Tourtagebuch – 07.10.2010 Fulda, Vonderau Museum

Ab diesem Eintrag kann der Zusatz “reloaded” wieder wegfallen, denn die Tagebücher vom 07.10.2010 bis zur Gegenwart im Jahre 2012 schreibe ich alle zum ersten Mal. Macht aber nichts, denn jeder Tag steht vor mir, als wäre er gestern gewesen. Was andere “Erinnerung” nennen, ist bei mir immer wie eine Zeitreise. Und da beginnt sie schon…

Es ist schön, wenn man sich kennt. In Halle 4 ist die Buchmesse wie ein Klassentreffen. Mit dem Vorteil, dass die Verleger in der Abteilung “Junge Verlage” mich erst kennen, seit ich “Oliver” heiße. Sie begrüßen mich folglich nicht mit einem bauchigen “Ooooolliiiiieee!”, das klingt, als brülle mich die gesamte Hamburger Nordkurve nieder. Statt dessen brühen sie in ihren kleinen Maschinen frischen Kaffee auf, klopfen auf das Sitzkissen und hören sich an, was ich ihnen vorzustellen habe. Ich bin als Mentor unterwegs heute morgen, als Förderer neuer Talente, die ich in meinen Workshops oder über Zusendungen an Wortguru entdecke. Den anspruchsvollen Indieverlagen stelle ich die Manuskripte meiner besten Schäfchen vor, mündlich natürlich. Ich prüfe ab, wem ich was schicken darf, nach der Messe, wenn die Plätzchenreste im Büro aus der Messekiste in die Tonne purzeln. Ich putze goldene Klinken. Bei meinen eigenen Verlagen führe ich Geschäftsgespräche auf der “Dachterasse” des doppelstöckigen Standes oder tue so, als sei ich nicht geschmeichelt, wenn ein Fotograf des Börsenvereins des deutschen Buchhandels mich mit einem Exemplar von Hartmut und ich im breiten Gang neben der S.Fischer-Insel ablichten möchte.

Am Abend sitze ich unter Jesus Christus. Er steht als Statue rechts über mir in der Kapelle des Museums Vonderau in Fulda. Er beobachtet die Diashow mit den Abgründen Berlins, die ich zur Feindesland-Show mitgebracht habe. In der ersten Reihe sitzen ältere Herrschaften, hochgebildet, Professoren und Geistliche. Zumindest unterstelle ich ihnen das. Sie könnten auch Baufirmen für Bergbaubohrungen besitzen, aber für mich sind sie alle Theologen und Germanisten. Im Foyer begrüßten mich vorhin wichtige Verordnete. Sie gaben mir Mappen mit Material zur Stadt. Ich trage Lackschuhe, die auf dem Weg zur Bühne klackerten. Ich habe schon Ratzinger gelesen und mit Drewermann gesprochen, alles im selben Leben, aber das Ambiente macht mich trotzdem nervös. Es motiviert aber auch. Der sakrale Rahmen und die unterstellten Literaturhorizonte in den Köpfen der Zuhörer, die mindestens bis Gryphius zurückreichen, lassen mich pointiert vortragen. Dramatisch. Dem Echo angemessen, das die Kapelle bei jedem meiner Worte erzeugt. Den Battle Rap lasse ich heute mal weg, dafür verwandelt sich der Roman in das ernste Drama, das er bei allen Lachern schließlich auch ist.

Nach der Show spüre ich Jesus’ Blick in meinem Nacken, während die Geistlichen und Akademikermich loben. Christus kann meine Gedanken lesen und so merkt er gerade, dass ich die Lust verliere, den Empfang des S.Fischer-Verlages in Frankfurt zu besuchen, in das ich gleich wieder zurückfahre. Schon auf der Hinfahrt fiel mir auf, dass es von Frankfurt nach Fulda kein Katzensprung ist. “Auftritt während der Buchmesse” – das klingt, als sei Fulda ein Vorort der Bankenmetropole, dabei ist die altehrwürdige Stadt so weit von der Messe entfernt wie Köln von meinem Heimatdorf im Münsterland. Hastig schaufelte ich vor dem Auftritt einen Berg Pommes auf einem Rasthof kurz vor der Stadt in mich hinein. In Ruhe will ich bei meiner Rückkehr den zweiten Berg Pommes auf dem Hotelbett verspeisen, statt mit Roger Willemsen und Ralf Husmann zum Häppchen anzustoßen. Nichts gegen meine prominenten Verlagskollegen, aber wenn ich ankomme, ist es schon nach Mitternacht. Kurzum: Die Bequemlichkeit, nur noch bei Burger King halten zu müssen und mich dann entkleidet auf das Bett zu werfen siegt über die Eitelkeit, die Schuhe anzubehalten und später erzählen zu können, dass ich im Grunde wöchentlich mit Stars diniere. Jesus gefällt das, auch wenn er kein Fan von Burger King ist. Um ein Uhr nachts, der Bauch ist voll und das ganze gläserne Tophotel mit der transparenten Duschkabine in der Zimmermitte leuchtet irgendwie blau, ziehe ich noch mal Post und bekomme Nachricht von einem Zuhörer, der in Fulda war: “Chapeau, Herr Uschmann. Ihr Auftritt war grandios! Als hätte man einen Detlev-Buck-Film mit einem Roman von Ephraim Kishon gekreuzt. Ich gehe nicht oft zu Lesungen, meine Frau nahm mich mit, ich habe eine Baufirma, wissen Sie? Bergbau und so. Da schwingt vielleicht was bei Ihnen, als alter Ruhrpottler.” Ich schmunzele und stecke eine Pommes in den Mund, die sich im zerknüllten Papier versteckt hat.

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Wundlauf 2007 – Vorläufiges Fazit

Der Wundlauf 2007 hat mich härter gemacht. In vielerlei Hinsicht. Ich habe körperlich etwas auf mich genommen, von dem ich selber überrascht bin, es geschafft zu haben. Ich habe mir selbst mein Durchhaltevermögen bewiesen, das ich zwar bereits kannte, das hierin aber einen unvergleichlichen Beleg gefunden hat. Ich bin stolz auf mich und habe eine neue Landschaft in meine Erinnerungslandkarte geschrieben, die ich geistig immer wieder ablaufen kann und deren Umfang und Detailreichtum atemberaubend ist. Daher muss ich erst mal alles sacken lassen, bevor ich ein echtes Fazit verfasse. Hier sprechen erstmal die…

Fakten des Wundlaufs

Schritte: 394.206
Kilometer: 278,3
Blasen: keine
Risse und Wunden: unzählige

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Tourtagebuch Reloaded – 06.10.2010 Frankfurt, Buchmesse & Ponyhof

Wenn man hartmuteske Post-Pop-Literatur macht, lebt man ständig in Parallelgesellschaften. Am Vormittag gehöre ich zum Buchmessen-Milieu, schreite selbstsicher auf spitzen Designerschuhen durch die Gänge, sage alten Verlagsbekannten “Hallo” und werde, kaum, dass ich eine Minute am Stand von S.Fischer stehe, von einem Fotografen des Börsenblatts des deutschen Buchhandels für die Messeausgabe fotografiert. Dann gucken die Leute, “wer ist denn das?”, man hält sein Buch hoch und fühlt sich recht berühmt. Die Autorin Renate Behr aus unserem Nachbardorf Werne fängt mich in Frankfurt ab und wir plaudern ein Ründchen, was uns im münsterländischen Alltag noch nie gelungen ist. Ober-Blogger Sascha Lobo schiebt seinen roten Iro durch den Engpass meines Verlages und weiß nicht, wie gerne ich bei Auftritten über ihn und seine unablässige Apologie der modernen Technik lästere. Während meine Lektorin und ich an einem kleinen Tisch mit “Reserviert!”-Schildchen ein Manuskript besprechen, gibt Maddin Schneider ein Interview. Im Regal hinter uns stehen zwanzig Exemplare des neuen Weltrettungsbuches von Comedian Olaf Schubert. Der ist jetzt auch Verlagskollege. Meine Lektorin und ich reden über Plot Points und streichen überflüssige Charaktere, während die Zuschussverlage in den windigen Ecken der Messehalle lauter unschuldige Anfänger wie Spinnen in ihre Netze locken. Den halben Tag war ich auf der Autobahn. Heute morgen saß ich um 7 Uhr im Dunkeln im gelb-braunen Uralt-Interior der Raststätte Wildeshausen und schälte mein Frühstück aus einer Folie. Mittlerweile stinken in den Designerschuhen meine Bambussocken.

Am Abend gehöre ich zum Alternativ-Milieu, denn ich lese in einem Club namens Ponyhof in der Frankfurter Altstadt. In der Klappergasse, in welcher der Club liegt, wird man von einer gusseisernen Figur namens “Frau Rauscher” mit Wasser bespritzt. Die echte Frau Rauscher lag eines Sonntag Nachmittags des 19. Jahrhunderts mit einer Beule am Kopf in der Gasse und wurde von den Kindern verspottet, weil sie womöglich trunken die Balance verloren hatte. Sie ist die Schutzbesoffene des Apfelweins. Da ich von Frau Rauscher bislang nichts wusste, schaue ich wie ein Ameisenbar nach oben in die Fachwerkgiebel, da ich dort bösartige Jugendliche vermute. Immerhin trage ich gerade hektisch meine Kisten zum Club, während der Wagen auf der Hauptstraße blinkend in zweiter Reihe steht. Der Auftritt ist recht laut und spontan, ich bin ein wenig benebelt von Qualmresten und den “alternativen” Eindrücken aus schummerigem Licht, tausenden von Bandaufklebern und Redakteur Jan vom Trust Fanzine, der seit dem ersten Hui-Roman über mich schreibt. Das Trust selbst hat schon in grauer Vorzeit mein Fanzine Open End gelobt und verrissen. In der Pause plaudern Jan und ich über Feindesland, Punkbands, Interviews und Frankfurt, die Stadt. Nach der Show ist er weg, “war zu voll”, wie er im Nachhinein zugibt. Beim Aufräumen läuft als “Hintergrundmusik” im an die Anlage angeschlossenen iPod des Veranstalters nicht etwa lockeres Gedudel, sondern ein unfasslich nervtötendes Black-Metal-Geratter. Es sind Carpathian Forest mit Sänger Roger “Nattefrost” Rasmussen und Gitarrist Gøran “BloodPervertor” Bomann. Wo zum Aufräumen ein Mann namens BloodPervertor Gitarre spielt, ist man in einer anderen Welt als auf der Buchmesse…

… oder im Hotel.
Denn in der Nacht gehöre ich zum Business-Class-Milieu. Im Innside Hotel sind die Aufzüge gläsern und die Duschen stehen durchsichtig im Raum. Design pur. Und im Fahrstuhl sowie auf meinem Laptop läuft Lounge-Musik. Das ist mir lieber.

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Tourtagebuch Reloaded – 30.09.2010 Osnabrück, Café Spitzboden

Das Café Spitzboden ist das Dachgeschoss der Lagerhalle in Osnabrück. Alte Bohlen, kleine Bar, süßes Backstage mit Spiegel und reichhaltigem Kaltbuffet. Hier baue ich heute Abend das erste Mal Hartmuts Garagenverkauf als Trödeltisch neben dem Büchertisch auf. VHS-Videos, Playstationspiele und Artefakte aus der WG. Ich nenne es “Katzentisch”, weil die Erlöse komplett an die Katzenkinder-Nothilfe in Hamm gehen. Im Erdgeschoss spielen heute drei klassische Heavy Metal-Bands, aber während der Lesung oben hört man davon zu meinem Erstaunen nichts, aber auch gar nichts! Nicht mal Vibrationen des Bodens! Im ersten Stock zwischen den Etagen sagt mir Sylvia am Telefon wie vor jedem Auftritt, zu dem ich alleine reise, wie ich heute Abend das Haus rocken soll. Es tut gut, das zu hören, den Blick auf alten S/W-Fotos von Konzerten in Osnabrück, Jazz und Kultur. Ich rocke, spiele, lese szenisch und bin ein wenig irritiert von einer Lokaljournalistin, die auch während der Lesung am Tisch in der ersten Reihe ihren eigenen Bedürfnissen gut hörbar Luft macht und zu ihrer Freundin sagt: “Ach Gottchen, jetzt kommt noch ein Abschnitt, dabei habe ich letzte Nacht nur vier Stunden geschlafen!” Ihr gefällt, was ich mache, aber sie “will nur noch ins Bett!” und alle sollen es wissen. Vom Trödeltisch verkaufe ich gar nichts, weil ich die Retro-Liebe des Publikums unterschätze. Heute schaffe ich den Weg heim ohne Hotel. Auf den lezten Metern erwischt mich fast der Sekundenschlaf. Aber Heim, Weib und Katz sind es wert, denn auch ich “will nur noch ins Bett”.

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Tourtagebuch Reloaded – 23.09.2010 Goch, Café Lesezeichen

Ich bin ein Feind von “Gutmenschen”, wenn sie in Brüssel sitzen und in feister Selbstgerechtigkeit zu unser aller Bestem an der EUdSSR arbeiten. Ich bin ein Freund von Gutmenschen, wenn sie ihren Namen verdient haben und ganz konkret richtige Dinge tun. Wie etwa der Liedermacher, Kinderbuchautor, Dichter und Tausendsassa Hermann van Veen, dessen Stiftung hier in Goch das Alfred Judokus Kwak-Haus baut. Ich habe ein Portrait dieses Mannes bei der WDR-Kindersendung Lilipuz gehört. “Er hat sich beim Interview in seinem riesigen Garten zu 100% auf uns eingelassen”, sagten die Kinder zurecht, “man merkte, dass er nie mit den Gedanken woanders war.” Van Veen hat über 3000 Songs geschrieben, über 120 Bücher, und er ist immer im Hier und Jetzt. Sicher hat er kein iPad. Ich lobe ihn, als ich im Rahmen der Gocher Aktionswoche “Ab in die Mitte!” im Café Lesezeichen lese. Eigentlich hatten wir bereits draußen im Rathausinnenhof vor der lässigen Strandbar aufgebaut, inklusive Leinwand, aber da es regnet wird es intim und unplugged. Die Gäste sind wie in Detmold hartmutesk unbeleckt und lernen ihn erst heute Abend kennen. Zu Feindesland lese ich noch Das Brecheisen aus Voll beschäftigt, weil es eine Niederrhein-Geschichte aus Wesel ist, das einige hier kennen. Die Nacht verbringe ich aufgrund akuter Müdigkeit spontan in einem finsteren City-Hotel in Kleve, da Goch bereits voll war. In der Schmidt-Show sehe ich das erste Mal die mittlerweile sehr bekannte Szene aus dem Schweizer Bundesrat, in welcher der Finanzminister beim Ablesen eines absurden Paragrafen einen Lachkrampf bekommt. Es ist das Beste, was ich seit langem gesehen habe.

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Tourtagebuch Reloaded – 22.09.2010 Detmold, Buchhandlung am Markt

Detmold ist eine behagliche Stadt, ein Nähkästchen. Fachwerk, Eleganz, Geld. Einen Parkplatz finde ich vor einer Buchhandlung, die Kafka heißt. Lesen werde ich in einer Buchhandlung gegenüber einer Kirche, die etwas Spanisches an sich hat. Idylle, Zivilisation. Die Lesung klein, behaglich eben, zwölf Personen anwesend, alle unwissend, alle nach der Show neue Anhänger des hartmutesken Denkens. Alle erfreut, dass ich ihnen Lustiges über ihre eigene Stadt erzähle. Zum Beispiel, dass hinter dem Parkhaus ein sympathischer junger Bettler sitzt, der sehr nett den Weg weist und den Leuten seine Hausmaus zeigt, die ihre kleine Nase aus einem Gulli streckt. Oder, dass ich im 4-Sterne-Traditionshotel am Ort, dessen Zimmer Stephen-King-artig mit Blumenmustern durchtapeziert ist, keinen Fernseher finde, obwohl eine Fernbedienung auf dem Nachttisch liegt. Nach der Lesung wieder mit einer Tüte chinesischem Essen auf dem Zimmer angekommen, versuche ich es noch mal, laufe wie Hein Blöd durch den Raum und drücke die Taste in der irren Erwartung, es würde irgendwo im Schrank oder sonstwo ein Gerät angehen. Geht es aber nicht. Auf einem gepolsterten Bettkasten vor dem Bett, in dem sicher ein drittes Klappbett für Zusatzgäste lagert, liegen meine Klamotten. Ich will fernsehen, verdammt, es läuft doch Bundesliga, englische Woche, Sport-Studio um 22:30 Uhr! Ich setze mich aufs Bett. Auf dem Nachttisch liegt eine winzige zweite Bedienung und zwar für eine Markise, mit den Tasten für Auf und Ab. Ich drücke sie, um zu sehen, ob vor dem Fenster tatsächlich eine Markise ausfährt, als sich zu meinem Erschrecken der Bettkasten öffnet und der gepolsterte Deckel samt meiner Klamotten hochgestemmt wird. In der Erwartung, nun einen Zombie dort hinaussteigen zu sehen, surrt ein gigantischer Fernseher nach oben. Na super, Detmold! Als ich am nächsten Morgen duschen will, bemerke ich, dass die Dusche hier nur eine Handbrause hat. Ich stelle sie an, drücke eine fast unsichtbar in die Kacheln eingelassene Taste und kriege einen Herzinfarkt, als kaltes Wasser aus dem Regenwald-Duschkopf auf mich niedersaust. Den habe ich auch nicht gesehen. Bevor Detmold mich mit weiteren Tricks Kopf und Kragen kostet, reise ich ab. Es ist eine behagliche Stadt.

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Tourtagebuch Reloaded – 21.09.2010 Dortmund, FZW (Büroshow mit Raymund Krauleidis & Boris Gott)

Raymund tippt. Ich sortiere Quittungen. Wir beide sitzen auf der Bühne des Dortmunder FZW an zwei Schreibtischen inmitten einer theatertauglichen Bürokulisse. Ich bin sogar so weit gegangen, meine echte (!) heimische Ablage in einem Wäschekorb mitzubringen, Quittungen, Papiere und Chaos aus sechs Wochen, alles unsortiert, weil ich zu nichts komme. Die Show heute Abend ist eine Büro-Show, denn Raymund hat ja bekanntlich als meine Entdeckung den Büroroman “Schmoltke und ich” geschrieben und
bloggt auch dazu. Ich lese nur Stellen aus allen Hui-Romanen, die irgendwie mit Bürokratie zu tun haben. Am lustigsten ist für alle Anwesenden allerdings sowieso unser Gequatsche dazwischen. So entdecke ich in meinem Bürokram die Rechnung für den Schwarzlicht-Urintester, den wir neulich erworben haben und erkläre Raymund und den Leuten, wozu ich ihn brauche und wie ich neben Katzenprotest-Prüfungen daheim Hotelklos checke, um bei Urinspuren Geld zu reklamieren, das gar nicht ich, sondern der Veranstalter gezahlt hat. Außerdem finde ich einen Merkzettel zwischen meinen Sachen, über den Raymund Tränen lachen muss. Auf dem Zettel steht: “Geld verdienen!” Ja, an manches muss man eben zwischendurch erinnert werden! Nach unserem Doppel, das ich grandios fand und gerne wiederholen möchte, da ich mich auf einer Bühne wie zu Hause fühle, wenn ich mein echtes Büro mithabe (und sogar noch was wegschaffe, während mein Partner liest!), spielt Boris Gott zum Konzert auf. Trotz Klangproblemen füllt er den Raum später sogar Unplugged mit Stimmpräsenz und Humor, seinen Ruhrpott-Hit Bukowski-Land werde ich die kommenden 14 Tage nicht mehr aus dem Schädel kriegen. Mit einigen guten Bekannten stehe ich noch vor dem Club und lasse mich von den Videoinstallationen auf den gigantischen LED-Schirmen auf dem Unions-Turm gegenüber hypnotisieren. Ich hab Büro gemacht. Was für ein Abend.

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Tourtagebuch Reloaded – 09.09.2010 Lüneburg, Salon Hansen

“Wie geil ist das denn? Oliver Uschmann?”
Der junge Mann auf dem Parkplatz des Rasthofes hat mich erkannt. Das kommt selten vor. Ich bin müde, habe den dritten Kaffeebecher des Tages in der Hand und stelle ihn auf das Dach des Autos. “Nimmst du mich mit, ich muss ohnehin nach Lüneburg? Wie geil ist das denn?”
Ich nehme ihn mit, was soll mir ein Anhalter, der meine Romane mag, schon groß tun? Auf der Fahrt hüpft er auf dem Beifahrersitz herum und ist total aufgeregt. “Ich bin auf Tour mit Uschmann!”, jauchzt er und beginnt mir davon zu berichten, wie er sich so eine Tournee vorstellt. Wie er sich das Leben eines Star-Autors und Rockjournalisten von VISIONS vorstellt. Und mit jedem Meter merke ich: Ach, du großer Gott, der denkt, das alles sei glamourös. Der denkt, ich sei wild und exzentrisch und trinkfest. Der Junge ist vielleicht 19 und ich weiß, wie ich damals war. Ich kann ihn jetzt nicht mit der Wahrheit enttäuschen. Ich kann nicht den Tag und die Lesung mit ihm verbringen und einfach tun, was ich immer tue. Höflich auf Rasthöfen zahlen, vor dem Club ausladen, freundlich mit Veranstalter und Fans plaudern, die Show spielen und danach aufs Zimmer gehen, um beim elften Kaffee des Tages noch zu arbeiten. Also halte ich beim nächsten Rasthof an und sage: “Wir machen jetzt mal eine Hartmut-Aktion!” Der Junge strahlt. Wir gehen rein, ziehen ein Ticket für das Sanifair-Klo, betreten die Toiletten, drehen um und gehen sofort wieder raus. Der Junge stutzt. Ich grinse, schmeiße wieder 50 Cent ein und wiederhole die Aktion. So lange, bis die Frauen hinter der Kasse und an der Kaffeebar schon dumm gucken. Mit Sanifair-Warengutscheinen für satte 5 Euro in der Hand gehe ich dann zur Lavazza-Bar, lege die Dinger auf die Theke und sage: “Boah, man kann gar nicht so viel scheißen, wie man fressen möchte!” Ich reibe mir den Hintern. “Ja, was gucken Sie denn so, machen Sie mir mal einen schönen, braunen Mokka und einen Donut mit Nougatfüllung. Hab’ ja nicht umsonst die Keramik gesprengt!” Der Junge jauchzt, er schmeißt sich weg, er simst es sofort an seine Kollegen.

Kurz vor Lüneburg fragt er mich, in welchem 5-Sterne-Hotel ich denn wohne. Die Wahrheit ist, dass der Salon Hansen nicht reich ist und mir deshalb nur ein Zimmer über einem chinesischen Restaurant gebucht hat, mit Dusche und Klo auf dem Flur. Als wir dort ankommen, erkläre ich es dem Jungen. “Das ist Absicht, Alter!”, sage ich, “ich will auch manchmal wieder runter kommen von der ganzen dekadenten Scheiße.” Dann schnipse ich dem chinesischen Chef zu und sage: “Machen Sie bitte mal zwei Reiswein für uns!” Ich bin da, ich muss ja jetzt das Trinken anfangen, damit der Junge nicht enttäuscht ist.

Im Club – das Bühnenbild steht und wir haben bereits drei Astra auf den Reiswein gekippt – fragt mich der Junge: “Kommt denn heute auch ein Rockstar vorbei? Du kennst die doch alle! Wohnt nicht Bela B. in Hamburg? Der ist doch dein Buddy. Kommt der heute rüber?” Ich verneine, sage aber, dass durchaus einer käme, gehe aufs Klo, schwanke, weil ich sonst nichts oder wenig trinke und wühle durch mein Handy. Ich finde den Gitarristen einer hier aus Datenschutzgründen nicht genannten Metalcore-Combo und rufe ihn an, ob er vorbeikommen und für einen labilen Jungen mit mir den wilden Mann spielen kann. Er hat eigentlich keine Zeit, weil seine zwei Kleinkinder zu betreuen sind, aber er diskutiert einen Augenblick mit seiner Gattin im Hintergrund und verspricht, sich für 22 Uhr eine Stunde lang loszueisen. Er hat noch was gut bei mir; jeder Rockmusiker hat bei einem Journalisten wie mir irgendwie noch was gut. Nach der Show, die ich lauter und exzentrischer als sonst gestalte, steht der Metalcore-Mann vor der Tür, trägt extra ein Shirt von “Terror” und zieht mit mir und dem Jungen um die Häuser. Wir schießen Bierdosen, treten Laternen aus, grölen. Ich fühle mich alt und heuchlerisch, habe aber auch Spaß dabei. Ich schiele nach der Polizei. Als der Junge pinkeln ist, zische ich: “Ich kann nicht mehr, Alter. Wie werden wir den Jungen los?”
“Ich habe das was vorbereitet.”
Kaum, dass der Junge wieder da ist, breitet mein Kollege auf einer groben Mauer im Nachtschatten einer Kirche ein Blättchen mit weißem Pulver aus und fängt an, mit mir zu koksen. Natürlich ist es nur Puderzucker, aber der Bluff funktioniert. Wir gehen aufs Ganze, fragen den Kleinen, ob er auch mal will und sehen, wie er sich dreht und windet, weil er einerseits uns Rockstars nicht enttäuschen will, harte Drogen ihm aber doch zu viel sind. “Dann komm wenigstens noch mit in den Puff!”, sage ich, so ernst ich kann und auf einmal muss der Teenager nach Hause. Er bedankt sich für den geilen Tag, im Rückwärtsgehen, lächelt gequält und verschwindet dann.

“Boah!”, atme ich neben der Kirche aus, heiliger Gesangsverein.
“Das kannste laut sagen”, sagt mein Metal-Kollege.
“Man will sie aber auch nicht enttäuschen”, sage ich.
“Ne, will man nicht”, sagt der Kollege und muss es ja wissen. Er spielt Terror-Mucke und ist zweifacher Vater mit Carport.

Kaum zehn Minuten später sinkt er in sein Ehebett und ich auf mein Nachtlager beim Chinesen.

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Tourtagebuch Reloaded – 08.09.2010 Bochum, Museum (Lesemarathon der Literarischen Gesellschaft Bochum)

Die Ruhr-Uni Bochum hatte schon immer etwas Surreales, etwas von einem Holo-Deck. Ich habe diese Atmosphäre kürzlich sogar in einem Buch beschrieben, der Ruhr-Anthologie Von Menschen und Orten, dies nur so am Rande, weil sich das Buch als kleine Veröffentlichung nicht aufdrängt. Für mich, der viele Jahre in der Umgebung der RUB gelebt hat, erstreckt sie sich als Organismus bis weit in die Stadt hinein. Sie hat ihre Ausläufer wie eine Kulisse in einem Adventure, in welchem sich immer wieder noch ein Geheimraum findet. Mysteriöse Durchgänge wie die Klappen hinter den Betten der Beamten bei Kafka, die ohne Umweg wieder ins Gericht führen. Vom 3. bis 10. September gehört das Kunstmuseum Bochum zu diesen Räumen des Merkwürdigen, denn die Literarische Gesellschaft Bochum hat unter Federführung des Literaturwissenschaftlers Ralph Koehnen einen Lesemarathon angesetzt. Sieben Tage, 24 Stunden am Tag, lesen hier in dem länglichen Saal hinter der Glaswand Mitglieder der Literarischen Gesellschaft und des Schauspielhauses, Gast-Autoren und Bewerber aus dem Laienbereich Texte zum Thema “Tugend und Laster”. Ich bin heute Abend von 23 Uhr bis Mitternacht dran und als ich gegen 22 Uhr ankomme und zunächst mal vorne an den kleinen Tischen einen Kaffee trinke, hat mein ehemaliger Dozent und heute Kollege an der RUB – Ralph Koehnen eben – schon dicke Ringe unter den Augen. Er zieht sein Projekt durch wie ein germanistischer Jack Bauer, man munkelt sogar, er habe schon eine Nacht im Auto geschlafen. Im Foyer huscht eine Maus mit unglaublich großen Ohren herum, Ohren wie ein Chinchilla. Als ich lese, fühlt es sich schon an wie 3 Uhr nachts, obwohl es erst elf ist, dennoch sind nur acht Leute da; es ist spät für einen Werktag. Es gab allerdings, so Ralph, noch keine einzige Lesestunde ohne echten Besucher, mindestens ein Gast, der nicht zum Team gehörte, war immer anwesend, dazu 20-30 am Livestream im Netz. Ich lese Nachtgeschichten aus der Hui-Welt, die zugleich mit Tugend und Laster zu tun haben, “Nachtprogramm” aus Hartmut und ich, das Kapitel “Baal” aus Feindesland und “Der Pendler” aus Voll beschäftigt. Nach dem Auftritt filmen mich die Leute der brandneuen Seite Bochum Videos für ihren Film über den Lesemarathon, der überaus gelungen ist. “Die Augenringe hängen bis zum Boden”, sagt Ralph Koehnen darin. Und wir alle sind heute Nacht Jack Bauer.

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Tourtagebuch Reloaded – 01.08.2010 Oelde, Kulturgut Haus Nottbeck (Abbau der Ausstellung)

Es ist vorbei.
17:59 Uhr am letzten Öffnungstag der Hui-Ausstellung.
Noch eine Minute bis zum offiziellen Ende und ich laufe bereits zwischen Cafeteria, Auto und Rasthof hin und her und fühle mich dabei wie jemand, der seine Ferienwohnung ausräumt. Ich habe Werkzeug dabei und Kartons. Ich habe Wehmut dabei und Arbeitsdrang. Ich habe die Schauspieltruppe aus Erlangen verabschiedet und jedem Einzelnen eine signierte Hartmut-Fibel geschenkt. Sie haben den ganzen Sonntag lang im Wohnzimmer gefilmt, da sie die Chance der authentischen Kulisse für ihren kleinen Hui-Spielfilm nutzen wollten. Ich bin darauf eingestellt, heute die ganze Nacht durchzuarbeiten und alles soweit abzubauen, dass ich es morgen “nur noch” in vielen einzelnen Fuhren mit dem großen Transporter und meinem Helfer Daniel wegbringen muss. Ich lagere die physische Hui-Welt wieder ein, zurück in ihren Kokon, auf dass sie sich eines Tages von Neuem entfalten kann, an welchem Ort auch immer. Radfahrer und Ausflügler trinken Kaffee unter den großen Schirmen. Sie ahnen nichts von meinen Gefühlen. Für sie ist es ein ganz normaler Sonntag, der erste womöglich an diesem Ort. Für mich geht hier eine Zeit zu Ende, die sich wie ein ganzes Jahr angefühlt hat. Als es dämmert, verpacke ich im Rasthof die Gemälde der Kunstpause; nehme von den Wänden, was Sylvia, Nora und Silke vor zehn Wochen liebevoll aufgehängt und abisoliert hatten. Große Handtücher schlingen sich um Leinwände, Nägel werden aus der Wand gezogen, Einzelteile kommen in kleinen Stapeln zum Liegen. Das Gelände ist längst verlassen, ich bin ganz alleine zwischen den Wassergräben. Nicht mal Hartmut ist da. Die Stille ist drückend. Ich schwitze, ziehe mein Shirt aus. Packe Dinge in den Bus. Muss etwas aus dem Haupthaus holen, ziehe von außen die Tür zu und kriege sie nicht mehr auf. Steige halbnackt durch das offene Seitenfenster wieder ein. Löse den Alarm aus. Gruselig dröhnt er über das menschenleere Gelände und löst irgendwo Aktivität aus. Immer noch nur in kurzer Hose laufe ich brustbehaart zur Hausmeisterfamilie, die schräg gegenüber lebt, im einzigen Haus auf einige Kilometer. Sie retten mich, stoppen den Alarm, öffnen das Gartenhaus erneut, helfen mir, die Palette mit Gemälden in den Bus zu wuchten. Selten war ich so dankbar.

Gegen 2 Uhr nachts habe ich das Wohnzimmer entleert. Die Spiele aus den Regalen geräumt. Die Bilder abgehängt. Die Vitrinen geöffnet und kleine Zettel archiviert. Spätestens jetzt fühle ich mich GENAUSO wie damals, als ich von Wohnung zu Wohnung und von Stadt zu Stadt zog, immer den Jobs hinterher. Im DVD-Player läuft seit Stunden “Wrestlemania 23″. Ich lasse mich berieseln von den vertrauten Geräuschen muskulöser Leiber, die auf den Ringboden prallen und den Kommentaren der Moderatoren. Ich hocke auf den Dielen und packe Dinge in Kartons. Das hier ist kein Museum mehr für mich, in diesem Moment, kein öffentlicher Raum. Das ist intim geworden, das ist wie meine WG, die ich nun einpacke und verlasse. Das ist so merkwürdig. Draußen auf dem Hof schalte ich mit einer geheimen Telefonnummer die Außenbeleuchtung ein, wenn ich sie brauche. Sie erhellt das Dunkel dann immer für 20 Minuten. Ich brauche viele 20-Minuten-Portionen. Ich ziehe aus.

Um 3:34 Uhr liege ich im Bett in einem der Gästezimmer unter dem Fachwerk. Nur drei Stunden Schlaf, dann geht es nach Hause, auspacken. Um 9 Uhr hole ich Daniel ab, den besten Teenager des Münsterlands, der alles kann. Mit ihm mache ich morgen den Rest, vor allem den Abbau der Kulissenwände. Auf meinem Bauch steht mein Laptop und brummt. In ihm spielt eine DVD von Bob Ross. Den brauche ich jetzt, hier, unterm Dach. Er gibt mir Ruhe und Behaglichkeit. Er spricht kaum zwei Sätze, da schlafe ich ein.

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