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Castingshows
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Jochen
Moderator

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Anmeldedatum: 03.03.2008
Beiträge: 3
Wohnort: Dortmund, Berlin
Beitrag Verfasst am: 01.02.2010, 07:31    Titel: Castingshows Antworten mit Zitat
Hallo zusammen!

Hier spricht Euer Jochen. Ich melde mich ja üblicherweise nur alle paar Monate mit einer Folge des "Trashtest" zu Wort, muss aber nun endlich mal dieses Forum nutzen, um ein paar dringende Gedanken loszuwerden.

Mein Trash-Thema heute: Die zwei großen Castingshows des deutschen Privatfernsehens, "Popstars" und "DSDS". Wie Ihr wisst, vertrete ich die These, dass wir die B- und C-Formate in Film und Fernsehen nur richtig lesen lernen müssen, um zu sehen, welch subversive, gleichnishafte Kraft in ihnen steckt.

Bis Dezember 2009 lief die letzte Staffel der "Popstars" und "überzeugte" mit einem Finale, das seinesgleichen suchte. "Überzeugen" freilich hier gedacht in meinem Sinne. Denn: Nachdem man die vielen hysterischen jungen Menschen wochenlang durch die USA getrieben und in Workshops aufgerieben hatte, um zu zeigen, wie viel Arbeit im Aufbau einer Karriere steckt, dekonstruierte man diese Karriere bereits in der finalen Show der Staffel. Das Format offenbarte in fast schon zu schlecht getarnter Subversion seine eigene Sinnlosigkeit durch einen meisterhaften Dreischritt:

1.) Man beendete das Halbfinale nicht mit zwei Teams, sondern mit drei, weil man einfach beschlossen hatte, dass die Zuschauer nun doch noch 48 Stunden länger anrufen dürfen als üblich. Das Wichtigste einer Halbfinalsshow - die Entscheidung - wurde vollkommen willkürlich aufgeschoben. Das Live-Publikum buhte und tobte.

2.) Man begann zwei Tage später die Finalshow mit der nachgeholten Entscheidung des dritten Platzes und verschwendete dann rund 60 Minuten der Sendezeit ausschließlich für Rückblicke und Zusammenschnitte. Das war Anti-Dramaturgie vom Feinsten, gegen jede Regel der Dynamik und Zuschauerbindung. Danach ließ man die Finalisten gemeinsam mit etablierten Stars wie Rihanna auftreten, um im direkten Vergleich ihre mangelnde Klasse zu offenbaren. Offensichtlich war zudem (auch schon in den Wochen vorher), dass eines der beiden Duos (Elif und Nik) in der Zuschauergunst deutlich vor dem anderen lag. Zur Hälfte der Show zeigte man einen TED, der einen deutlichen Vorsprung offenbarte, ohne zu sagen, wer da führt. Es stand allerdings stark zu vermuten, dass Elif und Nik dahintersteckten. Dieses Paar war im Vergleich zu seinen Konkurrenten deutlich markanter und weniger Retorte; Elif eine solide Songwriterin mit charismatischer Leidensstimme und Nik ein inkompetenter "Schönling" (nach heutigen Maßstäben).

3.) Man ließ am Ende die Konkurrenten von Elif und Nik (deren Namen mir merkwürdigerweise entfallen sind) gewinnen, was für alle Beteiligten nach Schiebung aussah. Die Sendung nahm an dieser Stelle (Stichwort Anti-Dramaturgie) vollkommen sinnlos eine Art von Tempo auf, wie es sonst nur Geiselnehmer an den Tag legen. Man wollte schnell fertig werden. Also offenbarte man den Namen der neuen "Band" sowie die Plattencover. Und jetzt kommt das Meisterstück: Man nannte die neue "Band" doch tatsächlich SOME & ANY. In diesem Namen wird überdeutlich, dass es schlussendlich egal ist, wer das Duo bildet. Der Name offenbart die Beliebigkeit des Produktes und auch die Manipulation des Wettbewerbes; die Verachtung gegenüber des Publikums gleich dazu. Das Publikum? Es tobte und buhte! Die "Sieger" begannen ihre erste Single zu singen und der Sender ging noch während (!) des Auftritts aus der Sendung raus. Man zeigte also, dass all die vielen Monate der harten Arbeit hinauslaufen auf: Nichts. Some & Any, schnell singen, Ausblende ohne Glamour. Fertig, aus!

Wer auch immer das geplant hat: Subversiver und frecher kann man das eigentliche Wesen der Show nicht auf den Punkt bringen. "Popstars 2009" war seine eigene Selbstoffenarung, indem es eine über Monate aufgebaute Dramatik wie einen Coitus Interruptus im Nichts verpuffen ließ. Und eines noch: Damit das neue Duo auch garantiert einen Fehlstart hinlegt, teilte man ihm als erste Single ausgerechnet den Song zu, den man als Titeltrack der Staffel bereits ein halbes Jahr lang totgenudelt hatte und das OBWOHL eine grundsolide, neue Ballade als Alternative bestanden hätte.

Die eben neu gestartete Staffel von DSDS wiederum geht mit sich selbst als Gleichnis seiner Zweck- und Sinnlosigkeit nicht ganz so kunstvoll um, bemüht sich aber durch die immer offensichtlichere Inszenierung von Schicksalsvideos zu allen "guten" Kandidaten wenigstens darum, die Mechanismen des Character-Buildings sehr früh offen zu legen. Wie das genau weitergeht und zu deuten sein wird, werden wir in den kommenden Wochen sehen.

Euer Jochen
_________________
Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.

Colonel John 'Hannibal' Smith, A-Team
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