Tourtagebuch – 09.10.2010 Bielefeld, Verve

Ich leide unter “PPS” – pathologischer Parkplatzscheu”. Wann immer ich zum ersten Mal einen Veranstaltungsort besuche, fahre ich nicht erstmal vor, sondern parke weit entfernt im erstbestem Parkhaus, das sich mir zeigt. Parkhäuser sind sicher. Parkhäuser sind legal. Seit fast fünf Jahren toure ich nun, ich müsste längst bemerkt haben, dass ich als Künstler wenigstens zum Ausladen immer vor der Tür halten darf. Aber nein, mein “PPS” sagt mir: “Dich kennt hier keiner. Hältst du auch nur eine Sekunde an, stürmen aus Hauseingängen und Löchern in Bäumen lauter kleine Beamten und tackern das Auto mit Strafzetteln voll. Du wirst abgeführt, verhört, nach Kuba verschoben. Die “PPS” wirkt auch heute und so schleppe ich meine Buchhandelskiste mit den Hörbüchern, meine Werkzeugkiste mit dem Merchandise, meine Vorlesetasche, meine Laptoptasche und meinen Rucksack mit wackeligen Knien vom Parkhaus zu der Grillbar, die das Verve eigentlich ist. Schöne Holzmöbel, gemütliche Erkerplätze, goldgelbe Steak Fries. “Klar kannst du hier parken”, sagt der Veranstalter. “Siehst du die Plätze direkt gegenüber, unter der großen Buche?”

Ich parke das Auto um, jetzt, wo ich die “Erlaubnis” habe. Die Buche hat tatsächlich ein riesiges, schwarzes Loch. Ich bin früh, baue in Ruhe auf, Technik, Merchandise und “Trödelmarkt”. Ich versuche immer noch, Requisiten aus der Hui-Ausstellung gegen Spende für den Tierschutz losuzuwerden, aber die Fans alter VHS-Actionfilme sind rar geworden. Eine Viertelstunde vor Beginn sitzen der Veranstalter und ich an der Kasse. Ein Mann fragt, was heute Abend hier los sei, wägt den Eintritt gegen den Preis eines Buches ab und kauft dann das Buch, statt für die Show zu bleiben. Der Veranstalter erzählt von deutschen Künstlern, die in Russland Millionen machen. Er kennt Agenten, die mit ihnen zusammenarbeiten. Er legt Zahlen auf den Tisch. Große Zahlen. Geheime Zahlen. Die russische Oligarchie hat Geld und das gibt sie aus, um sich die Scorpions als Hochzeitsband zu buchen. Noch größer als Klaus Meine und seine Schergen ist im weiten Land der Kälte und der Koniferen nur Thomas Anders, “The Gentleman of Music”, wie er sich selber nennt. Für die Gagen, die er im Osten bekommt, könnte ganz Bielefeld über Jahrhunderte hinweg seine Parkplatzwächter bezahlen.

Mein Auftritt zu Feindesland ist spaßig und, sagen wir, intim. Um es vorsichtig auszudrücken: Die Anwesenden haben genug Zeit, mir zwischendurch ihre Lebensgeschichte zu erzählen, so dass ich sie auf der Stelle in kleine Biografien umsetzen und als Book on Demand ins Netz stellen kann. Die alten VHS-Videos kaufen sie trotzdem nicht. Der Veranstalter kann nichts dafür, die Grillbar erst Recht nicht. Die Steak Fries sind grandios. Ich bestelle sie mir vor der Show, während der Show und nach der Show. Ich habe in letzter Zeit Kartoffelsucht. Als der Auftritt beendet ist und sämtliche Besucherbiografien im Netz stehen, räume ich gegen Mitternacht den Wagen ein. Ein kleiner Knöllchenbeamter steigt aus dem Loch in der großen Buche. Mein Herz bleibt stehen. “PPS” in Reinform. Der Mann grinst und zieht seine Hose zu. Es ist gar kein Polizist. Nur ein Wildpinkler. “Hier kann man komplett im Baum verschwinden”, sagt er und ist rundum glücklich. Ich schließe die Tür des Wagens, schiebe eine CD von Mark Lanegan ein, weil der so beruhigend brummt, und lasse den Motor an.

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