Tourtagebuch – 07.10.2010 Fulda, Vonderau Museum

Ab diesem Eintrag kann der Zusatz “reloaded” wieder wegfallen, denn die Tagebücher vom 07.10.2010 bis zur Gegenwart im Jahre 2012 schreibe ich alle zum ersten Mal. Macht aber nichts, denn jeder Tag steht vor mir, als wäre er gestern gewesen. Was andere “Erinnerung” nennen, ist bei mir immer wie eine Zeitreise. Und da beginnt sie schon…

Es ist schön, wenn man sich kennt. In Halle 4 ist die Buchmesse wie ein Klassentreffen. Mit dem Vorteil, dass die Verleger in der Abteilung “Junge Verlage” mich erst kennen, seit ich “Oliver” heiße. Sie begrüßen mich folglich nicht mit einem bauchigen “Ooooolliiiiieee!”, das klingt, als brülle mich die gesamte Hamburger Nordkurve nieder. Statt dessen brühen sie in ihren kleinen Maschinen frischen Kaffee auf, klopfen auf das Sitzkissen und hören sich an, was ich ihnen vorzustellen habe. Ich bin als Mentor unterwegs heute morgen, als Förderer neuer Talente, die ich in meinen Workshops oder über Zusendungen an Wortguru entdecke. Den anspruchsvollen Indieverlagen stelle ich die Manuskripte meiner besten Schäfchen vor, mündlich natürlich. Ich prüfe ab, wem ich was schicken darf, nach der Messe, wenn die Plätzchenreste im Büro aus der Messekiste in die Tonne purzeln. Ich putze goldene Klinken. Bei meinen eigenen Verlagen führe ich Geschäftsgespräche auf der “Dachterasse” des doppelstöckigen Standes oder tue so, als sei ich nicht geschmeichelt, wenn ein Fotograf des Börsenvereins des deutschen Buchhandels mich mit einem Exemplar von Hartmut und ich im breiten Gang neben der S.Fischer-Insel ablichten möchte.

Am Abend sitze ich unter Jesus Christus. Er steht als Statue rechts über mir in der Kapelle des Museums Vonderau in Fulda. Er beobachtet die Diashow mit den Abgründen Berlins, die ich zur Feindesland-Show mitgebracht habe. In der ersten Reihe sitzen ältere Herrschaften, hochgebildet, Professoren und Geistliche. Zumindest unterstelle ich ihnen das. Sie könnten auch Baufirmen für Bergbaubohrungen besitzen, aber für mich sind sie alle Theologen und Germanisten. Im Foyer begrüßten mich vorhin wichtige Verordnete. Sie gaben mir Mappen mit Material zur Stadt. Ich trage Lackschuhe, die auf dem Weg zur Bühne klackerten. Ich habe schon Ratzinger gelesen und mit Drewermann gesprochen, alles im selben Leben, aber das Ambiente macht mich trotzdem nervös. Es motiviert aber auch. Der sakrale Rahmen und die unterstellten Literaturhorizonte in den Köpfen der Zuhörer, die mindestens bis Gryphius zurückreichen, lassen mich pointiert vortragen. Dramatisch. Dem Echo angemessen, das die Kapelle bei jedem meiner Worte erzeugt. Den Battle Rap lasse ich heute mal weg, dafür verwandelt sich der Roman in das ernste Drama, das er bei allen Lachern schließlich auch ist.

Nach der Show spüre ich Jesus’ Blick in meinem Nacken, während die Geistlichen und Akademikermich loben. Christus kann meine Gedanken lesen und so merkt er gerade, dass ich die Lust verliere, den Empfang des S.Fischer-Verlages in Frankfurt zu besuchen, in das ich gleich wieder zurückfahre. Schon auf der Hinfahrt fiel mir auf, dass es von Frankfurt nach Fulda kein Katzensprung ist. “Auftritt während der Buchmesse” – das klingt, als sei Fulda ein Vorort der Bankenmetropole, dabei ist die altehrwürdige Stadt so weit von der Messe entfernt wie Köln von meinem Heimatdorf im Münsterland. Hastig schaufelte ich vor dem Auftritt einen Berg Pommes auf einem Rasthof kurz vor der Stadt in mich hinein. In Ruhe will ich bei meiner Rückkehr den zweiten Berg Pommes auf dem Hotelbett verspeisen, statt mit Roger Willemsen und Ralf Husmann zum Häppchen anzustoßen. Nichts gegen meine prominenten Verlagskollegen, aber wenn ich ankomme, ist es schon nach Mitternacht. Kurzum: Die Bequemlichkeit, nur noch bei Burger King halten zu müssen und mich dann entkleidet auf das Bett zu werfen siegt über die Eitelkeit, die Schuhe anzubehalten und später erzählen zu können, dass ich im Grunde wöchentlich mit Stars diniere. Jesus gefällt das, auch wenn er kein Fan von Burger King ist. Um ein Uhr nachts, der Bauch ist voll und das ganze gläserne Tophotel mit der transparenten Duschkabine in der Zimmermitte leuchtet irgendwie blau, ziehe ich noch mal Post und bekomme Nachricht von einem Zuhörer, der in Fulda war: “Chapeau, Herr Uschmann. Ihr Auftritt war grandios! Als hätte man einen Detlev-Buck-Film mit einem Roman von Ephraim Kishon gekreuzt. Ich gehe nicht oft zu Lesungen, meine Frau nahm mich mit, ich habe eine Baufirma, wissen Sie? Bergbau und so. Da schwingt vielleicht was bei Ihnen, als alter Ruhrpottler.” Ich schmunzele und stecke eine Pommes in den Mund, die sich im zerknüllten Papier versteckt hat.

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