Tourtagebuch Reloaded – 16.11.2006 Hannover, Faust

Ich mache diese kleine Reise in den hohen Norden mit dem Auto, nicht mit dem Zug. So sehr ich Züge mag, ich liebe das Auto. Ich liebe Rastplätze, diese Reisestimmung, die überteuerten Getränke und Pommes, das sich-Recken-und-Strecken vor dem Auto, eine Rapslandschaft oder tiefe Täler hinter dem Zaun des Platzes; telefonieren mit der Süßen, auch über altmodische Telefonzellen, weil das Handy leer ist. Der Tag in Kiel beginnt mit einem Spaziergang mit Nils, dann verabschieden wir uns bis irgendwann, es könnte wieder ein Jahr dauern, aber es tut gut, sich wieder umarmt zu haben. Auf der Fahrt nach Hannover habe ich kaum Zeitdruck, höre Soundcheck-CDs von Visions und WDR 5, das ganze elende, verachtenswerte Weltgeschehen und den Rest an Würde und Kultur, den die sanften Stimmen in den Nischen-beiträgen durch den Äther flüstern. Das Linden-Viertel, in dem ich in Hannover wohne, erinnert mich an Berlin-Kreuzberg. Es ist türkisch dominiert, ein bisschen Multikulti, ein bisschen Ghetto, ein bisschen Herzlichkeit. Schlechte Rockjournalisten würden es “erdig” nennen. Call Shops neben gemütlichen Buchhandlungen, ein Euro-Nippes-Läden neben Cafés. Die Preise hauen mich aus den Socken. Nachdem ich im Hotel Meyer (Schlüssel statt Karten, wenige Zimmer, Betten wie bei Oma) eingecheckt habe, befriedige ich meinen Hunger bei einer türkischen Bäckerei und bekomme für einen Euro eine Sesamtasche, die so groß ist, dass drei Kinder darauf als Floß über den Nil reisen könnten. Gilgamesch könnte diese Sesamtasche als Schild benutzen. Eine Schildkröte würde 3 Jahre benötigen, um sie zu überqueren. Das liegt daran, dass die türkischen Betriebe Familienbetriebe sind und die Bediensteten demnach für Gelder arbeiten, die ein Deutscher nie akzeptieren würde, erklärt mir der Veranstalter später im Faust. Der ist ein Routineer mit Idealismus, ein alter Hase der Slam Poetry-Szene, der schon weit über 1000 Dichterinnen und Dichter im Faust hat auftreten lassen und mit Meistern der Underground-Literatur von Mirco Buchwitz über Michael Ebeling bis zu Tobias Kunze per du ist.  Der Büchertisch an diesem Abend vereint also Hartmut-Erzeugnisse UND Perlen des Undergrounds, und das finde ich gut. Der Auftritt gehört rein handwerklich zu den drei besten meiner Tournee. Ich lese pointiert, dynamisch, langsam genug, mache Pausen, halte auch mal die Schnauze, treffe das Timing. Das freut mich. Zudem rede ich mich immer wieder in Rage über das Zeitgeschehen. Faust macht Spaß, auch wegen der Kombination aus großem Backstage mit Lichtspiegel und ranzigem Punkrock-Feeling, einer Symbiose, die Freude macht.

Am späten Abend schleiche ich noch einmal durch das Linden-Viertel, das erstaunlich still geworden ist und um 2 Uhr leider keinen Heißhunger mehr befriedigt. Ein kleiner türkischer Junge steht im Dunkel und sagt: “Allah ist barmherzig.”
“Das mag sein”, sage ich. Und dann: “Nur seine Angestellten machen viel Scheiß.”
“Du kennst nur einen Teil der Firma”, sagt der Junge.
Ich nicke und unterdrücke ein Gähnen. Nicht, weil ich ihm nicht zuhören will, sondern weil ich müde bin. Die Autofahrten stecken mir in den Knochen, die Konzentration der Auftritte. Ich vermisse meine Süße.
“Wir haben auch gekachelte Wohnzimmertische”, sagt der Junge. “Mit TV Movie drauf. Mein Papa ist Hannover 96-Fan. Wir essen Schokobrötchen von Aldi.”
“Das bezweifle ich nicht”, sage ich.
“Ich werde Feuerwehrmann”, sagt der Junge. Er sagt nicht “ich will werden”, sondern “ich werde”. Das gefällt mir.
“Denkst du, wir kommen durch?”, frage ich ihn. “Wir alle?”
“Weiß nicht”, sagt er, ein wenig melancholisch.
Dann gebe ich ihm die Hand und wir verabschieden uns.

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