Tourtagebuch Reloaded – 07.11.2006 Düsseldorf, Pretty Vacant

Es ist ein absolut fahriger Tag. Morgens an der Tankstelle weiß ich nicht mehr, wo in meinem Renault das Handy ist und finde es erst, weil ein netter Mitkunde mich anruft. Abends vergesse ich, den Laptop mit nach Düsseldorf zu nehmen und kann so dem Publikum nicht die WG zeigen. Den Navigator lasse ich auch daheim und muss wieder analog suchen, was in Düsseldorf ein Abenteuer ist. Verfährt man sich ein Mal, wird man augenblicklich 5 Kilometer gnadenlos in nur eine Richtung und über eine Brücke gescheucht, bis man wieder umdrehen kann. Zudem ist es ein Abend der Erinnerungen, einer, der Kreise schließt. In der Düsseldorfer Altstadt, in der das Pretty Vacant liegt, habe ich vor 11 Jahren die kleinen Gewinne meiner ersten Band In Spe versoffen; in Anzügen, mit offenem Sakko, Micky Maus-Krawatte und Millencolin-Shirt wankten wir durch das Viertel der Mertensgasse und fühlten uns cool. Die Veranstaltung heute Abend ist eigentlich als “Poetry Slam” angekündigt, der sonst hier stattfindet, ein wichtiger Slam, dessen Moderator und Chef Sushi ich noch aus der Zeit kenne, als ich mit den Hartmut-Geschichten selber slammte. Heute bin ich also der Slam, alleine, ohne Konkurrenz und dafür mit Quercus Renatus und Janis Elko als musikalischen Gästen, die ganz wunderbare Gitarrenmusik machen, die anrührt und – wie Veranstalter Alex schön sagt – “genau richtig knapp vorm Pathos abbiegt”.

Der Club ist ein Keller, in dem einst das Klo mitten im Raum als Verschlag postiert war; dort, wo jetzt die Bar ist, genau wie in meiner “Lump”-Geschichte aus dem ersten Hartmutbuch. In den 60ern war es ein Jazzkeller und es spielten hier Klaus Doldinger und die Blue Note-Elite. Die Menschen, die dort sind, sind entweder Hartmut-Fans, die bereits vor jeder Pointe in erregter Vorfreude kichern (was einen Autor wirklich euphorisiert) oder Poetry Slam-Besucher, die mich noch nicht kennen, von der Hui-Welt und ihrer eigenen Logik aber schnell überzeugt werden und gegen Ende auch unsere selbstgemachte Hartmut-Marmelade probieren. Ich rege mich wieder schön auf (über Medienbigotterie, Bono und die affigen “Emos” von Atreyu, die ernsthaft die Gage ihrer Vorband beschneiden wollen, weil die einen Ersatzsänger dabei haben) und plaudere nach dem Auftritt mit den Leuten. Ehrengast ist heute wieder mein alter Kumpel Patrick aus der Uni, ein sehr inspirierender Mensch, der in den 90ern als VivaII-Moderator und Sänger von Crosscut das böse Business von innen sah und seither mit der Band Promet eine unterschätzte Suche nach neuem Avant-Rock- und Pop mit Schalk im Nacken betreibt, die zu verfolgen ein Vergnügen ist und die ein interessantes Werk nach dem anderen hervorbringt. Auf der Autobahn (“Du bist der zweite Promi, der mich heim bringt, nach Henning Wehland”, sagt er, dabei war er doch damals der Frauenheld bei Viva) reden wir mit Hand und auch Fuß über Musik und er bemerkt zu Recht, dass der Humor bei Tool vollkommen übersehen wird und dass deren “10.000 Days” rückwärts gespielte Messages beinhaltet, die aber eben nicht satanisch sind, sondern Dinge wie “Ehre deine Eltern” beinhalten. Als ich um 2:30 Uhr daheim ankomme, zerstört unser Kater Tenhi gerade das Wohnzimmer und wirft durch geschickt angewandte Hebelwirkung die große Palme samt Topf und Steinen um. Der tropische Baum fetzt durch das Bücherregal und ich stehe nackt daneben, da ich meine Hose gerade zum Lüften auf die Terrasse gelegt habe (stinkt nach Qualm und Kneipe). Ein Nachbar schleicht ums Haus, weil er nicht schlafen kann und sieht uns nicht, obwohl er herüberschaut, weil er nachts einfach keinen nackten Mann neben einem erstaunt blickenden Kater vermutet, der stolz und irritiert darauf starrt, dass er einen 2 Meter hohen Baum durchs Zimmer fetzen kann. Der Nachbar geht weiter, meine Süße ruft von oben, ich räume das Wohnzimmer auf und eile zu ihr.

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