Tourtagebuch Reloaded – 08.09.2010 Bochum, Museum (Lesemarathon der Literarischen Gesellschaft Bochum)

Die Ruhr-Uni Bochum hatte schon immer etwas Surreales, etwas von einem Holo-Deck. Ich habe diese Atmosphäre kürzlich sogar in einem Buch beschrieben, der Ruhr-Anthologie Von Menschen und Orten, dies nur so am Rande, weil sich das Buch als kleine Veröffentlichung nicht aufdrängt. Für mich, der viele Jahre in der Umgebung der RUB gelebt hat, erstreckt sie sich als Organismus bis weit in die Stadt hinein. Sie hat ihre Ausläufer wie eine Kulisse in einem Adventure, in welchem sich immer wieder noch ein Geheimraum findet. Mysteriöse Durchgänge wie die Klappen hinter den Betten der Beamten bei Kafka, die ohne Umweg wieder ins Gericht führen. Vom 3. bis 10. September gehört das Kunstmuseum Bochum zu diesen Räumen des Merkwürdigen, denn die Literarische Gesellschaft Bochum hat unter Federführung des Literaturwissenschaftlers Ralph Koehnen einen Lesemarathon angesetzt. Sieben Tage, 24 Stunden am Tag, lesen hier in dem länglichen Saal hinter der Glaswand Mitglieder der Literarischen Gesellschaft und des Schauspielhauses, Gast-Autoren und Bewerber aus dem Laienbereich Texte zum Thema “Tugend und Laster”. Ich bin heute Abend von 23 Uhr bis Mitternacht dran und als ich gegen 22 Uhr ankomme und zunächst mal vorne an den kleinen Tischen einen Kaffee trinke, hat mein ehemaliger Dozent und heute Kollege an der RUB – Ralph Koehnen eben – schon dicke Ringe unter den Augen. Er zieht sein Projekt durch wie ein germanistischer Jack Bauer, man munkelt sogar, er habe schon eine Nacht im Auto geschlafen. Im Foyer huscht eine Maus mit unglaublich großen Ohren herum, Ohren wie ein Chinchilla. Als ich lese, fühlt es sich schon an wie 3 Uhr nachts, obwohl es erst elf ist, dennoch sind nur acht Leute da; es ist spät für einen Werktag. Es gab allerdings, so Ralph, noch keine einzige Lesestunde ohne echten Besucher, mindestens ein Gast, der nicht zum Team gehörte, war immer anwesend, dazu 20-30 am Livestream im Netz. Ich lese Nachtgeschichten aus der Hui-Welt, die zugleich mit Tugend und Laster zu tun haben, “Nachtprogramm” aus Hartmut und ich, das Kapitel “Baal” aus Feindesland und “Der Pendler” aus Voll beschäftigt. Nach dem Auftritt filmen mich die Leute der brandneuen Seite Bochum Videos für ihren Film über den Lesemarathon, der überaus gelungen ist. “Die Augenringe hängen bis zum Boden”, sagt Ralph Koehnen darin. Und wir alle sind heute Nacht Jack Bauer.

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