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Metawege von Christian Bischopink
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Beitrag Verfasst am: 21.03.2008, 12:58    Titel: Metawege von Christian Bischopink Antworten mit Zitat
Dieser Beitrag wurde aus dem alten Forum kopiert. Er wurde ursprünglich erstellt am 31.01.2008 um 08:06 Uhr.


Hallo Ihr Lieben!

Es ist endlich soweit! Die erste Story, in der unser Hartmut eine Rolle spielt, die jedoch nicht aus Olivers Feder stammt, ist eingetroffen.
Damit Ihr Euch an diesem wunderbar absurden Spektakel auch erfreuen könnt, stelle ich es hier mit größtem Vergnügen ein!

Viel Spaß damit!
Der
Hausi Very Happy


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Metawege von Christian Bischopink

Als Tim meinen Gehörgang freigibt und durch das linke Nasenloch ins feuchte Erdreich kriecht, bekomme ich endlich den tief brummenden Motor des LKWs zu Gehör, dessen Vibrationen ich schon eine ganze Weile an meiner Schädeldecke spüre. Einer der letzten, die noch einen Stellplatz für die Nacht suchen.
Schwingungen anderer Fahrzeuge kann ich schon seit einigen Stunden nur noch vereinzelt ausmachen. Es muss also schon dunkel sein, an der Oberfläche. Tim wird sich nach dem vielen Regen dieses Tages in seine Regenwurmgänge, die ein Regenwurm nun mal anlegt, zurückgezogen haben und auch die Vibrationen des LKWs haben just in diesem Moment von mir abgelassen. Auch er wird sich also auf diesem Rastplatz jenseits seines täglichen Weges niedergelassen haben. Auf dem Rastplatz „Zur Windmühle“ ohne Tanke, ohne Raststätte, aber mit Toiletten, auf dem, einige Meter Abseits der geschäftigen Autobahn, gut versteckt zwischen zwei Knallerbsenbüschen, mein Körper in die Lüfte ragt. Eingefroren in einer ewigen buddhistischen Verbeugung. Mein Kopf steckt ziemlich fest in der Erde. Von den unendlichen Versuchen ihn dort herauszuziehen, müssen meine Nackenmuskeln meine Arme bereits vollständig absorbiert haben. Wachstum braucht schließlich Nahrung. Archimedes könnte mir vielleicht noch helfen, meinen Kopf aus dieser Erde zu ziehen. Diesem Gemisch aus Sand, Stein und vielleicht Mutterboden.

„Hey Chinaski! Hör auf, den Alten Mann mit Schnaps abzufüllen“, ruft Hartmut in Richtung der grünlich gelben, sinkenden Sonne, deren untere Hälfte bereits vom Horizont der Szenerie verschluckt wird, „ wer soll denn sonst in dieser gottverdammten Wüste die Fische für uns fangen?“
Staub schwebt Hartmut um die Füße und Sand knirscht unter seinen Schuhen, als er sich wieder seiner leeren Schubkarre zuwendet. Ein heißer Wüstenwind ist es, der die Staub- und Sandkörner um seine abgewetzten Sicherheitsschuhe der Stufe S3 wirbeln lässt. Der Hartmuts leicht verwilderten Vollbart, sein wirres Haupthaar, sein knopfloses Karo-Hemd heroisch in Bewegung hält und alles gleichermaßen mit einer weiß-gelben Patina überzieht. Auch die drei Häuserruinen, die im Wechsel eine kaum noch zu erahnende Schotterpiste säumen, an der Hartmut jetzt mit seiner Schubkarre steht, halten verwittert abgeschliffen stand. Wenn hier jemand Mundharmonika spielen könnte, er würde es tun. Hartmut kann nicht. Er leistet Aufbauarbeit. Mit durchgedrückten Armen und angespannten Muskeln schiebt Hartmut seine Schubkarre quer über die Piste, hin zu der einzeln stehenden Ruine auf der anderen Seite.
„Schon fertig, Chinaski?“
„Ja klar, man. Hab die hintere Wand jetzt eingerissen, aber mir is’ der Griff vom Vorschlaghammer abgegangen. Scheiße.“
„Gut. Stiel wieder in den Kopf stecken und dann Metallsplinte reinschlagen. Das sollte halten ... Alter Mann?“
„Ja, mein Junge?“
„Hilfst du mir aufladen?“
„Ich helfe dir aufladen. Dann gehe ich fischen“, antwortet der Alte Mann und zieht langsam aber kraftvoll das Kinn auf die Brust. Seine Erscheinung verschwimmt unter den langsam dämmernden Strahlen der Sonne. Halb durchsichtig wabert ein schmieriger Farbfilm in der Luft. An der Stelle, an der eben noch der Alte Mann stand und mit Hartmut redete. Jetzt flackert dort, grün und muskulös, ein übergroßer Meermann mit weißem Rauschebart und Dreizack, wackelt mit seiner Flosse, flackert, wackelt, flackert und materialisiert sich zu einer Schaufel. Einer guten. Leichtbauweise mit Kohlefaser-Legierung. „Let’s Go!“ sagt Hartmut so ernst zu der Schaufel, wie es sonst nur Rambo beim Anblick eines in Camouflage gekleideten Maultiers sagen kann, das mit Nuklearsprengköpfen bestückt mit ihm das Himalaja- Gebirge durchqueren soll, und beginnt die kleingedroschenen Überbleibsel der hinteren Wand auf die Schubkarre zu schaufeln.

Der aufmerksame Leser könnte sich jetzt vielleicht fragen, wer diese apokalyptische Szenerie, diese Weltend-Wüste eigentlich beobachtet. Wer hat da gesprochen? Nun, um es mit Dr. Gonzos bzw. Raoul Dukes Worten zu sagen: „Heilige Scheiße, das bin ja ich!“. Es ist nicht der Geist der Erzählung. Der betreibt mittlerweile ein Fachgeschäft für Türschellen im Herzen von Rom. Es ist auch nicht dieser Allwissende und Allsehende. Der ist tot. Wie ich hier her kam wollen Sie wissen? Naja, kurz nachdem sich dieser letzte LKW auf dem Rastplatz niedergelassen hatte, gesellte sich noch ein PKW älteren Baujahrs hinzu. Dumpf tönte aus seinen Radiolautsprechen Syd Barretts „Matilda Mother“ zu mir in die Erde. Bis die Zündung abgestellt wurde. Dann hörte ich Schritte auf mich zukommen. Mal schnell, mal langsam, mal freudig tänzelnd mal normal, aber eindeutig barfuß durch die aufgeweichte matschige Grasnarbe. Es war ein Typ, der offenbar mit seiner Liebsten telefonierte. Ausschnittsweise hörte ich Geschichten über zwei Männer, deren Namen ich nicht verstand. Man sprach über Umzüge, Ruinen, Raumaufteilung, Animation, Milben, harte Arbeit und detailreiche Geschichten. Dann war es still. Und dann klingelte das Handy des Barfüßigen, der sich direkt neben mich in die feuchte Welt plumpsen ließ, kurz seufzte und sprach:
„Oh Tod! Ich kenn’s – das ist mein Famulus – Es wird mein schönstes Glück zunichte! Daß diese Fülle der Geschichte Der trockne Schleicher stören muß!“
Sprach es und lachte, nahm den Anruf entgegen und erklärte lang und erklärte geduldig den rechten Weg. Jemand hatte sich offenbar verfahren. Grund dafür war wohl eine falsche Justierung seines Navigationsgerätes. „Du fährst genau in die falsche Richtung, Junge! Du musst umdrehen.“, die Stimme des Barfüßigen drang zwar etwas gedämpft aber noch gut hörbar zu mir in den Boden ...
Die Richtung ändern, hatte er gesagt. Er müsse einfach umdrehen. Der Rest des Telefonats soll hier nicht erörtert werden. Aber die Idee war großartig und ich drehte um. Wenn ich wirklich weiter versucht hätte, meinen Kopf herauszuziehen, hätte ich ihn dann nicht ablegen müssen? Egal -. Ich kroch tiefer in die Welt hinein, angetrieben durch die Leichtigkeit mit der ich diesen Weg fortsetzten konnte. Meine Arme hatten sich zwar zum größten Teil zurückgebildet, aber die Hände waren noch da und bildeten mit meinen gekräftigten Nackenmuskeln effiziente Schaufeln. Wo ich herausgekommen bin, habe ich Ihnen ja bereits beschrieben. Die übergroße gelb-grüne Sonne ist bereits aus dem Rücken der einzelnen Ruine hervorgetreten und hat sich genau dorthin bugsiert, wo Schotterpiste und Welt im Horizont verschwinden. Wie der obere Teil eines Haifischmauls ragt jetzt ihr stetig schrumpfender Halbkreis am Ende empor, so, als ob die Schotterpiste direkt in seinen gefräßigen Schlund führe. Ich stehe unbemerkt von Allen etwas Abseits der mittlerweile rückwandlosen Ruine und bemerke, wie sich im Zentrum der halben Corona ein schwarzer Punkt materialisiert und stetig anschwillt. Ein mir stark vertrautes Geräusch, das Brummen eines Motors, kommt hinzu und ich identifiziere den Punkt als eine Art Lieferwagen der die Piste entlang brettert. Die zwei Charaktere und Der Alte Mann stehen wartend vor der Häuserruine und beobachten den Punkt ungeduldig aber erleichtert beim größer werden. Man schweigt bis zum Eintreffen des Lieferwagens, der sandknirschend und zischend vor dem Alten Mann, Hartmut und Chinaski zum Stillstand kommt.
Den Fahrer kann ich durch die Spiegelung der Windschutzscheibe und meine abseitige Position nur in Umrissen erkennen. Es ist Hartmut, der zum ersten Mal seit meiner Ankunft jedes Arbeitswerkzeug abgelegt hat und zum Fahrer in den Wagen steigt. Lachen und „Hallo“ und Schulterklopfen und „Mensch“ schallt mir aus dem wackelnden Chassis entgegen, während sich Chinaski einige Schlückchen aus seinem Flachmann gönnt. Nach einem kurzen Poltern will Hartmut mit drei Paketen den Wagen verlassen, als er vom Fahrer kurz zurückgerufen wird, dessen Umrisse eindeutig einen Arm erkennen lassen, der in meine Richtung zeigt. Hartmut nickt kurz und ernst in die Fahrerkabine und steigt aus. Er legt die Pakete ab und kommt zielstrebig auf mich zu, schaut mich an. Erst jetzt realisiere ich, dass man mich entdeckt hat. Chinaski und der Alte Mann schauen ebenfalls zu mir herüber. Das ist zuviel. Mein Herz klopft und meine Stirn krampft. Nach mehreren hektischen Versuchen, mich kopfüber im sandigen Boden zu verkriechen, während Hartmut irgendwie bedrohlich langsam auf mich zu marschiert, finde ich endlich eine Stelle, von der ich nicht abpralle, wie eine Fliege von der Fensterscheibe und verschwinde im Boden, nur um mich einige Meter weiter in Richtung Schotterpiste wieder der Oberfläche anzunähern. Der Untergrund hier ist durchzogen von massivem Fels. Fast wie ein unterirdisches Gebirge. Was meine Bewegungsfreiheit doch stark beschränkt. Ich beruhige mich ein wenig und stelle fest, dass sich der Lieferwagen wieder entfernt und ich mich in Hörweite der drei Charaktere aufhalte.
„War das etwa ein...“, setzt Hartmut an, wird aber von Chinaski unterbrochen.
„Scheiße man! Das war’n verdammter MacGuffin. Machen nix als Arbeit die Viecher.“
„Ein guter Köder.“, erklärt der Alte Mann und teilt mit, dass er jetzt Fischen gehen werde.
Chinaski und Hartmut stimmen dem Alten Mann zu und überbieten sich gegenseitig in der Beschreibung ihres Hungers, während sie sich anscheinend über die Pakete hermachen. „Juhuu!“, höre ich Hartmut rufen, der dabei mit dem Rhythmus eines Kindes klatscht, das unter einem Weihnachtsbaum sein Geschenk ausgepackt hat, „Ein solarbetriebener George Foreman Grill. Was hast du denn, Chinaski?“
„Yeah Baby!“, bekommt Hartmut zur Antwort und Chinaskis meterbreites Grinsen ist kaum zu überhören, „Das Miracle Blade. Mit Messerblock und sechsteiligem Steakmesser-Set. Was’n in dem dritten Paket drin?“
„Keine Ahnung. Mach es einfach mal auf.“
Dann folgt eine etwas längere Gesprächspause, bis Beide synchron ein „Mhhh“ artikulieren und Chinaski netterweise das Gesichtete benennt.
„Is’n Navigationsgerät.“
„Ja. Ein Navi.“, sagt Hartmut und „ Die Marke kenn ich aber nicht.“
„Ich auch nich’.“
„Mh.“ „Ahamm.“
„Lass uns weiter arbeiten.“
„Ok.“
Offenbar hat man das neue Geräusch in dieser Wüstenkulisse noch nicht wahrgenommen. Seit einigen Minuten höre ich wieder ein Motorbrummen. In unsere Richtung kommend. Es klingt nicht so wie der Lieferwagen. Es klingt ziemlich speziell und ich kenne dieses bestimmte Brummen, ich habe schließlich Erfahrung. Es ist ein 68’er Ford Mustang I der 2. Generation. Glauben Sie mir bitte, wenn ich höre, dass er rot ist und Chromfelgen hat. Ach ja, und er ist verdammt schnell.
„Scheiße man! Was’n das jetzt?“
„Was macht denn das Auto hier?“
„Das’n Mustang man. ’N schnelles Teil.“
Das Nächste, was ich höre entspricht überbreiten, vollständig blockierenden Weichgummireifen die kraftvoll über die Schotterpiste reiben, bis das Auto zum Stillstand kommt. Ich wage es, meinen Kopf ein Stückweit hochzuschieben, um mir einen Überblick zu verschaffen. Der Mustang hat direkt neben Hartmut und Chinaski gestoppt. Wieder blendet die Windschutzscheibe und verhindert einen Blick auf den Fahrer. Plötzlich fliegt ein kleiner schwarzer Kasten wie ein Frisbee aus dem geöffneten Beifahrerfenster des Coupe.
„Scheiß TomTom!“ flucht eine unbekannte Stimme. Hartmut und Chinaski nähern sich Vorsichtig dem Fahrer.
„Hey! Ehm, ich bin Chinaski und das hier is’ Hartmut. Wir arbeiten hier. Können wir irgendwie behilflich sein?“
„Telemachos! Schön mal jemanden zu treffen. Mein Navi hat mich wohl im Stich gelassen. Ich hab mich verirrt.“
„Aha, ein Navi!“, sagt Hartmut und klingt wie die Erleuchtung selbst, „einfach Klasse der Bursche.“, setzt er grinsend hinzu während er das Paket mit dem Navigationssystem aufhebt und dem Fahrer des Coupes überreicht.
„Heilige Scheiße! Das ist ja ein Master Mentor. Fettestes Gerät, Freunde. Vielen Dank.“
Ich kann mich noch rechtzeitig ducken, als Telemachos mit Vollgas auf meinen Kopf zuhält und in den Sonnenuntergang braust. Sein Kavalierstart hat eine ganze Menge Staub aufgewirbelt, der sich erst allmählich legt und den Blick freigibt auf sieben lachende Personen. Es ist dieses, durch keine Handlung motivierte Schlusslachen einer Bonanzafolge. Eine Mischung aus Manie und Hysterie, aus Friedfertigkeit an der Schwelle zur Kampfbereitschaft, aus Erleichterung und dem Bewusstsein, dass der nächste Konflikt nicht lange auf sich warten lässt. Telemachos ist wieder dabei, genauso wie Der Alte Mann und der Mensch (Lieferwagen), der mit dem Rücken zu mir steht. Auf dem Foremangrill brutzeln Fischfilets und dicke Champignons. Sogar der Barfüßige ist dort. Ein verwirrter, dunkelblonder Junge mit Brille versucht sich etwas verlegen zu bedanken. Der Barfüßige hatte den Tramper offenbar ein Stück seines Weges mitgenommen.
_________________
Ordnung ist das halbe Leben.
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