Tourtagebuch Reloaded – 28.10.2006 Dortmund, Mayersche Buchhandlung

Heute wird es seriös. Die “geschenkte Stunde” steht an, ein Leseabend mit sechs Attraktionen in der Mayerschen. Die Bühne steht neben dem Café im 2. Stock; hinten bei den Kalendern ist eine von S.Fischer gesponserte Bar aufgebaut, an der Helge Fechner und seine Frau Cocktails mischen, mehrfache Weltmeister dieser Disziplin. Es lesen: Der Krimi-Literat Jan Seghers, der sich unter seinem echten Namen Matthias Altenburg in Irgendwie alles Sex bereits über die Dauerfickerei unseres Zeitgeistes aufregte und das auch heute wieder tut, Anne West, die zu kopulierenden Tönen ihres Saxophonisten Karsten Glinski alias Sexy Sax erotisch-komische Geschichten über die Köpfe haucht und Moderator und KiWi-Mann Reinhold Joppich, der aus italienischen Geschichten oder Geschichten über Italien zitiert, in denen es auch gern um Sex geht. Dazu spielt Antonella Sellerio wunderschön Gitarre. Die einzigen, die an dem Abend nicht über Sex sprechen, sind die jungen und halbjungen Männer, also ich und das Duo Bernhard Finkbeiner/Hans-Jörg Brekle, die mit ihrem Ratgeber Frag Mutti und der dazugehörigen Seite das Genre des satirischen Junggesellen-Haushalts- und Lebensratgebers etabliert haben und noch dazu Fischer-Kollegen sind. Wir verstehen uns, sie amüsieren das Publikum mit schwäbischem Understatement, ich lasse Super Mario über Jochens Balkon kraxeln, gröle Peter Maffay in den Raum und plädiere für den Bestand fruchtloser Fächer und langer Studiengänge in Zeiten, in denen schon die Mayersche mit dem “Gib Gummi”-Quiz ganze Semester verlosen muss. In der Personaletage gibt es für uns Autoren und Innen riesige Berge von Antipasti, die mich dazu animieren, wie nach Silberhochzeiten nach einer Tupperdose zu fragen. Die Türen können nur mit Codes geöffnet werden. Das Schöne an dieser Lesung ist, dass man sich zumindest als Autor derweil die Beine vertreten, Kaffee trinken und durch den wunderbaren Buchladen schleichen kann, während man den Kollegen beim Vortrag zuhört. Man kommt ja nicht mehr zum Stöbern, wenn man schreibt und das Geblätter und Gegucke in den Regalen ist wie ein Kurzurlaub. Den mache ich dann am nächsten Tag endlich mit meiner Liebsten. Wir fahren sinnfrei durch das wunderschöne Münsterland, steigen an Wäldern und Trödelmärkten aus, grüßen Rehe und Dattelverkäufer und landen in Münster selbst an dem kleinen Hafen-Kanal-Kino-Viertel, wo man nicht nur ins Cineplex gehen, sondern vorher noch essen gehen kann, als sei man in einer kleinen Nebengasse in Rio. Tourpause, wenigstens kurz. In Kinosessel sinken, sich von anderen unterhalten lassen, kuscheln. Als wir heimgehen, glaube ich auf dem Kanal ganz kurz ein Floß mit Mr. Eko zu sehen. Er grüßt, auf seine ganz eigene Art.

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