Tourtagebuch Reloaded – 09.09.2010 Lüneburg, Salon Hansen

“Wie geil ist das denn? Oliver Uschmann?”
Der junge Mann auf dem Parkplatz des Rasthofes hat mich erkannt. Das kommt selten vor. Ich bin müde, habe den dritten Kaffeebecher des Tages in der Hand und stelle ihn auf das Dach des Autos. “Nimmst du mich mit, ich muss ohnehin nach Lüneburg? Wie geil ist das denn?”
Ich nehme ihn mit, was soll mir ein Anhalter, der meine Romane mag, schon groß tun? Auf der Fahrt hüpft er auf dem Beifahrersitz herum und ist total aufgeregt. “Ich bin auf Tour mit Uschmann!”, jauchzt er und beginnt mir davon zu berichten, wie er sich so eine Tournee vorstellt. Wie er sich das Leben eines Star-Autors und Rockjournalisten von VISIONS vorstellt. Und mit jedem Meter merke ich: Ach, du großer Gott, der denkt, das alles sei glamourös. Der denkt, ich sei wild und exzentrisch und trinkfest. Der Junge ist vielleicht 19 und ich weiß, wie ich damals war. Ich kann ihn jetzt nicht mit der Wahrheit enttäuschen. Ich kann nicht den Tag und die Lesung mit ihm verbringen und einfach tun, was ich immer tue. Höflich auf Rasthöfen zahlen, vor dem Club ausladen, freundlich mit Veranstalter und Fans plaudern, die Show spielen und danach aufs Zimmer gehen, um beim elften Kaffee des Tages noch zu arbeiten. Also halte ich beim nächsten Rasthof an und sage: “Wir machen jetzt mal eine Hartmut-Aktion!” Der Junge strahlt. Wir gehen rein, ziehen ein Ticket für das Sanifair-Klo, betreten die Toiletten, drehen um und gehen sofort wieder raus. Der Junge stutzt. Ich grinse, schmeiße wieder 50 Cent ein und wiederhole die Aktion. So lange, bis die Frauen hinter der Kasse und an der Kaffeebar schon dumm gucken. Mit Sanifair-Warengutscheinen für satte 5 Euro in der Hand gehe ich dann zur Lavazza-Bar, lege die Dinger auf die Theke und sage: “Boah, man kann gar nicht so viel scheißen, wie man fressen möchte!” Ich reibe mir den Hintern. “Ja, was gucken Sie denn so, machen Sie mir mal einen schönen, braunen Mokka und einen Donut mit Nougatfüllung. Hab’ ja nicht umsonst die Keramik gesprengt!” Der Junge jauchzt, er schmeißt sich weg, er simst es sofort an seine Kollegen.

Kurz vor Lüneburg fragt er mich, in welchem 5-Sterne-Hotel ich denn wohne. Die Wahrheit ist, dass der Salon Hansen nicht reich ist und mir deshalb nur ein Zimmer über einem chinesischen Restaurant gebucht hat, mit Dusche und Klo auf dem Flur. Als wir dort ankommen, erkläre ich es dem Jungen. “Das ist Absicht, Alter!”, sage ich, “ich will auch manchmal wieder runter kommen von der ganzen dekadenten Scheiße.” Dann schnipse ich dem chinesischen Chef zu und sage: “Machen Sie bitte mal zwei Reiswein für uns!” Ich bin da, ich muss ja jetzt das Trinken anfangen, damit der Junge nicht enttäuscht ist.

Im Club – das Bühnenbild steht und wir haben bereits drei Astra auf den Reiswein gekippt – fragt mich der Junge: “Kommt denn heute auch ein Rockstar vorbei? Du kennst die doch alle! Wohnt nicht Bela B. in Hamburg? Der ist doch dein Buddy. Kommt der heute rüber?” Ich verneine, sage aber, dass durchaus einer käme, gehe aufs Klo, schwanke, weil ich sonst nichts oder wenig trinke und wühle durch mein Handy. Ich finde den Gitarristen einer hier aus Datenschutzgründen nicht genannten Metalcore-Combo und rufe ihn an, ob er vorbeikommen und für einen labilen Jungen mit mir den wilden Mann spielen kann. Er hat eigentlich keine Zeit, weil seine zwei Kleinkinder zu betreuen sind, aber er diskutiert einen Augenblick mit seiner Gattin im Hintergrund und verspricht, sich für 22 Uhr eine Stunde lang loszueisen. Er hat noch was gut bei mir; jeder Rockmusiker hat bei einem Journalisten wie mir irgendwie noch was gut. Nach der Show, die ich lauter und exzentrischer als sonst gestalte, steht der Metalcore-Mann vor der Tür, trägt extra ein Shirt von “Terror” und zieht mit mir und dem Jungen um die Häuser. Wir schießen Bierdosen, treten Laternen aus, grölen. Ich fühle mich alt und heuchlerisch, habe aber auch Spaß dabei. Ich schiele nach der Polizei. Als der Junge pinkeln ist, zische ich: “Ich kann nicht mehr, Alter. Wie werden wir den Jungen los?”
“Ich habe das was vorbereitet.”
Kaum, dass der Junge wieder da ist, breitet mein Kollege auf einer groben Mauer im Nachtschatten einer Kirche ein Blättchen mit weißem Pulver aus und fängt an, mit mir zu koksen. Natürlich ist es nur Puderzucker, aber der Bluff funktioniert. Wir gehen aufs Ganze, fragen den Kleinen, ob er auch mal will und sehen, wie er sich dreht und windet, weil er einerseits uns Rockstars nicht enttäuschen will, harte Drogen ihm aber doch zu viel sind. “Dann komm wenigstens noch mit in den Puff!”, sage ich, so ernst ich kann und auf einmal muss der Teenager nach Hause. Er bedankt sich für den geilen Tag, im Rückwärtsgehen, lächelt gequält und verschwindet dann.

“Boah!”, atme ich neben der Kirche aus, heiliger Gesangsverein.
“Das kannste laut sagen”, sagt mein Metal-Kollege.
“Man will sie aber auch nicht enttäuschen”, sage ich.
“Ne, will man nicht”, sagt der Kollege und muss es ja wissen. Er spielt Terror-Mucke und ist zweifacher Vater mit Carport.

Kaum zehn Minuten später sinkt er in sein Ehebett und ich auf mein Nachtlager beim Chinesen.

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