Tourtagebuch Reloaded – 17.12.2006 Bochum, Radio C.T.

Lukas Heinser und ich machen eine Radiosendung. Wieder mal. Im Studio des Bochumer Campusradios bin ich so gut wie zu Hause; hier habe ich vor Jahren meine politischen Gruppen vorgestellt, meine Kulturgruppen und zuletzt auch immer mal wieder Hartmut und (m)ich. Ich weiß, wie man hier ins Mikro spricht, erkenne die alte Couch am Bezug, ziehe meine Schuhe aus, wenn ich im Studio bin und habe immer wieder ein surreales, merkwürdiges Gefühl, wenn ich im Dunkeln über den guten, alten, in meinen Romanen beschriebenen Uni-Beton-Campus auf der Seite der Naturwissenschaftler und Ingenieure wandle. Es ist unverständlich, dass diese artistischen Parcours-Läufer, die jetzt immer im Fernsehen sind, dieses Gelände noch nicht für sich vereinnahmt haben und auch ein Counter Strike-Level wäre hier perfekt denkbar. Doch das lohnt sich wohl kaum noch, wenn bald alle Killerspiele von genau den Menschen verboten werden, die sonst bei Waffenmessen mit Anzug, Teekännchen und Hanuta Rüstungsgeschäfte zum Wohle des Landes machen.

Über dieses und vieles mehr reden wir heute Abend, zwei Stunden lang, ohne Regisseur und kommerzielle Zwänge. Wir haben uns vorgenommen, dieses Mal strukturierter vorzugehen. Wir haben Skizzen gezeichnet. Doch dann wird es wieder eine Sache der konversatorischen Fliehkraft. Immer wieder reißt sie uns aus der Bahn, wir schweifen ab, drehen Kurven und muten den Hörenden direkt zu Beginn 20 Minuten Wort am Stück zu. Die Musik kommt abenteuerlich kombiniert von Kante, Bosse, Ton oder Sting, die Themen springen und hüpfen, es geht um Hartz, Pop, Amoklauf, Politik, die ewig jugendliche Bohéme, neues Bürgerlichsein, Blutpflaumen-Umpflanzung, Naturlyrik und Wolfenbütteler Fürsten, jeder Senderchef vom WDR hätte uns nicht nur gefeuert, sondern nach Lesotho ausgewiesen. Kurzum: Wir haben Spaß. Ob den Hörer den auch haben, fragen wir uns. Die Antwort soll kommen.

Kaum, dass die Sendung endet, klingelt das Telefon. Ein 64-jähriger Herr hat durch Zufall reingehört und hing bis zum Ende an unseren Lippen. Unser zeitkritischer Vortrag und die rock-poetischen Darbietungen von Kante & Co haben ihm neue Horizonte eröffnet. Da macht man eine Sendung ohne Grenzen im Campusradio und während die Studis in den Kneipen hocken, fährt ein 64-jähriger auf “Hartmut und ich”, popkritischen Zeitgeist und “Die Tiere sind unruhig” von Kante ab. Manchmal macht das Leben Sinn.

Der Rückweg vom Studio zu meinem weit hinter ND (die Unikenner wissen, was ich meine) geparkten Auto gestaltet sich lang. Ich werde übermütig und versuche, einige Betonseestufenstreben mittels coolen Parcours-Techniken zu überwinden. Ich kugele mir die Schulter aus. Meine Süße ruft an und lobt mich für die Sendung. Dann erklärt sie mir aus der Ferne, wie man(n) eine Schulter wieder einrenkt. Das Tourjahr ist zu Ende.

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