Tourtagebuch Reloaded – 06.10.2010 Frankfurt, Buchmesse & Ponyhof

Wenn man hartmuteske Post-Pop-Literatur macht, lebt man ständig in Parallelgesellschaften. Am Vormittag gehöre ich zum Buchmessen-Milieu, schreite selbstsicher auf spitzen Designerschuhen durch die Gänge, sage alten Verlagsbekannten “Hallo” und werde, kaum, dass ich eine Minute am Stand von S.Fischer stehe, von einem Fotografen des Börsenblatts des deutschen Buchhandels für die Messeausgabe fotografiert. Dann gucken die Leute, “wer ist denn das?”, man hält sein Buch hoch und fühlt sich recht berühmt. Die Autorin Renate Behr aus unserem Nachbardorf Werne fängt mich in Frankfurt ab und wir plaudern ein Ründchen, was uns im münsterländischen Alltag noch nie gelungen ist. Ober-Blogger Sascha Lobo schiebt seinen roten Iro durch den Engpass meines Verlages und weiß nicht, wie gerne ich bei Auftritten über ihn und seine unablässige Apologie der modernen Technik lästere. Während meine Lektorin und ich an einem kleinen Tisch mit “Reserviert!”-Schildchen ein Manuskript besprechen, gibt Maddin Schneider ein Interview. Im Regal hinter uns stehen zwanzig Exemplare des neuen Weltrettungsbuches von Comedian Olaf Schubert. Der ist jetzt auch Verlagskollege. Meine Lektorin und ich reden über Plot Points und streichen überflüssige Charaktere, während die Zuschussverlage in den windigen Ecken der Messehalle lauter unschuldige Anfänger wie Spinnen in ihre Netze locken. Den halben Tag war ich auf der Autobahn. Heute morgen saß ich um 7 Uhr im Dunkeln im gelb-braunen Uralt-Interior der Raststätte Wildeshausen und schälte mein Frühstück aus einer Folie. Mittlerweile stinken in den Designerschuhen meine Bambussocken.

Am Abend gehöre ich zum Alternativ-Milieu, denn ich lese in einem Club namens Ponyhof in der Frankfurter Altstadt. In der Klappergasse, in welcher der Club liegt, wird man von einer gusseisernen Figur namens “Frau Rauscher” mit Wasser bespritzt. Die echte Frau Rauscher lag eines Sonntag Nachmittags des 19. Jahrhunderts mit einer Beule am Kopf in der Gasse und wurde von den Kindern verspottet, weil sie womöglich trunken die Balance verloren hatte. Sie ist die Schutzbesoffene des Apfelweins. Da ich von Frau Rauscher bislang nichts wusste, schaue ich wie ein Ameisenbar nach oben in die Fachwerkgiebel, da ich dort bösartige Jugendliche vermute. Immerhin trage ich gerade hektisch meine Kisten zum Club, während der Wagen auf der Hauptstraße blinkend in zweiter Reihe steht. Der Auftritt ist recht laut und spontan, ich bin ein wenig benebelt von Qualmresten und den “alternativen” Eindrücken aus schummerigem Licht, tausenden von Bandaufklebern und Redakteur Jan vom Trust Fanzine, der seit dem ersten Hui-Roman über mich schreibt. Das Trust selbst hat schon in grauer Vorzeit mein Fanzine Open End gelobt und verrissen. In der Pause plaudern Jan und ich über Feindesland, Punkbands, Interviews und Frankfurt, die Stadt. Nach der Show ist er weg, “war zu voll”, wie er im Nachhinein zugibt. Beim Aufräumen läuft als “Hintergrundmusik” im an die Anlage angeschlossenen iPod des Veranstalters nicht etwa lockeres Gedudel, sondern ein unfasslich nervtötendes Black-Metal-Geratter. Es sind Carpathian Forest mit Sänger Roger “Nattefrost” Rasmussen und Gitarrist Gøran “BloodPervertor” Bomann. Wo zum Aufräumen ein Mann namens BloodPervertor Gitarre spielt, ist man in einer anderen Welt als auf der Buchmesse…

… oder im Hotel.
Denn in der Nacht gehöre ich zum Business-Class-Milieu. Im Innside Hotel sind die Aufzüge gläsern und die Duschen stehen durchsichtig im Raum. Design pur. Und im Fahrstuhl sowie auf meinem Laptop läuft Lounge-Musik. Das ist mir lieber.

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