Tourtagebuch Reloaded – 31.07.2010 Oelde, Kulturgut Haus Nottbeck (Abschlussabend der Ausstellung)

Da stehen sie alle vor mir.
Meine Figuren.
Hartmut.
Caterina.
Susanne.
Sebastian.
Ich.
Barfuß bin ich über die Wiese zu ihnen gelaufen. Eben noch habe ich vor dem Rasthaus zwei Klienten meiner Autorensprechstunde beraten. Heute Vormittag habe ich mit Hartmut auf der Couch meinen Steuerberater Rüdiger Alke zum Thema Absurdistan der Gesetzgebung sowie die Donots zu Gast gehabt. Ihre Unplugged-Nummer schallte mit so viel Kraft und Präsenz durch unser Wohnzimmer, dass es uns umhaute. Beides ist demnächst bei 2010lab.tv zu sehen. Jedenfalls: Nachmittag ist es jetzt und bald geht es los. Die letzte Veranstaltung, ehemals “Abrissparty”, jetzt aber “Versteigerung” und “Theaterstück”.
Und da stehen sie.
Die Schauspieler der Studiobühne Erlangen.
Meine Figuren.
David Becker als ein sehr bärtiger, zugleich schluffiger wie Vorträge haltender Hartmut.
André Groth als “Iron Maiden”-Shirt und Mini-Bäuchlein tragendes “Ich”.
Marie-Christin Schwab als dominante, latent genervte und überaus liebenswerte Susanne, die später im Stück unbeobachtet im Wohnzimmer eine urkomische Performance zu Queen aufführen wird.
Dany Knechtel, die zugleich eine verletzliche Caterina wie eine verwirrte Vermieterin spielen kann.
Irmgard Oeser als Elke, die in dieser Adaption den hilflosen Bernd ersetzt, den “langen Hänger” und das “betroffene Stieren” samt “Fingerfummeln” aber ebenso perfekt beherrscht wie der Mann.
Levin Handschuh als wahrhaft genial getroffener Sebastian, der mit Elke in einer Szene einen endlos langen Diskurs über Habermas führt, dessen Text-Lern-Arbeit allein schon dafür sorgt, dass ich alle meine Hüte ziehe. Diese wunderbaren Darsteller und noch viele mehr bringen am Abend ein Stück auf die Bühne, dessen Plakatcover ein Student ziert, der sein Diplom verbrennt und das sich Voll beschäftigt mit dem Institut für Dequalifikation als roten Faden schnappt. Aus “Hartmut und ich” spielt zu meiner Überraschung das Landesliga-Spiel mit den Rassisten im Publikum eine Rolle, aus MURP! kommt Herr Twitter angereist (herrlich boshaft von Robert Godea gespielt, der zugleich den neurotischen Vermieter, den überdrehten Mario und den Fußball-Proleten hinbekommt) und Wandelgermanen sowie Feindesland werden mit kleinen Anspielungen gewürdigt. Es ist ein wahrhaft einzigartiges Gefühl, im Saal des Kulturguts die eigene Schöpfung auf die Bühne gebracht zu sehen, in Fleisch und Blut, interpretiert und umarrangiert. Es ist toll, hoch amüsant, mal Slapstick pur, mal Schauspielerei, die die Charaktere vertieft und bereichert. Nach dem Stück beschließt der ehemalige Nottbeck-Volontär Hendrik Heisterberg alias Paranoid Hendroid den Abend mit seinem dritten Auftritt überhaupt, nachdem er bei Hartmuts Songwriter-Tag einfach so innerhalb des Auftritts von Bosse zwei Lieder Bühnenzeit abgetreten bekam und mich bei Bochum TOTAL unterstützte. Heute Abend spielt er sein erstes komplettes Live-Set mit rund 10 Liedern, er hat noch keine CD, aber kunstvolle kleine Textfaltblätter gestaltet, auf denen man seine virtuosen und humorvollen Lyrics nachlesen kann. Er moderiert charmant und witzig und ich gebe zwischendurch am Mikro die Gründe durch, warum ich ihn supporte. Es ist ein guter Abschluss des Abends und die Verbliebenen sind sichtlich überrascht, da sie mit so eigensinniger und guter Songwriter-Kunst am späten Abend nicht mehr gerechnet haben.

Die Hui-Welt wächst. Morgen wird die Schauspielgruppe in der Ausstellung Szenen im Wohnzimmer drehen. In der Heimat haben sie bereits einen ganzen Hörsaal mit Komparsen reserviert, um Hartmuts Rede zur Lage am Arbeitsmarkt zu inszenieren. Ein Landesliga-Fußballplatz ist ebenfalls drehbereit. Matthias Nadler macht einen Spielfilm aus seinem Skript, den ersten Independent-Hui-Film, auf den ich mich jetzt schon freue. Vor der Aufführung auf der Bühne am Abend habe ich mittels der Aktion “Die Versteigerung der Welt” ein paar Requisiten der Ausstellung (Spiele, Platten, Flokati oder Gemälde aus Caterinas “Ausstellung in der Ausstellung” weit unter Listenpreis) in die Auktion gegeben, um für unser Ausstellungs-Kosten-Konto sowie für die großartige Katzenkinder-Nothilfe in Hamm Erlöse zu sammeln. Ich stelle fest, dass ich als Auktionator noch üben muss, die Leute anzuheizen, denn es läuft schleppend, was aber auch daran liegen mag, dass die Krise die Geldbörsen mit einer Doppelnaht verschließt und die Kauflust hemmt wie Andreas Wolf vom 1. FC Nürnberg die Angriffe jedes Stürmers.

Auf dem Heimweg im Auto weiß ich: Wenn ich morgen wiederkomme, baue ich die Hui-Welt an dieser Stelle ab. Nächtliche Melancholie trägt mich heim und vor meinem geistigen Auge spielen die Erlanger Schauspieler in der Bochumer WG das hartmuteske Leben.

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Tourtagebuch Reloaded – 23.07.2010 Oelde, Kulturgut Haus Nottbeck (Finale des Short-Story-Wettbewerbs “Hartmut und Du”)

“Du solltest nicht so viel meckern”, sagt Hartmut, der auf dem Beifahrersitz des Autos auf dem Weg nach Oelde aufgetaucht ist. Ich brumme. “Wenigstens nicht öffentlich”, fährt er fort. “Du kannst nicht in deinem Tourblog hingehen und dich darüber beschweren, dass Leute dir Manuskripte senden oder Demos in die Hand drücken.
“Kann ich doch”, sage ich.
“Du bist undankbar”, sagt Hartmut. “Du solltest eigentlich frohlocken!”
“Frohlocken?”
“Ja. Dankbar sein für jede kreative Leistung. Wer kreativ ist, baut keine Waffen. Immerhin fahren wir gerade zu einem Kurzgeschichtenwettbewerb, den du und Sylvia ausgeschrieben habt!”
“Ja”, sage ich, “eben. Da haben wir zum Einsenden aufgerufen! Das ist was Anderes!”
Hartmut sieht nach vorn auf die Piste. Sein Kopf dreht sich ein wenig und bleibt am Rasthaus Vellern kleben. Der Wagen brummt. Die Hitze steht. Er sagt: “Du solltest frohlocken…”

Am Abend habe ich Grund dazu. Zu frohlocken. Der Saal des Kulturguts ist voll bis auf den letzten Platz. Weit über 100 Leute sind anwesend und das nicht etwa, weil die acht Lesenden ihre Großfamilien mitgebracht hätten. Nein, es ist einfach so, dass das Finale des Short Story Wettbewerbs das meiste Interesse aller Veranstaltungen von “Ab ins Buch!” erzeugt. So ist das. Da lädt man bekannte Indie-Helden, Fußballprosa-Götter oder Berliner Kultblogger ein und der Besuch ist bloß solide, aber an einem Abend, an dem nur Neulinge vorlesen, ist die Hütte voll. Hartmut freut das. Er steht – unbemerkt von allen – oben im Fachwerkdachgestühl und schaut sich an, wie Christina Metzler mit “Dürre” den Abend eröffnet, einer charmanten Geschichte um eine Art weiblichen Hartmut. Er hört, wie Gerhard Huber in “Paradise Cure” die Vorgeschichte von Frank aus dem Bochumer Haus erzählt und wie Thomas Kiehl eine optimale Geschichte postmodern aus Goethe, Uschmann und Jaud zusammensamplet. In der Pause schleicht er ums Gelände und lauscht den Leuten bei ihren Gesprächen, während ich literweise Limo aus dem Küchenkühlschrank trinke. Nach der Pause hängt er wieder im Gestühl und jetzt weiß ich, worauf er damit anspielen will. Kurt Wagner, der Nightcrawler aus den Marvel Comics, meine Lieblingsfigur, lebte im Dachgestühl einer alten Kirche. Hartmuts Augen leuchten da oben, gelb und listig. Er nickt beeindruckt, als Christian Bischopink in einer Geschichte die Realitätsebenen postmodern verschachtelt und schmunzelt, als der Musikjournalist und Schriftsteller Bernhard Blöchl eine Story über subversive Kunst im Amt vorträgt und sich selbst für die Bühne bereits ein Zitat-Shirt aus seiner Geschichte gemacht hat. Er lauscht dem Österreicher Othmar Plöckinger, dessen Geschichte einer Katze, eines Vogels und eines Hundes stilistisch die konsequenteste des Abends ist und zugleich an Gerhard Polt, Katz & Goldt sowie das Hamburger Dogma erinnert. Er zuckt zusammen, als Stefan Albus seinen Vortrag in allzu theatralische Dezibelzahlen schwingt, die auch die vielen Teenager aus dem Schreibworkshop erschrecken, die schon die ganze Woche hier wohnen und heute Abend fleißig mitstimmen. Er sieht, wie ich zufrieden in mich hineingrinse, weil Marie Pulm in “Interview mit Hartmut” den Ich-Erzähler als muskulösen “Römer” mit Sixpack und geöltem Körper im Bademantel beschreibt. Hartmut kommt als Super-Rhetoriker aber auch gut weg.

Eine knappe halbe Stunde sitzen Nottbeck-Kulturmanager Dirk Bogdanski, Museumschef und Literaturprofessor Walter Gödden und ich in der Cafeteria und zählen die Stimmzettel aus. Sylvia, mein Agent Holger Kuntze und meine Lektorin Susanne Halbleib, die auch zur Vorjury zählten, sind heute Abend nur in Gedanken bei uns und dem talentierten Nachwuchs. Siedend heiß fällt mir ein, dass wir vergessen haben, Urkunden zu gestalten. Und Umschläge. Ich eile ins Wohnzimmer der Museums-WG, hole drei DVDs und verteile die jeweiligen Preisgelder für den dritten, zweiten und ersten Platz auf “Free Rainer”, “Der Couch-Trip” und “Rocky”. Dritter wird Stefan Albus, zweiter Marie Pulm und Sieger der junge Meister der Postmoderne, Christian Bischopink.

Auf dem Rückweg, es ist bereits tiefe Nacht, sitzt Hartmut wieder neben mir.
“Und?”, fragt er.
“Ich frohlocke”, sage ich.
“Fein”, sagt er.
Dann schweigen wir bis zur Ausfahrt.
Seine Augen schimmern gelb in die Nacht…

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Tourtagebuch Reloaded – 18.07.2010 Lüdinghausen, Tierfreunde Lüdinghausen

Heute ist der A40-Tag. Dank Hartmut und ich und meiner Tätigkeit an der Ruhr-Uni bin ich Bochumer Prominenter. Ich spiele den Vfl Bochum, wenn ich auf dem Nintendo DS “FIFA 10″ anwerfe. Ich habe einen Roman geschrieben, der auf der Autobahn spielt. Ich kenne Frank Goosen, Ben Redelings und Hennes Bender. Ich müsste auf der gesperrten A40 sein, um an einem der zigtausend Tische der Kulturhauptstadt zu fröhnen. Ich müsste lächeln und frohlocken im Trubel der 3 Millionen Besucher und reagieren auf jeden Input und jedes Projekt und adden müsste ich 2000 Freunde in der Real World, denn ich ich bin Bochum und Bochum ist ich. Bin ich?
Bin ich nicht.
Ich bin wo?
Ich bin auf einer Wiese in Lüdinghausen unter einem Festzelt-Pavillon, umringt von Hunden und Katzen, und baue gemeinsam mit meinem Autorenkollegen Carsten Wunn sowie meinem treuen musikalischen Begleiter Alex Rosin von Alex Amsterdam eine kleine Anlage auf, die ich in meinem Heimatdorf Herbern vom örtlichen Gitarrenhändler Ronge geliehen habe. Die Mini-P.A. habe ich bereits im Dezember bei der Advents-Veranstaltung vor der eigenen Haustür verwendet, benötigte dort allerdings die Hilfe des Nachbarsohnes, um endlich Ton zu erzeugen. Heute ist das anders. Heute ist mein Tag der Achtsamkeit, denn ich entschied mich gegen einen Auftritt unter 3 Millionen auf der A40 und für diese Benefiz-Veranstaltung vor dem Tierheim der Tierfreunde Lüdinghausen, einfach so auf der grünen Wiese, mit Katzengeschichten aus Hartmut (“Yannick”, “Großer Lärm”) und Katzengeschichten von “Kniesel und ich”, mit Unplugged-Songs von Alex, liebevoll angerichtetem Nudelsalat-Buffet, kalten Drinks und gleich zwei Fotografen, die ihren Job auch “nur” aus Leidenschaft betreiben, Jörg Everding und Eugen Zymner, der mich heute das erste Mal ablichtet. Achtsam baue ich die Anlage auf und begreife die Kanäle und Knöpfe. Ruhig stehe ich eine halbe Stunde vor Beginn auf der leeren Wiese und sage mir innerlich und den anderen äußerlich: “Ganz locker bleiben. Wir sind hier, wir haben was Gutes zu bieten, das Publikum wird schon kommen!” Und siehe da, es kommt! Zu Beginn sind die Reihen solide gefüllt, 50 Gäste bei uns gegen 3 Millionen beim A40-Hype und alle hier sind glücklich, denn hier gibt’s Landfrieden und Tiere und gute Songs und fellige Pointen und vor allem: Übersicht. Man genießt jedes Wort, jeden Akkord, jedes Bierchen, jeden Grashalm. Ich bin froh, hier zu sein und nicht auf der A40 und alle Anwesenden auch. Fast drei Stunden Programm vergehen wie ein Katzensprung und als die Gäste gefahren sind und das letzte Mikrofonkabel gewickelt wird, sind die Tierfreunde selbst schon längst in der Babykatzen-Station, die zart piepsenden Wesen päppeln. Ich bin Bochumer, ja, durchaus, aber ich bin auch Münsterländer geworden… und an der Uni, da zog’s mich in die grünen Ritzen, wann immer es nur ging. Mit Carsten Wunn will ich in Zukunft wieder öfter gemeinsam lesen… Yannick und Kniesel, das passt sehr gut. Auf der grünen Wiese, und anderswo.

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Tourtagebuch Reloaded – 15.07.2010 Bochum, Bochum TOTAL

Was definiert eigentlich einen Star? Einen VIP? Einen “prominenten Akteur” im Trubel eines Festivals? Ich kenne das nur von außen betrachtet, als Journalist, wenn ich unterwegs war, um Bands und Musiker zu befragen. Der Status dieser Leute ergibt sich aus der Schwer-Erreichbarkeit, aus den Höfen und Vorhöfen und Zwischenhöfen, die man durchqueren muss, um zu ihnen als Bewohner des Palastes zu kommen. Aus der Menge an Bediensteten und Betreuern, die um sie herumschwirren, um ihren Tag zu koordinieren. Nimmt man das als Definition eines “Stars”, dann fühle ich mich heute wie einer. Mein PR-Agent schwirrt um mich herum, führt Journalisten zu mir, sagt mir, wann ich wo und warum bei welchem Interview zu sein habe. Das Backstage befindet sich in der alten, leerstehenden Marienkirche und man setzt mich dort auf die Couch, um “Unter Hirschen” befragt zu werden; das Team von Get Addicted nimmt mich nach dem Gespräch noch mit zu einem Retro-Plattenstand nahe der Wortschatzbühne, wo sie mit mir einen Uschmann-stöbert-Film machen. Mit Tontechniker Veith habe ich gerade den Soundcheck für heute Abend angefangen, da werde ich schon wieder in die Kirche gesimst, weil eine Zeitungsredakteurin auf mich wartet. In der Kirche werfen mir zwischen Buffet, Kühlschrank und einzigem Klo lauter Bekannte Gesprächsbälle zu, die ich mit links pariere, während ich mit der rechten Hand Hendrik und seine Verlobte begrüße und – kaum am Tisch – noch das Gästebuch des Get Addicted-Film-Teams ausfülle, ein Kinder-Poesie-Album, in das alle “Promis” ihre Hobbys und Lieblingsfilme eintragen. Backstage bei einem Festival, das bedeutet nicht Koks und Nutten, das bedeutet Kontakte und Reaktion; man muss ständig reagieren, wie auf einer Hochzeit mit 350 Gästen, dabei will man eigentlich seinen Auftritt vorbereiten und sich sammeln, aber wie kann man sich sammeln, wenn man zerstreut wird? Alle haben hier Projekte und erzählen davon und niemals sagt man “kann jetzt nicht!”, denn man ist dankbar dafür, dazuzugehören und diesen Künstler-Small-Talk machen zu dürfen und spannend ist es ja auch, wenn der Flurfunk sendet und man Dinge hört, die man nur hier hören kann und die man sofort der BUNTE melden würde, wäre man skrupellos und die Gemeinschaft hier hinten dann doch ein wenig prominenter. Aber ich war bei Hendrik, den ich soeben begrüßt habe, Hendrik Heisterberg und seine Verlobte, Hendrik, die coolste Sau, die ich seit langem kennen lernte. Hendrik war bis Juli Volontär des Kulturguts Nottbeck und somit eine der Säulen der “Ab ins Buch!”-Ausstellung. Kaum waren seine zwei Jahre als akademischer Arbeitssklave des Museums herum, startete er seine Laufbahn als Singer/Songwriter namens Paranoid Hendroid, ein gutes Dutzend Songs in petto und seinen ersten Auftritt vor fünf Tagen bei Hartmuts Singer/Songwriter-Tag, als Bosse ihm einfach zwei Songs in seinem Set schenkte, damit Hendrik sein Live-Debüt fahren kann. Das war originell, lässig, beeindruckend und eigenständig und so habe ich ihn eingeladen, seinen zweiten Auftritt heute Abend zu spielen, während meines Headliner-Gigs auf der Wortschatzbühne. Womit nicht mal ich gerechnet habe, als es endlich dunkel ist und der Ansager um 22 Uhr den Uschmann ankündigt ist, dass da gut 700 Leute den gesamten Ring runter stehen und mich abfeiern wie einen Michael Mittermeier bei Rock am Ring. Mich spornt das an und ich genieße es, vor dieser Menge, die in den ersten Reihen von jeder Menge lieber, bekannter Gesichter gesprenkelt ist, ein paar knackige Szenen aus Feindesland samt Hartmuts Battle Rap zu spielen, aber besonders freut mich, dass Paranoid Hendroid sich einfach so für drei Songs vor diese gigantische Menge stellt und sie für sich gewinnt. Chapeau! Nach dem Auftritt gebe ich am Bühnenrand neben meiner Apfelkiste 45 Minuten lang Autogramme und freue mich besonders über eine junge Frau, die meine Moderation ernst nimmt und eine von Hartmuts Lebensfibeln statt mit Geld mit ihrem Lebenslauf bezahlt. So sage ich es ja immer, in Zeiten der Dauerpraktika, die nicht mehr entlohnt werden, kann man in einigen Städten schon mit seinem Lebenslauf bezahlen. Leider ist ihrer nur auf die Rückseite eines Medikamentenrezeptes gekritzelt, so dass ich ihn nicht behalten kann.

Gegen 0:05 Uhr schleichen mein Agent Stefan, Hendrik, seine Verlobte und ich durch die Tiefgarage unter der Stadtbad-Galerie und begreifen langsam, dass “geöffnet bis 0 Uhr” bedeutet, dass man nach Mitternacht tatsächlich nicht mehr rausfahren kann. Da, wo es zu meinem Auto ginge, ist nur ein heruntergelassenes, schmutzig-metallanes Rolltor. Ich will gerade zweifeln, da treten ein Mann und eine Frau aus dem Betreiberhäuschen, erhören unser stammelndes Flehen (“Auftritt… Künstler… spät weggekommen… Kirche… Auftritt… Künstler…”) und lassen uns doch noch aus Bochums Unterbauch an die Oberfläche fahren. Als ich meine treue Mannschaft dann endlich gegen 1.35 Uhr in Werne und Lüdinghausen im Münsterland abgesetzt habe und Stille in den Wagen und meinen Schädel einkehrt, mache ich noch ein paar Schritte auf dem fahl beleuchteten Vorplatz eines ländlichen Raiffeisenmarktes, lausche meinen blanken Sohlen auf dem Kies und habe das Gefühl, der Tag wäre nur ein hektischer Traum gewesen. Ich bin für so viel Input gar nicht geschaffen. Hinter einer Zapfsäule tritt leise und mit großen Augen ein schlaksiger Mann hervor, streckt die Arme aus, hält eine CD-ROM in die Luft und sagt heiser: “Ich habe hier ein Projekt, vielleicht hast du kurz eine Stunde…” Ich drehe mich um, steige schnell in den Wagen und verriegele von innen. Im Rückspiegel ist er nicht mehr zu sehen.

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Tourtagebuch Reloaded – 10.07.2010 Oelde, Kulturgut Haus Nottbeck (Hartmuts Singer/Songwriter-Tag)

Ich stehe am Graben hinter dem Gartenhaus, unserem “MURP!-Rasthof”, stecke den großen Zeh in das dunkle Wasser und rede mit Hartmut. “Das war charmant”, sagt er und hebt die Augenbrauen ein wenig und das ist ein großes Lob aus seinem kritischen Munde. Er meint den Auftritt von Patrick Sommer, der bei brütender Mittagshitze um 13:30 Uhr in einem Maleranzug auf die Bühne steigt, mal mit Rasta-Perücken-Hut und mal mit Dante-Maske singt, dabei aber kein Clown ist, sondern allenfalls ein Narr im besten Sinne, ein kluger, subversiver Künstler mit Melodien aus Chili-Zucker und geistreichen Einfällen. Hartmut und ich kennen ihn seit Jahren, fördern ihn, denn er ist murpig, freigeistig, er hat zur Jahrtausendwende eine New-Metal-Band mit Karriereleiter-Garantie verlassen, um seither zu tun, was er will. Nach ihm hat Werner Silberberg gespielt, den man nicht verlinken kann, weil er keine Webseiten hat, nur einen Keller zum Jammen und eine warme Crooner-Stimme. Beides zusammen hat uns auch überzeugt. Tommy Finke kann man verlinken, er twittert sogar, aber Hartmut hat ihn trotzdem eingeladen als vierten Sieger des Wettbewerbs um die ersten vier Konzerte dieses langen Tages (der dritte, Enno Bunger, musste leider absagen), denn Finke “hat einen Kompositionsabschluss von der Folkwang und macht etwas daraus”, zum Beispiel humorvolle Pop-Aufklärung, wenn er während eines Liedes vorführt, wie viele Songs auf den gleichen Tonfolgen beruhen. Es bekommt niemand mit, dass Hartmut heute hier ist und durch die Büsche schleicht, doch ich kann sagen, dass er glücklich war mit dem, was er sah. Ein paar Dutzend Grüppchen, verteilt auf dem grünen Rasen, mit Picknickdecken und Kindern und der Ausdauer, sich von mittags bis nachts elf (!) Konzerte anzugucken. Woodstock-Gefühle, also so, wie Woodstock hätte sein sollen. Frieden und Freiheit, persönliche Ansprache, Spontaneität. Momente, die keiner vergessen wird. So etwa, als Gregor McEwan nach seinem Auftritt mit ein paar Kindern und ihren Eltern seinen besten Song nochmal spielt, die Kleinen mit Percussions und Schellen in der Hand, eine Mini-Session zwischen Bierbänken. Oder Everlaunch, die plötzlich ein aus Hannover mitgereistes Mädchen auf die Bühne holen, die einen Song von ihnen singt, so dass selbst der Rasen eine Gänsehaut bekommt. Der Sänger der Fog Joggers beeindruckt solo mit der stärksten Stimme des Tages und stemmt sogar Jamie Cullum. Dave de Bourg und Oliver Minck stemmen die deutsche Sprache, denn sie betexten ihre markanten Indie-Pop-Songs mit versiertem, leicht fatalistischem Humor. Axel Bosse holt mich für den MURP!-Song “Wie wir zu leben haben” auf die Bühne, hat seine stärksten Momente aber freilich bei “Frankfurt/Oder” und “Liebe ist leise”, diesen unglaublich wahren Songs über die Liebe, wie sie tatsächlich funktionieren kann. Als die Zeile “Liebe ist kein Rock’n'Roll” verklingt, sagt ein Familienvater auf seiner Decke, der sichtlich mit seinem Leben im Reinen ist: “Wow, das sind wahre Worte.” Zu Ron Divas Darbietung, die durch Freiraum zwischen den Trauertönen und wenige, konterkarierend selbstironische Kommentare das ganze Gelände füllt, sagt ein Besucher dem Musiker später: “Du, das war nicht mehr melancholisch, das war schon brutal!”

Hartmut linst an diesem langen Tag, an dem Kopf und Herz zugleich zu ihrem Recht kommen, immer mal wieder aus dem Gestrüpp am Graben, winkt mir zu, schüttelt selten den Kopf und hält viel öfter den Daumen nach oben. Mit seinem Singer/Songwriter-Tag ist er zufrieden. Als ab 20:30 Uhr Deutschland gegen Uruguay um den dritten Platz spielt und dennoch keiner guckt, kommt Headliner Bernd Begemann mit seinem Auto neben die Bühne gefahren, steigt aus und wechselt mit mir einen Satz. “Hallo, ich bin Oliver”, sage ich. “Jetzt spielt der Löw mit dem Aogo auf Linksaußen”, erwidert Begemann daraufhin und geht wortlos zur Bühne. Seine Show im Dunkeln ist eigensinnig, böse und ja, das muss man so sagen, massiv “ironisch gebrochen”. Ich bin müde, einen ganzen Tag alt, und ich suche Hartmut rundum in den dunklen Büschen am Wassergraben. Ich finde ihn nicht mehr. Aber er ist trotzdem bei mir.

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Tourtagebuch Reloaded – 09.07.2010 Köln, Eins Live Klubbing

“Du bist Rekordhalter”, verrät mir Mike Litt im Vorgespräch zu meinem fünften Auftritt bei Eins Live Klubbing, “noch kein anderer Autor war schon fünf Mal hier.” Rekordhalter. Der Miro Klose der Gegenwartsliteraten. Das Gebäude des Senders ist mir so vertraut, in dem Prozedere fühle ich mich so sehr zu Hause, als arbeitete ich hier und als stünde ich jeden Abend auf dem Balkon und blickte in tropischer Wärme hinunter auf den Platz des Mediaparks, auf dem die kleinen Menschen wuseln wie in den besten, atmosphärischsten Animationen in “Final Fantasy”. Meine Schwiegermutter verteilt Werbung für “Ab ins Buch!” auf den Tischen, auch sie kennt sich hier aus und begleitet mich jedes Jahr, auf der Hinfahrt hörten wir gemeinsam, wie mein Ex-VISIONS-Kollege und jetzt Eins-Live-Redakteur Jochen Schliemann über mich als “Kauz” und “Arbeitstier mit unfassbarem Pensum” sprach. Das irritiert mich und ich versuche in der Sendung, die Dinge gerade zu rücken. Ich bin kein Unfallchirurg, der nach 36 Stunden ohne Schlaf immer noch ein Bein annäht. Ich bin ein Schriftsteller, der sich mehr und mehr wundert, wie all diese Bücher fertigwerden, da ihn alles Mögliche davon abhält, zu schreiben. Die eigenen Katzen, die grundsätzlich bis zum Sommer warten, um ins Feld zu verschwinden, da die Ähren im Juli hochgewachsen sind. Ist das Feld im Spätherbst gemäht und könnte man die Silhouette der Katze noch bei Vollmond auf dem Hügel in zwei Kilometern sehen, setzt sie keine Pfote auf den Acker. Der Staat entsendet pro Quartal einen kleinen Beamten mit einem Fahrrad samt Lastenanhänger voller Papiere zu mir, die ich als “Selbständiger” ausfüllen muss, damit ich nicht zu selbständig werde. Wirft der Nachbar seine dicke Hobbyfunk-Antenne an, aktiviert sie unsere Markise und sie stürzt uns bei Sturm auf den Kopf. Ich komme nicht zum Schreiben. Im Interview formuliere ich es allerdings so, dass es so klingen muss, als säße ich nur auf der Terrasse und warte auf Eingebungen. Das sollte es nicht. Interviews sind schwierige Gesellen, sie geben dir nur wenige Minuten, um dich zu erklären und sie klopfen dabei mit dem Fuß auf den Boden wie ein ungeduldiger Dalton-Bruder vor dem Saloon von Nothing Gulch. Aber was soll’s, der Abend als Rekordgast bei Eins Live Klubbing ist ein Erfolg und macht mir Freude; das Publikum jubelt nach Hartmuts Battle Rap und nimmt Hui-Lebensfibeln mit. In der Nacht mache ich um 2:14 Uhr Halt, spaziere in leicht abgekühlter Provence-Luft unter den Kiefern eines stockdunklen Parkplatzes und werde melancholisch. “Finde die Ruhe”, flüstert eine Stimme aus einem Astloch, körperlos ist sie, nur verstärkt durch den hohlen Stamm, “finde die Ruhe”. Ich seufze, beschließe, doch nicht gegen diesen Baum zu pinkeln und taste mich durch die Schwärze zum Wagen zurück.

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Tourtagebuch Reloaded – 03.07.2010 Hattingen, Altstadtfestival (Wortschatzbühne)

Mein heutiger Auftritt spielt auf dem Altstadtfest in Hattingen. Sieben Bühnen stehen in den urigen Gassen aus Fachwerk, die wie die Kulisse eines alten Adventures wirken. Überall Fußball und Platzregen. Ich höre vom ersten deutschen Tor gegen Argentinien im bullenheißen Dachboden-Backstage, erhasche ein paar Szenen auf Außenleinwänden im Unwetter und flüchte mich in eine winzige Eckbar. In der Halbzeit suche ich die Wortschatzbühne, die ich als von Peter Lihs und Cooltours organisiertes Format auch jedes Jahr bei Bochum TOTAL bespiele. Ich finde sie nicht. Laut Plan soll sie auf dem Haldenplatz sein, doch dort stehen nur zwei Fernseher auf einem kleinen Sockel mit Pavillon. Tommy Finke, der heute den ersten Slot mit mir teilen wird, nähert sich winkend; er wird auch am 09.07. bei Hartmuts Singer/Songwriter-Tag in Oelde spielen und hat, soweit ich sehen kann, Flügel auf den Rücken tätowiert. Im Dachboden-Backstage spielt er Police auf dem Piano. Wir sehen bei einem Italiener zwischen lauter Rentnern zu, wie Thomas Müller und Miroslav Klose endgültig Argentinien zerstören. Zurück auf dem Haldenplatz baut ein Techniker die beiden Fernseher ab und wir begreifen: Das kleine Podest ist die Wortschatzbühne! “Lass das stehen, wir wollen Fußball sehen!”, rufen zwei Männer, die mit ihren Freundinnen als einzige sitzen bleiben. Wir sind kein Programm für sie, wir sind der Koitus Interruptus der Nachberichterstattung. In den kommenden 90 Minuten wechseln Tommy und ich uns mit Liedern und kurzen Hui-Geschichten ab. Schritt für Schritt erobern wir in Kleinarbeit die Fußballmänner und ein paar wenige Zuhörerinnen, die stehen bleiben. 90 Minuten für acht Menschen Publikum, Raumgewinn in kleinsten Spielzügen, fast niemand kennt uns, wir fühlen uns wie San Marino, wenn sie in Stuttgart gegen die DFB-Auswahl auflaufen. Doch irgendwann ist es soweit: Die Fußballmänner lachen! Sie applaudieren! Wir haben Sie! Nach dem Auftritt Schulterklopfen. “Ihr seid gut zu zweit”, sagen die Fußballmänner und “immer dranbleiben!” Sie denken, wir sind Nachwuchsspieler. Wir haben ein Tor gemacht.

Den eigentlichen Solo-Auftritt, den ich ab 22:30 Uhr nach dem Spanien-Spiel haben sollte und auf den tatsächlich Menschen warten, lasse ich in Absprache mit dem Techniker fallen. Die Musikbühnen, die in nicht mal 50 Meter Luftlinie mit Coverbands die Stimmung anheizen, bolzen ihren Klang wie ein Tsunami in den kleinen Haldenplatz. Kein Mensch kann dagegen anlesen. Ich bin sauer. Mein zuständiger Künstlerbetreuer ist den ganzen Abend nicht zugegen und die netten Damen im Dachbodenhaus sind nur für Kaffee und Kekse zuständig. Gage gibt’s auch nicht in bar und im Programm wurde, wie ich feststellen muss, auch gar nicht ich, sondern ein gewisser “Oli Uschmann” angekündigt. Romane von einem “Oli” habe ich bislang im Buchhandel nicht gesehen; ich kannte wohl mal einen “Oli”, aber der sang in einer miesen Bochumer Punkrock-Band, schrieb nur Geschwurbel und war im Grunde Alkoholiker.

Ich packe gerade meinen Wagen im Parkhaus, als der Internet-Beauftragte wieder hinter mir steht. Er verrät mir, was hier eigentlich los war, denn er ist allwissend und immer überall. Sein Name ist Herfried. Er erklärt mir, dass er diesen Abend für mich gebucht habe, damit ich mal wieder auf den Teppich komme und mich daran erinnere, wie es ist, ganz von vorn anzufangen. Ob ich ernsthaft glauben würde, ein Profi wie Peter Lihs würde seine “Bühne” als TV-Podest verkleiden und nicht mal mit “Wortschatzbühne” beschriften, mich im Programm “Oli” nennen und dann zwei Rock-Bands in 50 Meter Entfernung die Anlage aufdrehen lassen? Ob ich ernsthaft denke, jemand könne so vollendet seine eigene Bühne tarnen und schließlich unbespielbar machen? Das Ganze war natürlich Absicht, der berühmte “Lihs’sche Workshop gegen das Abheben”, den erfolgreiche Autoren ab und zu brauchen, ein Geniestreich der Branche, immer dann von Wohlmeinenden wie Herfried gebucht, wenn mal wieder ein Dämpfer nötig wird. Ich höre zu und stehe im langen Hänger. Ob ich denn wohl nun endlich mal wieder einen aktuellen Tourblog schreibe, fragt mich Herfried, und ich nicke.

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Tourtagebuch Reloaded – 23.06.2010 Oelde, Kulturgut Haus Nottbeck (Fußballtag mit Ben Redelings und Alex Amsterdam)

Das Geräusch dieses Sommers ist das Hornissengesumm der Vuvuzela. Mit einem Fuß bin ich immer in Südafrika und der Kopf ist voller Spielernamen, Länderflaggen und bestens geschlagener Flanken. Im Grunde ist alles ein Männertraum. Die Weltmeisterschaft gibt unseren Tagen Struktur und immer einen neuen Grund zur Vorfreude auf ein weiteres Spiel. Die Ausstellungs-WG gibt uns die Möglichkeit, auf der Couch der ehemaligen Wohnung zu sitzen und aus 350 Spielen zu wählen, einem Paradies der alten Schule. Ich nehme häufig gerade nicht das Große und Klassische, sondern das Kleine und Abseitige, das Mittelmäßige, das zur Zeit seines Erscheinens von den Magazinen gerade mal eine 54%-Wertung bekommen hätte. Auf der Couch von Hartmut haben inzwischen bereits der Super-Murper Wolfgang Kienast, der Retro-Game-Designer Simon Quernhorst, der unorthodoxe Literaturprofessor Moritz Baßler, die unverwechselbare Musikerin und Autorin Bianca Stücker, die Band Jupiter Jones sowie am heutigen Tage der Fußball-Kultur-Schaffende Ben Redelings Platz genommen. Auf dem Bolzplatz des Kulturguts, direkt neben der Kuhwiese, spielen wir am Nachmittag mit dem Team des Hauses, ein paar Gästen und vor allem einigen kleinen Jungs aus der Gegend ein paar anstrengende Partien. Mein Schweiß tritt in Fluten aus mir aus, dabei versuche ich mich zu schonen, da ich aufgrund merkwürdiger Herzschmerzen zurzeit in ärztlichen Untersuchungen stecke. Auf dem Hof wird der Grill angeworfen, während Alex Amsterdam aufspielt und Ben Redelings und ich danach Fußballgeschichten vorlesen. Männerabend. Um 20:30 Uhr ist die Bühne bereits geräumt und die Gemeinde schaut sich Deutschland gegen Ghana an. Jeder Schritt, jeder Pass, jeder Moment eine Nische der Entspannung, ein kühles Bier in der Hand und im Kopf noch den Auftritt von eben, die Couchgäste vom Vormittag und die Spielszenen von Rapid Racer oder anderen alten Spielen, die man im Wohnzimmer einfach mal wieder kurz probiert hat.
Männertage.
Und die Vuvuzela dröhnt.

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Tourtagebuch Reloaded, Nachtrag – 14. bis 17.05.2010 Oelde, Kulturgut Haus Nottbeck (Aufbau der Ausstellung)

In den folgenden paar Blogs blicke ich zurück auf die Ereignisse und Auftritte von Mitte Mai bis Ende Juni. Damals war keine Zeit, zu bloggen und zu reflektieren; damals begann ein Fluss der Handlungen, der uns zugleich trug und trieb. Klar, ich könnte es auch lassen, all das nachträglich zu posten, wo das Internet doch das Medium der Gegenwart ist. Wahrscheinlich wäre es vernünftig. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass gerade in diesem Moment in einem Hotelzimmer in Hamburg Anfang Oktober ein Geist-Avatar von Werner “Tiki” Küstenmacher hinter mir steht und sagt: “Simplify your blogging! Lass die alten Sachen einfach weg!” Aber ich kann nicht. Ich bin Komplettist. Ich muss alles erzählen.

Die Vorbereitungen für die “Hartmut und ich”-Ausstellung “Ab ins Buch!” begannen im Grunde schon auf unserer Hochzeitsreise im Mai 2009. Erste Skizzen und Ideen zum Aufbau der Hui-Welt auf einem Balkon in Australien, den Blick auf Bäume und Kakadus. Seit Februar 2010 haben wir konkret geplant, gestaltet, Requisiten eingekauft, Programmhefte und Plakate erdacht. Man kann niemandem, der es noch nie selbst gemacht hat, angemessen beschreiben, wie das ist. Wie ein Aspekt den nächsten aus sich heraus gebärt wie ein unendlicher Organismus. Wie es aussieht, als würden die Aufgaben niemals zu Ende gehen. Wie man drei Wochen vorher begreift, dass man Hartmuts Wohnzimmerwände doch nicht selbst bauen kann und in Panik mit nassem Haar nach dem Schwimmen im Netz einen Kulissenbauer sucht, anruft und bekommt. Wie Sylvia Räume ausmisst und Pläne vorzeichnet. Wie wir an alles denken müssen, von den Aufstellmaterialien für die Hui-Verkehrsschilder bis hin zu der Tatsache, dass heute Nacht um 1:04 Uhr auf eBay die Auktion zu “American Fighter II” auf VHS endet, den wir dringend für Hartmuts Filmregal brauchen. Wie ich auf Retromessen und Trödelmärkten ein paar ganz spezielle alte Spiele suche, weil sie in den Romanen vorkommen. Man kann das nur versuchen, zu umschreiben, also geht mit mir zurück in die Sonnenglut des 14.05. und setzt euch mit mir hinters Steuer eines Transporters, der randvoll mit Kulissenteilen ist. Ich bringe Möbel und Requisiten nach Oelde zum Ausstellungsgelände, im CD-Player laufen die Bouncing Souls, weil ich die grundsätzlich höre, wenn ich einen Bulli fahre, ich fühle mich dann männlich und gutmütig zugleich. An der Gabelung der Landstraße steht ein rothaariger Journalist mit Techniktasche in der Pampa und kratzt sich ratlos am Kopf. Ich erkenne ihn, wir sind verabredet, er wird einen Vorbericht zu “Ab ins Buch!” für WDR 3 machen. Wir sprechen und finden heraus, dass wir uns von früher kennen. In einer langen Nacht des Jahres 2008 saßen wir gemeinsam in einer Jury zum Bochumer Literaturwettbewerb “Geld schreibt!” Noch früher hat er das Campusradio geleitet. Er ist tatsächlich ohne Auto und ohne Rad angereist. Käme ich nicht hier vorbei, hätte er noch Stunden zu gehen und seine Last zu tragen. Das Gespräch, das er mit mir und Museumschef Walter Gödden aufzeichnet, ist klug und phantasievoll, schließlich muss er sich alles, was hier erst noch kommen wird, komplett vorstellen. Nichts steht, gar nichts, gerade mal den Außenbereich des zum Rasthof umzubauenden Gartenhauses bekomme ich dekoriert. Der Kulissenbauer kommt erst am Montagmorgen, just in diesem Moment bastelt er in seiner Werkstatt in Gelsenkirchen die “Tür zum Ich” und die großen Wände des Wohnzimmers zusammen. Wir brauchen noch Füße und Stangen für die Hui-Verkehrsschilder, alle drei Minuten telefoniere ich, um Lieferungen abzusprechen, Helfer anzuheuern und Dinge zu regeln. Am Montag, den 17.05. vollbringe ich einen der dicht gepacktesten Tage meines Lebens, sage und schreibe 117 einzelne To-Dos stehen in winziger Schrift in meinem Filofax und das Schlimmste davon sind die Unwägbarkeiten. Bis 11 Uhr weiß ich immer noch nicht, ob der Bauhof uns die Stempel und Stangen leiht, mit denen wir die Hui-Schilder auf dem Gelände verteilen wollen und wie ich sie morgen überhaupt aufbauen soll. Daheim arbeitet Sylvia die Nächte durch, um Bilder zu rahmen und vorzubereiten, das “Figurennetzwerk” zu gestalten und Strukturen zu schaffen, auf denen ich dann als Pendler zwischen den Baustellen aufbauen kann. Im Museum bauen die Kulissenprofis von Z-Art ab Montag morgen endlich Hartmuts Wohnzimmer auf, das einen Tag später komplett mit Inhalt gefüllt werden muss. Übers Wochenende haben wir tausende von Fußbad-Gutscheinen in die Programmhefte verteilt, die nachträglich hergestellt wurden. Für Caterinas “Kunstpause”, die “Ausstellung in der Ausstellung”, haben wir auch noch ein Kommentarheft gemacht mit Texten zu allen Künstlern, alles im Corporate-Hui-Design, alles in den letzten zehn Tagen. In der Videospielbranche nennen sie diese Zeit kurz vor der Deadline, in welcher in kürzester alles gemacht werden muss und noch ein paar unerwartete Aufgaben oben drauf kommen, die “Crunchtime”, die Quetschzeit. Die “Crunchtime” zu “Ab ins Buch!” ist die heftigste, die wir jemals erlebt haben und Sylvia und ich haben als ehemalige Polit- und Kulturveranstalter, die bereits ganze Wochenend-Events für 400 Personen samt Werbung, Druckmaterial und Verpflegung stemmten, schon einiges erlebt. Schlaf ist abgeschafft in diesen Tagen und wir fühlen uns wie ein gewaltfreier Jack Bauer – wir tun, was getan werden muss, bis es fertig ist und wir lassen nicht nach, weil wir nicht nachlassen dürfen. Am 20.05. muss die Hui-Welt bis ins Detail fertig sein. In drei Tagen! Das Herz tanzt.

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Tourtagebuch Reloaded – 06.06.2010 Vellmar, Theaterzelt (Festival “Sommer im Park”)

Ich gebe es offen zu, manchmal werde ich neidisch. So zum Beispiel, als ich an diesem heißen, sonnigen Morgen durch das größte der Veranstaltungszelte von “Sommer im Park” Richtung Backstage-Bauwagen laufe. Das große Zelt ist ausverkauft und auf den Lehnen der Stühle hängen nummerierte Fußball-Leibchen, weil ja die WM ansteht. 500 Tickets wurden abgesetzt. 500 Leute werden heute Abend kommen, um hier drinnen Dr. Eckart von Hirschhausen zu sehen. Ich spiele um 11 Uhr morgens zum literarischen Matinée im kleinen Zelt, das gemütliche 75 Personen fasst. MURP! steht auf dem Plan und das etwas ältere, bildungsbürgerlich wirkende Publikum samt der Tatsache, dass an diesem Ort sehr bald auch noch ein Medizin-Kabarett ansteht motivieren mich, besonders bissig und improvisiert auf die Gesundheitsdiktatur und das gepflegte Scheitern an den selbstgesteckten Prinzipien einzugehen. Die Menschen am Morgen freut’s, ich sehe Lachen, Schenkelklopfen und diese erfahrenen, wissenden Blicke, die da sagen: “Du bist zwar noch jung, mein Freund, aber du hast es schon erfasst!” Es macht Spaß, jede einzelne Minute, und während ich spiele, ist das große Zelt vergessen. Als ich nach dem Auftritt meine Klamotten aus dem Bauwagen hole und wieder durch das 500-Leibchen-Zelt schreite, beißt mich der Neid allerdings doch noch einmal. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der manch kabarettistischer Kollege ohne Mühe und Druck die Hütte voll macht im Vergleich gegen den Kampf für volle Häuser, den unsereins kämpft, solange in den Programmen noch “Lesung” steht, obwohl jeder im Publikum hinterher eher ein “Dr. Stratmann”- denn ein “Dr. Faustus”-Erlebnis hatte. Noch eine halbe Stunde spaziere ich barfuß durch den hinter dem Zeltfestival gelegenen Park, stecke meine Glieder in den giftgrün vergrützten Ententeich und atme. Nach ein paar Minuten, in denen ich dem Wasser beim Kräuseln zugesehen habe, sind mir sämtliche Zuschauerzahlen egal. Man vergisst manchmal, worauf es ankommt. Man erinnert sich wieder dran, wenn man Entengrütze riecht. Egal, ob das kitschig klingt.

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