Tourtagebuch Reloaded – 29.05.2010 Oelde, Kulturgut Haus Nottbeck (mit Thomas Hackenberg & Michael Nast)

Die Hartmut-Ausstellung ist bereits neun Tage alt, als die erste echte Veranstaltung ansteht. Eine Lesung unter dem Motto “Zu Gast in Feindesland”. Der wunderbare Thomas Hackenberg moderiert, weil ich ihn sehr schätze, seit er mich bei meiner Lesung auf der LitCologne wie auf Wolken durch meine Show geführt hat. Der Rowohlt-Kollege Michael Nast vertritt mit Auszügen aus seinem Blogger-Kult-Buch Der bessere Berliner die positive Sicht des urbanen Daseins, während ich Berlin als Feindesland zeichne. Wie bei Thomas Hackenberg zu erwarten, arrangiert er einen ungezwungenes, sehr amüsantes Gespräch zwischen den Lesestellen. Wie Michael und ich über die Großstadt und das moderne Leben reden – er als verschmitzter Großstädter 2.0 und ich als starrsinniges Retro-Landei – das ist die eigentliche Würze für die rund 50 Zuschauer und Innen, unter denen mir wieder der nette, ältere Redakteur der örtlichen Zeitung “Die Glocke” auffällt, für den das alles Neuland ist, der sich aber seit dem Eröffnungstag herrlich neugierig zeigt. Vor der Show haben Walter Gödden und ich das Publikum eine halbe Stunde lang exklusiv herumgeführt und ihnen Sinn und Konzept von Wohnzimmer, Bombenkeller, Kunstrasthof und Barfußpfad erklärt. Im Wohnzimmer plärrte derweil in Dauerschleife das Spiel “Ape Escape” auf der PlayStation vor sich hin, eine Mini-Anspielung für ganz genaue Kenner, denn dieser Titel gehört nicht nur zu Hartmuts großer Sammlung auf der Homepage, sondern kommt sogar aktiv in einem Roman vor. “Ab ins Buch!” ist eine Spielwiese und macht es den Besuchern auch nur halb so viel Freude, sich darin zu bewegen wie mir, ist das Ziel schon erreicht. Um Mitternacht habe ich Geburtstag, aber es bleibt geheim und die wenigen engen Kollegen wissen, dass ich zu einer Party keine Kraft habe. Auf der Rückfahrt leuchtet mir auf dem Beifahrersitz vom Handy eine Glückwünsch-SMS in die Nacht. Ich lächele. Das reicht mir. Im Rückspiegel glaube ich für einen Moment Hartmut zu sehen, wie er mir liebevoll zunickt. Aber ich sehe viel, wenn die Nacht lang ist.

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Tourtagebuch Reloaded – 28.05.2010 Buchhandlung Graff – Braunschweig

Ich bin auf der Höhe Güterslohs, als mein Handy klingelt und Sylvia mich anruft. Ein zahnärztlicher Notfall, sie muss dringend zum dentalen Notdienst und ich habe den Wagen dabei und muss in vier Stunden in Braunschweig sein. Panisch wie der Roadrunner und konzentriert wie Jack Bauer stecke ich mein fast leeres Telefon in die Steckdose einer Tankstellen-Mikrowelle, finde heraus, welcher Doktor in unserer Region Notdienst hat und rase nach Herbern zurück. Eine Stunde später stehen wir vor der Praxis in Nordkirchen und sehen unseren Helfer in der Not im weißen Porsche vorfahren. Er ist groß, er ist braungebrannt, er ist so selbstsicher und gelassen, dass er meine Frau in seinem Stuhl beruhigt wie Antonio Banderas, wenn er aus der Deckung späht, das Magazin nachlädt, lächelt und sagt: “Das ist ein Kinderspiel, baby!” Als wir die Praxis verlassen, bin ich zwar ein wenig neidisch auf seine Aura, seinen Porsche und sein Sixpack, aber zutiefst beruhigt, dass meiner Liebsten geholfen werden konnte. Nach Braunschweig habe ich jetzt noch 2,5 Stunden Zeit. In 2,5 Stunden ist es bereits 20 Uhr und ich muss in der Buchhandlung Graff anfangen. Nicht aufbauen, anfangen! Ich trete das Pedal, wie ich es noch nie getreten habe. Ich höre absichtlich das schnellste Karnickelfickgeschrammel, das mein CD-Regal hergibt, sehe nur noch die Straße, die anderen Wagen, mein Ziel. In Braunschweig fahre ich um 19:55 Uhr in das City-Parkhaus, renne in die Buchhandlung und werde wieder beruhigt, dieses Mal nicht von Antonio Banderas, sondern eher von Sean Connery. Der Buchhändler sagt, wir fangen ein wenig später an. Der Buchhändler lässt den Techniker sogar meinen Laptop aufbauen. Der Buchhändler gibt mir ein Bier. Muss ja nicht mehr fahren. Wäre ja noch schöner. Der Laden ist rappelvoll, ich beginne ohne Übergang, mein Fuß ist noch auf dem Gas. Da bleibt er. Ausruhen kann ich später. Viel später, denn zwei sehr gut informierte und kenntnisreiche Mitarbeiter des Magazins Subway interviewen mich nach der Show gefühlte vier Stunden und erzeugen so eines der längsten jemals publizierten Interviews mit mir. Als ich um 1 Uhr nachts fast wahnsinnig vor Hunger aus meinem Hotel heraus zum amerikanischen Spezialitätenrestaurant wanke, treffe ich die Subway-Redakteure dort wieder. Vor der Tür – ich bin schon fast weg – hält mich der eine auf, um “nur noch schnell eine nachträgliche Frage” zu stellen und ehe ich mich versehe, muss ich eine Meinung zum Karikaturenstreit auf das Diktiergerät sprechen. Das ist einer der anstrengendsten Aspekte, wenn man ein Schriftsteller ist, der nicht nur über verlegte Kondome schreibt: Man muss halb verhungert, mitten in der Nacht, zu allem eine Meinung haben. Ich haue sie raus, gehe aufs Zimmer und ramme die Zähne ins weiche Weißbrot.

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Tourtagebuch Reloaded – 25.05.2010 Centralstation, Darmstadt

“Du fragst Dich, wo ich bin?”, sagt Hartmut aus einer finsteren Betonnische eines Parkhauses heraus und ich erschrecke mich fast zu Tode. Es ist weit nach Mitternacht, mein Auftritt in der Centralstation ist seit zwei Stunden vorbei und ich ging den langen Weg vom Hotel zum Bahnhof, um mir noch was zu essen zu holen. Ich lasse die Tüten fallen. Während ich sie wieder aufhebe, schält Hartmut sich aus dem Schatten. Er sieht gut aus, groß, zentriert. Er kommt dazu, seine Ohren zu putzen. “Die Lesung heute war nicht übel”, sagt er, “besonders der Rap. Die Fotos und Filme musst du organischer einbinden. Und entscheide dich, ob du die Menschen duzt oder siezt.”
“Sonst noch was?”, nörgele ich und gehe weiter Richtung Hotel. Er folgt mir, ganz locker, wo ich drei Schritte brauche, benötigt er nur einen. “Aber die Ausstellung, das habt ihr gut gemacht”, sagt er und im Licht einer alten Laterne sehe ich die Zufriedenheit in seinem Gesicht. “Ich fühle mich, als käme ich nach Hause.”
“Die Menschen betreten jetzt deine Welt”, sage ich.
“Deswegen betrete ich ihre. Es muss ausgeglichen werden.”
Wir sind am Hotel angekommen, künstliche Wasserläufe glitzern von innen ausgeleuchtet vor der Drehtür.
“Geh allein rein”, sagt er. “Du brauchst jetzt deine Ruhe. Pommes auf dem Bett, Bob Ross auf dem Computer. Stille.”
Ich nicke ihm zu und sehe im Augenwinkel, wie die Frau hinterm Empfang die Stirn runzelt. Sie sieht mich hier draußen, vor der Hoteltür, wasserbeglitzert, mit einem Unsichtbaren redend.
“Sehe ich dich wieder?”, frage ich.
“Zu gegebenem Anlass”, sagt er.
Dann ist er weg.
Ich lege mich aufs Bett, streife mein T-Shirt ab, verteile die Fritten auf meiner Brust und lasse Bob Ross eine Idylle malen.

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Tourtagebuch Reloaded – 21.05.2010 Baden Baden, SWR (Aufzeichnung von Eins Plus Leben)

Meine erste Fernsehtalkshow. Mein Leben lang schon schaue ich mir gerne an, wie vier bis zehn Menschen auf Sesseln in der Runde sitzen und diskutieren. Mit Bärchenschlafanzügen habe ich als kleiner Stöpsel auf der Couch gehockt und es genossen, wenn Erwachsene unverständliche Sätze sagten, die mich gerade deswegen beruhigten, weil ich sie nicht begriff. Motto: Die Großen regeln das schon! Da war ich ganz wie Bernd aus meinem Männer-Ratgeber Fehlermeldung, dem ich die Einladung in die Talkshow “Leben!” auf ARD Eins Plus hauptsächlich verdanke. Gemeinsam mit Hanne Seemann soll ich die Rolle einnehmen, für die “Wiederentdeckung des Männlichen” zu argumentieren, verstehe mich aber vor und während der Show mit Ilse Thomas, Frauenbeauftragte der Stadt Mannheims, besser, als die geplanten Konfliktlinien es womöglich beabsichtigt haben. Es ist eine interessante Erfahrung, den ganzen Aufnahmetag zu erleben. Wie viel und wie lange man wartet, bis das von Dutzenden wuselnder Menschen gefüllte Studio bereit und die Generalprobe absolviert ist. Wie schwer er ist, sich während der “Wie live”-Aufzeichnung in der Debatte durchzusetzen und seine Wortanteile zu erringen. Wie neckisch fast jedem Gast seine eigene Kleidung aus und Kleidung der Sender-Garderobe angezogen wird. Wie abgezockt Moderatoren es vollbringen, bis zu einer halben Sekunde vor “Los!” noch locker zu plaudern und dann ohne Übergang stante pede kamerabereit zu sein. Im Zug auf der Rückfahrt nicke ich weg, wache im Dunkeln wieder auf und frage mich für zwei Minuten, wo ich bin und was ich heute getan habe. Erst nach und nach steigen mir die Bilder ins Bewusstsein… das Wohnzimmerregal Hartmuts, die Gemälde im Gartenhaus, der gestrige Pressetag, die Scheinwerfer des Fernsehstudios. Mein Leben läuft meiner Wahrnehmung voraus und überrundet mich von hinten. Ich komme nicht mit. Ich frage mich, was Hartmut eigentlich die ganze Zeit macht, während wir hier auf Erden schwitzen. Erneut eingeschlafen verpasse ich fast den Ausstieg in Dortmund, wo das Auto steht. Hier war ich mal festangestellter Redakteur, da gab es noch das Magazin GALORE. Ist das nicht auch gestern gewesen? Ein paar Momente später bin ich auf der Landstraße kurz vor der Heimat. Den Weg bis dorthin habe ich vergessen. Mein RAM ist voll. Daheim wartet meine Süße mit den Katzen im Bett; ein Refugium, der größte Trost der Welt. Wo war ich heute?

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Tourtagebuch Reloaded – 20.05.2010 Kulturgut Haus Nottbeck (Eröffnung der Ausstellung)

Kaffee, Kekse, Kritiker. In der Bibliothek des Kulturguts sitzen neugierige und hellohrige Pressevertreter an der langen Tafel und sorgen dafür, dass ich ziemlich aufgeregt bin. Die meisten von ihnen haben von Hartmut noch nie gehört und nach Walter Göddens Eröffnungsrede ist es nun meine Aufgabe, ihnen in wenigen Minuten das Konzept der Hui-Welt und ihrer Mitmachwelt in Oelde zu erläutern, vom allgemeinen Geist der Sache bis in die speziellen Gründe, warum im Wohnzimmerregal ausgerechnet Dudikoff-VHS-Videos im Regal stehen. Zu meiner eigenen Überraschung geht mir der Vortrag bestens von der Hand. Es ist schließlich nicht so, dass ich ihn irgendwie vorgeschrieben oder geplant hätte. Ich musste schrauben, dübeln, fahren, verladen und organisieren. Gemeinsam führen wir die Medienmenschen durch die Hui-Welt, bevor um 14 Uhr offiziell die Tore öffnen. Um 12 Uhr steht bereits der erste Gast im Wohnzimmer, ein Radfahrer, der zufällig vorbeigekommen ist und herrlich schamlos nach einem kühlem Bier fragt. Da wir Männer-WG-taugliche Vorräte haben, stoße ich mit ihm an und erahne beim “Pling!” der Flaschen das erste Mal vage, dass wir es geschafft haben und es nun tatsächlich losgehen soll. Am Abend fährt der Sendewagen von Eins Live vor und strahlt ein paar Minuten live aus der Hui-WG aus. Wir spielen mit dem Moderator “Tekken 2″ auf der PlayStation, während er mich befragt. Ich denke daran, dass ich am nächsten Morgen nach Baden-Baden zum SWR fahren muss, um dort als Gast an einer Talkshow zum Thema “Frauen an die Macht! Aber wo bleiben die Jungs?” teilzunehmen. Ständig denke ich daran, dass der augenblickliche Moment nur der Vorabend des nächsten Auftrags ist. “Ab ins Buch!” ist eröffnet, die Hui-Welt steht. Kann ich es fassen? Vielleicht morgen…

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Tourtagebuch Reloaded – 19.05.2010 Kulturgut Haus Nottbeck & Mayersche Bochum

Es ist bereits 17 Uhr, als Sylvia und ich letzte Hand an die Spinnenweben in Hartmuts Keller legen. Er und das Wohnzimmer sind fertig, ebenso sämtliche Vitrinen, in welchen die Artefakte der Hui-Welt samt Erklärungsschildchen liegen. Aber: Uns fehlt immer noch der komplette “Rasthof”, das frisch entschimmelte und grundgereinigte Gartenhaus des Kulturguts, in dem die “Kunstpause”-Wanderausstellung aus MURP! nachgestellt werden soll. Will heißen: Theke mit Gastronomie, Zeitschriftenregal mit Hunderten echter Magazine zum Mitnehmen, aber vor allem – nahezu 40 Gemälde aus unserer eigenen Galerie sowie von geliehenen und eingekauften Künstlern, die zum Konzept “Natur-Kultur” passen und unter denen sich etablierte Namen mit selbsternannten Hobby-Künstlern mischen. Sogar zu dieser “Ausstellung in der Ausstellung” haben wir ein dickes Programmheft geschrieben und gestaltet, das im “Rasthof” an roten Kordeln aushängen wird und in dem Hartmut und Caterina auf ihre Art erklären, was hier zu sehen ist. Den Rasthof mit seinen garstig harten Wänden sinnvoll und ästhetisch mit Bildern samt Alu-Kommentarschildchen zu bestücken, dürfte zu zweit bis in die späten Abendstunden dauern. Leider haben wir diese Zeit nicht, da ich nach Bochum in die Mayersche zu einem Auftritt muss. Ich will nicht, dass meine Frau alleine auf dem finsteren Gelände bis in die tiefe Nacht arbeitet und bin dankbar, dass die Nottbeck-Nachbarin und Hausbeauftragte Silke und die Hui-Praktikantin Nora meiner Liebsten zur Seite stehen, so dass ich halbwegs guten Gewissens fahren kann, um auf den letzten Drücker Bochum zu rocken. Meine Gedanken während des Auftritts sind dennoch bei Sylvia und den Mädels, die in der Hitze der Sommernacht zwischen den Wassergräben und Bäumen des einsamen Kulturguts Gemälde an die Wände eines Häuschens hängen, das gar nicht weiß, wie ihm geschieht. In Bochum kümmert man sich wie jedes Jahr bestens um mich und das Publikum ist eine Wucht, doch als ich nach Mitternacht ungefähr zeitgleich mit Sylvia daheim ankomme und weiß, dass ich in wenigen Stunden wieder zum Pressetermin nach Oelde muss, frage ich mich, ob ich jemals wieder entspannen werde.

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Tourtagebuch Reloaded – 18.05.2010 Kulturgut Haus Nottbeck & Mayersche Dortmund

Die Stempel und Stangen liegen auf dem Bauhof bereit und in feinem Nieselregen laden mein Helfer Benno aus unserem Heimatdorf und ich die schweren Materialien in die Busse. Es ist 6 Uhr morgens und kleine, feine Wasserkügelchen schwirren um uns herum, zu leicht, um einfach auf den Boden abzuregnen. Bennos guter Laune schaden sie nicht, glitzernd verfangen sie sich in seinem Bart und den Brauen über seinen zuversichtlichen Augen. Manche Menschen erleben genug, um Pessimisten zu sein. Manche erleben so viel, dass eine geduldige Ruhe von ihnen Besitz einnimmt, da sie wissen: Wir können nicht wählen, was uns widerfährt, aber wir können entscheiden, wie wir darauf reagieren. So einer ist Benno. Er ist gelassen, als wir ab halb sieben auf dem Ausstellungsgelände die Motive der Romane als reale Verkehrsschilder mit runden Schellen an eckige Stangen montieren, weil wir es passender nicht haben. Er ist gelassen, als ich bereits wie im Wahn Hunderte von einzelnen Objekten aus den Kartons in die Hui-WG trage und Hartmuts Wohnzimmer mit den Spielen, VHS-Videos, DVDs und Platten aus den Büchern und von der Homepage fülle. Er ist gelassen, als er am späten Mittag nach Meck-Pomm fährt, wo er sich ein neues Zuhause aufbaut und ich versuche, etwas von seiner Ruhe zu übernehmen, als ich im Keller den Autoschrott und die Fliegerbombe drapiere, im Wohnzimmer alle technischen Geräte anschließe und die Mediensäulen mit einer Multimedia-Präsentation bestücke, die Sylvia speziell für die Ausstellung programmiert hat, irgendwann in einer Dimensionsspalte zwischen 3 Uhr und 4 Uhr unserer Weltzeit. Ich räume wie ein Berserker, denn ich muss um 20 Uhr in der Mayerschen Buchhandlung in Dortmund auf der Bühne stehen.
Ich schaffe es.
Am Abend stehe ich auf einem Parkplatz am Dortmunder Stadtring im leeren Laderaum des Transporters und ziehe mich um, offen baumeln meine Glocken für einen kurzen Augenblick bei halb geöffneter Schiebetür in die schwarz-gelbe Stadt. In der Buchhandlung erkläre ich den Leuten, woher ich gerade komme und verteile die Prospekte der Ausstellung auf den Sitzen, die ebenfalls Sylvia gemacht hat, so wie sie in wenigen Wochen noch die 60-seitige “Lebensfibel” von Hartmut erschaffen wird, alles in einem Corporate-Design-Mix aus Grafiken und visuellen Arrangements der Hui-Webseiten, des Hauses der Künste und der Fischer-Verlag-Cover-Trademarks. Die Show in der proppevollen Mayerschen ist laut, grob, testend und tastend. Immerhin spiele ich Feindesland erst das zweite Mal und muss das Programm beim Vortrag selbst entwickeln, da ich in den restlichen 23 Stunden des Tages schrauben, dübeln, fahren, verladen und organisieren muss. Das Telefon steht in diesen Tagen niemals still. Ich fühle mich wie ein Broker, “verkaufen, verkaufen!”, die Augen rot brennend und die Stirnfalten voller Schweiß. Benno rumpelt derweil im Abendrot über die ostdeutsche Autobahn, mit 80 km/h, da sein alter Bulli nicht schneller kann. Von seiner Ruhe konnte ich nur Spuren übernehmen.

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Tourtagebuch Reloaded – 12.05.2010 Werne, Buchhandlung Beckmann

Eine Veranstaltung am Tag der Veröffentlichung? Feindesland erscheint und Uschmann ist im Haus? Die Buchhandlung Beckmann war begeistert, als wir diese Konstellation irgendwann im Frühjahr spontan beschlossen, als ich vom Acerola-Vitamine-Einkaufen im Reformhaus gegenüber in den Laden stolperte. “Wir sollten allerdings darauf achten, es nicht an die allzu große Glocke zu hängen”, sagte ich damals, immerhin hat die Mayersche in Dortmund die offizielle Premiere eine Woche später gebucht. Nun ist es Mai und der kleine, sympathische Buchladen am Werner Kirchplatz, der wie eine Fachwerkkulisse aus dem Amiga-Adventure “Lure Of The Temptress” aussieht, hat es nicht an die große Glocke gehängt. “Weltpremiere in Werne!” schrieb die Lokalzeitung und: “Beckmann legt den roten Teppich aus!” Als ich am Abend ankomme, sehe ich: Das war nicht metaphorisch gesprochen. Das Geschäft hat einen roten Teppich erworben, an dessen Rand große Gartenleuchten stehen. Cannes in Werne. Weltpremiere. Wir bleiben bescheiden. Ich freue mich natürlich und berate vor dem Auftritt eine Wortguru-Kundin, die ihr erstes Buch schreiben will, anstatt mich wie andere Weltpremierenkünstler wahlweise zum Koksen oder zum Meditieren zurückzuziehen. Die Show gelingt auch so, denn ich stehe an einem Pult hinter einer Wand aus neuen “Feindesland”-Leseplaklaten, die statt meines freundlichen Gesichtes meine blutige Faust vor dem Hintergrund eines Friedhofs zeigen. Diese beiden Aspekte – Stehen statt Sitzen und das Plakat als Erinnerung an das, was den neuen Hartmut-Roman auszeichnet – führen dazu, dass ich mehr als jemals zuvor spiele statt lese. Es erstaunt mich selber, wie gut das funktioniert, weil dieser Roman es anbietet. Leise Töne, laute Töne, Pointen und Melancholie, absurde Hysterie und dezente Zwischentöne, Humor und Bitterkeit, Zorn und Battle Rap. Es macht unglaublich viel Freude, Spaß wäre das falsche Wort, es ist befriedigender als das, es ist eine Show, deren satirisch verpackte Wahrheiten noch viel stärker als bei MURP! die Leute zugleich zum Lachen und zum ganz schweren Schlucken bringen. Anwesende, die nie etwas von mir gehört haben, zeigen sich danach tief beeindruckt. Auf dem Weg zum einsamen Auto auf dem Parkplatz hinter dem K&K-Markt habe ich das Gefühl, das mit dem Buch wirklich ein neues Kapitel anbricht. Im Radio erzählen sie von der Ölpest, der Euro-Krise, dem Anstieg der Brutalität von Gewalttätern und der Untersuchungshaft von Jörg Kachelmann. Die Welt wird Feindesland und das ist nicht lustig.

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Tourtagebuch Reloaded – 08.05.2010 Oelde, Kulturgut Haus Nottbeck

“Sag mal, hast du eine andere andere Uhr als wir?”, ruft Burkhard, als ich erst um 15:45 Uhr am Kulturgut ankomme, wo ich schon von morgens an beim Aufbau des Barfußpfades helfen wollte. Wohzimmer, Keller, Rasthof und Barfußpfad sind unsere großen Stationen bei “Ab ins Buch!” und ich war bis eben noch unterwegs, Requisiten besorgen und “Erledigungen” machen, diese zeitfressendste aller Tätigkeiten, “Erledigungen”, wenn ich das Wort schon höre, es widerspricht sich selbst, denn in der Zeit, in der man “Erledigungen” macht, könnte man 15 Seiten Literatur verfassen, steht aber nur an roten Ampeln und hört von Verkäufern: “Haben wir nicht!” Vor einer halben Stunde war ich noch bei Poco in Ahlen, um ein Highboard zu holen, das als unsere “Theke” im MURP!-Rasthof fungiert, und als ich an der Info des Möbelmarktes stand, schrie meine innere Stimme: “Geh wieder raus!!!” Ich wusste zwar nicht warum, folgte ihr aber und fand mein Auto mit offenen Türen vor. Also nicht bloß nicht abgeschlossen, sondern offen stehend, wie zwei Flügel, auf dem Beifahrersitz einladend meine Geldbörse und im Kofferraum über 200 PlayStation-Spiele, die erste Fuhre für Hartmuts Wohnzimmerregal. Als ich Burkhard das auf der Obstwiese, wo er und seine Frau Petra, seine Tochter und ihr Freund sowie der Bruder meines Agenten bereits 80% geschafft haben, erzähle, sagt er: “Erst mal durchatmen!” und empfiehlt mir mal wieder eine Entspannungstherapie. Ich hüpfe währenddessen 17 Mal pro Sekunde auf und ab und sage “okay!”

Gegen Abend ist der Pfad komplett hergestellt, malerisch zieht er sich durch die riesige Obstwiese, flache Holzrahmen gefüllt mit Sand, Mulch, feinem und grobem Kies sowie Holzbohlen zum Balancieren, Stege und Stämme. Burkhard und ich weihen ihn ein, es ist traumhaft und die erste echte Entspannung seit Tagen, die Vögel zwitschern und aus dem hohen Gras flattert ein Fasan auf. Auf den Pflöcken am Rand werden bald Infotafeln zu germanischen Göttern kleben, die man beim Barfußwandeln studieren kann, in der “Hörstation” wird das Hörbuch zu Wandelgermanen laufen. Es nimmt Formen an und für einen Moment erfasst mich der Frieden dieses idyllischen Fleckchens Erde. Dann spült ihn die innere Unruhe wieder davon, weg ist er, sobald ich nicht nur an den einen Moment, sondern an das große Ganze denke, das wir hier aufbauen wollen. Hartmut ruft und wir werden folgen, alles wird gut.

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Tourtagebuch Reloaded – 04.05.2010 Voerde, Realschule

Mein Kopf wird immer voller mit “Ab ins Buch!”, unserer großen Hui-Ausstellung, das Programmheft ist mir bereits ein optischer Ohrwurm, aber heute Morgen muss ich mich noch mal auf Das Gegenteil von oben konzentrieren, aus dem ich vor zwei Jahrgangsstufen der örtlichen Realschule vorlese. Das Publikum ist voller junger Männer, die ich wie immer spätestens dann kriege, wenn Dennis im Roman zur Beruhigung und Ablenkung von den Konflikten mit der Mutter Brothers in Arms: Hell’s Highway spielt. Habe ich sie einmal, führe ich sie tief ins Buch und in die Lust auf den Plot. Nach der Lesung steht ein junger Mann am Tisch und sagt, was ich häufig von jungen Männern höre: “Das ist das erste Buch, das ich freiwillig kaufe.” Andere besitzen es schon und sagen: “Das ist das erste Buch, das ich freiwillig durchlese.” Der Morgen war also gelungen, ich habe Erstleser gewonnen, für mich und für andere, für die Zukunft der Menschheit. Dann ist mein Schädel wieder beim Ausstellungsaufbau, bei To-Do-Listen, bei Koordination. Hartmut wartet…

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