Tourtagebuch Reloaded – 23.11.2006 Duisburg, Mayersche Buchhandlung

Ich muss zum Fernsehen, hat man mir gesagt. Lokalfernsehen, ganz kleine Sache, im selben Haus wie die Mayersche, nur eben kurz vor der Lesung. Deshalb stehe ich jetzt vor einer Glastür, hinter der ein grell erleuchtetes Studio in einem Glaskasten live auf Sendung ist und eine Moderatorin auf einer Couch erzählt, während ihr Andrack-Sidekick hinter seinem PC grinst und Live-Publikum mich anstarrt. Die Sendung ist bereits im Gange, aber ich bin noch nicht dran und werde von einem Sendeleitungsmikrofonmann quer durch das Studio geführt, alle Augen auf mich gerichtet. Er leitet mich in den Backstageraum, in dem mich 12 Männer in schwarzen Anzügen ansehen; es wirkt, als hätten sich sämtliche Aktionäre der DAX 30-Unternehmen versammelt, um über mein Schicksal zu richten. “Wollen Sie so auftreten?”, fragt der Mikrofonmann und wirft einen Blick auf meinen schwarzen, von Katzenhaaren übersäten, Autofahr-Kapuzenpulli mit Visions-Aufdruck. Ich werde rot und schüttele den Kopf, ich sehe aus, als hätte man mich aus einem Bett in dem besetzten Haus an der Rheinbrücke geworfen. Ich murmele etwas von wegen “Hartmut-Trikot” und ziehe mich schnell auf dem Klo um. Mir war nicht klar, dass diese Sache live sein würde und dann auch noch in so einem hellen Studio aus Glas, in das sogar von außen die Bevölkerung hinein sehen kann, wenn sie im zweiten Stock der Shopping Mall gegenüber in Cafés sitzen; ein Riesenrad dreht sich vor dem Glas und macht gelbe Lichtreflexionen, schwarze Anzüge überall, es macht mich fertig. Ich bin umgezogen und bekomme das erste Mal im Leben ein Hemdmikro mit Hosensender; einer der Anzugmänner macht Small Talk mit mir, und ich erfahre, dass sie ein Männergesangsverein aus der Gegend sind, der nach mir dran ist. “Wollen Sie denn nichts trinken?”, fragt eine Gästebetreuerin, “so trinken Sie doch”, und ich trinke, wie mir befohlen. In einem Fernseher sehen wir, was nebenan gerade live passiert, just im Moment werden Krippenbastler aus der Gegend vorgestellt, “ist schon wieder Weihnachten?”, denke ich, und das Riesenrad dreht sich fast in den Glasbau hinein. Um 18:37 Uhr bin ich dran, 18:37 Uhr ist jetzt, die Fernsehmacher können in linearen Minuten denken, ich nur in unförmigen, wachsähnlichen Zeitbrocken. Ich werde auf die Couch gesetzt, der Mikrofonmann friemelt an meinem Hemd, vor mir liegen drei Bücher, die Moderatorin spricht zu mir, ich sehe schwarz gewandete Kollegen des Gesangsvereins und ein paar Kinder im Publikum. Dann geht die Kamera an und zu meiner Überraschung setze ich ein Lächeln auf, erzähle von meinem Plot, mache Scherze, signiere live die Bücher und funktioniere. Als ich danach aus dem Studio wieder raus komme, rufe ich im Treppenhaus Sylvia an und sage, wie schrecklich das war; von den schwarzen Männern fand es keiner lustig, aber an der Hotline wollten alle mein Buch, ich bin verwirrt.

Die Lesung selber ist toll, ich bin wieder der Fisch im Wasser. Meine Eltern sind da, mein Papa gar trotz anstehender OP (ich denk an dich!), es wird richtig schön voll und mein Plakat hängt neben dem von Helge. Frau Vetting von der Buchhandlung führt am Laptop durch die virtuelle WG und macht das gut und enthusiastisch, links lachen sich ein Vater und sein rothaariger Sohn beide schlapp, Hartmut vereint Generationen, das freut mich. Da ich in Duisburg bin, lese ich mal “Kugelschreiber”, die Geschichte, in der sich das geheime Hauptquartier der Heimarbeits-Mafia in Duisburg-Hafen verbirgt. Sie kommt super an, inklusive Szenenapplauses. Auch amüsiert es die Menschen, wie ich selbst vor wenigen Jahren in Berlin auf Arbeitssuche war und von obskuren Vertretern der Hamburg-Mannheimer zum Drücker ausgebildet werden sollte, wonach sich herausstellte, dass es die Filiale, in welcher ich antreten musste, offiziell gar nicht gab. Als ich Maffay parodiere, preise ich meine Eltern, auf deren Teppich ich mich darin schon mit sechs Jahren übte. Am Ende gibt es sogar eine Fragerunde, dann “Advent” als Zugabe, schließlich die Signier-Viertelstunde, bei der ich erfahre, dass der Music-Circus in Oberhausen, in dem Martin im zweiten Hartmutbuch “seine Perle” angebaggert hat, schon seit 5 Jahren nicht mehr existiert. Außerdem sei die neueste Mode bei Nazi-Demos der Apfel als Symbol in der roten Binde, das stehe im Neon, in einem Bericht zur Apfelfront. Meine Leser passen auf, ich bin stolz auf sie. Nach der Veranstaltung schleiche ich in den Duisburger Bahnhof, um einen kleinen Türkenstand leerzukaufen, so viel Hunger habe ich. Ich laufe zurück zum Renault, setze mich hinein und futtere das mannigfaltige Gebäck. Als ich von der Mümmelei aufsehe, geht ein Mann mit Nickelbrille und lose gelocktem Haar vor meiner Windschutzscheibe auf und ab. Er trägt ein Schild in der Hand, auf dem steht: “Würde hier gerade ein Unschuldiger verprügelt, würden Sie keine Zivilcourage zeigen! Sie Schwein.” Stoisch dreht er seine Runden, und ich frage mich, ob er selbst verprügelt werden will, damit sich eine Art selbsterfüllende Prophezeiung erfüllt. In den Nachrichten erzählen Sie von Emsdetten.

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