HUI


Hartmut und ich bilden einen Mikrokosmos und unsere Welt drum herum, sozusagen der Makrokosmos, ist die "Hartmut-und-ich-Welt", kurz "Hui".

So oder so ähnlich ist das. Da musst Du mal Hartmut fragen, wie sich das genau verhält.



Ja, das ist nicht leicht zu erklären.

Nehmen wir doch mal ein Videospiel, so ein riesiges, wo sich ganze Welten auftun und man Dörfer, Städte, Wälder, Schluchten und Kontinente durchwandert. Warum fasziniert uns das so? Weil wir Schritt für Schritt eine Welt entdecken und jeder Moment einen neuen Ort zu unserer Welt hinzufügt, den wir nicht vergessen oder an den wir später wiederkehren.

Und so ist das auch im richtigen Leben. Wir selbst sind zwar ein Mikrokosmos, aber das, was wir wahrnehmen und "er-fahren", im wörtlichen Sinne, das wird unsere Welt, unsere Lebenslandkarte, unser Makrokosmos. Mit jedem Schritt um die nächste Hausecke und jeder Reise vergrößern wir ihn. Mit jedem Buch, das wir lesen, jedem Film, den wir sehen. Jedem Wissen, das uns neu ist. Jedem Menschen, der wie eine Figur auf der Playstation interessant, nützlich, feindlich, lehrreich oder zermürbend sein kann. Und sogar mit jedem etwas anderen Blick auf das uns Bekannte, der es in neuem Licht da stehen lässt. Wie ein Schwenk nach oben in der Fußgängerzone, wenn man plötzlich bemerkt, das auf den Filialen von kik und Plus herrliche Altbauten sitzen.

Worauf ich hinauswill ist, dass dieser Makrokosmos, diese ganzen Wege, die wir in unserem Leben in die Welt und unseren Kopf geschlagen haben, bei keinem Menschen gleich ist. Niemand hat genau das Gleiche gesehen, erlaufen, erwandert, erfahren wie ich. Oder mein Mitbewohner. Oder Hans-Dieter vom Anbau, Kirsten, Pia, Frank oder die Kriegsveteranen von der Pommestheke. Und selbst, wenn mein Mitbewohner und ich eine ähnliche Lebenslandkarte teilen (Niederrhein, Ruhrgebiet, Niederlande, Belgien, Frankreich, ein wenig USA und ein Hauch Färoer, aber das ist eine andere Geschichte) und gemeinsam die gleiche Luft zur gleichen Musik geatmet haben - unsere Lebenslandkarten sind dennoch verschieden. Die Lebenslandkarte ist mehr als die Summe unserer Wege und Erfahrungen: sie definiert vielleicht die Frage, was das "Ich" ist.

Die Hui-Welt ist die gemeinsame Menge unserer Erfahrungen miteinander und allein. Ich weiß nicht wirklich, wie es in der Teeküche bei UPS ist, und mein Mitbewohner kann sich die Gepflogenheiten in einer Fachschaft an der Universität nicht vorstellen. Dafür teilen wir unsere Wohnung und die Erlebnisse darin, die Nachbarn, die Pommesbude, die Playstation, die Freunde. Unsere Kindheit in den niederrheinischen Auen, unsere Reisen in meinem VW-Bus und ein paar Geheimnisse. So etwa, dass ich genau einen Tag als Buchhändler in Düsseldorf gearbeitet habe und exakt zwei Stunden als Kinderhilfswerkmitgliedschaftenaufschwatzer in einer Drückerkolonne. Oder dass mein Mitbewohner mal Schlagzeug gespielt hat. Aber dass muss man ja auch nicht verraten.

Auch Du wirst Deiner Lebenslandkarte einen neuen Punkt hinzugefügt haben, wenn Du unsere WG besucht hast. Und wenn Du Dich genau umsiehst, kann es sein, dass es uns gelingt, Dich auf die Reise zu schicken, für die man nicht mal den Stuhl verlassen muss: Das Gefühl, dieselbe Welt etwas anders zu sehen. Mit den Augen der Hui-Welt.

Und jetzt war ich vielleicht kitschig.
Aber ich schäme mich nicht.

Dein
Hartmut