Tickets wurden abgesetzt. 500 Leute werden heute Abend kommen, um hier drinnen Dr. Eckart von Hirschhausen zu sehen. Ich spiele um 11 Uhr morgens zum literarischen Matinée im kleinen Zelt, das gemütliche 75 Personen fasst. MURP! steht auf dem Plan und das etwas ältere, bildungsbürgerlich wirkende Publikum samt der Tatsache, dass an diesem Ort sehr bald auch noch ein Medizin-Kabarett ansteht motivieren mich, besonders bissig und improvisiert auf die Gesundheitsdiktatur und das gepflegte Scheitern an den selbstgesteckten Prinzipien einzugehen. Die Menschen am Morgen freut’s, ich sehe Lachen, Schenkelklopfen und diese erfahrenen, wissenden Blicke, die da sagen: “Du bist zwar noch jung, mein Freund, aber du hast es schon erfasst!” Es macht Spaß, jede einzelne Minute, und während ich spiele, ist das große Zelt vergessen. Als ich nach dem Auftritt meine Klamotten aus dem Bauwagen hole und wieder durch das 500-Leibchen-Zelt schreite, beißt mich der Neid allerdings doch noch einmal. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der manch kabarettistischer Kollege ohne Mühe und Druck die Hütte voll macht im Vergleich gegen den Kampf für volle Häuser, den unsereins kämpft, solange in den Programmen noch “Lesung” steht, obwohl jeder im Publikum hinterher eher ein “Dr. Stratmann”- denn ein “Dr. Faustus”-Erlebnis hatte. Noch eine halbe Stunde spaziere ich barfuß durch den hinter dem Zeltfestival gelegenen Park, stecke meine Glieder in den giftgrün vergrützten Ententeich und atme. Nach ein paar Minuten, in denen ich dem Wasser beim Kräuseln zugesehen habe, sind mir sämtliche Zuschauerzahlen egal. Man vergisst manchmal, worauf es ankommt. Man erinnert sich wieder dran, wenn man Entengrütze riecht. Egal, ob das kitschig klingt.

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