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(Über-)Interpretationen
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Student X
Hausfreund

Hausfreund
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Beitrag Verfasst am: 14.02.2009, 07:42    Titel: (Über-)Interpretationen Antworten mit Zitat
Hallo Oliver, hallo alle,

dann mache ich mal hier weiter mit meinen (Über-)Interpretationen. Wobei Du, Oliver, noch nicht die Frage beantwortet hast, die sicher alle interessierst: Hast Du das, was ich der Stauszene in "MURP!" und dem "Einzug" aus Hui1 unterstelle (noch im "Schöpfer"-Thread), denn nun bewusst gemacht, oder nicht? Wie dem auch sei, du willst, dass ich weitermache? Gut! Dann mache ich mal weiter und zwar von vorne. Erstes Hui-Buch, zweite Story, "Der Rosenmann". Hartmut will in einem guten Restaurant ein Mädchen, Vanessa, verführen und nutzt dabei "Ich" als "Soffleur", falls ihm mal kein guter Spruch mehr einfällt. Er erschafft also eine zutiefst künstliche Situation, er spielt Theater, er ist meilenweit entfernt von echter Authentizität und Intimität, wie es die Geschichte auch selbst sagt. Dann kommt der pakistanische Rosenmann und sprengt die Situation. "Ich" kauft ihm alle Rosen ab, damit er Hartmut und Vanessa nicht belästigt, verwickelt sich mit ihm in ein Gespräch und behauptet nun aus Ungeschicklichkeit, dass er all diese Rosen für genau das Mädchen gekauft hätte, das Hartmut gerade bezirzt. Sie bekommt heraus, wie inszeniert alles ist, wird kurz sauer, fragt dann, was das "Drehbuch" jetzt vorsehe und lässt sich (als sie 'See' und 'Mondschein' hört) nun ganz bewusst darauf ein. Ich muss die für 120 Euro erworbenen Rosen nun selber im Restaurant verkaufen, während der Rosenmann sich an die Theke setzt und ihm dabei zusieht. Was sagt uns das also? Ich denke, es ist eine Geschichte über die "Inszenierung" unserer westlichen Wohlstandswelt und die "Störung" durch die Wirklichkeit, die jederzeit in sie hereinbrechen kann. Hartmut und Vanessa leben in einer wohlbehüteten, abgesicherten Sphäre. Sie können sich leisten, in ein gutes Restaurant zu gehen, sie haben keine existentiellen Probleme. Der Rosenmann schon. Er ist so arm, dass er Rosen verticken muss und er hat ein "pakistanisches Lächeln". Er stammt also aus einem der härtesten Krisengebiete der Welt. Fundamentalismus im Alltag trotz sich moderat reformierender Regierung, ständige Krisen mit Indien, Unterschlupf für Terroristen besonders im Grenzland zu Afghanistan. Der Rosenmann steht für die Unbeständigkeit der "Zivilisation", für die Krise, die Wirklichkeit hinter dem freundlichen Restaurant, in dem die größte Frage ist, ob mein Date gelingen wird. Deswegen ist das Date ja auch nur eine "Inszenierung" mit Soffleur, es steht für das ganze westliche Leben, das nur ein Theater ist, eine Kulisse, die jederzeit einstürzen kann. "Ich" steht nun als UPS-Malocher zwischen den Welten des wohlsituierten Freundes und des armen Pakistanis. Er lebt schon etwas "wirklicher" als sein Philosophie studierender Freund und tauscht daher am Ende nicht umsonst mit dem Rosenmann die Rollen. Er wechselt in der Geschichte formal von Illusion (Arbeit als Soffleur) zu Realität (Arbeit als Rosenverkäufer), während Vanessa von Illusion (Glaube, alles sei spontan) zu Realität (Erkenntnis, alles ist inszeniert) und dann zu Illusion zweiter Ordnung (Wissen, alles ist inszeniert, sich aber darauf einlassen) wechselt. Sie wählt also vor die Wahl gestellt, die rote oder die blaue Pille zu nehmen, die blaue.

Oder ist dir das zu allgemeinpolitisch?

Fragt,
Student X
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Oliver
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Beitrag Verfasst am: 20.06.2009, 05:23    Titel: Das Gleichnis des Rosenmannes Antworten mit Zitat
Hi Student X,

ich kann kaum die Worte finden, um Dich um Verzeihung zu bitten, dass ich so lange nichta auf diesen wunderbaren Text von Dir geantwortet habe. Aber wie die meisten sicher schon mitbekommen haben, da ich es allen erzähle und blogge, haben wir ja in Australien geheiratet, geflittert und geurlaubt, so dass vieles lange liegen blieb.

Ich bleibe heute am Samstag nicht lange liegen, da ich gleich an die Uni mein Seminar geben muss und möchte Dir endlich für Deine Deutung des "Rosenmanns" danken. Es spielt wie gesagt keine Rolle, ob so eine Interpretation dem entspricht, was ich "gemeint" habe. Jede Deutung, die stimmig ist, ist gut. Diese ist nahezu genial! Der Gedanke, dass sich Vanessa bewusst für die Illusion entscheidet, weil diese Illusion schön ist, ist sehr plausibel und mir nicht fremd. Sicher denken wir alle, wir hätten im Falle von "Matrix" ebenso sie Wahrheitspille genommen, aber im Alltag nehmen wir zahlreiche "Illusionen" gerne hin, wenn sie ganz praktisch unser Leben versüßen. Die politische Ebene ließe sich sogar noch erweitern durch "Ichs" inneren Monolog darüber, dass er den Pakistani automatisch für einen Studenten der E-Technik und somit im zweiten Schritt für einen potentiellen Schläfer-Terroristen hält und sich daraufhin mit schlechtem Gewissen fragt: "Aha, so bin ich also, wenn ich unter Druck gerate." Das ist auch noch ein wichtiger kleiner Satz, denn er besagt ja: Unter Druck, wenn unsere bewussten diskursiven Filter und Moralkodexe fallen, kommen wieder unsere reflexartigen Ressentiments und Vorurteile zum Vorschein; das archaische Schwarzweißdenken. Insofern hat diese kleine Story tatsächlich auf allen Ebenen einen politischen Subtext. Ich kann nicht sagen, dass es mir nicht schmeichelt, wenn jemand solche Subtexte so genau ausdeutet. Daher bitte ich Dich, bleib weiter dran! Und verspreche hoch, heilig und hartmutesk das nächste Mal schneller einen Kommentar abzugeben!!!

Oliver
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Hausfreund

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Beitrag Verfasst am: 23.09.2009, 08:16    Titel: Spam Antworten mit Zitat
Hallo Oliver!

Ich weiß, ich habe schon vor Monaten versprochen, meine Reihe der "Über"-Interpretationen der Hui-Storys hier weiterzuführen, aber ich hatte viel um die Ohren und ich klebe immer noch an "Spam" fest. "Subversion durch Affirmation" ist ja der Kernspruch dieser Geschichte und irgendwo auch einer der wichtigsten Sätze der ganzen Hui-Reihe überhaupt. Hartmut bestellt bei sämtlichen Spam-Anbietern, "weil die gerade das nicht erwarten" und verbringt den Tag damit, sich zu Dutzenden von Pornoangeboten einen zu schrubben (obwohl er eigentlich eher Feminist ist, immerhin steht auf der Homepage auch Judith Butler in seinem Buchregal) oder sinnlose Time-Life-Videos zu glotzen. Er macht also Dinge, die er selbst eigentlich nicht will und zeigt damit, dass die Angebote, welche die Spammer verkaufen, sowohl in der Menge wie auch im Produkt selbst, vollkommen unnötig sind. Nur: Wem zeigt er das? Nur seinem Mitbewohner. Er als Figur weiß ja nicht, dass er in einem Buch vorkommt. Er als Figur will aber subversiv sein. Als er am Ende überraschend 40.000 Euro beim Online-Lotto gewinnt und anscheinend auch bekommt, will er anders als "Ich" die Presse nicht benachrichtigen, weil seine Aktion so "doch wieder nur unter K wie Kuriosum" eingeordnet und somit "Teil der symbolischen Ordnung" würde. Das scheint mir ein Anklang an die Kritische Theorie zu sein, die jede Kunst (und Hartmuts bewusste Spam-Bejahung ist ja im Grunde Aktionskunst) bereits als Affirmation der Zustände bewertet, sobald sie irgendwie formal berechenbar wird und man sie in eine bekannte Kategorie einordnen kann. Hartmut will also so subversiv sein, dass das nicht geht. Er will so verwirren, dass man es nicht bloß als Kuriosum abhaken kann und diesen Grad an Subversion meint er, nur dadurch erreichen zu können, dass er den Spam-Kapitalismus überbejaht, diese Aktion aber zugleich geheim hält und keine "PR" für sie macht. Würde er das nämlich, wäre die Aktion selber auch schon wieder eine "Ware" und somit verdinglicht. Das Tragische an der Sache ist, dass die Aktion als unbemerktes Privat-"Vergnügen" zwar theoretisch betrachtet sehr subversiv ist, aber natürlich überhaupt keine gesellschaftliche Wirkung zeigt. Somit wäre die Aussage der Story: Die ganzen Versuche, "wahre" Subversion nach den Maßstäben der Kritischen Theorie zu erreichen, ist zum Scheitern verurteilt. Da die Geschichte nun aber gedruckt in einem Bestseller steht, gilt das nur für die fiktionale Welt. Auf der realen Ebene ist die Aktion ja doch "öffentlich" und was sagt sie uns da? Als Aktion selbst? Hier wage ich die These, dass Du, Oliver, an dieser Stelle die zwei großen ökonomischen Theorien gegenüber stellst, nämlich die nachfrageorientierte nach Keynes und die angebotsorientierte nach Friedman. Letztere besagt, dass man alles dem Markt überlassen sollte und dementsprechend die Angebote bestimmen, was nachgefragt wird. Das heißt in letzter Konsequenz, dass es okay ist, künstliche Bedürfnisse zu erschaffen und den Menschen den letzten Scheiß zu verkaufen. Erstere besagt, dass der Markt das bereitstellen müsste, was tatsächlich gebraucht wird und dass, wie es jetzt im Wahlkampf wieder so schön heißt, "die Wirtschaft für den Menschen da sein muss". Friedman ist das Vorbild des Liberalismus (also eher FDP) und Keynes das der Sozialdemokratie (also eher SPD). Hartmut kauft bei jedem Spam-Anbieter. Somit probiert er einfach mal aus, wohin die liberale Markttheorie vom Angebot führt, wenn man sie ernstnimmt und durchzieht. Das Ergebnis ist absurde Komik und ein wundgeriebener Penis. Er widerlegt die These durch Eigenversuch. Das ist die wahre Subversion in der Affirmation. Hartmut ist somit Keynesianer. Und Uschmann auch. Oder?

Jetzt halten mich hier alle endgültig für verrückt...

Euer
Student X

PS: Für seinen wunden Penis fragt Hartmut seinen Mitbewohner am Ende, ob noch "Kamillosan" im Haus sei. Er meint aber doch sicher Vaseline, oder? Ist das Absicht oder ein Fehler, der immer noch im Buch ist trotz 15 Auflagen???
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Susanne
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Beitrag Verfasst am: 24.09.2009, 08:21    Titel: Antworten mit Zitat
Zitat:
Für seinen wunden Penis fragt Hartmut seinen Mitbewohner am Ende, ob noch "Kamillosan" im Haus sei. Er meint aber doch sicher Vaseline, oder?


Kamillosan sind Auszüge aus der Kamille. Kamille wiederum enthält als medizinisch relevanten Wirkstoff Alpha-Bisabolol, das, wie sicherlich allseits bekannt sein wird, einen äußerst positiven und sanften Einfluss zur Wundheilung hat. So sanft, dass es auch auf Schleimhäuten angewendet werden kann. Somit ist es zur Penis-Wundheilung perfekt.
Vaseline hingegen ist ein gereinigtes Erdölprodukt. Man sollte es weder auf Schleimhäuten noch auf Gummi/Latex benutzen. Letztere werden dadurch porös, erstere büßen damit Reinigungs- und Schutzfuktionen ein.
Also: weder Autotürdichtungen noch Genitalien damit einschmieren!

Wenn der Penis dann geheilt ist, gibt es spezielle Produkte, damit es auch bei ausdauernder Nutzung des guten Stücks nicht mehr zu Wundschmerz kommt. Findet man heutzutage auch schon in Drogoriemärkten.

Susanne flummi
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