Tourtagebuch Reloaded – 26.10.2006 Hamburg, Hasenschaukel

Auf der Reeperbahn fühle ich mich immer irgendwie unwohl. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die mit Bierdosen in der Hand im männlichen Rudel über die Lustmeile streifen, gackernd auf Schaufenster zeigen, dem Junggesellen eine Gummipuppe kaufen und sich rebellisch fühlen. Ich habe dort immer das Gefühl, ich müsse jeden Moment kampfbereit sein. Die Hasenschaukel ist ein niedlicher alternativer Laden in einer Seitenstraße neben dem Aufgang der U-Bahn-Station Reeperbahn. Ich habe ein Déjà-vu, denn vor knapp einem Jahr besuchte ich nebenan in der Tanzhalle ULME bei ihrem Reunion-Konzert; jetzt ist die Tanzhalle pleite. Katja und Eric von ULME kommen heute bei der Lesung vorbei, ebenso wie Bela, dem ich vorher simse und der schnell zusagt, aber das darf ich nie so rausposaunen, sonst heißt es wieder, Uschmann gibt an wie Sau. Um 17 Uhr ist noch niemand da, eine alte Frau nimmt meinen Koffer und meine Sachen an und schließt sie im geputzten Laden ein, ich “drehe noch eine Runde”. Ich passiere Häuser, an denen linke Plakate kleben, gehe Hardcore-Punks aus dem Weg, die Kommerzredakteure wie mich mit Rawside-gestählten Gebissen zerfleischen würden und stehe schnell vor der Bar, in der ich neulich Felix Müller von der tollen Band Sport interviewte; die Welt ist klein. Schlenker zum jetzt leeren Fischmarkt, eine Limo namens Fritzz finden, Hamburgs Indie-Getränk, und später in mehreren Versionen meiner Süßen mitbringen. Besser als Kitsch und echt Hamburg, glaube ich. In der Schaukel dann später: nette, skurille Veranstalter, Überzeugungstäter, die ihren Laden mit Püppchen-Lampen, rosa Anstrich und einem Wellensittich-Käfig auf DVD per Fernseher ausstatten, (Anti-)Folk-Konzerte veranstalten, toll vegetarisch kochen und gute Seelen von St. Pauli sind. Die Lesung ist wie ein Abend im Wohnzimmer, die WG wird per Beamer auf eine längsgestreifte Stofftapete über dem Kamin geworfen, die ULMEs und Bela B. samt Kumpel schmeißen sich ebenso weg wie ein paar echte Fans, deren einer sich derartig laut und dreckig kaputtlacht, dass ich manchmal kaum an mich halten kann. Nach der Lesung plaudern wir bis 3 Uhr nachts über Klaus Kinski, Helmut Berger, Musik, Filme und das Faszinosum cholerischer Egomanen-Künstler, die wir allesamt nicht sein können. Denn wir sind alle drei lieb, die ULME, der Bela und ich. Nach einer kurzen Nacht falte ich mich bei Cargo-Claas nebenan von der Matraze und krieche im Halbschlaf an den Landungsbrücken vorbei zur S-Bahn. Auf den Docks sitzen Marcus Wiebusch, Thees Uhlmann und Johnny Cash und schreiben Songs für ein Tribute-Album an Hans Albers.

This entry was posted in Tourtagebuch 2006 and tagged , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.