Tourtagebuch Reloaded – 12.11.2006 Münster, Gleis 22

Das Gleis 22 gewinnt regelmäßig Beliebtheits-Polls bei Musikmagazin-Lesern und wird von anderen Veranstaltern für sein Publikum beneidet. Im Gleis ist es fast immer voll, die Münsteraner haben ein offenes Ohr – für Lesungen, für kleine Bands, für alles. Künstler kommen immer gerne wieder und fragen ihre Booker, ob sie bei der nächsten Deutschlandtour in jedem Fall wieder hier Halt machen dürfen. Auch bei mir ist das so, ich fühle mich hier sauwohl. Dabei hat der Club nichts Außergewöhnliches an sich, kein Konzept oder pompöse Inneneinrichtung, keine Pettycoat-Cadillac-Sitzecken oder Barockverkleidungen, keinen Titty Twister- oder AZ-Schick. Einfach nur ein Raum, eine Theke, ein kleiner Backstage, der wirklich hinter (neben) der Bühne ist, mit Waschbecken, Handtüchern im Schrank und den Edding-Tags von ca. 180 Bands, die seit den 90ern hier gastierten. Auch ich bin nun zum zweiten Mal da, auch heute wieder mit Band, den Stars Of Track And Field und das nicht Unplugged, sondern Vollstrom. Die Bühne sieht toll aus mit Schlagzeug, Bass, Gitarren, Monitoren, Lesetisch und Leinwand und die Band spielt großartige, zeitlose Indiepop-Songs. Sonst hätte ich sie auch nicht eingeladen, obschon mein Arbeitskollege André Bosse mitspielt – hätte der eine miese Black Metal-Band, würde auch das Vitamin B nichts helfen.

Ich bin physisch erschöpft, da ich im heimischen Garten mit Sylvia sechs Bäume gepflanzt und eine Blutpflaume entwurzelt habe, um sie aus dem Halbschatten vorm Haus wegzuholen und an besserer Stelle wieder einzupflanzen, damit sie sich erholt. So sind wir. Jetzt schmerzen Rücken und Knie, aber ich genieße es, den Menschen davon zu erzählen. Ich fühle mich zu Hause in Münster, das Publikum gibt mir ein familiäres Gefühl und das, obschon kaum Bekannte da sind. Es sind Fremde, und es sind Hartmut-Fans, Menschen, welche die Hui-Welt verstehen. Ich werde redselig und erzähle Anekdoten aus Kindheit und Jugend wie die, bei der ich im Kindergarten mit dem Kopf zwischen Stuhl und Lehne steckenblieb und herausgesägt werden musste. Oder die, bei der wir in der Urologie beim Zivildienst dem Doktor dabei assistieren mussten, nicht mehr weich werdende Schwänze mittels Abpumpen des Schwellkörpers wieder klein zu kriegen. Dinge, die mich und mein Werk prägten. Außerdem berichte ich von Dolmen, einem unfassbar trashigen “Mystery-Event”, an dem Sylvia und ich uns mit Jochen festgeguckt haben und dessen Kernsatz “Die Mehire bluten” heißt. In einer Bandpause rufe ich daheim an und höre, wie das Teil ausgegangen ist, da der dritte Teil synchron zur Lesung läuft. Das Wort macht Spaß, die Musik macht Spaß, ich bin happy.

Nach der Lesung halte ich in Münster nahe einer Bank, um die Unsummen an Gage einzuzahlen und muss Pipi. Ich verkrieche mich im Busch vor einer Kirche und erschrecke, als während des Urinier-Vorgangs ein gelbes Licht aus der Kirchentür quillt, dessen Dreiecks-Spitze bis knapp vor meine Füße ragt. “Wer wagt es?”, fragt ein Geistlicher und ich packe meine Nudel ein und werde glühend rot. Ich sage nichts, aber er sieht mich im Busch, er spürt, dass ich da bin. “Du bist Oliver U.”, sagt der Geistliche und erhebt eine Hand in einer unbestimmten Bewegung. »Ja«, sage ich und frage mich, woher er mich schon wieder kennt. Wie schön ist es doch, sich zuerst vorzustellen und dann erst gekannt zu werden. Der Geistliche seufzt, als frage er sich, ob es sich lohnt, nun ausgerechnet mich anzuklagen, wegen eines ehrlosen Pinkelns. Dann atmet er schwer, dreht sich um, zieht die Tür an und stoppt, kurz bevor sie schließt. “Lass das Nebensächliche”, sagt er noch, dann verschwindet das Licht.

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