Tourtagebuch Reloaded – 22.09.2010 Detmold, Buchhandlung am Markt

Detmold ist eine behagliche Stadt, ein Nähkästchen. Fachwerk, Eleganz, Geld. Einen Parkplatz finde ich vor einer Buchhandlung, die Kafka heißt. Lesen werde ich in einer Buchhandlung gegenüber einer Kirche, die etwas Spanisches an sich hat. Idylle, Zivilisation. Die Lesung klein, behaglich eben, zwölf Personen anwesend, alle unwissend, alle nach der Show neue Anhänger des hartmutesken Denkens. Alle erfreut, dass ich ihnen Lustiges über ihre eigene Stadt erzähle. Zum Beispiel, dass hinter dem Parkhaus ein sympathischer junger Bettler sitzt, der sehr nett den Weg weist und den Leuten seine Hausmaus zeigt, die ihre kleine Nase aus einem Gulli streckt. Oder, dass ich im 4-Sterne-Traditionshotel am Ort, dessen Zimmer Stephen-King-artig mit Blumenmustern durchtapeziert ist, keinen Fernseher finde, obwohl eine Fernbedienung auf dem Nachttisch liegt. Nach der Lesung wieder mit einer Tüte chinesischem Essen auf dem Zimmer angekommen, versuche ich es noch mal, laufe wie Hein Blöd durch den Raum und drücke die Taste in der irren Erwartung, es würde irgendwo im Schrank oder sonstwo ein Gerät angehen. Geht es aber nicht. Auf einem gepolsterten Bettkasten vor dem Bett, in dem sicher ein drittes Klappbett für Zusatzgäste lagert, liegen meine Klamotten. Ich will fernsehen, verdammt, es läuft doch Bundesliga, englische Woche, Sport-Studio um 22:30 Uhr! Ich setze mich aufs Bett. Auf dem Nachttisch liegt eine winzige zweite Bedienung und zwar für eine Markise, mit den Tasten für Auf und Ab. Ich drücke sie, um zu sehen, ob vor dem Fenster tatsächlich eine Markise ausfährt, als sich zu meinem Erschrecken der Bettkasten öffnet und der gepolsterte Deckel samt meiner Klamotten hochgestemmt wird. In der Erwartung, nun einen Zombie dort hinaussteigen zu sehen, surrt ein gigantischer Fernseher nach oben. Na super, Detmold! Als ich am nächsten Morgen duschen will, bemerke ich, dass die Dusche hier nur eine Handbrause hat. Ich stelle sie an, drücke eine fast unsichtbar in die Kacheln eingelassene Taste und kriege einen Herzinfarkt, als kaltes Wasser aus dem Regenwald-Duschkopf auf mich niedersaust. Den habe ich auch nicht gesehen. Bevor Detmold mich mit weiteren Tricks Kopf und Kragen kostet, reise ich ab. Es ist eine behagliche Stadt.

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