Tourtagebuch – 27.05.2013 Adendorf, Schule am Katzenberg (Tag 1)

Lebenskulturen … In den Fluren der Adendorfer Schule am Katzenberg ist jeder freie Meter Wand mit Schaubildern des guten Handelns beklebt. Poster gegen Rassismus und für Zivilcourage. Aufforderungen zum Umweltschutz und zur Hilfe bei Unfällen. Die neunte Klasse, der ich heute und morgen einen Workshop zum Schreiben gebe, hat Schaubilder zum Coltan-Abbau im Kongo erstellt und ins Foyer gehängt. “Was hat mein Handy mit dem Krieg zu tun?” steht dort und in großen Substantiven: MEIN HANDY – KRIEG – BERGGORILLAS. “Den Garten Eden retten” lautet das Motto, man hat hier keine Scheu vor Pathos. Die Schule ist gesponsert von der kapitalismuskritischen Nicht-Regierungs-Organisation Club of Rome. Das Logo prangt am Eingang, direkt neben einem Schild mit der Aufschrift: “Schule ohne Rassismus. Schule mit Zivilcourage”, zu dem auch T-Shirts gedruckt wurden.

Studierende der Universität Lüneburg haben im Rahmen von Lüneburg liest diesen Worskhop als Projekt für ein eigenes Seminar aus der Taufe gehoben. Die Klasse 9.3 hat sich freiwillig gemeldet, weiß aber nichts von mir, dem Romanschreiben oder dem Gegenteil von oben, dessen Beginn heute die Wurzel ist, anhand derer ich die wichtigsten Weisheiten zum Schreiben ausbreite und das die Schülerinnen und Schüler in Fünfergruppen weiterschreiben, ohne zu wissen, wie das Buch tatsächlich weitergeht. Die Lehrerin ist erstaunt, wie es mir gelingt, die Klasse fast einen ganzen Schultag lang bei der Stange zu halten. Die jungen Leute sind fasziniert von den praktischen Einblicken ins professionelle Schreiben, in die real existierende Verlagsbranche und die Psychologie. Als ich gegen Ende des Tages von unbewussten Lebensplänen erzähle, die sich erfüllen, solange wir sie nicht aufdecken, sagt eine Schülerin leise und fasziniert: “Gruselig!” Um 12:52 Uhr testet die Lehrerin, ob ihre Schäfchen immer noch aufpassen und fragt sie, was die Kürzel meiner Diagramme an der Tafel bedeuten. Ihre Erwartung, dass es keiner sagen kann, bleibt gnadenlos unerfüllt …

Der Nachmittag ist frei und wird geprägt von Sport, Natur und dem bürgerlichsten Kontrast, den man sich zum Hafenklang und dem Hamburger Kiez vorstellen kann. Ich spaziere entlang Fußballrasen, Tennisplätzen und grünen Golfhügeln zwischen dem Wellness-Resort Castanea und dem schlichten Sporthotel des TSV Adendorf 1923, in dem ich nächtige. Ich schwimme mit dem letzten Eintritt einer Zehnerkarte, den mir die Lehrerin geschenkt hat, im Freibad nebenan. Eine Ente und ein Haubentaucher landen auf dem 23 Grad kühlen Chlorwasser und werden von Kindern gejagt. Auf dem Tennisplatz spielen vier alte Herren ein Doppel und schauen misstrauisch zu mir, dem flanierenden Fremden. An den Wegrändern blüht der Rhododendron und in den Wipfeln zwitschern die Vögel. Im Restaurant des Hotels, wo ich am Abend esse, trifft sich eine Gruppe alter Männer zum Skat-Turnier. “Tisch 1: Horst, Helmut und Rainer!”, teilt der Anführer die erste Partie mit lauter Stimme zu. Vor den Wandkästen mit Geldschlitzen, in denen Menschen beim Stammtisch Sparbeiträge einzahlen, sitzt die Kassenwartgruppe des Hauses, öffnet die Kästen und zählt das Geld. An einem runden Ecktisch kommen acht Vertreter örtlicher Sportvereine zusammen und besprechen das Jahresgeschehen. “Tagesordnungspunkt 1!”, eröffnet der Anführer die Runde nachdrücklich … es ist wichtig in Adendorf, dass es für alles Anführer gibt. Und Protokolle. Die Innentöpfe der Zimmerpalmen auf den Fensterbänken sind größer als die Außentöpfe und ragen keramikbraun über den weißen Rand. In der Bar sitzen suspekte Männer und rauchen, weil man dort noch rauchen darf. Im Saal rechts des Eingangs singt ein Chor glockenklar kirchliche und weltliche Lieder. Ein Faltblatt kündigt zum 31. Mai eine “Klassik-Gala” mit Pianist, Violinistin, Tenor, Bariton und Sopran an. Ferner als von “Ahh! Shark Bite! Ahh!” kann man gar nicht sein. Zwischen den Haibissen und den Enten auf dem Freibadwasser sind nicht mal 24 Stunden vergangen.

Sportplatz des TSV Adendorf 1923

Brüchiger Weg zwischen grünem Rasen - mein Wellness-Paradies!

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Tourtagebuch – 26.05.2013 Hamburg, Hafenklang

Lebenskulturen … im Hamburger Hafenklang ist jeder freie Meter Wand mit Aufklebern von Bands beklebt. Die Lampen versuchen, ihr Licht durch schwarze Sticker zu pressen. Die Feldbetten im Schlafraum für Bands, den ich heute ganz alleine bewohne, haben kaum noch einen Millimeter freien Lack. Die Geschichten, die ich vor einem gemütlichen Dutzend lächelnder Nordlichter vortrage, strotzen vor Suff und Sex. Erst heute Abend, auf der kleinen Bühne zwischen der golbraunen Bar und den Hafenkränen vor dem Fenster, wird mir wieder klar, was für ein versautes Buch Sylvia und ich mit Überleben auf Partys geschrieben haben. Die Männer, die im Kapitel “Die Scheunenparty”, von tschechischem Fusel enthemmt, im Maisfeld unterm Mondlicht ihre pulsierenden Schwänze aufpumpen, um das Wettwichsen der Jugend nachzuholen oder die Messefrau Nina, die nach dem Gewohnheitssex mit dem Kollegen unter der eigenen Hotelzimmerdusche “zu Ende bringt, “was Jens angefangen hat”, lassen die reservierten Hamburger endgültig aus sich herauskommen. Ihr Lachen ist süß verschämt, kopfschüttelnd zustimmend, ein Lachen, das sagt: “Genau so ist das, aber wie krass, dass die das tatsächlich so schreiben!” Ein sehr lieber persönlicher Gast von mir – ein erfahrener Punkrockmusiker – sagt mir nach dem Gig am Büchertisch, dass ihn die Szene im Aufzug, in der Nina und Jens sich jeweils im Stillen denken, heute auf Sex und Messefremdgehen gar keine Lust zu haben, es aber dann doch wie eine Pflichtübung durchziehen, sehr bewegt habe. Ob unter Messetreibenden, Musikern oder Managern – der heimliche Wunsch, den Gelegenheitssex zu vermeiden anstatt durchzuziehen, gehört anscheinend zu den Offenbarungen des Buches, die so sonst noch niemand auf den Punkt gebracht hat.

Im Schlafraum lese ich die Namen all der Bands, die vor mir hier gepennt haben. Aufgeklebt mit den besagten Stickern. Aufgemalt mit Edding auf die Tür des Badezimmers. Ein paar kenne ich, den Rest schlage ich im Internet nach, eine Gewohnheit von mir, wenn ich in Clubs übernachte. Alle Männer, die die Dusche vor mir benutzt haben, waren Schreihälse. The Arson Project aus Schweden waren hier, Grindcore-Berserker der ganz knüppelharten Sorte. The Chariot spielen variabler, pressen sich aber auch die Adern aus dem Schädel. Dead & Divine zocken und schreien. Alle schreien sie. Norma Jean schreien zurzeit wenigstens mit großem Humor. Ihre aktuelle “Single” heißt “Ahh! Shark Bite! Ahh!”, dauert sechs Sekunden und besteht aus einem harten Riff und den geschrieenen Worten “Ahh! Shark Bite! Ahh!” Draußen vor dem Fenster wehen noch die Fahnen vom Hamburger Elbjazz-Festival am Vortag, eine Versammlung der Kultivierten, die nicht schreien und keine Aufkleber in ihre Hotelzimmer pappen. Obwohl, lustig wäre es, man stelle sich das mal vor, so ein gebildeter Trompeter einer Jazzcombo checkt ins 5-Sterne-Hotel ein tackert die Duschwand erstmal mit Stickern von Miles Davis, Charlie Parker und dem Kilimanjaro Darkjazz Ensemble voll. Der Taxifahrer, der mich heute Nachmittag vom Hauptbahnhof hergefahren hat, stand dem Jazzfestival näher als dem Punkrock-Club. Er trug eine randlose Brille, hörte als Radiosender Dkultur und kaufte mir nach nettem, intensiven Gespräch sofort ein Exemplar von Voll beschäftigt ab. Friedlich denke ich an diese Szene unter der Dusche des Bandraums zurück, bevor mich kurz wieder ein Anfall überkommt und ich für sechs Sekunden willkürlich schreien muss. “Ahhhhhhhhhhhhhh!!!! Dusche!!!! Ahhhhhhhhhhhhhhhh!!!!”, brülle ich, es liegt einfach von den Vorbewohner in der Luft und fährt in mich wie eine Besessenheit. Auf die Fliesen neben des Klos hat einer der Schreihhälse mit Edding geschrieben: “Don’t beam me up, Scotty, I’m having a shi…” – das “t” verschwindet mit einem hohen Strich Richtung Decke. Wahrscheinlich war es der “Sänger” von Norma Jean, der Adernplatzer mit Humor. Nach einem Nachtspaziergang am Hafen, telefonierend mit Sylvia und das Plätschern an den Kaimauern unter mir, schlafe ich ein und träume vom Haibissen.

Fenster im Bandraum des Hafenklang

Fenster im Bandraum - Sicht auf den Hafen durch Sticker versperrt

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Tourtagebuch – 29.01.2013 Lübeck, Bücherpiraten (7. Lübecker Jugendbuchtage)

Lübeck ist die Stadt des Guten. In jeder Hinsicht. Künstlerisch. Architektonisch. Moralisch. Das Holstentor thront in ihrer Mitte als Zeitportal in die Hansezeit. Im Buddenbrookhaus trappeln simulierte Pferdehufe auf dem Kopfsteinpflaster der Vergangenheit und in der Brust pumpt das Herz des gewissenhaften Schriftstellers in Ehrfurcht vor Thomas Mann. Der Glaskasten im Bahnhof nennt gleich drei verschiedene Anlaufstellen für Wohnsitzlose, kein Blick benötigt mehr als hundert Meter, um auf alte, erhaltene Bausubstanz zu treffen und die Bäckerei Junge arbeitet ausschließlich mit so fair gehandelten Rohstoffen, dass sie jedes Weizenkorn bei seiner Ankunft namentlich begrüßt. Zuletzt habe ich die wunderschöne Stadt vor elf Jahren mit Sylvia besucht. Heute hetze ich haltlos wie ein Ego-Shooter durch Bahnhofsviertel, Holstentor und Innenstadt, um den Gipfel des Guten in dieser nordischen Oase zu finden: das Kinderliteraturhaus der Bücherpiraten. Junge Menschen machen Literatur lebendig für noch jüngere Menschen. Mit Lesungen, Workshops, Poetry Slams und einem ganzen Haus voller Bücher. Sogar die Kleinsten führen sie im “Bilderbuchkino” an die Phantasie zwischen zwei Buchdeckeln heran – begleitet vom Beamer tauchen die Kinder in eine Vorlesewelt ab. Damit all das räumlich möglich ist, hat eine wohlhabende Lübeckerin das alte Kaufmannshaus in der Fleischhauerstraße 71 erworben und vermietet es den Bücherpiraten für einen symbolischen Preis von einem Euro im Monat. Ein Umgang mit Reichtum, der Lübecks von mir verliehenem Titel als “Die Stadt des Guten” seinen endgültigen Glanz verleiht.

Meine Rolle in dieser lebendigen Utopie ist klein, aber fein. Ich bin Lesegast der 7. Lübecker Jugendbuchtage, 2013 unter dem Motto: “Bekannte Fremde”. Mit der “Fremde” ist die Landschaft gemeint, wobei zu Finn released und Finn reloaded eher der Begriff “Unbekannte Nähe” passen würde. Wie die drei Jungs aus dem Buch ihre eigene, vertraute Umgebung in ein spannendes, neues Adventure verwandeln gefällt den zwei Schulklassen im knallwarmen Dachgeschoss des Hauses. Mit viel Improvisation und ein paar Anspielungen nur für die Lehrer versetzt vergeht die Zeit der Show wie im Fluge. Danach fragen mich die Kids einer Klasse über Finn Anders aus, da sie als Hausaufgabe eine Figurenbeschreibung erstellen müssen. Die andere Klasse geht derweil nahtlos am Ende des Raums von der Lesung in den Mathe-Unterricht über, da eine Rückfahrt zur Schule für die letzte Stunde zu lange dauern würde. Den Raum dürfen sie einfach so haben. Auch das kein Problem unter Lübeckern. Mir selbst stand in der Nacht zuvor als Wohnraum ein großes Appartement gegenüber der Kirche St. Aegidien zur Verfügung. “Die Kirchenglocken beginnen, um 6 Uhr zu schlagen” warnt ein Schild im Zimmer. Ich finde das romantisch und sitze ab 5:24 Uhr zum Schreiben an der dichterischen Werkbank. Frühstück gab’s nebenan im Marli-Café, einem Projektrestaurant der Marli GmbH, die Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit gibt, sich “unter Bedingungen des ersten Arbeitsmarktes zu erproben und zu bewähren”. Dass der Kaffee, den die nette Bedienung am Morgen zum Frühstück in einem terrakottafarbenem Steingutbecher serviert, das Transfair-Siegel trägt, versteht sich von selbst. Lübeck eben, die Stadt des Guten.

Lauter lesen! Gestische Wucht bei "Finn released"

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Tourtagebuch – 23.01.2013 Wiesbaden, Villa Clementine

Manchmal ist alles unwirklich. Die Städte. Die Räume. Wiesbaden kenne ich hauptsächlich von meinen Auftritten im Kulturpalast, einem herzlichen, aber rustikalen Club, in dem der Spiegel im Backstage vor lauter Aufklebern von Punkrockbands keinen freien Zentimeter Glas mehr hat. Die Wilhelmstraße – den noblen Boulevard der Stadt – habe ich bislang immer nur zügig durchfahren. Jetzt wohne ich direkt an dieser Prachtstraße mit den uralten Häusern und den knorrigen Bäumen, direkt gegenüber der Parkanlage “Warmer Damm”, in der Villa Clementine. Das Haus ist unglaublich. Hohe Stuckdecken mit atemberaubenden Formen, ein Treppenhaus aus schwarzem Marmor (Stufen) und virtuos gefertigtem Eisenguss (Geländer), eine Doppelfassade, Terrassen, Wintergärten, Flure. Das Wiesbadener Literaturhaus hat heute hier sein zu Hause mit den Büros des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, einem Literaturcafé, Leseräumen, Buchtauschregalen, offen für alle Kulturbegeisterten von 1 bis 99 Jahren. Ein Seminarraum des Börsenvereins wurde letztes Jahr für die Verfilmung von Sebastian Haffners “Geschichte eines Deutschen” in ein Büro der 30er-Jahre umgebaut. Morgen vormittag lese ich unten für zwei siebte Klassen. Heute Nacht bumpere ich auf Socken über das Fischgrätparkett des Dachgeschosses. In den zwei Gästezimmern wohnen Autoren, die hier auftreten und Workshops geben. Die Stipendiatenwohnung hat manchmal für Monate Künstler zu Gast, die danach nie mehr ausziehen wollen und sich am Stuck festklammern. Ich schreibe die halbe Nacht bis zur Erschöpfung, da viel zu tun ist. Ab und zu fällt mein Blick aus dem Fenster auf diese unglaublichen Fassaden und die weißen Lichtbälle der Fassaden.

Der nächste Morgen findet mich und Klaus Krückemeyer zwanzig Minuten vor der Lesung über den Kaffeetassen im aufgeregten Gespräch. Klaus freut sich, weil ich als Autor, Journalist und ehemaliger Bürgerfunker die Arbeit, die hinter einem Radiobeitrag steckt, zu schätzen und einzuschätzen weiß. Klaus tackert für einen Beitrag, der 1:20 Minute dauert, bis zu drei Tage durch die Gegend. Recherchieren, O-Töne einholen, Sprechen, Schneiden, Friemeln. “Wenn ihr einen Film seht”, sagt Klaus daher auch wenig später bei der Begrüßung der Kinder, “wenn ihr ein Spiel spielt oder ein Buch lest oder ein Lied hört, dann stecken dahinter immer Leute, die sich Gedanken gemacht haben.” Es ist uns wichtig, den Kids das heute mal zu erklären und sie saugen alles auf, was wir zwei Praktiker und Insider erzählen. Finn, Flo und Lukas brechen derweil während ihrer Quest bei ALDI ein oder lernen den TV-Filmemacher Jan-Eric kennen, dessen abgebrühte Methode, ihre Biografie sendetauglich zu verändern, zu einer zeigefingerfreien Aufklärungsstunde über die Arbeitsweise des Privatfernsehens und der Reality-Formate führt. Heute fragt ausnahmsweise mal kein Schüler danach, was ich als Game-Journalist alles teste; dafür kann ich das erste Mal meine Einblicke in die “scripted reality” von Doku-Soap bis Dschungelshow in hellwache, kleine Ohren transportieren. Die Lügengeschichten Finns wiederum motivieren die Kids dazu, sich selber auch kreativer als Geschichtenerzähler zu betätigen. Im Leben wie auf Papier.

Auf der Heimfahrt höre ich einen frischen Bericht über die Plagiatsvorwürfe gegen Annette Schavan. Die Plagiatsjäger, die in uralten Dissertationen nach Anzeichen für Plagiatsfragmente suchen, arbeiten auf Internetplattformen als Schwarm an den aktuellen Texten auf dem Seziertisch. Acht Wissenschaftler und Politiker haben sie bislang zu Fall gebracht. Sie fühlen sich dabei wie die Iraker, als sie Saddam Husseins große Büste umwarfen. Gelingt ihnen ein Plagiatsnachweis, mieten sie sich eine Villa und feiern ihren Erfolg gemeinsam mit anderen produktiven Mitgliedern unserer Gesellschaft, die den Neid, die Missgunst und die boshafte Freude an der Vernichtung anderer längst hinter sich gelassen haben, darunter noble Berufsstände wie Paparazzi, Shitstorm-Starter, Klatschjournalist oder Steuersünder-CD-Verkäufer. Fast schon ärgerlich, dass die Kinder von heute Vormittag nach der Leseshow mit Klaus und mir lieber so etwas Eitles wie Schriftsteller oder Musiker werden wollen.

Roter Salon der Villa Clementine

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Tourtagebuch – 18.01.2013 Betzdorf, Freiherr-vom-Stein-Gymnasium

Ich bin früh. Viel zu früh. Zum einen, weil ich den Termin mit der Presse, der vor meiner Lesung stattfinden soll, im Geiste fälschlich vorziehe. Zum anderen, weil ich die Strecke schon kenne. Obwohl es also friert und schneit gleite ich im Auto wie auf Schienen nach Betzdorf, dem kleinen Ort im Talkessel zwischen Westerwald und Siegerland. Als ich das letzte Mal hier auftrat, trat Karl-Theodor zu Guttenberg während meiner Lesung ab. Heute verkünden die Nachrichten auf der Hinfahrt durch die schneeverklebten Tannenwipfel, dass Finanzminister Evangelos Venizelos sich in Griechenland mit 97% in den Parteichefsessel der Sozialisten gewuchtet hat. Einen Gegenkandidaten hatte er nicht … und augenscheinlich auch keine Plagiatsjäger an den Hacken, die seine 1980 abgegebene Doktorarbeit wieder aus den staubigen Regalen der Universität Thessaloniki klauben.

Der stellvertretende Direktor des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums, Helmut Münzel, versorgt mich frühen Vogel in seinem Büro mit Kaffee, Keksen und guten Gesprächen unter zwei studierten Anglisten. Sein Boss Manfred Weber führt mich angenehm durch den Pressetermin und moderiert mich schmeichelhaft an. Hinter ihm an der Wand kleben die Romanhelden Finn, Flo und Lukas auf bunter Pappe. Darunter ist auf der gesamten Länge der Wand aus der Vogelperspektive die Route zu sehen, welche die drei Jungs bei ihrer Quest “Querfeldein” in Finn released zurücklegen – aufgemalt auf mehr als zwei Dutzend aneinander geklebte Blätter. Den zweiten Teil Finn reloaded haben die Schülerinnen und Schüler der Klasse 7sp in Form einer Kontaktanzeige an die Wand gebracht, auf der Flos Mutter Sophia einen Mann sucht. Das “sp” in “Klasse 7sp” steht für Sprache. Die Klasse liest “Finn released” und “Finn reloaded” gerade im Unterreicht und hat sogar eine Mappe erstellt, die ich mitnehmen darf. Darin: Umsetzungen der Handlung als Tagebucheinträge oder Cartoons sowie Vorstellungen der Figuren. Die übernehmen heute drei Schülerinnen sogar live, so dass ich zu den Jungs gar nicht mehr viel sagen muss und direkt loslegen kann mit meinen Auszügen aus beiden Büchern. Satz für Satz werde ich anscheinend packender und lustiger, das sehe ich an der Reaktion der 140 Schüler sowie daran, dass Rektor Weber bedeutend länger bleibt als er seiner Höflichkeitspflicht nach müsste. Er amüsiert sich prächtig und verpasst nur das Bonbon am Schluss: die erste öffentliche Lesung einer Szene aus dem gerade erst erschienenen Finn remixed, es ist die Stelle, an der die drei jungen Teenager das erste Mal Bier trinken. Ich spiele und lalle mich in Rage und die Kinder lachen so ausgelassen, als würden sie gerade das erste Mal dabei zuschauen, wie bei “Dinner For One” der Butler über den Tigerkopf stolpert. Nach der Lesung geben die Siebtklässler den jungen Menschen aus der Oberstufe den Staffelstab in die Hand. Wo Lehrerin Judith Kaiser mit den Kleinen “Finn reloaded” liest, analysiert sie mit den Großen seit geraumer Zeit “Voll beschäftigt” und die tragikomischen Implikationen des “Instituts für Dequalifikation”. Eine Fragerunde ist angesetzt, der lebendige Autor steht Rede und Antwort und ist im Stillen so dankbar wie glücklich darüber, dass allein an einer Schule zwei seiner Romane durch die Mangel des Deutschunterrichts genommen werden.

Auf der Rückfahrt mache ich kurz Halt auf einem kleinen Autobahnparkplatz. Grauweißer Schneematsch klebt auf dem Boden und Sticker von Fußball-Ultras rollen sich auf dem eiskalten Kunststoff der Mülltonnen auf. Ich öffne den Drehverschluss einer Wasserflasche sowie die Knisterfolie eines Schokoriegels und schlage noch mal die Mappe auf, welche die Klasse 7sp zu “Finn” gemacht hat. “Wichtige Wörter – besondere Sätze” heißt eine Seite. Die Kids sollten notieren, welche Äußerungen im Buch sie für bedeutsam halten. Slapstick-Sätze wie “Knoppers wächst hier nicht, also iss!” werden nur einmal genannt. Den Satz “Gott bewahre, ich liebe das Leben” nennen die Schüler alleine drei Mal. Die Nebenfigur, die ihn im Roman an den Bahnschienen äußert, haben sie außerdem richtig als den Autor erkannt, der sich mit einem Cameo-Auftritt selbst in den Plot geschrieben hat. Ich lächele. Das Radio flüstert. In Düsseldorf blasen die Plagiatsjäger zum Halali auf Annette Schavan.

(c) Judith Kaiser-Rübsamen

Signieren und Plaudern mit Schülern nach der Lesung

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Tourtagebuch – 10.01.2013 Bochum, Biercafé

Heute trage ich eine große Verantwortung. Ich bin Gast in einer Pilotsendung, die nur fortgesetzt wird, wenn die Macherinnen und Macher Sponsoren finden. Mein Partner bei diesem Talk ist die Fußball-Legende Michael “Ata” Lameck, 518 Einsätze für den Vfl Bochum, die neuntmeisten Spiele aller Bundesligaprofis. Die Talkshow heißt Neulich im Biercafé und findet in der gleichnamigen, winzigen Kneipe gegenüber des Bochumer Schauspielhauses statt, einer Bar, die so klein ist wie der Schellfischposten aus “Inas Nacht”. Bands treten hier auf und Songwriter, Kleinkünstler und Autoren. Tresenchef Bolle greift gerne zur Gitarre, um Irish Folk zum Besten zu geben, für einige Gäste des gut besuchten Abends ist er der eigentliche Star der Show, der Mann ist Kult in der Stadt. Als er in den Talkpausen die rustikalen, melancholischen Klassiker zum Besten gibt, klingt seine Singstimme so kolossal anders als seine Sprechstimme, dass es mich zu einer Frage an Ata Lameck verleitet, obwohl ich selbst gar nicht der Moderator bin. Ich will wissen, ob besonders harte Fußballspieler wie etwa Bernd Hollerbach (in seiner Zeit beim Hamburger SV auch die “Holleraxt” genannt) in dem Moment, wo sie den Platz betreten, ihre Persönlichkeit verändern wie Bolle seine Stimme beim Singen. Ata antwortet diplomatisch. Sobald abgepfiffen ist, seien sie alle Freunde und Berufskollegen, die Feindschaften zwischen Clubs würden zu hoch gehängt. Auch den vom Moderator auf den Tisch gebrachten, von der Presse künstlich erzeugten Kontrast zwischen Trainern der alten Schule und einem Jogi Löw, der Werbung für Nivea mache, kommentiert “Ata” auf wunderbare Weise: “Also ich schwöre ja auf Bebe-Creme. Könnt ihr alle nachgucken, ich habe sie hinten im Auto liegen.”
Der für mich schönste Moment des sehr unterhaltsamen Abends (an dem der Fußballer und ich noch im Jahreszahlen-Raten und Musik-rückwärts-Erkennen antreten und Lameck als Ur-Bochumer das erste Mal was von Hartmut hört), fand allerdings vor Anpfiff der Aufzeichnung statt. Ich stand mit dem unfassbar erfahrenen Sportler im engen Eingang der winzigen Kneipe und fragte ihn nach etwas, was meine Frau wie meine nicht an Fußball interessierten Freunde immer schon behauptet haben: “Sag Mal, Ata, die ganze Strategie, die Theorie, die Spieltag-Analyse in Sport1, bei der wissenschaftlich erklärt wird, warum Spiele verloren gehen … wenn man als Spieler auf dem Platz steht, ist das doch alles hinfällig, oder?” Michael “Ata” Lameck brauchte keine Sekunde, um auf diese Frage hin zu nicken. Das meiste auf dem Platz bleibt Intuition. Man sieht es oder man sieht es nicht. Und: “Die schönsten Modelle fallen in sich zusammen, wenn der Gegner sie nicht mitspielt.” Wir beide jedenfalls waren an diesem Abend, denke ich, ein gutes Team. Die Pilotfolge scheint sich jedenfalls gelohnt zu haben, denn die zweite steht an. Chapeau!

(c) Neulich im Biercafé

"Ata" und ich. Im Vordergrund Tresenchef Bolle beim Irish Folk

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Tourtagebuch – 07.01.2013 Osterode am Harz, Kreisvolkshochschule

Ich stehe auf der Bühne des Filmsaals der Kreisvolkshochschule Osterode und trage meine Arbeitsklamotten aus der heimischen Garage. Die dreckige Gartenhose. Das schmuddelige Sweatshirt. In meiner Hand halte ich die Bohrmaschine meines Großvaters. Dübel liegen auf der Fensterbank, Schrauben, ein Bleistift zum Markieren des Lochs. Das Loch entsteht aber nie, denn ich schauspielere das “simulierte Arbeiten” auf einer Baustelle, wo der Mann zwanzig Minuten lang die Bohrung vorbereitet und dabei Small Talk über Fußball hält, um schließlich, bevor das Loch entstehen kann, “erst mal Pause” zu machen. Auf dem Lesetisch liegt neben Voll beschäftigt auch noch “Wandelgermanen” Wandelgermanen sowie alte, abgegriffene Ausgaben von Adorno, Deleuze und den “Weimarer Beiträgen”. Rund um den Tisch ist eine Kulisse aus Werkzeug und Bierflaschen verteilt. Ich lese zwar auch, aber ich spiele mehr, als ich jemals gespielt habe. Ich fühle mich wie ein Stand-Up-Comedian. Ich fühle mich großartig. Das Sonderprogramm heißt “De-Qualifizierung mit Oliver Uschmann”. Ich eröffne mein Tourjahr im Saal einer Volkshochschule, mit einem “Kurs”, den Hartmut vor sechs Jahren erfunden hat.

Wenn die Fiktion Wirklichkeit wird, findet das Hartmuteske seine Vollendung. Die Sonderveranstaltung im Harz findet nur statt, weil ein abgegriffenes Mängelexemplar von “Voll beschäftigt” das Team der Volkshochschule auf die Idee brachte, einen Kurs zur “De-Qualifizierung von Akademikern” zwischen “Steuererklärung mit ELSTER” und “Hundemassage” in ihr Programm zu schreiben. Die Hundemassage war kein Scherz. Die De-Qualifizierung schon. Der Sozialblog gegen-hartz.de nahm den Witz ernst und dichtete den Kurs sogar dem offiziellen Jobcenter der Stadt an. Im Büro der örtlichen Linken pochten Pulsadern. Verhohnepiepelung von Arbeitslosen, empörender Zynismus. Sorgsamere Medien wie die
Zeit Online, Stern Online oder WDR 3 begriffen den Gag (Kursstart: 1. April 2013) und korrigierten. Programmleiter Jörg Hüddersen und ich telefonierten, als die Wellen hoch schlugen und wurden uns handelseinig. Mache ich eben den Kurs. Als Show. Zur Eröffnung des Volkshochschuljahres. Und es ist herrlich. In der “Pause” ziehe ich mich um, im improvisierten “Backstage” hinter alten Spinden. Reimund Niehus verteilt derweil von mir spendierten westfälischen Schnaps im Publikum. Er ist der Mann, der letzten Sommer mit drei weiteren Freunden beim Oxfam Trailwalk als Team Wandelgermanen hundert Kilometer für den guten Zweck wanderte und dabei mit Hilfe gespendeter Hörbücher zum Roman 2055 Euro sammelte. Hundert Kilometer! In knallroten Trikots mit Hui-Logo. Echte Wandelgermanen, wohnhaft in einem Harzer Dorf und heute Abend hier, den Schnaps verteilend in der Gemeinschaft. Ich sag’s ja: Wenn die Fiktion Wirklichkeit wird, findet das Hartmuteske seine Vollendung.

Ich übernachte im Gästezimmer des Chefs der Volkshochschule, der sein Haus damals selbst gebaut hat. Mit den eigenen Händen. Im Zimmer steht der Gitarrenverstärker seines Sohnes, Aufkleber von Refused und Tool darauf. Der Chef selbst spielt in einer Country- und Bluegrassband, den Los Losers. Überall im Haus hängen Zeichnungen oder Karikaturen der Rolling Stones. Der Chef hat Brot da, das so gut schmeckt, als wäre es in Gottes Erde direkt am Halm gewachsen. Vor allem nach dem Bier und dem Schnaps. Sonst schaue ich auf Hotelparkplätze, wenn ich Sylvia anrufe und vom Erfolg des Abends berichte. Jetzt schaue ich auf Mick Jagger und eine alte Gitarre. So kann das Jahr beginnen.

Das Team Wandelgermanen und ich (ganz links Reimund Niehus)

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Tourtagebuch – 09.10.2010 Bielefeld, Verve

Ich leide unter “PPS” – pathologischer Parkplatzscheu”. Wann immer ich zum ersten Mal einen Veranstaltungsort besuche, fahre ich nicht erstmal vor, sondern parke weit entfernt im erstbestem Parkhaus, das sich mir zeigt. Parkhäuser sind sicher. Parkhäuser sind legal. Seit fast fünf Jahren toure ich nun, ich müsste längst bemerkt haben, dass ich als Künstler wenigstens zum Ausladen immer vor der Tür halten darf. Aber nein, mein “PPS” sagt mir: “Dich kennt hier keiner. Hältst du auch nur eine Sekunde an, stürmen aus Hauseingängen und Löchern in Bäumen lauter kleine Beamten und tackern das Auto mit Strafzetteln voll. Du wirst abgeführt, verhört, nach Kuba verschoben. Die “PPS” wirkt auch heute und so schleppe ich meine Buchhandelskiste mit den Hörbüchern, meine Werkzeugkiste mit dem Merchandise, meine Vorlesetasche, meine Laptoptasche und meinen Rucksack mit wackeligen Knien vom Parkhaus zu der Grillbar, die das Verve eigentlich ist. Schöne Holzmöbel, gemütliche Erkerplätze, goldgelbe Steak Fries. “Klar kannst du hier parken”, sagt der Veranstalter. “Siehst du die Plätze direkt gegenüber, unter der großen Buche?”

Ich parke das Auto um, jetzt, wo ich die “Erlaubnis” habe. Die Buche hat tatsächlich ein riesiges, schwarzes Loch. Ich bin früh, baue in Ruhe auf, Technik, Merchandise und “Trödelmarkt”. Ich versuche immer noch, Requisiten aus der Hui-Ausstellung gegen Spende für den Tierschutz losuzuwerden, aber die Fans alter VHS-Actionfilme sind rar geworden. Eine Viertelstunde vor Beginn sitzen der Veranstalter und ich an der Kasse. Ein Mann fragt, was heute Abend hier los sei, wägt den Eintritt gegen den Preis eines Buches ab und kauft dann das Buch, statt für die Show zu bleiben. Der Veranstalter erzählt von deutschen Künstlern, die in Russland Millionen machen. Er kennt Agenten, die mit ihnen zusammenarbeiten. Er legt Zahlen auf den Tisch. Große Zahlen. Geheime Zahlen. Die russische Oligarchie hat Geld und das gibt sie aus, um sich die Scorpions als Hochzeitsband zu buchen. Noch größer als Klaus Meine und seine Schergen ist im weiten Land der Kälte und der Koniferen nur Thomas Anders, “The Gentleman of Music”, wie er sich selber nennt. Für die Gagen, die er im Osten bekommt, könnte ganz Bielefeld über Jahrhunderte hinweg seine Parkplatzwächter bezahlen.

Mein Auftritt zu Feindesland ist spaßig und, sagen wir, intim. Um es vorsichtig auszudrücken: Die Anwesenden haben genug Zeit, mir zwischendurch ihre Lebensgeschichte zu erzählen, so dass ich sie auf der Stelle in kleine Biografien umsetzen und als Book on Demand ins Netz stellen kann. Die alten VHS-Videos kaufen sie trotzdem nicht. Der Veranstalter kann nichts dafür, die Grillbar erst Recht nicht. Die Steak Fries sind grandios. Ich bestelle sie mir vor der Show, während der Show und nach der Show. Ich habe in letzter Zeit Kartoffelsucht. Als der Auftritt beendet ist und sämtliche Besucherbiografien im Netz stehen, räume ich gegen Mitternacht den Wagen ein. Ein kleiner Knöllchenbeamter steigt aus dem Loch in der großen Buche. Mein Herz bleibt stehen. “PPS” in Reinform. Der Mann grinst und zieht seine Hose zu. Es ist gar kein Polizist. Nur ein Wildpinkler. “Hier kann man komplett im Baum verschwinden”, sagt er und ist rundum glücklich. Ich schließe die Tür des Wagens, schiebe eine CD von Mark Lanegan ein, weil der so beruhigend brummt, und lasse den Motor an.

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Tourtagebuch – 07.10.2010 Fulda, Vonderau Museum

Ab diesem Eintrag kann der Zusatz “reloaded” wieder wegfallen, denn die Tagebücher vom 07.10.2010 bis zur Gegenwart im Jahre 2012 schreibe ich alle zum ersten Mal. Macht aber nichts, denn jeder Tag steht vor mir, als wäre er gestern gewesen. Was andere “Erinnerung” nennen, ist bei mir immer wie eine Zeitreise. Und da beginnt sie schon…

Es ist schön, wenn man sich kennt. In Halle 4 ist die Buchmesse wie ein Klassentreffen. Mit dem Vorteil, dass die Verleger in der Abteilung “Junge Verlage” mich erst kennen, seit ich “Oliver” heiße. Sie begrüßen mich folglich nicht mit einem bauchigen “Ooooolliiiiieee!”, das klingt, als brülle mich die gesamte Hamburger Nordkurve nieder. Statt dessen brühen sie in ihren kleinen Maschinen frischen Kaffee auf, klopfen auf das Sitzkissen und hören sich an, was ich ihnen vorzustellen habe. Ich bin als Mentor unterwegs heute morgen, als Förderer neuer Talente, die ich in meinen Workshops oder über Zusendungen an Wortguru entdecke. Den anspruchsvollen Indieverlagen stelle ich die Manuskripte meiner besten Schäfchen vor, mündlich natürlich. Ich prüfe ab, wem ich was schicken darf, nach der Messe, wenn die Plätzchenreste im Büro aus der Messekiste in die Tonne purzeln. Ich putze goldene Klinken. Bei meinen eigenen Verlagen führe ich Geschäftsgespräche auf der “Dachterasse” des doppelstöckigen Standes oder tue so, als sei ich nicht geschmeichelt, wenn ein Fotograf des Börsenvereins des deutschen Buchhandels mich mit einem Exemplar von Hartmut und ich im breiten Gang neben der S.Fischer-Insel ablichten möchte.

Am Abend sitze ich unter Jesus Christus. Er steht als Statue rechts über mir in der Kapelle des Museums Vonderau in Fulda. Er beobachtet die Diashow mit den Abgründen Berlins, die ich zur Feindesland-Show mitgebracht habe. In der ersten Reihe sitzen ältere Herrschaften, hochgebildet, Professoren und Geistliche. Zumindest unterstelle ich ihnen das. Sie könnten auch Baufirmen für Bergbaubohrungen besitzen, aber für mich sind sie alle Theologen und Germanisten. Im Foyer begrüßten mich vorhin wichtige Verordnete. Sie gaben mir Mappen mit Material zur Stadt. Ich trage Lackschuhe, die auf dem Weg zur Bühne klackerten. Ich habe schon Ratzinger gelesen und mit Drewermann gesprochen, alles im selben Leben, aber das Ambiente macht mich trotzdem nervös. Es motiviert aber auch. Der sakrale Rahmen und die unterstellten Literaturhorizonte in den Köpfen der Zuhörer, die mindestens bis Gryphius zurückreichen, lassen mich pointiert vortragen. Dramatisch. Dem Echo angemessen, das die Kapelle bei jedem meiner Worte erzeugt. Den Battle Rap lasse ich heute mal weg, dafür verwandelt sich der Roman in das ernste Drama, das er bei allen Lachern schließlich auch ist.

Nach der Show spüre ich Jesus’ Blick in meinem Nacken, während die Geistlichen und Akademikermich loben. Christus kann meine Gedanken lesen und so merkt er gerade, dass ich die Lust verliere, den Empfang des S.Fischer-Verlages in Frankfurt zu besuchen, in das ich gleich wieder zurückfahre. Schon auf der Hinfahrt fiel mir auf, dass es von Frankfurt nach Fulda kein Katzensprung ist. “Auftritt während der Buchmesse” – das klingt, als sei Fulda ein Vorort der Bankenmetropole, dabei ist die altehrwürdige Stadt so weit von der Messe entfernt wie Köln von meinem Heimatdorf im Münsterland. Hastig schaufelte ich vor dem Auftritt einen Berg Pommes auf einem Rasthof kurz vor der Stadt in mich hinein. In Ruhe will ich bei meiner Rückkehr den zweiten Berg Pommes auf dem Hotelbett verspeisen, statt mit Roger Willemsen und Ralf Husmann zum Häppchen anzustoßen. Nichts gegen meine prominenten Verlagskollegen, aber wenn ich ankomme, ist es schon nach Mitternacht. Kurzum: Die Bequemlichkeit, nur noch bei Burger King halten zu müssen und mich dann entkleidet auf das Bett zu werfen siegt über die Eitelkeit, die Schuhe anzubehalten und später erzählen zu können, dass ich im Grunde wöchentlich mit Stars diniere. Jesus gefällt das, auch wenn er kein Fan von Burger King ist. Um ein Uhr nachts, der Bauch ist voll und das ganze gläserne Tophotel mit der transparenten Duschkabine in der Zimmermitte leuchtet irgendwie blau, ziehe ich noch mal Post und bekomme Nachricht von einem Zuhörer, der in Fulda war: “Chapeau, Herr Uschmann. Ihr Auftritt war grandios! Als hätte man einen Detlev-Buck-Film mit einem Roman von Ephraim Kishon gekreuzt. Ich gehe nicht oft zu Lesungen, meine Frau nahm mich mit, ich habe eine Baufirma, wissen Sie? Bergbau und so. Da schwingt vielleicht was bei Ihnen, als alter Ruhrpottler.” Ich schmunzele und stecke eine Pommes in den Mund, die sich im zerknüllten Papier versteckt hat.

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Wundlauf 2007 – Vorläufiges Fazit

Der Wundlauf 2007 hat mich härter gemacht. In vielerlei Hinsicht. Ich habe körperlich etwas auf mich genommen, von dem ich selber überrascht bin, es geschafft zu haben. Ich habe mir selbst mein Durchhaltevermögen bewiesen, das ich zwar bereits kannte, das hierin aber einen unvergleichlichen Beleg gefunden hat. Ich bin stolz auf mich und habe eine neue Landschaft in meine Erinnerungslandkarte geschrieben, die ich geistig immer wieder ablaufen kann und deren Umfang und Detailreichtum atemberaubend ist. Daher muss ich erst mal alles sacken lassen, bevor ich ein echtes Fazit verfasse. Hier sprechen erstmal die…

Fakten des Wundlaufs

Schritte: 394.206
Kilometer: 278,3
Blasen: keine
Risse und Wunden: unzählige

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