POP und POST-POP


Referat (Abschrift der Tonaufnahme)
von Hartmut
für das Germanistische Institut der RUB
Seminar zur Popliteratur bei Dr. Thomas Hecken


"
Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen!

Wäre ich ein alter, moralischer Literat, würde ich jetzt darauf aufmerksam machen, dass der Begriff Kommilitone aus dem Militär stammt und daher von fortschrittlichen, friedensbewegten Menschen nicht verwendet werden darf. Wäre ich ein moderner Popliterat, würde ich mich darüber lustig machen, dass Ex-68er den Begriff "Kommilitone" nicht verwenden wollen, euch eine Runde über meine Jugend mit Nutella erzählen und FDP wählen. So ungefähr.

Die Popliteratur zeichnete sich durch zwei Dinge aus: Die Archivierungsfunktion und die Überwindung der Moral zugunsten einer allumfassenden, distanzierten Ironie. Der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler lobte den "lustvollen, neuen Archivismus" von Popliteraten wie Stuckrad-Barre dafür, dass er zum einen die tatsächliche Alltagskultur von Popsong bis Markenkult wieder in die Literatur holte und sich zum anderen nicht mal mehr die Mühe machte, all die Anspielungen zu erklären. Man verließ sich einfach auf das gemeinsame Weltwissen von Autor und Leser und wer nicht verstand, was an jener Band oder Marke oder Referenz cool und an jener uncool war, nun, der blieb eben draußen.

In der "Post-Pop-Literatur" kehren die Erklärungen wieder zurück. Begleitet von einer neuen Art der Moral und einem Ende jenes Ausschlussverfahrens, mit dem die frühe und klassische Popliteratur die Coolness-Codes und Abgrenzungen der Musik- und Weltdeutungspolizei einfach in ihren Geschichten weiterschrieb. "Autoren wie Nick Hornby oder Benjamin von Stuckrad-Barre legen noch Wert auf eine kulturelle Homogenität ihrer Protagonisten", schreibt Nils Vollert. "Diese Geschlossenheit ihres kulturell definierten Weltbildes spiegelt sich besonders deutlich etwa in den Top5-Listen des Erzählers aus Hornbys High Fidelity wider. Der Leser, der aus der Top5-Liste der besten Musikplatten vier kennt und schätzt, der kann bedenkenlos in den nächsten Laden rennen und sich die fünfte besorgen. In der Post-Pop-Literatur zieht dieses Programm nicht, weil ihr Schwerpunkt auf einer kulturellen Heterogenität liegt. Hier wird gleichermaßen Maffay und Schönberg gehört, definiert man sich nicht über einen bestimmten Lifestyle, sondern definiert ihn selbst." Und das, ohne Identität oder Authentizität naiv neu zu beleben: "Der Blick aufs Ungewaschene, auf leere Bierflaschen und Pizzaschachteln gelingt hier mit jenem Blick aufs eigene Geschlecht, der kein Männerbuch, sondern ein Buch über männliches Verhalten ergibt." So Martin Büsser. Bislang gibt es nur einen Autor, der dieses Programm in Vollendung praktiziert. Ich glaube, er heißt Uschmann.

Ein wichtiges Bindeglied zwischen der Pop- und der Post-Pop-Literatur ist und war die Hamburger Schule. Nein, nicht Blumfeld und Tocotronic, sondern die literarische Hamburger Schule. Dort hat man Ende der 90er ein Dogma fürs Schreiben erfunden, das u.a. wertende Adjektive, verbrauchte Metaphern und zu lange Sätze verbot. Heraus kam eine Literatur zwischen Lakonie und Groteske, Zynismus und cartooneskem Witz, Hysterie und Avantgarde. Autoren wie Sven Amtsberg, Michael Weins, Gunther Gerlach oder Lou Probsthayn trieben zur Perfektion, was andere vielleicht vorbereitet hatten und was sich überall wiederfinden sollte. In so verschiedenen Texten wie denen von Linus Volkmann oder Judith Hermann, Björn Kern oder Julia Franck, bis hinein in die Lehren der Poetik-Institute von Leipzig oder Tübingen. Ein gewisser journalistischer Handwerksaspekt, der das Schreiben entromantisierte und gerade dadurch Platz für neue Töne schuf.

Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen, ich sehe, dass ihr schlaft und auch das ist postmodern.

I
ch danke euch für eure Aufmerksamkeit und lasse diesen Vortrag Fragment, was wiederum nicht Pop oder Post, sondern schlicht romantisch ist.

Guten Abend.

Euer
Hartmut"