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Tourtagebuch 2010
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Oliver
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Beitrag Verfasst am: 27.01.2010, 07:53    Titel: Tourtagebuch 2010 Antworten mit Zitat
26.01.2010 Hamm Bockum-Hövel, Albert Schweitzer Schule

An der Tür der Sozialbeauftragten Nicole, die mich zu zwei Lesungen vor insgesamt drei Klassen eingeladen hat, hängt ein Plakat gegen Mobbing. "Was ist das überhaupt für eine Schule" frage ich, weil es draußen nicht dransteht, weil es eiskalt ist und weil ich Ringe unter den Augen habe. "Eine Hauptschule", sagt Nicole. "Und vor welchen Klassen trete ich gleich auf?", frage ich. "Zwei achte und eine neunte." Ich gebe zu, ich werde nervös. Hauptschule, achte Klasse, das ist in der Klischeeskala der Erwartungen sicher das schwierigste denkbare Publikum. Aber gut, sie haben mich eingeladen, sie haben es mit ihren Lehrerinnen und Lehrern verabredet und sie zahlen sogar freiwillig 2 Euro pro Person. Die meisten von ihnen sind Jungs, es gibt Schals von Borussia Dortmund und Schals von Schalke 04 und kommen in "Das Gegenteil von oben" Szenen, in denen Dennis an der Playstation oder der Xbox zockt, sich gegen dumme Anmache wehrt oder mit seiner Mutter über den verschollenen Vater streitet, habe ich sie. Dann hört das Publikum zu, dann sehen mich manche einzelne Jungs an, als wüssten sie genau, wie das ist oder besser: Als wüsste ich genau, wie das bei ihnen ist. Lese ich stattdessen im "Vorleseton", also ohne Dialog, ohne Rotz und Improvisation, verliere ich sie schnell. Viel schneller als jedes andere Publikum. Dann wird es murmelig und laut im Raum und es ist ein Kampf um die Aufmerksamkeit, auch wenn die neunte Klasse sogar mitschreiben muss, da sie später im Unterricht zum Thema "Charakterisierung" meine Figur Dennis durchnehmen. "Welchen Charakter hat Dennis?", fragt denn auch ein Mädchen, um es einfach zu haben. Ein anderes fragt, wie man eine gute Geschichte schreibt, da sie es selber schon versucht. Als ich wenig später meine Lieblingsautoren nennen soll und die keiner kennt, haut sie einem Mitschüler ein Heft auf den Schädel und sagt: "Du würdest doch nicht mal die Stephenie Meyer verstehen!" Ansonsten fällt mir auf, was mir immer auffällt, wenn ich mit Menschen wie den Schülerinnen und Schülern dieser Schule zu tun habe: Sie denken praktisch. Und sie wollen was erreichen. "Was verdienen Sie so?", fragen sie oder auch "Was für ein Auto fahren Sie?" Ich denke an einen Track des Rappers Azad, in dem er den sozialen Aufstieg predigt und davon schwärmt, wie geil es ist, sich eines Tages den dicken Wagen leisten zu können. Menschen des "gebildeten" Milieus verachten solchen "Materialismus", rümpfen ihre gelehrte Nase und ziehen dann los, um in ihrem fabrikneuen Toyota Hybrid im Bioladen Streichpasteten für 4,99 Euro das Glas zu kaufen. Für den Toyota haben sie mehr gezahlt als meine Frau und ich für unseren ein paar Jahre jungen Mercedes. Der Toyota er Streichpasteten-Heuchler hat sein Gütesiegel vom Chef des Klimarates, der jetzt offiziell der Lügenpropaganda wegen der Gletscherschmelzen überführt wurde und in seiner Zweitfunktion Vorsitzender eines gut betuchten Institutes ist, das seine Millionen unter anderem von Toyota kriegt. Der Auftritt in der Hauptschule hat mir Spaß gemacht, auch wenn er sich phasenweise so mühsam anfühlte, als spielte ich Manndecker bei Eintracht Frankfurt. Auf die Frage eines BVB-Jungen, "wovon ich Fan sei", antwortete ich wahrheitsgemäß "von den Underdogs. Freiburg, Mainz, Pauli." In meinem Wagen mache ich jetzt allerdings 50 Cent an, höre mit großem Vergnügen "Get Rich Or Die Tryin'" zu und freue mich trotz gereizter Nase über all den frischen Schnee.
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Oliver
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Beitrag Verfasst am: 15.02.2010, 07:53    Titel: Tourtagebuch 2010 Antworten mit Zitat
02.02.2010 Marburg, Freie Waldorfschule (Lesung)

"Let me, let me, let me freeze again to death", singt Sting mit Grabesstimme auf seiner Winterplatte, während ich auf der Sauerlandlinie durch einen Tunnel aus Weiß schleiche. Das ist keine Autobahn mehr, das ist ein Weg, ein zugeschneiter Pfad durch einen Wald aus hohen Tannen, die links und rechts ihre Zweige unter dem Schnee nach unten biegen, jeder Zweig so dick wie ein Arm, weiß umhüllt, voller Kraft und Trauer. "... to deaaaaaath", haucht Sting, denn er singt in der Rolle des Winters selbst, es ist behaglich und finster und übrigens ein ganz großer Wurf, der mich seit Oktober begleitet. Seit diese Platte läuft, liegt das Land allerdings auch im Eis, womöglich hat es miteinander zu tun. Ich schleiche gerade nach Marburg, wo "eine Parallelwelt" herrscht, wie mein Gastgeber Herr Mylow nach meiner Lesung in der Aula der Waldorfschule richtig sagt, eine Welt ohne Ghetto, in der noch Mittelstand und Bildungsbürgertum existieren, nicht nur an der Waldorfschule. Die Schüler haben tausend Fragen nach 60 Minuten aus "Das Gegenteil von oben", alleine die nach meinen Inspirationen und Lieblingsautoren fällt drei Mal. Während der Show runzelt ein Lehrer die ganze Zeit die Stirn. Die Jungs hatten alle Spaß, auch hier spielen die meisten Videospiele und ein anderer Lehrer als der Stirnrunzler kauft meinen Roman, um seinen Sohn aus der Online-Rollenspiel-Sucht zu holen, welcher er seit Oktober verfallen ist. Ich weiß, ich werde am Freitag wiederkommen, einen Workshop machen mit 20 statt mit 120 Schülern. Es ist gut, dass das heute nicht geht, sonst wäre ich im berühmten 22-Stunden-Stau gelandet, der wenig später nach meiner Heimkehr auf der A45 begann. Dennoch ist auch meine Rückfahrt noch weit gruseliger als der Hinweg. Die Autobahn ist vollständig verschwunden, es ist nichts mehr geräumt, links und rechts sind die Schneewände schon so hoch, als fahre man in einem Bobkanal. Es nebelt, es schneit, alle schleichen mit 40 km/h auf einer Autobahn und ich höre dabei Roger Willemsen zu, wie er auf seinem hörbaren Lexikon des Jazz von Storyville, Bebop und der verzehrenden Lebenslust der großen Bläser erzählt. Wie er das macht und was er sagt, das macht Lust auf mehr, aufs Hinhören, und es lässt sich übertragen auf die Literatur. Ein "Jazz Vocalist", so lerne ich, zeichnet sich nicht dadurch aus, WAS er singt, sondern WIE er das macht. Variiert er jeden Abend, macht er jede Aufführung zu etwas Neuem, dann ist er einer. Genau das versuche ich 2010 mit meinen Lesungen, ich will nicht mehr "lesen", gar nicht mehr, auch abseits der Dialoge nicht. Selbst die Erzählstimme soll keinen Vorleseton mehr haben. Ich will spielen, improvisieren, als säße Dennis dort und erzähle selber. Oder eben "Ich". Ich habe Ansprüche an mich. Ich bin nicht satt. Nur vom Schnee. Doch ich komme durch...
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Beitrag Verfasst am: 15.02.2010, 07:54    Titel: Tourtagebuch 2010 Antworten mit Zitat
04.02.2010 Dortmund, Sissikingkong

Es ist ja so: Ich selber "murpe" viel zu wenig. Wir haben diesen Begriff erfunden als Hartmuts Manifest der Freiheit, das Verbringen zweck- und sinnfreier Zeit, das Austreten aus allen Mühlen. Wie schwer mir das selber fällt... Daher übe ich, auch heute. Bin beim Schwimmen mit meiner Frau, wir tun uns Gutes, üblicherweise würde ich es ausfallen lassen bei einer Lesung um 20 Uhr, aber warum? Ich bin im Wasser bis 19 Uhr, ich habe mir einen Zweitwagen geliehen, ich bleibe sogar ruhig, als ich in Dortmund um 19:57 Uhr einen Block zu früh parke und den Club nicht finde, zu Fuß in der Nordstadt, im Dunkeln. Egal. Ich komme erst um 20:02 Uhr an, Veranstalter Wolfgang Kienast ist ganz ruhig, Filmemacher Jens Mayer auch, die Gäste trinken und plaudern, niemand hetzt mich. Es geht. Es geht auch so. Veranstalter Wolfgang ist einer der besten "Murper" des Landes. Aufmerksame Leser dieses Tourtagebuches erinnern sich: Er ist der Mann, der sich ohne Profit- und PR-Vorteile historisch mit Anton Ulrich beschäftigt. Er ist der Mann, der hier im Dortmunder Keller die "Abende am elektronischen Kamin" veranstaltet. Seine Plattenkritiken für VISIONS lieferte er bis vor kurzem noch auf Disketten in der Redaktion ab. Jetzt gibt es dort keinen Rechner mehr mit 3,5-Zoll-Laufwerk, also geht Wolfgang "zu den Albanern". Die Albaner haben in ihren Internetcafés noch Laufwerke für Disketten. Noch... wer weiß, wie lange? Also sorgt Wolfgang vor: Er erkundigte sich kürzlich bei einem Experten, ob irgendein Freak mal eine Schnittstelle erfunden hat, mit der man Windows 95 nachträglich beibringen kann, USB-Sticks zu lesen. Das hat leider niemand. Oder vielleicht doch? Es ist Wolfgang zuzutrauen, dass er jemanden findet, der das nachträglich macht. Wolfgang erzählt mir von einem Mann, der in der Zeit vor VHS einen Plattenspieler erfand, mit dem sich Schwarzweißfilm auf Vinyl pressen und abspielen lässt. Wolfgang hat vor kurzem in seinem Hauptberuf als DJ einen Tanztee in einem Altenheim veranstaltet, mit Wirtschaftswunderschlagern. Zum Erstaunen aller Pflegerinnen, die ihre Bewohner nur als apathische Wesen kennen, tanzten und sangen die alten Herrschaften sieben Stunden (!) und waren wie ausgewechselt, weil sie endlich in ihre vertraute, alte Welt zurückversetzt wurden. Wie meine Romanfigur Jochen in "Feindesland", dem neuen Hui-Roman, der am 12.05. erscheint und aus dem ich heute das erste Mal was lese, weil Jens es für kommende Werbevideos filmt. Jochen gründet darin eine WG, die 15 Jahre in der Vergangenheit lebt, absichtlich. Nichts darin ist neuer, kein Gerät, keine Platte, kein Spiel. Wolfgang hat auch ein Buch geschrieben, Tiergeschichten, fabelhaft und satirisch. Es erscheint bei "Schreiblust", einem kleinen Verlag aus Dortmund. Wolfang macht, was er will, ohne Hektik. Er ist der beste Murper des Landes. Aus "Das Gegenteil von oben" habe ich heute natürlich auch gelesen, die meiste Zeit sogar. Aber irgendwie war für mich wieder Wolfgang der Star des Abends...
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Beitrag Verfasst am: 15.02.2010, 07:55    Titel: Tourtagebuch 2010 Antworten mit Zitat
05.02.2010 Marburg, Freie Waldorfschule (Workshop)

Ich spüre eine gewisse Skepsis. Da stehe ich, der Erfolgsautor, und lehre praktische Plotprinzipien statt hehrer literarischer Theorien. Das kennen diese Kinder der Gebildeten so nicht. Ich kann ihnen die Skepsis allerdings auch nicht verübeln, wenn man sich anschaut, was heute dabei herum kommt, als wir alle gemeinsam zum Einüben der grundsätzlichsten Konfliktstrukturen das Handlungsgerüst eines Romanes erfinden. Unser Protagonist ist ein hochtalentierter Chemiker, der nach der Ermordung seiner Eltern im Golfkrieg als Kind in die USA einwanderte, dort nun für einen Pharmakonzern arbeitet und in Wirklichkeit Rachepläne schmiedet. Er erfindet eine neue Wunderpille zum Abnehmen, deren "Defekt" dazu führt, dass das Abnehmen nicht mehr endet und die Kundinnen sich auflösen. So könnte seine Rache perfekt sein und er das gesamte amerikanische Volk auslöschen. Als er selbst allerdings eine Frau lieben lernt, die dieses Mittel auch nehmen will, muss er sich entscheiden, entwickelt ein Gegenmittel und inszeniert die ganze Sache pünktlich zum massenhaften Auftreten der Symptome so, als liege die Schuld beim bösen Konzern und er habe als Forscher in diesem gnadenlosen Unternehmen sogar noch rechtzeitig für die Lösung des Problems gesorgt. Er kommt damit durch (!) und wird wider Willen Retter des Volkes, das er zerstören wollte und Zerstörer der Firma, die seine Waffe gewesen wäre. "Das ist ganz schön trashig", bemerkt einer der Schüler, der selbst am eifrigsten mit an dem hanebüchenen Plot herumerfunden hat und lacht. Als ich im zweiten Teil Stil- und Reduktionsfragen durchnehme sowie ein paar psychologische Theorien skizziere, die ich für die Interaktion zwischen Figuren verwende, habe ich sie allerdings alle überzeugt, Trash-Plot hin oder her. Schwerer wird das schon bei dem Lehrer, der vor wenigen Tagen bei meiner Lesung so skeptisch im Publikum guckte und mich nach dem Workshop in der Kantine beim Bio-Menü in eine Diskussion verwickelt. Ihm gefällt nicht, dass ich bei Lesungen auf den schnellen Effekt setze und nur ein Lasso der Identifikation auswerfe, um die Jugendlichen zu fangen, ohne dass klar wird, was sie letztendlich aus alldem "mitnehmen" können. Ferner sei er entsetzt über meine Antworten auf die Fragen nach Einflüssen und stilistischen Handwerksprinzipien. Außer Kafka kenne er keinen meiner Lieblingsautoren und diese ganze Reduktionsgeschichte, das könne es doch nicht sein, was sei denn mit Lenz und Grass und Walser, ob denn nun die ganzen alten Meister von mir für ungültig erklärt würden. Ich könnte es mir einfach machen und ihm sagen, dass eine Lesung kein Unterricht ist und es besser ist, neue Leser mit dem Effekt-Lasso zu fangen, damit sie im Stall des ganzen Romans dann tatsächlich in Ruhe in der Tiefe wühlen, weil sie mir wohlgesonnen sind. Ich könnte sagen, warum auch die alten Meister kein Wort zu viel geschrieben haben und dass er keine Angst um sie haben muss. Statt dessen mache ich es mir schwer und diskutiere unter Schützenhilfe seines Kollegen Mylow, der mich engagiert hat, alles bis ins Kleinste aus. Man hätte eine WDR5-Sendung daraus machen können. "Ach so, dann verstehe ich das alles", meint der gute Mann, "es ist nur Schade, dass es bei einer Lesung nicht so rüberkommt." Auf dem Rückweg aus Marburg heraus lenkt mich der Navigator über irgendein Bauerndorf und lässt mich falsch abbiegen. Die Straßen sind im Prinzip alle geräumt, nur hier, bei den alten Höfen, da liegt noch der Schnee. Es kann nicht sein, dass die Bundesstraße schräg hinter der Scheune abbiegt, denke ich mir noch, fahre aber trotzdem den Hügel hinauf. Sackgasse. Nur Feld und Wald, verborgen unter dem ungeräumten Schnee von Tagen. Und: Gefälle. Beim Drehen bleibe ich auf der schrägen Einfahrt eines Hofes stecken. Der Motor röhrt, die Reifen drehen durch. Da erscheint ein Gesicht am Beifahrerfenster, faltig, eckig, wie der Rentner aus dem neuen Pixar-Film "Oben". Es ist ein Bauer. Er fuchtelt mit einer Mistgabel und schimpft. Ich lasse das Fenster runter. "Verschwinden Sie von meinem Gelände! Sie machen mir mit dem Geröhre die Schweine verrückt!" Ich sage über den Motor: "Ich bin doch nicht absichtlich hier! Ich habe mich verfahren. Ich fahre sonst sehr gut Auto!" Der Bauer hebt und senkt die Gabel und motzt: "Es ist nur Schade, dass es gerade nicht so rüberkommt!" Ich könnte es mir manchmal auch einfacher machen...
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Beitrag Verfasst am: 15.02.2010, 07:55    Titel: Tourtagebuch 2010 Antworten mit Zitat
06.02.2010 Geldern, Seven

Was ist bloß mit dem Navigator los? Eben habe ich nach einem Besuch bei meinen Eltern in Wesel die neue Rheinbrücke hinter mir gelassen und bin nur einmal falsch abgebogen und jetzt schleiche ich schneeknirschend im Dunkeln an halbrunden Gewächshäusern aus Blech vorbei. Mein Scheinwerferlicht schneidet die Kuppeln wie finstere Gemälde aus dem Schwarz des Abends heraus, das ansonsten undurchdringlich bleibt. Dabei haben wir erst halb sieben. Ich will nur auf die Hauptstraße zurück, das ist alles. Noch einmal über den schmalen asphaltierten Weg, der durch das Feld führt, dann kann ich wieder draufbiegen. Nichts da. Am Ende des Weges eine meterlange Schlucht zwischen mir und der Hauptstraße, breiter als Wellenbrecher bei Konzerten. Hier kann man nicht mehr weiter. Ich muss drehen, ohne Wendekreis, auf verschneiten Feldern. Jetzt schneiden meine Schweinwerfer ein paar Hasen aus der Finsternis. Eins, zwei, drei... lachend sitzen sie in der groben Furche des Feldes und machen sich über mich lustig. Einer tippt dem anderen auf die Schulter, die Augen zusammengekniffen vor Amüsement. Ha ha, sehr witzig.

In Geldern angekommen, esse ich vor dem Gig eine sehr gute Pizza gegenüber des Clubs, wo die italienischen Hausherren brüllend laut "Happy Birthday" in der Popfassung einspielen, weil irgendwer Geburtstag hat und wo es so scheint, als säße man in deren Wohnzimmer. Danach gehe ich spazieren im Viertel, bis kurz vor meiner Show, und denke mir wie Dennis aus "Das Gegenteil von oben" Geschichten zu den Hinterhöfen und fahl erleuchteten Fenstern aus, die ich passiere. Diese äußere Ruhe ist gut, auch wenn meine Phantasie laut ist... dass der Gebrauchtwagenhandel hinter dem Club - in dessen weitläufiger Glashalle gerade mal zwei Wagen und ein Schreibtisch mit Lederjacke über dem verlassenen Stuhl stehen - wirklich ein Gebrauchtwagenhandel ist, glaube ich zum Beispiel nicht. Die Show ist enthusiastisch, szenisch, gut gespielt, ich muss mich loben, obwohl ich weiter Hunger habe und mir noch lange nicht in der Performance genüge. Das Feedback der Leute ist überwältigend, es sind viele Hui-Fans darunter, die sich über die ersten Appetithappen aus "Feindesland" freuen. Buchhändler, Club-Betreiber, die bei ihrer allerersten Lesung überhaupt hier die Bude gut gefüllt haben: Sie waren mir mehr als wohlgesonnen. Auf dem Rückweg weiß ich genau, wo ich lang muss, fahre aber noch einmal absichtlich in die Gewächshausdunkelheit hinein, halte an, stelle den Motor ab, steige aus und stelle mich vor das Feld. Es ist niemand da. Ich rufe: "Na, ihr langohrigen Großmäuler? Wo seid ihr denn jetzt? Hä? Jetzt habt ihr Schiss, was? Jetzt versteckt ihr euch in euren Bauten! Nicht mit mir, Jungs, ich bin der Mann, mir jubelt man zu, hört ihr das?" Nach einer Weile spüre ich, dass ein alter, behaglicher Mann mit einem Dackel neben mir steht. Er traut sich nicht, sich zu entfernen, sagt aber auch nichts. Ich räuspere mich, patsche mit meinen Händen an meine Hosennaht, räuspere mich noch mal, lächele verlegen, schaue zur Hauptstraße, als hätte ich mich verfahren, steige ein, drehe sehr langsam und rolle knirschend davon.
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Beitrag Verfasst am: 26.03.2010, 06:05    Titel: Tourtagebuch 2010 Antworten mit Zitat
26.02.2010 L-Wiltz, Kulturzentrum Prabbeli

Ich bin sehr länderfühlig. Betrete ich fremden Boden, habe ich sofort einen Blick dafür, was alles anders ist. Jedes Land hat eine andere Atmosphäre, die mir bis in die Zellen kriecht und die ich einsauge wie eine Kamera mit Stimmungsfilter. Soeben habe ich die Grenze überquert und rolle über eine Autobahn in Belgien. Der Himmel ist verhangen, die Straßenschilder sehen anders aus, die Rasthöfe erinnern mich an die amerikanische Provinz. Auf einer Landstraße warten winzige Frittenbuden vollkommen einsam an Feldrändern, ein Schotterparkplatz daneben, in "Supernatural" würden sich an dieser Stelle ab dem Einbruch der Dunkelheit Vampire treffen. Es ist eine melancholische Szenerie, aber das liegt wohl auch an mir selbst. Denn so fern und auf Reisen ich an diesem Tag auch sein mag - im CD-Player höre ich die Musik meiner Kindheit, Peter Maffay live in Iserlohn, und Peter singt "Ich geh fort" und erzählt die Geschichte vom Tramper, der sein bürgerliches Leben hinter sich ließ. Gleich kommt die Bridge, diese sensationelle Bridge... "und ich spürte Tränen in mir/ wie von einem Druck befreit/ hab ich wieder geweint/ nach ewiger Zeit/ ich wusste jetzt ist es soweit...". Seit ich sechs Jahre alt bin, muss ich selber bei dieser Bridge weinen, dieser kleine Part ist meine erste Emo-Erfahrung und ich rolle durch Belgien und lobe und preise die Bridge von "Ich geh fort", bei offenem Fenster preise ich sie und meine Lobpreisungen wehen über die Frittenbude am Feldrand, aus deren warm und schwitzig erleuchtetem Fenster mir ein einsamer Wirt nachsieht.

In Luxemburg trete ich heute mit einem Mann auf, der in diesem wunderbaren kleinen Land so bekannt ist wie der rumänisch-stämmige Rocker Maffay bei uns: Serge Tonnar. Wir kennen uns noch nicht und auch vom Kulturzentrum Prabbeli habe ich noch nie gehört. Umso begeisterter bin ich, als ich es in dem muckeligen kleinen Ort finde, der wie in einer Märklin-Landschaft zwischen grünen Hügeln eingebettet liegt. Das Prabbeli ist ein soziokulturelles Haus, staatlich gefördert, und wo derlei Einrichtungen in Deutschland meistens recht verranzt und ärmlich wirken, ist dieses Schmuckstück liebevoll und gepflegt. Das stört einige der Jugendlichen sogar, wie mir die Veranstalter erzählen, die sind dann wiederum fasziniert, wenn sie in Hamburg oder Berlin mal echt kaputte Clubs erleben. Ich liebe es und ich gerate im viertelstündigen Wechsel mit Serge in den besten Flow, den ich jemals bei einem gemeinsamen Gig mit einem Musiker hatte. Serge singt auf Englisch, Luxemburgisch und einmal "nur für mich" auf Deutsch und ich mache mich über mich selbst lustig, dass ich seine Moderationen nicht verstehe und er mich auch gemütlich verarschen könnte, ohne dass ich's merkte. Ich erzähle dem aufmerksamen und unglaublich sympathischen Publikum gemischte Anekdoten von Dennis und von Hartmut und verkaufe nach der Show meine gesamte Bücher- und Merchkiste leer, was mir in Deutschland noch niemals passiert ist. Mit Serge - der mich in seiner Mixtur aus Tom Waits, Leonard Cohen und Oliver Minck'schem Humor bestens unterhalten hat - tausche ich CDs gegen Bücher und im Hotel de la súre, das in einem noch kleineren und noch muckeligeren Nachbarsörtchen liegt, erzählt mir der Besitzer stolz von seinem Geschäftskonzept, das Hotel mit den meisten Büchern zu sein. Sie stehen in der Tat überall herum, auf schmalen Simsen und unter Nähmaschinen, in allen Zimmern und bei der Tischtennisplatte. Jeder Gast, der zwei dalässt, darf eines mitnehmen; es ist ein Wettbewerb, den er einmal mit einem deutschen Hotelier gestartet hat. Heute sitzt er mit den Politikern der Gegend zusammen und plant Barfußerlebnispfade in der naturromantischen Region; früher hat er aus dem Nichts eines der erfolgreichsten Motorradmagazine gegründet. Ich bin müde, aber wir reden noch bis 1:30 Uhr, zwei rege Geister, die im Leben nicht stillhalten können. Ich verspreche ihm, ihm noch am nächsten Tag meine Kontakte zu meinem Barfußwandelpartner Burkhard zu mailen, der sich in Deutschland so sehr für Erlebnispfade engagiert. Als ich es am nächsten Nachmittag tatsächlich sofort tue, schreibt der Hotelchef zurück: "Wow! Ein Mann, der Wort hält!" Ich mag die Luxemburger.[url][/url][url][/url][url][/url]
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Beitrag Verfasst am: 26.03.2010, 06:07    Titel: Tourtagebuch 2010 Antworten mit Zitat
19.03.2010 Leipzig, Buchmesse

4:50 Uhr. Ein Parkplatz mit Klo, irgendwo an der A2. Ich bin um 3 Uhr losgefahren und brauche eine erste Pause. Es gibt hier kein Licht an den Parkbuchten, nur drüben wird die Mauer des Scheißhauses geflutet. Rechts neben mir steht ein abgestellter Schrottwagen, längst ein Strafzettel des Staates daran. Links leuchtet das Radio in einem Wagen, der seine Kennzeichen noch hat, in dem aber niemand schläft oder Pause macht. Ich schlucke. Die Nachtschwärze ist dickflüssig und durch ihren dunklen Sirup kommt mir die Titelmelodie der Serie "Dexter" in den Sinn. Ich stelle mir vor, ein Serientäter wartet hier auf mich, wo auch sonst, um 4:50 Uhr auf so einem Parkplatz zu halten statt zu warten, bis ein großer Rasthof sein 24-Stunden-Licht zur Herberge anbietet, ist im Grunde lebensmüde. Trotzdem halte ich mich 10 Minuten hier auf, gehe spazieren und nutze das Dunkel, um eine Menge MURP-Sticker zu verkleben.

10:03 Uhr. Mein erster Auftritt des Tages im Kulturzentrum Anker. Drumherum sind Schulen und alle wurden eingeladen, aber da die letzten Klassenarbeiten vor den Ferien anstehen, wohnen meiner Lesung zu "Das Gegenteil von oben" nur vier Personen bei. Eine erwachsene Frau mit geübtem Messeblick, eine Mutter mit Tochter, die beide Fans sind und auch alle Hui-Romane kennen sowie eine ältere russische Mutter, die mir eifrig erzählt, dass sie das Buch unbedingt für ihren Sohn mitnehmen muss, da er sich mit 25 immer noch so benimmt wie Dennis mit 15. Sie ist begeistert von dem, was sie hört, von der Psychologie der Mutter im Roman ("mache ich vielleicht was falsch?") und von den Thriller-Parts, als Dennis im Keller die geheime Wohnung entdeckt und das Gespräch der Männer belauscht, das so klingt, als würde hier das Schrecklichste geschehen, das sich denken lässt. Ich trinke Tee und bin zufrieden, denn vier Menschen am Morgen so zu fesseln, ist auch schon jede Reise wert.

14:00 Uhr. Der Stand der HTKW Leipzig, technische Hochschule, an der man auch Buch- und Verlagswesen studieren kann. Ich performe "Das Gegenteil von oben" mit Headset gegen eine laute Kulisse der Stände nebenan. An einem wird Musik gespielt, an einem anderen hin und wieder Durchsagen gemacht. Die Sitzwürfelbänke sind voll und es macht Spaß trotz des Lärmpegels. Mein PR-Mann Stefan lobt hinterher, dass ich immer so individuell auf das Publikum eingehe. Hier zum Beispiel hätte ich "die Leute gehabt", als ich anmerkte, dass Halbstarke wie die aus meinem Roman als liebstes Schimpfwort "du Opfer!" verwenden und dass doch im Grunde alle, die hier sitzen, früher dazugehört hätten. Alle kleinen, cleveren, buchinteressierten, sensiblen Menschen. Ich plane nicht, so etwas zu sagen, es rutscht mir einfach heraus, ich hätte es sogar lieber, wenn "wir" keine Opfer wären und auch gelernt hätten, im Notfall die große Bratpfanne rauszuholen, aber ich merke tatsächlich, wie die Äuglein strahlen, wenn man etwas so Wahres und Elementares sagt und es auch noch zutrifft.

15:30 Uhr. Leipzig liest, das große Forum in Halle 4, 150 sitzende Gäste und Dutzende, die beim Vorbeigehen kleben bleiben, weil da plötzlich einer ist, der anders liest als die üblichen Autoren. Der spielt ja richtig, mit Händen und Füßen! Und was erzählt der da von diesem Dennis? Da bleibe ich mal... so sehe ich es in den Augen der Messebesucher, die ganz hinten stehenbleiben und zuhören und mich besonders motivieren, ebenso wie die erfreulich bunte Zusammensetzung der Sitzenden. Vom graumelierten Bildungsbürger bis zum ganz jungen Teenager hängen hier alle an meinen Lippen und die 30 Minuten gehen viel zu schnell vorbei.

20:00 Uhr. Auerbachskeller, der klassische Laden, in dem einst Mephisto herumturnte. Essen mit den Verlagsleuten und einigen Autorenkollegen. Es ist interessant, sich auszutauschen, aber es ist höllisch laut hier unten, wie auf einem Bahnhof, wie im Hofbräuhaus. Ich seile mich früh ab, genieße lieber ein Telefonat mit Sylvia in der glitzernden Lichterstille der warmen Leiziger Innenstadt, die wir noch vor einem halben Jahr gemeinsam besuchten und aus Versehen in den langen protestantischen Gottesdienst gerieten. Sylvia erzählt mir, dass der Nachbarsjunge wieder vor der Tür stand und Tischtennis spielen wollte. Ich denke an unser Dorf und daran, dass ich auf der Messe, sobald ich selber flaniere, mittlerweile immer nur an Bühnen halte, auf denen ältere Herren mit sonoren Stimmen sprechen. Seien es Philosophen, sei es Martin Walser, seien es grandiose Nerds, die einen kompletten Verlag nur mit Bildbänden über Steine betreiben. Ich suche die Stille und im Hotel, während ich diese Zeilen schreibe, höre ich Lounge-Radio im Internet.
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Beitrag Verfasst am: 31.03.2010, 07:06    Titel: Tourtagebuch 2010 Antworten mit Zitat
25.03.2010 Wiesbaden, Kulturpalast

Heute ist ein Tag, an dem ich sehr viel über die Bedeutung des Egos nachdenke. Wann schaltet es sich ein, mit Pauken und Trompeten? Wann schweigt es dezent und lässt mich das Rauschen der Baumwipfel hören? Geht es mir besser, wenn es sich auf die Brust trommelt wie ein Gorilla? Könnte ich ohne? Zwischen den großen, sonnigen Rasthöfen auf der Hinfahrt gleite ich auf der Autobahn zu den Klängen der Indierock-Band Nervous Nellie sowie zu der 8. Sinfonie von Bruckner dahin. Der Rock ist melancholisch, schroff-romantisch, eine Landschaft voller Fernweh. Die Sinfonie ist kraftvoll und klingt, als habe sich der Filmmusik-Gigant John Williams bei Herrn Bruckner einiges abgehört. Mein Ego? Ist aus! Ich bin ganz in der Musik. Als ich zwei Stunden später durch Wiesbaden rolle - Ampeln, Hotels, das große Casino - bounct Dr. Dre im Player und rappt: "This one goes out to all of those with big egos". Ich habe Spaß und fühle mich angesprochen. Immerhin fahre ich das vierte Mal zu einem Auftritt im Kulturpalast. Ich bin Autor, die Leute wollen mich sehen, ich habe ein Hotelzimmer und sechs Bücher auf dem Markt. Check this out, man! Euphorie und Stolz und Vorfreude auf den Gig. Das Ego? Ist an!

Nach einem holprigen Beginn (ich will irgendwie lässig mit "Fehlermeldung" anfangen und dann stimmig zu "Das Gegenteil von oben" gleiten, was nicht funktioniert, weil das Wörtchen "irgendwie" in diesem Vorhaben vorkommt) begeistere ich ein volles Haus mit den Erlebnissen von Dennis und ersten neuen Auszügen aus "Feindesland". Ich trinke Whiskey beim Lesen und scherze darüber, dass mein Image-Berater mir angeraten hat, härter wirken zu sollen. Mir fällt auf, dass ich in Wiesbaden besonders gerne beim Auftritt trinke. Nach der Show sagt mir eine Frau, dass sie "diesen Dennis" jetzt schon ins Herz geschlossen habe und ich gebe das zweitcoolste Autogramm aller Zeiten: Auf eine "The Nightfly"-CD! (Das Coolste war die Signatur einer grauen Playstation). Jürgen Klugmann von pixelfreestyle macht Fotos. Das Ego? Ist an!

In meinem geliebten Town Hotel liege ich auf dem Bett und nutze das Gratis-WLAN für meine favorisierten Entspannungsvideos auf YouTube. Heute: Professor Harald Lesch über die (Un-)Möglichkeit des Beamens und den "echten" Subraum, Werner "Tiki" Küstenmacher über die Entstehung von "Simplify your life", Günter Grass auf der Buchmesse über die Stasi-Tagebücher sowie einige Clips zum Thema Achtsamkeit und Meditation. Irgendwann lacht mich ein buddhistischer Großmeister an. Auf seinem T-Shirt steht: "No Place For Ego". Harald Lesch erklärt mir, dass im Innersten der Materie auf subatomarer Ebene im Grunde überhaupt keine Materie, sondern weitestgehend Leere ist.
Ich mümmele Pizzareste vom Catering. Das Ego? Ist aus. Aber der Kopf? Läuft heiß!
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Beitrag Verfasst am: 21.04.2010, 08:12    Titel: Tourtagebuch 2010 Antworten mit Zitat
Tourtagebuch - 07.04.2010 Herbern, Haus der Künste

Es gibt diverse Gründe, weswegen ich momentan in einer reizbaren, riskanten Stimmung bin, in welcher ich davon träume, als Ballonseide tragender Spion die Züchtung tödlicher Giraffenmutationen verhindern zu müssen und in der Wirklichkeit mit Katzenhaaren auf dem T-Shirt und nackten Füßen in dreckigen Crocs durch die örtlichen Supermärkte stapfe und die Beutel in Teepackungen austausche. In dieser Stimmung kann eine unschuldige berufliche Mail das Überarbeitungsfass zum Überlaufen bringen und mich mit Stöcken auf graue Überlandkästen einschlagen lassen, aber eine gelungene Aktion vermag es im Umkehrschluss, mich in euphorische Höhen zu katapultieren. So waren Sylvia und ich heute Nachmittag während der Arbeit an den Plakat- und Programm-Materialien für die Hartmut-und-ich-Ausstellung auf der Suche nach einer Möglichkeit, die Schrift "Techno Regular", die alle Hartmut-Romane ziert, für den eigenHartmut-Bücher ziert, für den eigene Gebrauch zu erwerben. Klingt einfach, ist aber eine Herkules-Aufgabe, die nur von Männern erledigt werden kann, die noch dickere Eier haben als Dr. Dre, der ganz genau weiß, was er tut, wenn er sich im Booklet von "2001" mitten in seinem Archiv von 15.000 Vinylplatten abbildet und damit dem Betrachter sagt: "Pass mal auf, du Vollpfosten, ich kenne alles, ich habe alles, ich schöpfe meine Samples aus dem Rahm so vieler Scheiben, wie du niemals hören wirst, du Stuhl!" Aber zurück zur Schrift. "Techno Regular" ist eine Schrift, die nur im Betriebssystem Mac OS 9 existierte und seither niemals mehr. Und selbst, wenn man sie im Netz findet - und ich fand sie, nachdem ich 212 amerikanische Foren ausquetschte - kann man sie nicht verwenden, wenn man wie wir zu den Frevlern gehört, die schwarzen Kaffee, grünen Pfefferminztee und Microsoft Windows XP zusprechen. Aber ich, der dickere Eier hat als Dr. Dre, ich lasse mich nicht aufhalten von Unmöglichkeiten. Mit stierem Blick und fetten Adern an den Schläfen hielt ich den Rechner vor mich und schrie wie einst John Locke: "Sag mir nicht, was ich nicht tun kann!" Dann machte ich weiter, grub mich durchs Netz wie ein Maulwurf mit vollaumatischen Klauen und ließ mich treiben vom reinen, durch nichts aufzuhaltenden Willen zur Schrift. Schließlich fand ich das Programm CrossFont (15 Tage Testversion, dann 40 Euro), das jede teufelsverdammte Apple- in eine Windows-Schrift umwandeln kann und umgekehrt. Nur wenige Stunden waren vergangen und ich konnte mit nacktem Oberkörper, den Laptop wie eine Fackel am gestreckten Arm gen Decke reckend, verkünden: "Wir haben die Schrift in unserer Hand!" Ich rief meinen Agenten an und erzählte ihm von meinen dicken Eiern. Er sagte, ich solle über meine Eier im Tourtagebuch schreiben, obwohl ich gar nicht auf Tour bin. So ward es geschehen.
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Beitrag Verfasst am: 03.05.2010, 05:45    Titel: Tourtagebuch 2010 Antworten mit Zitat
15.04.2010 Zürich, NZZ Podium & Mundwerk

"Penibel, aber großzügig". So fasst David Karrer vom Kulturbiotop Mundwerk das Wesen seiner Landsleute zusammen und so treffend hat es bislang noch keiner formuliert. Sylvia und ich sind ein paar Tage in der Schweiz, weil die Neue Zürcher Zeitung mich auf ihr Podium eingeladen hat, eine hoch etablierte Veranstaltung, auf der - moderiert von Feuilleton-Chef Dr. Martin Meyer - "internationale Experten" über heiße Themen der Zeit debattieren. Heute Abend geht es um "Jugend in der Medienkultur" und neben dem Psychologen Dr. Allan Guggenbühl und der Schulrektorin Ursula Alder bin ich der Experte für die Seele der Jugend, die Videospiele und die Ambivalenz der Internetmechanismen, die sie lieben, verführen und süchtig machen. Guggenbühl und Alder sagen eine Menge kluge und richtige Dinge, aber ich bin augenscheinlich der einzige, der die Spiele auch kennt und punkte daher mit ebenso kritischen wie komischen Details zur fatalen Funktionsweise von Spielen mit Eigenzeit und zum irrationalen schlechten Gewissen, das ich habe, weil bei "Animal Crossing" während meiner Abwesenheit der Garten verrottet. Dr. Meyer leitet das Gespräch mit ebensoviel achtsamem Geist wie trockenem Humor (nachhören lässt sich der Podcast hier und ich bin freue mich nach der Runde, sagen zu können: "So, genug über die Jugend geredet, wir fahren jetzt hin!" Das Mundwerk ist schließlich ein alternativer Jugendclub und wo diese beiden Worte in Deutschland oft nur das Chiffre für "verranzte Punkhütte" sind, hat uns dieses liebevoll geführte Häuschen schon am Nachmittag umgehauen. Da waren wir die Örtlichkeit inspizieren und völlig baff über die gute Einrichtung, die tolle Wandbemalung, die Gewissenhaftigkeit der Betreiber und den Musikgeschmack der Schweizer Jugend, die sich hier im Club vor allem gerne Raggae, Dub, Lounge und Deep Underground reinzieht. Veranstalter David Karrer hatte am Nachmittag bereits großen Spaß, als ich völlig überfordert meiner Frau das Steuer des Autos übergab, da ich nicht rückwärts die schmale Zufahrt hinaufkam, und heute Abend bricht er (seines Zeichens auch DJ) bei jedem dritten Refrain eines Songs gerne mal spontan in enthusiastisches Mitsingen aus. Wir trinken Cocktails wie die "besoffene Aprikose", die zu unseren "besoffenen Äpfeln" passt und knabbern Süßgebäck, das sie für die Gäste auf den Tischen verteilen. Dass von denen während meiner Show kaum einer da ist, ist dem liebenswerten Team des Hauses viel unangenehmer als mir. Ich bin einfach froh, das erste Mal in der Schweiz zu spielen, lese und tobe heute schnell und zappelig wie Heinz Ehrhardt und wundere mich darüber, welch lange Sätze ich in alte Geschichten wie "Yannick" eingebaut habe. Zürich begeistert uns, die Menschen und die Stadt, vom genialen Flammkuchen im "Henrici" bis zu den Kirchenfenstern Marc Chagalls, die nicht weniger beeindruckend werden, bloß weil sie jeder besucht.

Den Tag darauf kurven Sylvia und ich durch sich steil in die Berge schlängelnde Straßen zum Freilichtmuseum Ballenberg bei Hofstetten, wo auf einem riesigen Gelände die Schweiz mittels dort hingebrachten und wieder errichteten Originalhäusern vom 14.-19. Jahrhundert so aufgebaut wurde, wie sie in der Vergangenheit war. Man wandelt durch eine andere Welt, es ist enthoben und wunderbar. Lange trösten wir eine schwangere Ziege, die Schmerzen hat. Wir sagen einem Pfleger Bescheid, dass hinten am Gehege anscheinend die Wehen losgehen und er strahlt und freut sich über unsere Achtsamkeit. In einem der alten Häuser lernen wir, dass die Schweizer Uhren-Industrie ihren Anfang auf den Dachböden der Bauern nahm, wo die kernigen Farmer in den Wintern aus Langeweile begannen, sich mit der Uhrmacherei zu beschäftigen. Sie hatten kein Facebook und sie hatte die Ruhe weg. Penibel, aber großzügig. Der Himmel strahlt wolkenlos und atemberaubend schön, weil kein Flugzeug mehr fliegen darf. Es sind gute Tage.
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Beitrag Verfasst am: 03.05.2010, 05:46    Titel: Tourtagebuch 2010 Antworten mit Zitat
24.04.2010 Gießen, Firmenveranstaltung

"Sie sind doch der mit den Männern und den Frauen." Das war der erste Satz, den die Pressedame eines mittelständischen Unternehmens in Hessen vor ein paar Wochen durch den Hörer schickte. Ihre Anfrage war erfrischend fahrig, sie sprang von Hölzchen auf Stöckchen, von "Fehlermeldung" zu "Hartmut und ich", bis sie endlich sagte, was sie wollte, einen Auftritt wollte sie, für eine Firmenveranstaltung, gut honoriert, sie habe gelesen, so was mache ich auch. Ja, so was mache ich auch und so sitze ich heute Abend vor rund 50 Leuten einer heiteren Belegschaft, die Jubiläum feiert und sich beömmelt, wenn ich vom "langen Hänger" des Mannes oder seinen "Fehlermeldungen" berichte, obwohl die Anspielungen auf Filme, Spiele und Indierock-Songs mangels Zielgruppenkompatibilität allesamt ins Leere gehen. Macht nichts, lese ich eben "Krank sein" aus dem ersten Hui-Roman, wo Hartmut als leidender Vergrippter seinen Mitbewohner in die Rolle der fürsorglichen Frau drängt oder "Torschusspanik" aus der brandneuen Anthologie "Stockender Verkehr", eine Geschichte über die sexuellen Missverständnisse zwischen Frauen und Männern, die Sylvia und ich als zweite Story nach "Ein Leben in Ocker" unter Team-Autorenschaft veröffentlicht haben und die direkt auf der ersten Seite mit den Wörtern "Vagina", "Klitoris" und "Yoni" aufwartet. Die Männer der Belegschaft erschreckt das ein wenig und ich erinnere mich an die Szene aus "The Big Lebowski", als die verrückte Künstlerin zum Dude unablässig "Vagina!" sagt, weil er als Mann davor angeblich Angst hat. Nach dem furiosen Auftritt beginnt der anstrengende Teil des Abends, denn die Männer wollen mich noch zu zwei bis vierzehn Bier und Kurzen überreden und begreifen einfach nicht, dass ich trotz der intimen Storys kein Kollege, sondern immer noch ein gebuchter Dienstleister bin. Ein Dienstleister, der ins Hotelbett will, da dort ein Laptop auf ihn wartet, der mit Texten für die Begleitschilder der Hartmut-und-ich-Ausstellung und zahllosen Akquise-Mails für Hartmuts Interview-Couch gefüllt werden will. Ein Laptop, der mich daran erinnert, dass ich noch viel weiter die Kunde streuen muss, dass wir für besagte Ausstellung vom 20.05-01.08. in Oelde Praktikanten suchen, die sich perfekt mit der Hui-Welt auskennen oder sich reinarbeiten, die Räume bewachen und pflegen, die Veranstaltungen begleiten, mit den Besuchern plaudern, die prominenten Gäste betreuen und Bücher sowie Merchandise verkaufen und dafür am Ende von 2,5 arbeitsreichen Monaten auf dem Kulturgiut Haus Nottbeck ein seriöses Zeugnis des Museums für Westfälische Literatur bekommen. Und viel gelernt haben in allen Schlüsselkompetenzen, die man als Kulturmensch braucht. Ich verspreche auch, dass ich die Praktikanten nicht zu Schnaps animieren werde. Das alles muss ich noch schreiben, später, im Hotel. Oh, ich hab's ja schon getan. Und hoffe, dass sich ein paar Kandidaten melden.
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Beitrag Verfasst am: 16.06.2010, 18:56    Titel: Tourtagebuch 2010 Antworten mit Zitat
28.04.2010 Bochum, Wiemelhauser Straße 418

"Hat ihr Kollege da irgendeinen Presseausweis oder so was?" Der Mann an der Bar fragt das auf eine sehr bedrohliche Weise. Sein Blick ist skeptisch und bitter und grau. "Nein", sage ich und erkläre, für was wir hier drehen. Ruhrpott, Hartmut, Wiemelhausen früher und Wiemelhausen heute. "Und dann filmen Sie einfach hier die Gebäude?", sagt der Graubittere.
"Gebäude darf man immer filmen, von außen", sage ich.
"Nein", sagt er und schüttelt den Kopf.
"Doch", sage ich.
"Sie dürfen mich nicht filmen, wenn ich hier vor Seier stehe."
"Nein, Personen nicht, aber Seier schon."
Der Mann macht nur "hm", so kurz und finster, er könnte mir nun auch einen Spitzdolch in den Unterleib rammen und während ich vor ihm niedersinke unbeteiligt über mich hinweg auf die Pokale schauen, dabei aber konzentriert nachbohren.

Mögen die Gäste der Gaststätte Seier auch heute finster sein, der Chef lässt uns filmen, wie wir Pommes Spezial bestellen, die Pracht Wiemelhausens. Jens Mayer und ich besuchen ehemalige Nachbarn, drehen Stimmungsbilder des Stadtteils und verbringen ein paar schöne Stunden im Garten der Familie Hubert, die heute das Gelände besitzt, auf dem früher das reale Haus mit meiner WG und somit der Hui-WG aus den Romanen stand. Familie Hubert hat aus der Wildnis einen sensationellen Garten gemacht, so idyllisch und ausgewogen wie das, was am Ende von "Voll beschäftigt" die Landschaftsgärtner zaubern. Familie Hubert hat die Hausnummer und die Küchenlampe aus den Trümmern gerettet, die jetzt als Artefakte in der Vitrine der Hartmut-und-ich-Ausstellung stehen und Familie Hubert hat Videomaterial vom Abriss des Hauses, aus dem Jens zusammen mit dem Stoff von heute eine 15-minütige Dokumentation der Extraklasse bauen wird, die man im Keller der Ausstellungs-WG anschauen kann.

Auf der Rückfahrt habe ich nostalgische und gegenwartsenthusiastische Gefühle zugleich. Wir bauen die Hui-WG als Kulisse wieder auf, das ist genau die richtige Methode, es ist ein Zurück und zugleich ein gigantisches nach vorn. Es ist noch viel zu tun...
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Beitrag Verfasst am: 16.06.2010, 19:00    Titel: Tourtagebuch 2010 Antworten mit Zitat
04.05.2010 Voerde, Realschule

Mein Kopf wird immer voller mit "Ab ins Buch!", unserer großen Hui-Ausstellung, das Programmheft ist mir bereits ein optischer Ohrwurm, aber heute Morgen muss ich mich noch mal auf "Das Gegenteil von oben" konzentrieren, aus dem ich vor zwei Jahrgangsstufen der örtlichen Realschule vorlese. Das Publikum ist voller junger Männer, die ich wie immer spätestens dann kriege, wenn Dennis im Roman zur Beruhigung und Ablenkung von den Konflikten mit der Mutter Brothers in Arms: Hell's Highway spielt. Habe ich sie einmal, führe ich sie tief ins Buch und in die Lust auf den Plot. Nach der Lesung steht ein junger Mann am Tisch und sagt, was ich häufig von jungen Männern höre: "Das ist das erste Buch, das ich freiwillig kaufe." Andere besitzen es schon und sagen: "Das ist das erste Buch, das ich freiwillig durchlese." Der Morgen war also gelungen, ich habe Erstleser gewonnen, für mich und für andere, für die Zukunft der Menschheit. Dann ist mein Schädel wieder beim Ausstellungsaufbau, bei To-Do-Listen, bei Koordination. Hartmut wartet...
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Beitrag Verfasst am: 16.06.2010, 19:01    Titel: Tourtagebuch 2010 Antworten mit Zitat
08.05.2010 Oelde, Kulturgut Haus Nottbeck

"Sag mal, hast du eine andere andere Uhr als wir?", ruft Burkhard, als ich erst um 15:45 Uhr am Kulturgut ankomme, wo ich schon von morgens an beim Aufbau des Barfußpfades helfen wollte. Wohzimmer, Keller, Rasthof und Barfußpfad sind unsere großen Stationen bei "Ab ins Buch!" und ich war bis eben noch unterwegs, Requisiten besorgen und "Erledigungen" machen, diese zeitfressendste aller Tätigkeiten, "Erledigungen", wenn ich das Wort schon höre, es widerspricht sich selbst, denn in der Zeit, in der man "Erledigungen" macht, könnte man 15 Seiten Literatur verfassen, steht aber nur an roten Ampeln und hört von Verkäufern: "Haben wir nicht!" Vor einer halben Stunde war ich noch bei Poco in Ahlen, um ein Highboard zu holen, das als unsere "Theke" im "MURP!"-Rasthof fungiert und als ich an der Info des Möbelmarktes stand, schrie meine innere Stimme: "Geh wieder raus!!!" Ich wusste zwar nicht warum, folgte ihr aber und fand mein Auto mit offenen Türen vor. Also nicht bloß nicht abgeschlossen, sondern offen stehend, wie zwei Flügel, auf dem Beifahrersitz einladend meine Geldbörse und im Kofferraum über 200 PlayStation-Spiele, die erste Fuhre für Hartmuts Wohnzimmerregal. Als ich Burkhard das auf der Obstwiese, wo er und seine Frau Petra, seine Tochter und ihr Freund sowie der Bruder meines Agenten bereits 80% geschafft haben, erzähle, sagt er: "Erst mal durchatmen!" und empfiehlt mir mal wieder eine Entspannungstherapie. Ich hüpfe währenddessen 17 Mal pro Sekunde auf und ab und sage "okay!"

Gegen Abend ist der Pfad komplett hergestellt, malerisch zieht er sich durch die riesige Obstwiese, flache Holzrahmen gefüllt mit Sand, Mulch, feinem und grobem Kies sowie Holzbohlen zum Balancieren, Stege und Stämme. Burkhard und ich weihen ihn ein, es ist traumhaft und die erste echte Entspannung seit Tagen, die Vögel zwitschern und aus dem hohen Gras flattert ein Fasan auf. Auf den Pflöcken am Rand werden bald Infotafeln zu germanischen Göttern kleben, die man beim Barfußwandeln studieren kann, in der "Hörstation" wird das Hörbuch zu "Wandelgermanen" laufen. Es nimmt Formen an und für einen Moment erfasst mich der Frieden dieses idyllischen Fleckchens Erde. Dann spült ihn die innere Unruhe wieder davon, weg ist er, sobald ich nicht nur an den einen Moment, sondern an das große Ganze denke, das wir hier aufbauen wollen. Hartmut ruft und wir werden folgen, alles wird gut.
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Beitrag Verfasst am: 16.06.2010, 19:02    Titel: Tourtagebuch 2010 Antworten mit Zitat
12.05.2010 Werne, Buchhandlung Beckmann

Eine Veranstaltung am Tag der Veröffentlichung? "Feindesland" erscheint und Uschmann ist im Haus? Die Buchhandlung Beckmann war begeistert, als wir diese Konstellation irgendwann im Frühjahr spontan beschlossen, als ich vom Acerola-Vitamine-Einkaufen im Reformhaus gegenüber in den Laden stolperte. "Wir sollten allerdings darauf achten, es nicht an die allzu große Glocke zu hängen", sagte ich damals, immerhin hat die Mayersche in Dortmund die offizielle Premiere eine Woche später gebucht. Nun ist es Mai und der kleine, sympathische Buchladen am Werner Kirchplatz, der wie eine Fachwerkkulisse aus dem Amiga-Adventure "Lure Of The Temptress" aussieht, hat es nicht an die große Glocke gehängt. "Weltpremiere in Werne!" schrieb die Lokalzeitung und: "Beckmann legt den roten Teppich aus!" Als ich am Abend ankomme, sehe ich: Das war nicht metaphorisch gesprochen. Das Geschäft hat einen roten Teppich erworben, an dessen Rand große Gartenleuchten stehen. Cannes in Werne. Weltpremiere. Wir bleiben bescheiden. Ich freue mich natürlich und berate vor dem Auftritt eine Wortguru-Kundin, die ihr erstes Buch schreiben will, anstatt mich wie andere Weltpremierenkünstler wahlweise zum Koksen oder zum Meditieren zurückzuziehen. Die Show gelingt auch so, denn ich stehe an einem Pult hinter einer Wand aus neuen "Feindesland"-Leseplaklaten, die statt meines freundlichen Gesichtes meine blutige Faust vor dem Hintergrund eines Friedhofs zeigen. Diese beiden Aspekte - Stehen statt Sitzen und das Plakat als Erinnerung an das, was den neuen Hartmut-Roman auszeichnet - führen dazu, dass ich mehr als jemals zuvor spiele statt lese. Es erstaunt mich selber, wie gut das funktioniert, weil dieser Roman es anbietet. Leise Töne, laute Töne, Pointen und Melancholie, absurde Hysterie und dezente Zwischentöne, Humor und Bitterkeit, Zorn und Battle Rap. Es macht unglaublich viel Freude, Spaß wäre das falsche Wort, es ist befriedigender als das, es ist eine Show, deren satirisch verpackte Wahrheiten noch viel stärker als bei "MURP!" die Leute zugleich zum Lachen und zum ganz schweren Schlucken bringen. Anwesende, die nie etwas von mir gehört haben, zeigen sich danach tief beeindruckt. Auf dem Weg zum einsamen Auto auf dem Parkplatz hinter dem K&K-Markt habe ich das Gefühl, das mit dem Buch wirklich ein neues Kapitel anbricht. Im Radio erzählen sie von der Ölpest, der Euro-Krise, dem Anstieg der Brutalität von Gewalttätern und der Untersuchungshaft von Jörg Kachelmann. Die Welt wird Feindesland und das ist nicht lustig.
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