Tourtagebuch Reloaded – 08.11.2006 Köln, Stereo Wonderland

Das Stereo Wonderland befriedigt meine Bedürfnisse nach Übersicht und Einfachheit. Eine Theke, eine kleine Bühne, zwei Kinosessel und ein paar Barhocker – das war’s auch schon. Über den Kinosesseln hängt ein Gemälde vom röhrenden Hirsch, das damals mal über der Bühne klebte und das der Sänger von Tokyo Sex Destruction per Crowdsurfing über die Menge versetzte. Bei Tokyo Sex Destruction war die Bude voll, 100 Leute. Bei The Grand Opening, die gestern hier spielten und heute in Düsseldorf, wo wir gestern waren, kamen bloß sechs zahlende Gäste. Das ist bitter und rückt die Verhältnisse gerade, so dass man als Musikjournalist und Fachidiot bemerkt, wie unbekannt manche Bands eigentlich sind, die man recht gern hat. Quercus Renatus und Janis Elko, mit denen ich heute wie gestern die Bühne teile, sind gemeinsam mit mir nervös, doch um 21 Uhr sind wir beruhigt. Die Bude ist voll, sehr gute Freunde, geschätzte Musik-Bekannte sind und mein VISIONS-Chef Carsten sind da und lauschen der recht gewagten Mischung aus lauter “Post-Pop-Ruhrpott-Social-Beat-Satire” (das kritzele ich noch spontan als Eigendefinition auf ein Plakat), schräg-melancholischen (Renatus) und harmonisch melancholischen Liedern auf der Akustischen. Es ergänzt sich gut, ich berichte von Sebastians Umformung zum Malocher und der Demo mit Super Mario, mache Stand-Up und freue mich, wenn einzelne Besucher im Publikum gewisse Bemerkungen meinerseits zu Poetry Slams oder Musik verstehen, die ich wie Sammelpunkte zum Entdecken in meine Moderation einstreue. Die Hartmut-WG wird derweil nicht an die Wand projiziert, sondern steht zur Selbstbedienung im Laptop auf der Theke.

Es wird spät und ich hole erst gegen 1 Uhr mein Auto, das ich drei Stadtviertel weiter parken musste. Schon den Hinweg habe ich absolviert, in dem ich über die Parkstreifen gefahren bin, die frei waren, da in Köln anscheinend alle grundsätzlich in zweiter und dritter Reihe sowie direkt mitten auf der Kreuzung parken. Ich bin müde, zwar gut drauf, aber müde. Ich verstehe langsam, warum Bands Tour-Tiefs haben und dass dieser Beruf ein Traum voller Arbeit ist. Es regnet auf dem Rückweg und ich sehe fast nichts mehr, höre dabei zu allem Elend avantgardistische Hörspiele und Domian, was beides beängstigende Inhalte in mein Hirn schraubt.

Daheim schleiche ich leise ins Haus und finde wieder unseren Kater im Wohnzimmer. Diesmal hat er nicht die Palme ins Bücherregal gestürzt, sondern sitzt auf dem Laminat davor und hat sich das Licht angemacht. Er liest in einem Buch von Karl May und sieht mich an, als wolle er sagen: “Von wegen Wohnzimmer absperren und so. Ich kann auch anders. Ich kann auch in Ruhe mal ein Buch lesen!” Ich reibe mir die Augen, streichele ihn, ziehe mich wieder komplett aus, um im Garten die Sachen zu lüften und tapse nach oben. Meine Süße schnurrt und bemerkt, dass ich daheim bin. Ich habe als Student nicht gewusst, wie schön sowas ist. Im Wohnzimmer klappt der Kater das Buch zu und zerrt an der Palme.

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