Tourtagebuch Reloaded – 15.11.2006 Kiel, Weltruf

Ich glaub, ich träume.
Ich sitze auf einer alten Couch vor einem Fernseher mit Playstation und einem kleinen Tisch mit Zeitschriften, Chipsen und Bier und blicke auf einen riesigen Schiffsrumpf. Poliert und eindrucksvoll ragt er in den Raum, vor ihm die kleinen Lederhocker, auf denen nachher das Publikum sitzen wird. Am Geländer der Galerie hängen weiße Rettungsboote, in denen man sitzen kann, das halbe Schiff strahlt von seiner Spitze aus die Hartmut-WG mit Beamer-Power auf die Leinwand über die kleine Bühne, die heute Abend mein “Wohnzimmer” ist. Auf dem Fernseher wartet Lara Croft auf meine Befehle. Grillen zirpen. Über dem Club wartet eine Backstage-Wohnung mit gigantischer Badewanne (!), auf deren Rand extra für mich Vanille-Badezeug und Magazine samt Toffifee hingelegt wurden. Derart liebevoll und hartmutesk hat sich noch kein Veranstalter um mich gekümmert wie Jens Lange und sein Team vom Weltruf. Ich bin gerührt.

Ebenso gerührt bin ich, weil ich heute Abend meinen sehr guten Freund Nils wiedersehe, der die Hartmut-WG, ich sage es mal so, extrem gut kennt. Fast eineinhalb Jahre haben wir uns nicht gesehen, aber gute Freundschaften kennen keine Zeitspannen. Das ist mir persönlich das Wichtigste an diesem wunderbaren Abend, der dem Publikum und mir eine Menge Spaß macht. Eine Frau kichert die ganze Zeit selbst bei kleinen Neben-Witzen, Matze Arendts von Visions (jetzt nur noch nebenberuflich) lenkt die virtuelle WG vom Laptop aus und ich genieße es, von einer Couch aus den kleinen Schmidt zu machen. Nach dem Auftritt spaziere ich mit Nils durch das dunkle Kiel, am Wasser entlang, und höre mir seine Anekdoten an. An einer Forschungsstation, deren Becken bis draußen an die Hafenpromenade reichen, kommt ein Seehund rausgeschwommen und schaut uns an; das sind für einen Flachlandbewohner wie mich immer wieder Momente nahe der Transzendenz. Nils erzählt, wie er mit Freunden nahe an den Fähren vorbei durch die Förde geschwommen ist und den Hund seiner Süßen durch schwer bewachte industrielle Anlagen jagen musste, und er beschwert sich über einen ehemaligen Mitbewohner seiner jetzigen WG, der als längst dem WG-Alter entwachsener, ordnungsliebender Kinderarzt, von seinen Mitbewohnern eine Komplettrenovierung der WG verlangte, die darin mündete, die vorhandene Küche durch eine zwar neue, aber schlechtere zu ersetzen, die von drei vollkommen unfähigen Jogginghosen-Trägern eingebaut wurde. Er erzählt davon mit der knochentrockenen Euphorie eines Tragikkomikers, klappt die unfassbar schlecht geschnittenen Linoleum-Ecken des Bodens wie Wunden nach oben und zeigt immer wieder auf den Herd: “Guck dir mal die Marke an! Indesit! Der hat nicht mal ein Licht, das anzeigt, ob die Hitze erreicht wurde. Ich hab das gegoogelt, der Indesit 250 wird nicht mal in Deutschland angeboten. Das fängt bei 400a gerade mal an. Indesit, das muss man sich mal reinziehen!” So geht das, bis tief in die Nacht. Würde er es als Slam Poet vortragen, er hätte Siegchancen. Um 3 Uhr bin ich in der Backstage-Wohnung zurück und lasse die Wanne ein. Ein super Abend.

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