TRASH-TEST


Liebe Leserinnen und Leser von hartmut-und-ich.de, ich bin's, der Jochen.

Wie Ihr wisst, schreibe ich seit Jahren Interpretationen zu dem, was die Leute "Trash" nennen und was ich für die meistunterschätzte Kunstform der Moderne halte. B- und C-Reißer aus den Videotheken, LowBudget-Produktionen, TV-Serien, billige Reportagen.

Jeden Monat werde ich nun eine Interpretation aus meinen Archiven überarbeiten und für Euch hier ins Netz stellen. Ich hoffe, Ihr lasst Euch davon inspirieren, über all das Zeug, das wir uns alle an den Vorabenden der Kindheit oder in den Nächten der Jugend nach dem Konzert um 1:10 Uhr auf RTL reingezogen haben, noch einmal ganz anders nachzudenken als bisher.

Viel Spaß,
Euer Jochen


15. Folge: Die Jack Hunter Trilogie
14. Folge: Die Kinder der Revolution - Die Dschungel-Show 2009
13. Folge: Uri Geller live - UFOs und Aliens
12. Folge: Foreigner 2 - Black Dawn
11. Folge: Final Days - Die letzten Tage der Menschheit
10. Folge: Wokrennen, Turmspringen, Panelshow: Die sorglose Substanz des TV-Spielplatzes
9. Folge: Die Zumutungen der Solidarität - Die Dschungel-Show 2008
8. Folge: Boy Soldiers
7. Folge: "Rufen Sie nicht an!" - Sternstunde auf Neun Live
6. Folge: Das wahre Gesicht

5. Folge: American Fighter 2 - Der Auftrag
4. Folge: Denn sie wissen nicht, was sie tun
3. Folge: Steven Seagal - Die Größe des Stoikers
2. Folge: Die Todessehnsucht der Filmbösewichte und die verdrehte Moral
1. Folge: The A-Team



1. Folge
The A-Team



Die guten Dissidenten

Ein entscheidendes Merkmal zur Etablierung einer Idee oder Marke ist die Wiederholung. Die PR-Büros von Regierungen und Konzernen wissen das; Diktatoren wissen das auch. Stadtteilversammlungen wissen das nicht, weswegen Stadtteilversammlungen auch niemals die Weltherrschaft übernehmen werden. Dort glaubt man, der Inhalt selbst könne überzeugen, druckt schlecht gestaltete Handzettel mit WordArt und quält die Zuhörer beim Informationsabend mit drei je 65 Minuten langen Vorträgen zu den Nachteilen der Umgehungsstraße.

Pop wiederum hat verstanden. In einem guten Popsong gibt man uns 3-4 Minuten, ist nach 30-50 Sekunden das erste Mal beim Refrain und verlässt selten die Struktur Strophe/Refrain/Strophe. Nach einem Durchlauf Strophe/Refrain haben wir den Song kapiert und freuen uns bereits auf den nächsten Durchgang, auch, um unser eigenes Gedächtnis zu beklatschen. Ein Umstand, den die Band Blumfeld in ihrem Song "Jenseits von jedem" mit stoischen 13 Minuten ausgewalzt hat, um die potentielle Endlosigkeit dieser Schleife zu unterstreichen. Aber hier geht es nicht um Blumfeld, sondern um das A-Team, erfolgreiche Serie der 80er-Jahre und prägendes Erlebnis für alle Mitglieder der Generation Golf, Pop und X.

Wenn uns etwas von den vielen Folgen des A-Team in Erinnerung geblieben ist, dann die Wiederholung. Es ist unmöglich, sich an all die einzelnen Schuppen, Scheunen und Lagerhallen zu erinnern, in denen die vier Männer gefangen waren und in denen sie aus Schrott und Resten ihre Schützenpanzer bauten. Selbst die Chefs der Militärpolizei, die sie mit den Jahren jagten oder Melinda Culen als bürokratische und diplomatische Gehilfin, sind im Gedächtnis verblasst. Was wir aber noch wissen, sind die Abläufe. Ein Dorf im Mittelwesten wird von Rockerbanden, Schutzgelderpressern und Grundbesitzspekulanten bedroht, das A-Team bekommt Wind davon, fährt hin, prüft die Lage, trifft zum ersten Mal auf den Kopf der Bösewichte und legt sich mit ihm an, befreit Murdock aus der Klapse, kommt zu viert wieder, überwindet einige Hindernisse durch die Grobheit B.A.'s und die Trickserei Facemans, wird eingesperrt, befreit sich und gewinnt den Showdown. Das war der Ablauf, so in etwa, immer und immer wieder. Die Gegner waren dabei nie Charaktere, sondern nur Typen, noch eine Stufe gesichtsloser als die Chefs der Militärpolizei, die seltener wechselten und eine doppelte Gegnerschaft in die Serie einzogen: Wo die Dorfbedroher Folge für Folge wechselten, blieb die Bedrohung durch Verhaftung die ganze Serie lang bestehen. Denn Hannibal Smith, Faceman und B.A. Baracus wurden "für ein Verbrechen gesucht, das sie nicht begangen hatten", wie uns der Vorspann zur legendären Musik immer und immer wieder einbläute. Sie haben Vietnam überstanden, ohne die Greuel begangen zu haben, die man ihnen vorwirft und sind somit ehrenhafte Kämpfer, die wissen, wo der Hase langläuft. Sie waren in Vietnam. Das gibt ihnen einen Hauch von Ernst und Glaubwürdigkeit. Dennoch sind sie weit davon entfernt, konventionelle Actionhelden zu sein. Dafür ist diese Serie viel zu klug, wofür folgende Elemente sorgen:


Der Abtrag der Schuld - Das Vietnam-Trauma

Sicher werden drei der vier A-Teamer gejagt und können daher kein normales Leben führen. Statt dessen nahezu jedes Wochenende in irgendeinem anderen Ort die Maschinengewehre zu zücken und Unterdrücker aus dem Ort zu pusten, hilft nicht gerade dabei, seine Spur zu verwischen. Doch im Gegensatz zur Militärpolizei fühlen sie sich dazu verpflichtet, den Schwachen zu helfen. Das ist ihre Mission, wie sie sogar im Vorspann angekündigt wird. Verschwiegen wird, dass sie dies aus dem Wissen darum tun, das Vietnam ein großes Unrecht war. Durch die Robin Hood-Masche, die für die Mitglieder jede Struktur eines Suchtverhaltens hat, trägt das A-Team stellvertretend für Amerika die Schuld eines nicht verarbeiteten Krieges ab. Es ist kein Zufall, dass die Bösewichte, die sie dabei bekämpfen, im Grunde immer eine Horde von Männern ist, die in das Dörfchen unschuldiger Bürger einfallen und sie unterdrücken. Metaphorisch kämpft das A-Team immer und immer wieder gegen das eigene Land, das in die Dörfchen unschuldiger Bürger einfiel und sie unterdrückte. Das ist auch der Grund, warum die Abläufe sich immer wieder wiederholen. Die Kämpfe verkörpern das immer wieder hervorkommende Trauma Vietnam, die Etappensiege dessen kurzzeitige Verdrängung. Das Format der Serie wird zum Sinnbild der Trauma-Wiederkehr.


Die Dissidenz des Teams - Gut sein kann man nur als "Böser".

Wer den Amerikanern jeden Abend die Unbesiegbarkeit des eigenen Traumas vorführt, kann kein Kaffeeträger der Regierung sein. Und so besteht das A-Team in der Tat aus markanten Charakteren, die allesamt symbolisch zu lesen sind. Das sich beständig streitende Doppel B.A. Baracus und Sgt. Murdock sind die augenscheinlichsten Dissidenten. B.A. steht für Bad Attitude und diese drückt sich bereits im Äußeren des von Mr. T dargestellten Automechanikers und Kinderfreund aus. B.A. ist ein farbiger, sehr muskulöser Mann mit Irokesenfrisur und unendlich protzigem Behang aus Goldketten. Mindestens drei für die (damalige) US-Gesellschaft bedrohliche Elemente kommen hier zusammen: Die physisch überlegene Kraft und Wildheit des schwarzen Mannes verschmilzt mit grotesker ökonomischer Potenz (die Ketten), doch diese beiden Kräfte (Sinnbild auch für die Macht von Hegemionalstaaten - Gewalt und Geld) stehen nicht im Dienste des Staates oder der guten, weißen Bürgerlichkeit. Statt dessen stecken sie in einem Mann, der damals mit einem Iro (Referenzen: Früher Punk, Hardcore und deNiros Taxi Driver) noch echte Dissidenz verkörpern kann. Zugleich verkörpert er in immenser Weise die Redlichkeit: Er trinkt nur Milch, kümmert sich um sozial schwache Kinder und hat panische Flugangst, weil er im übertragenen Sinne nicht "hoch hinaus" will, sondern "bodenständig" ist. Dass all diese Elemente guten US-Bürgertums, wie es eigentlich gedacht ist, ausgerechnet im Alptraum der Spießer (schwarz, goldbehangen, punkig) zusammen laufen, macht klar: Nur in der 'bad attitude' findet man noch das gute amerikanische Ideal. Im Umkehrschluss ist die "normale" US-Gesellschaft böse.

Dieselbe Struktur wird mit dem Charakter Murdock gefahren, dem ehemaligen Helikopter-Pilot des A-Teams, dem keine Kriegsverbrechen vorgeworfen wurden, der aber in der Klapse sitzt und zu jedem Einsatz des Teams unter artistischen Vorwänden daraus befreit werden muss (und kann!). Auch hier ist klar: Er, der Verrückte, ist eigentlich normal. Nur die Gesellschaft, die ihn einsperrt, ist krank. Eine spätestens seit "Einer flog über das Kuckucksnest" bewährte Struktur. Sein ewiger Streit mit B.A. ist so auch nur ein Gekäbbel unter strukturell gleichen, ein Falsches im Richtigen, das zur Berührung des Zuschauers immer wieder Zuneigung aus der harten Schale B.A.s hervorquillen lässt.

Hannibal Smith und Faceman sind das andere Paar des symmetrisch aufgeteilten Quartetts. Sie verkörpern beide nicht das Dissidente, sondern eigentlich den Typus der Gewinner und Herrscher und sind somit der Stachel im Fleisch ihrer Gesellschaft, das trojanische Pferd. Faceman entlarvt die an Oberflächlichkeiten orientierte und zu 100% manipulierbare US-Gesellschaft in jeder Folge dadurch, dass er als bildhübscher, modelhafter Gentleman und Charmeur einfach alles bekommt, was er will. Zwar muss er dazu hin und wieder sexy Gehilfinnen zur Unterstützung hinzuziehen, demonstriert aber Woche für Woche: Überzeugend auftreten, gut gekleidet sein, die Schönheitsnorm (über-)treffen, und man ist "drin". Er ist die personifizierte Achse der ökonomischen und medialen Macht seines Staates, der Manager sowie der Macher der Bewusstseinsindustrie. Teamchef Hannibal Smith wiederum steht für die militärische und strategische Macht des Landes, er ist derjenige, der all die Pläne entwirft (immer eine Zigarre im Mund wie etwa Winston Churchill, der half, die Nazis zu besiegen) und als lässiger Taktiker den Überblick behält (gerne auch auf dem obersten Ausguck der selbstgebauten Panzer). Wo Faceman sein Wissen um seine Wirkung nicht für die Gewinnsteigerung eines Konzernes oder als lächelnder Regierungssprecher einsetzt, nutzt Smith sein Können als Militärstratege einerseits, um abseits der legalen Wege Selbstjustiz für die gute Sache zu pflegen und andererseits, um vor dem Staat zu fliehen.

All dies wirft dem Zuschauer Woche für Woche eine Moral vor die Füße: Um in Amerika ein wirklich guter und gerechter Amerikaner zu sein, muss man gegen seine offizielle Administration kämpfen. Es waren die Reagan-Jahre.


Kämpfen nach Kant - Die Gewalt beim A-Team

Was wir neben den Figuren und der Wiederholung der immer gleichen Strukturen noch von der Serie im Gedächtnis behielten, war die Harmlosigkeit der Gewalt. Nirgendwo sonst flogen Autos schon beim geringsten Treffer formschön über eine wie aus dem Nichts kommende Böschung, überschlugen sich fünf Mal und spuckten dann nach ein paar weiteren Bildern ihre Insassen unversehrt aus. Herrlich der niemals versäumte Schnitt hin zu den Männern, die wieder aufstehen und sich den Staub abklopfen, kopfschüttelnd, fast wie ein Routine-Bildschirm aus einem Videospiel.
Gerade die Art dieser Einstellung kommunizierte ein Mehrfaches an den Zuschauer, die Serie wies auf ihre eigene Verfasstheit und sagte: Schau her, wir MÜSSEN dir zeigen, dass niemand stirbt, weil wir im Vorabend laufen, aber - und das ist entscheidend - wir WOLLEN es auch. Denn den Machern der Serie genügte es nicht, die eigenen Drehbedingungen auszustellen, gleichsam als wolle man sagen: Wir würden das A-Team ja schon töten lassen, aber wir dürfen es nicht. Nein, im Gegenteil: Dass Hannibal Smith und seine Leute so arbeiten, dass niemand umkommt und die Bedrohung dennoch verschwindet, verweist auf eine Möglichkeit der Kriegsführung, die "legal" kämpfende Armeen niemals auch nur in Betracht ziehen. Auch hier ist sinnbildlich zu lesen: Das A-Team tut zwar, was getan werden muss, vermeidet aber Opfer auf allen Seiten, weil es selbst seine Gegner als Menschen erkennt, die sich verrannt haben. Es facht den Teufelskreis aus Rache nicht an. Und muss dafür auf illegalem Boden im Rahmen der Selbstjustiz handeln. Einen ätzenderen Kommentar zur offiziellen Politik gibt es selten. Jeder Schuss, der beim A-Team daneben geht, ist ein Treffer ins Herz der US-Regierungen damals bis heute.

Dass es Hannibal dabei "liebt, wenn ein Plan funktioniert", dieser aber meistens mehrere Schritte über die Improvisation nimmt, darf man zudem als Synthese von Rationalismus und Sponti-Tum lesen; den besten Elementen aus beiden Welten. So kämpft das A-Team letztlich nach Kants kategorischem Imperativ und tut, was getan werden muss. Ohne Hass. Am Ende hat Hannibal immer ein Lächeln auf den Lippen. Es ist nicht das des Kolonialherrs, sondern des Spielertrainers, der stolz ist auf seine A-Auswahl.


Mehr zum A-Team:

A-Team Shrine
A-Team Resource
A-Team 4u
A-Team bei Wikipedia

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2. Folge
Die Todessehnsucht der Filmbösewichte und die verdrehte Moral


Wir alle kennen das.
Ende eines Actionfilms, Showdown. Der Gute hat sich durch verschiedene Levels und Schwierigkeitsgrade bis zum Obermotz vorgekämpft und steht jetzt in einer leeren Industriehalle oder einem zerschossenen Großraumbüro, Schrammen im Gesicht, Öl und Blut an den Muskeln. Der böse Obermotz ist noch nicht zu sehen, die Musik grollt ganz leise, um etwas anzudeuten. Dann hört man Schritte, gerne auf Scherben oder kieseligem Asphalt. Ein heiseres Lachen. Unser Held sieht auf, immer sofort in die richtige Richtung. Und da steht er dann. Der Bösewicht. Der Boss. Der Endgegner.

In der Realität würde folgendes passieren. Der Boss würde wortlos seine Kanone ziehen und seinen Widersacher abknallen. Kurz, trocken, bösartig. Wahrscheinlich würde er sich sogar anschleichen und dem Helden in den Rücken schießen. Erschießt er ihn frontal, genügte ihm ein Wort des Kommentars, je nach Milieu ein vulgäres, und dann machte es "bumm!". Doch so läuft das nicht im schlechten Actionfilm. Im schlechten Actionfilm geht der Boss nun langsam und mit einem triumphalen Lächeln auf den Guten zu, die Kanone erhoben, vielleicht sogar ein Streichholz im Mundwinkel, und beginnt seine Rede.

"Lernen wir uns endlich kennen", wird er sagen. Oder: "Da ist er also. Der große [hier bitte Wunschnamen einfügen]."
Er suhlt sich in seinem Triumph, seiner Sicherheit. Er ist wie eine Katze, die nicht direkt tötet, sondern mit der Maus spielen möchte. Und wie wir alle wissen, wird das sein Ende sein. Unser Held wird das Spiel mitspielen und sich auf eine Schlussdebatte einlassen; auf einmal reden sie, wo sie sonst 90 Minuten nur schießen konnten. Er wird den Bösewicht einlullen und im entscheidenden Moment überwältigen und das je nach Film und Härtegrad auf zwei Arten.

1.) Er besiegt den Bösewicht in einem finalen Handgemenge/Faustkampf, in welchem dieser K.O. geht, aus einem Fenster stürzt (mindestens 8. Stock), rücklings in einen spitzen Gegenstand fällt oder den Schuss aus der Kanone beim Raufen aus nächster Nähe abbekommt, Brust an Brust, Aug an Aug. Der Gute wird ihn von seinem Körper wälzen wie einen toten Hund. Dann kommt die Nachhut und er lässt einen coolen Spruch ab wie: "Ach, die Kavallerie, heute mal pünktlich."

2.) Er überwältigt den Bösewicht, legt ihm Handschellen an und drückt ihn in Richtung der eintreffenden Kavallerie in Form des Oberkriminalkommissars.

Letzteres geht nur, weil die Bösewichte im Moment des Showdowns nicht nur den Fehler machen, aus Euphorie das Quasseln anzufangen, sondern auch noch auf Anfrage hin ihre gesamte Schuld zugeben. Der Held sagt dann: "Nur eins noch, bevor du mich erschießt. Wie hast du es hinbekommen, Slater derart an der Nase herumzuführen?" Manchmal reicht auch ein einfaches, mit geheuchelter schwerer Verletzung herausgehauchtes: "Warum?" Daraufhin wird der Bösewicht bereitwillig alles auspacken und den Tathergang so stolz nacherzählen wie ein Koch sein geniales Rezept, wenn alle gerade aufessen.

Die Frage ist nun: Was soll das?
Was wollen uns die Trashfilm-Regisseure und Drehbuchautoren mit diesem immer wiederkehrenden Motiv sagen?

Ich glaube: Der B- und C-Actionfilm thematisiert mit seinen Bösewichtern die von Siegmund Freud konstatierte Todessehnssucht, auch verkörpert im Begriff Thanatos, dem Spiegelbild des Eros, des Liebestriebes. Da die Bösewichte keinen Liebestrieb (mehr) haben und sich ihr ganzes Handeln und ihr Beruf um Gewalt dreht, sublimieren sie ihre unterdrückten Gefühle und Sehnsüchte und entwickeln einen unbewussten Willen zum Untergang, zum Selbstmord. Da ihnen das nicht klar ist, würden sie sich niemals etwas antun, begeben sich aber in Situationen, die für sie tödlich ausgehen könnten. Das Perfide daran: anstatt sich sauber und anständig direkt dem Helden zu stellen, verheizen sie erstmal 12-200 Komparsen, die auf ihrer Seite kämpfen und die dann von Michael Dudikoff, Chuck Norris, Jeff Wincott, Marc Dacascos, Dolph Lundgren oder Sly Stallone erst mal weggebrezelt werden müssen, bevor sie vor ihm stehen. Die Bösewichte lassen also zigfach stellvertretend sterben, bevor sie selbst ihrem geheimen Todestrieb nachgeben. Man kennt das von Staatsoberhäuptern, vor allem von Diktatoren.

In landläufig "gut" genannten Filmen fällt dieses Element vollkommen weg. Dort versucht der Bösewicht entweder ernsthaft, in ein Steuerparadies zu entkommen (das läuft dann als Tatort im ARD) oder aber empfindet sich überhaupt nicht als Bösewicht, sondern handelt voller Überzeugung, nicht ahnend, dass er ein Monster ist (dafür gibt es dann den Grimme-Preis, und der Bundespräsident wird loben, wie couragiert der Film vor den Verlockungen des Totalitarismus warnt, der immer nur "das Beste" will und alle ins Verderben führt.)

An dieser Stelle ist die Frage erlaubt, ob die "kunstvollen" Filme dort den Bösewichtern nicht eigentlich einen Gefallen tun. Sie haben immer eine Art von Verständnis für das grausame Tun; sie entschuldigen nichts, aber sie erklären die Taten (schlimme Kindheit, selber gemobbt, nicht an der Kunstschule angenommen). Sie fördern die Empathie mit Mafiabossen, Verbrechern und Massenmördern und/oder zeichnen sie in ihrer Bosheit als faszinierende Genies. Tenor: Das Böse ist zwar falsch, aber wenigstens nicht langweilig.

Ganz anders die Trashfilme. Sie zeichnen die Bösen ungebrochen als böse und asozial. Ohne Ironie, ohne Verständnis, ohne Erklärungen. In "American Ninja", "Braddock", "City Hai" oder jeder einzelnen Folge von "A-Team" oder "Knight Rider" sind die Bösen einfach nur Scheißkerle und sehen auch so aus. Und sie bekommen aufs Maul. Ohne Nachsicht. Das ist nicht nur erfrischend, sondern übertragen ins Hier und Jetzt fast schon wieder progressiv. Denn in der Wirklichkeit sind es häufig die Reaktionären und Fundamentalisten, denen es gelingt, einzelne Personen oder die ganze Gesellschaft derart einzuschüchtern, dass sie sich nicht mehr wehrt und diese Angst mit dem sozialpädagogischen Verständnis für die Täter verklärt, die plötzlich Opfer sind. So kann man entschuldigen, dass man sich alles gefallen lässt. Jeder, der sich in der Schule nicht gegen den Klassenterroristen gewehrt hat, kennt solche Beschwichtigungsmuster, mit denen einen selbst die Eltern beruhigten. "Der kann dir doch leid tun, der ist doch ein Asozialer, ein Schlüsselkind. Die Mutter säuft, der Vater ist weg. Du stehst doch meilenweit über dem", sagte dann die eigene Mama und man nickte und dachte sich: "Wenn er mich morgen wieder abzieht oder vor allen lächerlich macht, denke ich daran, dass dies eigentlich ein Zeichen dafür ist, wie überlegen ich bin."

Die letzte Pointe dieser kleinen Überlegung liegt darin, dass die Bösewicht-Versteh-Filme von "Guten" gemacht werden; verdienten Künstlern und Ex-68ern, die bereits mehrere Preise für Antirassismus, soziales Engagement oder pädagogisch wertvolle Filmbeiträge im Regal stehen haben. Mit Begeisterung machen diese Menschen "realistische" und "schockierende" Filme über brutale Vorstadtgangs oder das Milieu und führen uns 120 Minuten lang asoziales, indiskutables Verhalten vor, das sie "nicht bewerten" wollen, sondern erklären. Die Intellektuellen klatschen dann, während die Kids es sich zum Vorbild nehmen.

Derweil werden die Trashfilme, in denen Bösewichte ohne Nachsicht und sozialen Intellekt effizient die Hucke voll kriegen und nie mehr im Dorf auftauchen, weil sie Angst haben müssen, meist von den "Bösen" gemacht, rein ökonomisch denkenden Zynikern, die am Fließband einen Markt beliefern, der in Sachen Sarkasmus und Produktionsbedingungen sicher nur vom Wrestling und von der Pornografie übertroffen wird.

Man muss also schlecht und unreflektiert sein, um einfach auch mal sagen zu können: "Klassenterrorist, jetzt reicht's mir, jetzt gibt's auf die Nuss!"

Das macht mich nachdenklich.
Euch auch?

Euer
Jochen

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3. Folge
Steven Seagal - Die Größe des Stoikers


Steven Seagal ist ein Mann, der die Frauen anspricht. Mehr als jeder andere Star im Genre der B-Actionfilme. Bedeutend mehr. Das liegt an seiner stillen, in sich ruhenden Größe. Seagal ist ein echter Mann. Ein Gentleman. Man kann sich vorstellen, wie er als einziger unter all seinen Kollegen eine Frau in ein 5-Sterne-Restaurant ausführen und dabei folgende Punkte komplett fehlerfrei berücksichtigen kann:
- perfekte Kleidung
- perfekte Haltung
- keine Nasenhaare
- kein Körpergeruch
- kenntnisreicher Umgang mit Besteck und Knigge
- gepflegte Konversation ohne Überbetonung des eigenen Egos
- kein Sex am ersten Abend
- Höflichkeit

Dass man ihm all das zutraut, liegt an seiner Prägung und seinem Lebensweg. Seagal lebte lange Jahre in Japan und trainierte sich dort sowohl in den verschiedenen Kampfkünsten (Judo, Karate, Kendo, Aikido) als auch in der mit ihnen verbundenen Philosophie des Zen. Er eröffnete als erster Nicht-Asiate eine Kampfkunstschule in Tokio und konnte einige Dan-Grade im Aikido durch Einheirat in eine japanische Familie überspringen. Der Sohn eines jüdischen Vaters und einer irisch-katholischen Mutter spricht fließend Japanisch und ist nicht nur Buddhist, sondern auch ein geweihter Priester der Ōmoto, einer japanischen Religion, die 1892 von Nao Deguchi gegründet wurde und das utopische Ziel verfolgt, die Welt durch Kunst schöner zu machen und die Menschen durch Kunst dem Göttlichen näher zu bringen. Die Religion versteht sämtliche Götter der verschiedenen Weltreligionen als Aspekte eines einzigen Gottes, ist extrem tolerant und wird seit Anbeginn der Zeit immer nur von Frauen geleitet!!! Fast unnötig zu sagen, dass Seagal daher auch noch ohne Probleme von einem tibetischen Geistlichen zum Tulku erhoben werden konnte, einem "verwirklichkeiten buddhistischem Meister", also jemandem, der Ort und Zeit seiner Geburt bewusst gewählt hat.

Das stelle man sich jetzt vor, so als Frau. Da ist ein Hüne, der bei Bedarf Arterien öffnen und ganze Armeen mit bloßen Fäusten umnieten kann, spirituell aber einer Friedensreligion anhängt, die seit Anbeginn der Zeit von Frauen geleitet wird. Kann es eigentlich etwas Attraktiveres geben?

Stellt sich die Frage, ob seine Karriere als Actionstar in Filmen, die das gute alte "Auge um Auge"-Prinzip bekräftigen, sich mit den philosophischen Grundsätzen seiner Religionen und seiner Hauptkampfkunst Aikido verträgt. Die Antwort lautet: Nein. Aber die Art und Weise, wie Seagal diesen Filmjob macht, verträgt sich damit sehr wohl.

Seagal wurde 1988 durch Zufall ins Filmgeschäft gezogen, es war nicht seine Idee. Ein Kampfkunstschüler von ihm war Filmagent und schleuste ihn als Hauptdarsteller bei "Nico" ein. Es folgten "Zum Töten freigegeben (Marked For Death)" (1990), "Deadly Revenge ? Das Brooklyn Massaker (Out For Justice)" (1991), "Alarmstufe: Rot (Under Siege)" (1992) und "Auf brennendem Eis (On Deadly Ground)" (1994), die allesamt Klassiker des Genres wurden, "Alarmstufe: Rot" sogar als Erfolg im Kino. Er hat diese Sache einfach gemacht, wie Buddhisten häufig etwas machen, wenn sie gefragt werden. Die Berührungsängste westlicher Kulturkritiker kennen sie nicht; ihr Stoizismus besteht auch darin, manche Dinge einfach zu tun. Dem Dalai Lama wirft daher auch niemand vor, seine Weisheiten für ein besseres Leben als Serie in der Bildzeitung auszubreiten. Er wurde halt gefragt. Und so kloppt sich Seagal nun seit fast 20 Jahren durch seine Filme und kultiviert dabei eine Mimik, die das Nicht-Spielen im Trashfilm zu ganz neuen Ufern geführt hat. Wo Michael Dudikoff, Chuck Norris oder Lorenzo Lamas versuchen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihre Rollen zu spielen und somit im Schiller'schen Sinne noch ansatzweise "Illusionstheater" zu machen, steht Steven Seagal mit seinem "Spiel" knietief in der Verfremdungstradition Brechts. Sein statischer Gesichtsausdruck kommuniziert in jedem Moment mit, dass hier jemand gerade nur eine Rolle spielt; die leise Ironie und Distanz, die darin zu spüren ist, sagt: "Leute, keine Panik, es ist nur eine Rolle, wir machen hier Unterhaltung, Vendetta und Racheprügelei dient nur eurem Spaß, das wisst ihr doch." In diesem Blick schwingt milde Nachsicht mit - sich selbst gegenüber, dass er das macht und dem Publikum gegenüber, dass sie das tatsächlich mit Videothekenleihgebühren quittiert. Wir sind alle schlauer, sagt dieser Blick, aber es ist okay, wenn wir es gerade nicht sein wollen.

Wie egal dem Geistlichen Seagal die weltliche Filmproduktion eigentlich ist zeigt auch, dass er in den letzten Jahren ohne zu murren wieder nur ganz billigen Stoff spielt, der sofort als Stangenware in die Videothekenregale wandert. "Halb tot" war - unter seiner Produktion und u.a. mit Rapper Ja Rule als Gast - noch eine größere Nummer, "Out For A Kill", "Hard To Fight", "Submerged" oder "Mercenary For Justice" haben nicht nur ein ähnliches Cover-Layout, sondern sind nur ein paar von vielen Fließbandschnellschüssen, die Seagal - teils auch als Produzent - in den letzten paar Jahren raushaute. "Fleiß zumindest ist dem späten Steven Seagal nicht abzusprechen", schreibt die Videowoche, und weiter: "Während andere Actionhelden Rosen züchten oder auf der Regierungsbank Fett ansetzen, hält Seagal die Stellung. Selbst, wenn weder er noch sein Regisseur zuweilen zu wissen scheinen, wovon der Wirrwarr aus Explosionen, Geiselnahmen und Buddy-Trashtalks überhaupt handelt."

Genau das allerdings ist der kluge Stoizismus des spirituellen Vegetariers und Gentlemans: Er stellt die Beliebigkeit und Unsinnigkeit seines Klopperkinos durch Nicht-Spielen, Massenproduktion und Missachtung des Plots aus, während Kollege Schwarzenegger in der Politik versucht, seinen Wählern eine große amerikanische Erzählung zu verkaufen und das in der echten Welt, als Illusionstheater. Seagal, das steht fest, ist im Gegensatz dazu nicht nur klüger, sondern ein besserer Mensch.

Euer
Jochen

PS: Nebenher spielt Seagal übrigens auf bisher zwei Alben höchst anständigen und absolut untrashigen Blues. Mit voller Stimme und instrumentaler Fertigkeit. Das aber gehört eher in Hartmuts Metier, wenn er wieder ausholt, um über Musik zu erzählen.



Mehr zu Steven Seagal:

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Inoffizielle Homepage

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4. Folge:
Denn sie wissen nicht, was sie tun


Eine der wichtigsten Grundregeln des Schreibens lautet: Die Handlungen der Figuren müssen glaubwürdig sein. Dabei ist es egal, ob wir von Thomas-Mann-Romanen, Seifenopern oder Actionreißern sprechen - die Autoren sind angehalten, ihre Protagonisten nichts tun zu lassen, dass innerhalb des Rahmens ihrer Welt nicht gerade noch eben denkbar wäre und zum Charakter der Figur passt. Trashfilme hebeln dieses Gesetz dem allgemeinen Vorurteil zum Trotz NICHT aus den Angeln. Sie machen ihre Figuren zwar physisch stärker als sie es im echten Leben sein könnten, bleiben aber psychologisch plausibel. Die Charaktere, die Steven Seagal, Michael Dudikoff, Eric Roberts oder Chuck Norris verkörpern, handeln plausibel, denn sie sind abgeklärte Soldaten oder wuterfüllte Racheengel - sie haben Gründe, sich bis zum Endgegner durch Blut und Splitter zu wälzen. Und selbst auf der anderen Seite der Skala geht es meistens vollkommen logisch zu: Kitschserien wie "Das Traumschiff" zeichnen ihre Passagiere zwar eindimensional, aber innerhalb der Geschichte glaubhaft.

Eine Filmreihe, die dieses Prinzip gnadenlos unterläuft, ist das selbstproduzierte Pro7-Komödienpaket vom Jahresbeginn 2007. Durch kartellrechtlich bedenkliche Strukturen (ca. 30 immergleiche Gesichter nehmen durch günstige Pauschalverträge geknebelt an allen denkbaren Game- und Comedyshows teil, während Raab in der Minute drei Trilliarden verdient) an viel Geld gekommen, sendete die Station fünf Wochen hintereinander die Komödien "Plötzlich Star", "Problemzone Schwiegereltern",
"Tote Hose", "29 und noch Jungfrau" und "Wie war ich?" in die Wohnzimmer und präsentierte mit ihnen den hanebüchensten Trash, der jemals nicht als Trash gemeint war. Denn diese Filme sind Hochglanzproduktionen, handwerklich sauber arrangiert und als leichte Kost an alle gerichtet; sie wollen kein Trash sein, sondern Mainstream, flippige, leicht zeitgeistige Unterhaltung. Dabei gehen sie von einer Annahme aus, die sich sonst nur die Werbung zur Arbeitsgrundlage macht: Das Publikum ist dumm, will mit Gags befriedigt werden und hat ganz bestimmte Annahmen über die Welt und das menschliche Zusammenleben. Um auf Biegen und Brechen zu Gags und Zoten zu kommen und diese uns als Publikum unterstellten Annahmen zu bestätigen, tun diese Filme alles.

Etwa hanebüchene Situationen erfinden.
In "Tote Hose" zum Beispiel leiht der Protagonist mit seinem Bruder einen Ferrari, um seinen Papa (Schumacher-Fan) zum Hochzeitstag zu überraschen und braucht dringend Geld, als dieser Leihwagen Schaden nimmt. Die einzige Chance, schnell an die zigtausend Euro zu kommen besteht darin, im Krankenhaus Impotenz zu simulieren, nachdem er wenig später noch seiner eigentlich Angebeteten - einer nach Liebe suchenden, leicht verbitterten Hochzeitsfotografin (Wolke Hegenbarth) - vor den Wagen gelaufen ist. Sein Bruder gibt sich im Krankenhaus als Arzt aus, besorgt ein entsprechendes Attest und die Versicherung versucht nun durch Entsendung von Verführerinnen und allerlei zotige Tests nachzuweisen, dass der Mann durch den kleinen Unfall nicht seine Potenz verloren hat, damit sie nicht zahlen muss. Die Variation davon findet sich in "29 und noch Jungfrau", in der die Protagonistion als 29-jährige Jungfrau beim Dr. Sommer-Team der Bravo (!) anheuert, sich in ihren Chef verliebt und vor der möglichen Blamage im Bett erst mal irgendwie anders ihre Jungfräulichkeit verlieren muss. Ihren Klamauk-Höhepunkt findet die Filmreihe in den Männern von "Wie war ich?", die nach dem Belauschen der Frauen, die vorgetäuschte Orgasmen zugeben, mittels einer Merkmals-Checkliste herausfinden wollen, wann und ob sie ihre Liebsten überhaupt noch real befriedigen. Als relativ originelles Spiel um das Thema "Ehrlichkeit und ihre Folgen" hat dieser Film zwar noch gewisse Qualitäten, mutet uns aber auch die größten Schüsse in den Ofen zu. So "übt" der mittlerweile auch impotent gewordene Hauptdarsteller etwa die erneute Versteifung seines Genitals mit seiner ehemaligen Blondinen-Freundin und landet kurz vor seiner Hochzeit mit ihr im Bett. Seiner Frau passiert das gleiche mit einem schwarzen Unterwäsche-Model. Ein Verhalten, das nicht nur Blondinen und Schwarze zu animalischen Triebwesen degradiert, sondern innerhalb der Figurengestaltung vollkommen unglaubwürdig ist. Diese beiden Figuren lieben sich und werden im ganzen Film als zutiefst normale, moralische Charaktere vorgestellt - wilde One Night Stands traut man ihnen auch trotz allen Hochzeitslampenfiebers nicht zu.

Es gibt zwei Grundannahmen all dieser Komödien. Erstens: dass wir vollkommen hilflos sind, wenn uns die Geilheit überwältigt und wir gar nicht anders können, als zum Objekt der Begierde in die Kiste zu springen - selbst wenn wir jemand anderen aufrichtig lieben. Zweitens: dass wir neben unserer offiziellen Liebe noch eine zweite, "wahre" Liebe haben können, die meist bis in den Sandkasten oder die Abiturfeier (vom Reifegrad her seit den 90ern ja das Gleiche) zurückreicht und die in uns gärt und schmort, bis sie ausbricht und dann ALLES hinwegfegen darf, was wir uns aufgebaut haben. So endet "29 und noch Jungfrau" folgendermaßen: Besagte Jungfrau liegt auf der Hochzeitsfeier ihres besten Freundes mit ihrem Bravo-Redaktionschef im Bett des noblen Hotels und ist endlich bereit, mit ihm zu schlafen. Der beste Freund wiederum hat einen Abend vor seiner Hochzeit erkannt, dass er eigentlich immer sie und nicht seine morgen früh zu heiratende Frau geliebt hat. Also sagt er ihr die Hochzeit ab, rennt hoch, stellt sich vor das Bett und macht Hundeaugen. Der Bravo-Chef versteht wortlos, was los ist, räumt kampflos das Feld und die beiden Hauptfiguren praktizieren ihre "wahre Liebe". Man muss sich das klarmachen: Den ganzen Film über wird die "unwahre Liebe" zwischen der Jungfrau und dem Bravo-Chef sowie zwischen dem besten Freund und seiner Verlobten als vollkommen harmonisch und tief dargestellt. Mal ganz davon abgesehen, dass die Verlobte und die Jungfrau selber beste Freundinnen sind. Dennoch hat das neue Liebespaar keine Skrupel, den wichtigsten Menschen in ihrem Leben elementar den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Und weil das Publikum das vielleicht ein kleines bisschen unsympathisch finden könnte - wahre Liebe hin oder der - zeigt man noch die beiden Gehörnten, wie sie sich am See treffen und gemeinsam zum Frühschoppen gehen, um sich zu trösten. So richtig trauern sie nicht und sind schon wieder offen für einen neuen Partner. Es kommt halt, wie es kommt. Unglaubwürdiger kann Kolportage nicht sein. Eher würde man Steven Seagal abkaufen, mitten in seinem blutigen Rachefeldzug innezuhalten und den Mörder seiner Frau nicht töten zu können, weil er irgendwo im Zimmer Bachblütenduft eingeatmet hat.

Mehr noch als jeder echte Trashfilm verwenden die Pro7-Komödien also ihre Figuren bloß als Werkzeuge für Pointen und Prämissen, als Pappkameraden abstruser Gags und scheincooler gesellschaftlicher Aussagen. "Plötzlich Star" prügelt dem Publikum die gute alte "Glaub an dich und geh deinen Weg"-Message um die Ohren und lässt Stefan Jürgens als Popstars-Produzenten mit seinem Firmepartner eine Wette um seine ganze Existenz abschließen, in der er eine graue Maus zum Popstar formen muss, die in Wirklichkeit niemals eine Chance gehabt hätte, auch nicht als Objekt einer zynischen Wette um die Firmenbeteilgung: die hätte sich der Mann in der realen Welt erklagt. "Problemzone Schwiegereltern" mutet uns als Clash-der-Kulturen-Komödie zwei vollkommen eindimensionale Elternpaare zu (die bürgerlichen Karrieristen gegen die 68er-Hippie-Mutter), die nur noch wandelnde Klischees aus zwei Beinen sind: So berechenbar und linientreu sind in der Wirklichkeit nicht mal vegane Postmarxisten aus der Studentenvertretung. Am derbsten bleibt aber das Sex-Trio "Tote Hose", "29 und noch Jungfrau" und "War ich gut?", weil es ein Panorama unserer Gesellschaft zeichnet, in der es ernsthaft als "Romantik" und "Konsequenz" hingestellt wird, wenn ein Mann seine Frau wenige Stunden vor der Hochzeit verlässt, weil er plötzlich merkt, dass er doch seine Schulfreundin liebt. In einer Gesellschaft, in der es ernsthaft noch "Männer" gäbe, dürfte sich ein solcher Kerl gerade noch als Komparse in "Karate Warrior" von echten Männern verprügeln lassen, die sich über ihre Gefühle klar werden, bevor sie auf ihrer Hochzeitsparty stehen. Das mag nach den Maßstäben der postmodernen Berlin-Mitte-Bluetooth-HelloKittytaschen-Alkopops-Strubbelfrisuren-Welt zwar "unromantisch" sein, hat aber wenigstens Würde. Insofern leistet der unfreiwillige Mega-Trash aus Prosiebens Fließbandfabrik wenigstens eine unverblümt deutliche Wiedergabe des aktuellen Lebensgefühls: "Ich kann nichts dafür, ES spricht in mir!" Selbstaufgabe wird als Romantik verkauft.

Und Frauen und Männer sind nur noch Mädchen und Jungs.

Euer
Jochen



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5. Folge:
American Fighter 2 - Der Auftrag
(American Ninja 2)


"American Fighter 2" gehört zu den meist ausgestrahlten und wiederholten Actionfilmen im deutschen Fernsehen. Kaum eine (männliche) Jugend kam ohne diesen Film aus. An ihm lässt sich wunderbar exemplifizieren, was ich meine, wenn ich von der Umsetzung des Brecht'schen Verfremdungseffektes und epischen Theaters mit den Mitteln des Fließband-Action-Reißers rede, obschon sich die Filme zur Zeit ihres Drehs nicht als solche verstanden - immerhin war dieser Film auch im Kino zu sehen. Heute übrigens undenkbar, wenn sich selbst zweitklassige Klopper darum bemühen, die Elemente gering zu halten, die diesen Film so kolossal bestimmen: Die Kolportage und das Klischee.

Joe Armstrong (Michael Dudikoff) und Curtis Jackson (Steve James) sollen als Agenten der Regierung das Verschwinden einiger Marines, ausgerechnet aus einem Urlaubsort, aufklären. Die beiden Helden sind dabei das klassische "Buddy"-Paar, also gegensätzliche Partner, wobei sich ihre Gegensätzlichkeit primär aufs Äußere bezieht. Armstrong, also Dudikoff, ist der blasse, unterschätzte Weiße, der sich als Ninja herausstellt, Jackson ist die schwarze, animalische, aber auch ein wenig funky charmante Urgewalt. Dass die Marines ausgerechnet in einem Küstenort entführt werden, hat keinen dramatischen Grund und folgt der Logik von Videospielen oder Softpornos. "Wir brauchen einen netten Hintergrund? Nehmen wir Strand, Sonne und Bikinimädchen!"

Noch vordergründiger ist die Motivation der Entführung. Ein finsterer Bösewicht namens "der Löwe" macht auf einer Insel nahe des Küstenortes gentechnische Experimente und züchtet dort perfekte Ninjas; die entführten Marines benötigt er als Blaupausen für Kampfklone. Es ist herrlich, wie sich der Film in keinem Moment die Mühe macht, dieser Züchtungsstation irgendeine Plausibilität zu verleihen. Bewusstlose Männer schwimmen im Tank, irgendwo blinken Lichter und blubbern Lösungen, es gibt nicht den Hauch einer Erklärung, warum die Klone der Marines von vorneherein erwachsen sind und wie die Vererbung des Genes "für Hass und Zorn" allein dazu führen soll, dass sie ihre Fähigkeiten erlangen. Schon diese Idee ist doppelt absurd, denn erstens kann ein Gen allein zwar für Talent sorgen, ersetzt aber nicht das Training (es sind ja geklonte Menschen, keine Cyborgs mit Software darin) und zweitens wäre bei einem guten Ninja nichts so hinderlich wie Zorn oder gar Hass. Schließlich sind es Konzentration, Ruhe, Fokus und Bändigung der Leidenschaften, durch die Ninjas ihre Perfektion erlangen. Ihnen ausgerechnet Hass anzuzüchten, kann also nur der Rahmen für die schnelle Pflichtportion Zivilisationskritik sein, die ihr Pflichtsein dadurch mitkommuniziert. Ebenso wie die Szene, in der man die identisch aussehenden Klon-Ninjas vor den Geldgebern des Experimentes eine Kampfvorführung machen lässt, bei der die Hälfte von ihnen einfach draufgeht. Seine mühsam gezüchtete Armee vom Oberkämpfer rein aus PR-Zwecken derart dezimieren zu lassen, wäre schon ökonomisch völli unsinnig, dient aber eben auch besagter Dosis Zivilisationskritik, die den Zuschauer unter der Hand wissend anlächelt wie Pornos ihr Publikum, wenn sie den sinnfreien Sex in eine "sinnvolle" Handlung einbetten. "Ihr wisst, das muss sein", sagt der Film seinem Publikum, und das schlägt in den Deal ein. Ein Mechanismus, der tatsächlich einlöst, was Brecht vom Theater wollte: Allen, wirklich allen ist klar, dass hier nur gespielt wird.

Diese Erkenntnis wird noch massiv unterstützt von den ganz konkreten Momenten der Kolportage und des Klischees. Ein Mann hört draußen ein Geräusch und geht daraufhin ans Fenster, wo er bequem sichtbar wird und erschossen werden kann. Die Traube tumber Rocker hinter der Bar greift immer nur brav der Reihe nach an und wartet, bis der soeben Kämpfende niedergeschlagen wurde. Die Ninjas, die von Felsen springen, schreien eine Sekunde vor ihrer Ankunft, damit Michael Dudikoff sich rechtzeitig umdrehen kann. Man fragt sich, was für eine grottenschlechte Züchtung das sein soll... Als das Labor am Ende vernichtet werden soll, findet der Professor ganz durch Zufall mehrere klebefertige Sprengsätze und weiß damit auch umzugehen. Die Experimente vorangetrieben hat er natürlich nur, weil er ursprünglich Gentechnik zur Bekämpfung von Krankheiten betrieb und nun dazu gezwungen wurde; ebenso wie der Marines-Verräter Tom Taylor, dessen Familie entführt wurde, so dass er keine andere Wahl hat, als Armstrong und Jackson in den Hinterhalt zu treiben. Nachdem Taylor selber stirbt, spielt das Schicksal seiner Familie im Film übrigens keine Rolle mehr. Ebensowenig wie Alicia, die Tochter des gezwungenen Forschungsleiters, über ihren Vater trauert, der sich am Ende mit seinen Sprengsätzen opfert, um das Labor in die Luft zu jagen. "Ist einmal alles geregelt", sagen solche Filme, "spielt der Weg dorthin keine Rolle mehr und alle können glücklich nach Hause fahren." Eine radikale Ziel- und Zweckorientierung, die wenn überhaupt die einzig wahre, weil unterschwellig kommunizierte Message ist.

Die offiziellen Messages hingegen bestätigen weiter Klischees. Die "gute Forschung" wird von Profithaien missbraucht, die Bürokraten verhindern das entscheidende Handeln der Macher. Der "Löwe" sieht mit seinem weißen Anzug (der weißen Weste) und blonden Haaren samt Sonnenbrille wie Heino aus, auch der Typus des helfenden Kleinen Jungen ist nicht weit. Armstrong kommuniziert seine Rolle des amerikanischen Anpackers durch eine abgewetzte Lederjacke, Jackson flirtet als Black Lover die Frauen an. Stürze, Würfe und Stunts erfolgen meist systematisch hintereinander; ein Fight in der örtlichen Bar ist strukturiert wie ein Seminar an der Stunt-Schule. Erst Tisch, dann Treppensturz, dann Sturz von der Empore. Frauen flüchten bei einer Massenprügelei nicht etwa aus dem Lokal, sondern schauen mit übereinander geschlagenen Beinen zu, was zur zweiten "echten", weil unterschwelligen Message führt: Der Mann ist von Natur aus ein kämpfendes Tier und darf damit Weibchen werben. Der Film selbst ist auf ganzer Länge exakt wie ein Pop-Song strukturiert, die Szenen lassen sich den Song-Teilen Strophe, Bridge und Refrain zuordnen, in Zwischenteilen begleitet uns nervöse, schnelle Dengel-Musik, in ruhigen Szenen leise Synthieflächen und ein dramatischer Kampf wird ganz unauffällig mit einem lauten, aufsteigenden "brooooooong"-Soundeffekt eingeläutet. Im finalen Showdown kämpft der gute Joe Armstrong gegen den Obermotz der Klone; dennoch verbeugen sich beide und halten Fairness-Rituale ein, als seien Ninjas unter sich eben Ninjas, egal, für wen sie kämpfen. Dem ist zwar auch so, wird aber sonst im Film überhaupt nicht thematisiert. Die Soundeffekte klingen wie aus dem Tonstudio der A-Team-Faustschläge und in dem auf der Motorhaube hängenden und mit der Faust die Scheibe während der Fahrt einschlagenden Ninja nimmt der Film die T-1000-Terminator-Klette aus "Terminator 2" vorweg.

Alles in allem erweckt diese meisterhaft gestelzte, sich selbst vordergründig todernst nehmende Komposition von Regisseur Sam Firstenberg (der sein ganzes Leben niemals außerhalb der Action-Trash-Szene arbeitete) stetig den Eindruck einer offenen Vereinbarung zwischen Film und Zuschauer. Die Deutlichkeit der Klischees, die Systematik der Kämpfe vor einem völlig zweckfreien inhaltlichen wie optischen Hintergrund und die Struktur des Ablaufes stellen die Formelhaftigkeit des Reißers offen aus und verwahren sich dadurch jeglichem Illusionstheater. Die Szene selbst steht in jedem Moment als Szene vor Augen; kommt man einmal dahin, sich in die Welt lustvoller Gewalt mitreißen zu lassen, sorgt ein verblüffend dämliches Gesicht oder eine dem Spielplatzkampf würdige Kolportage dafür, dass man wieder beruhigt wird. Gemach, gemach, Brauner, ist alles nur ein Spiel. Ein Unterschied bleibt freilich zwischen Brechts Vorstellung des Verfremdungseffektes durch offensichtliches Spiel und dem, was Sam Firstenberg daraus macht. Bei Brecht diente die Anti-Illusion gerade zur dialektischen Erarbeitung einer moralischen/politischen Erkenntnis beim Publikum. Hier stellt sie allein die Formelhaftigkeit und Künstlichkeit der Fließband-Action-Produktion aus. Mehr nicht. Doch das allein ist schon subversiver als jede teure Hollywood-Illusion, die uns weismachen will, da kämpfe jemand um unser aller Seele.

Euer

Jochen


Mehr zum Film:

Filmlexikon
Michael Dudikoff Biografie

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6. Folge:
Das wahre Gesicht



Die größte Lüge der Neuzeit und zugleich ihr wichtigstes Kapital in einem Geschäft, das nur aus Illusionen und Konzepten besteht, ist die "Identität". Der Rock'n'Roll lebt immer noch von ihr, der "ehrliche" Rockmusiker wird gegen den "unechten" Popstar aus "Plastik" abgegrenzt, auch wenn der Rockstar bigott vortäuscht, seine Einnahmen seien ihm nicht wichtig, während ein Dieter Bohlen offen zugibt, sich beim Musikmachen ausschließlich kalkuliert am kommerziell Funktionierenden zu orientieren.

"Identität", das unteilbare "Individuum", das "wahre Ich", es ist nicht totzukriegen. Ein großes Kunstwerk, das die Idiotie dieses Konzeptes nun wieder sechs Monate am Stück vorgeführt hat, war "Big Brother 7", kürzlich zu Ende gegangen. Der Titelsong dieser Staffel hatte folgenden Refrain: "Der Spiegel sieht mein wahres Ich, ich will, dass du der Spiegel bist für mich". Eine in ihrer Präzision und Vieldeutigkeit geniale Zeile, gesungen von einem wie 12 Jahre jung wirkenden Wesen namens "Senta-Sofia", einer weiblichen Kopie des sich nur weiblich gebenden Bill Kaulitz von Tokio Hotel, also einer Spiegelung einer ohnehin schon teil-virtuellen Figur. Der "Spiegel" im Haus war nun wichtiges Leitmotiv dieser Staffel, die in ihrem ungebrochenen Ernst und ihrer sprechenden Symbolik ein großes subversives Werk darstellte, dass sein eigenes Medium "Reality TV" perfekt ausnutzte. Doch zurück zum "Spiegel". Der war als Leitmotiv in dieser Staffel zweideutig. Zum einen ist damit natürlich das Gegenüber gemeint, der "Andere", der aus mir mein "wahres Ich" herausholt, indem er mich entweder liebt oder hasst. So wurden in Staffel 7 mehrere Beziehungen inszeniert, die vollkommen gegensätzliche Menschen zusammenbrachten und damit auch Fragen der eigenen Identität aufriefen. "Eigentlich ist sie nicht mein Beuteschema, aber ich liebe sie." Gerade an der Stelle trat das "wahre Ich", sagen wir also eine etwas weniger oberflächliche Seite in den Menschen tatsächlich zu Tage, Intimität nimmt soziale Masken. Aber, und das ist markant, das wirklich "wahre Gesicht" sahen die Kandidaten in ihrem Gegenüber immer nur dann, wenn er sich aufregte, zornig wurde, rumschrie, provozierte. Nur der Moment, in dem jemand "die Fassung verliert", wird als sein "wahres Ich" gewertet, eine zutiefst pessimistische Haltung, die an Thomas Hobbes' Konzept vom Menschen als des Menschen Wolf erinnert.

Neben dieser zwischenmenschlichen Ebene hatte der Spiegel dieses Mal auch eine wörtliche Bedeutung. Das Bad war Dreh- und Angelpunkt vieler Szenen, da ganz gezielt Charaktere ins Haus gesteckt wurden, denen das Äußere, also gerade nicht das "Ich", sondern die Maskerade, die Rolle, der Stil wichtig ist.
Eddy, der türkische, redegewandte, hoch-provokante Anti-Sokrates, privat nebenberuflich Stripper und perfekt von Körperbau und Statue. Michael, der starke nordische Maurer, der um scheinbar verbrannte Stofftiere und auch sonst bei jeder Gelegenheit weint. Basti, der Wuppertaler Fußballprolet und Asi-Styler, der ausgerechnet die große Liebe der Münchener Tochter aus gutem Hause, Sonja wird. Diesen "Äußerlichen" standen "Innerliche" gegenüber, die entweder so unfassbar verkorkst nach Kiosk-Trinker aussahen, dass sie vom großen Bruder selbst umgestylt werden mussten (so die psychotische, beim Publikum beliebte, seelisch hilflose Verliererfigur "Knubbel") oder die zwar auch überdurchschnittlicher Körperpflege frönten, dabei aber ständig ihre Authentizität und Unveränderbarkeit betonten. Als Mitte zwischen diesen beiden Polen fungierte "Kathrin", die einerseits beim falsch geschnittenen Pony durch die Mitbewohnerin hysterische Anfälle bekam, ansonsten aber extrem verteidigungsfähig und erwachsen auftrat, was bei einer Frau immer noch grundsätzlich als Zickigkeit ausgelegt wird. Echte Zickigkeit verkörperte der schwule Promoter Leon, der - mit Motörhead-T-Shirt und Rock-am-Ring-Schwärmerei geschmacklich als "männlich" konnotiert - wiederum die "weiblichen" Seiten aus Maurer Michael "herauskitzelte", gerne auch mal im wörtlichen Sinne oder in der Wanne, die neben dem Spiegel ein weiterer Ur-Mutter-Tank entfesselter echter "Ichs" wurde.

Aus dieser Konstellation baute der große Bruder nun eine Symmetrie. Die "Äußerlichen" wurden innerlich, weil sie aus verschiedenen Gründen mehrere Phasen von Persönlichkeitsveränderung durchliefen, neue Seiten an sich entdeckten und stellenweise ernsthaft über ihr Leben reflektierten. Die "Innerlichen" blieben äußerlich, weil sie ihr Wesen die ganze Zeit über nicht einen Millimeter änderten und somit eine verlässliche "Marke" blieben, als Corporate Identity sozusagen das absolute Gegenteil komplexer Innerlichkeit. Am extremsten traf das auf "Knubbel" zu, der schon in der ersten Szene auf die Frage, was denn "sein echter Name" sei, ernsthaft weiter "Knubbel" antwortete (er heißt Andreas) und der somit seine Identität schon selber auf eine Marke und Rolle umgestellt hatte. Dass diese sich auch nicht änderte, als er optisch komplett umgestylt wurde, war einer der vielen raffinierten Kniffe der Staffel.

Auch auf der Meta-Ebene gab sich Endemol Mühe. Moderatorin Charlotte Kalinder vertuschte ihr "wahres Ich" durch geschmacklose, mädchenhafte Kleider und einen debilen Schlafzimmerblick, so dass niemand darauf kommen konnte, dass diese Frau eine gestandene Journalistin ist, die auch schon für die Tierrechtsorganisation Peta posierte. Moderator Jürgen wiederum, Zweiter der ersten Staffel, verkörpert in jedem Sinne die Symbiose aus "wahrem Ich" und "Kunstfigur". Er hat im Vergleich zu allen anderen Kandidaten der letzten Jahre am meisten aus seiner Teilnahme gemacht, indem er - ohne echtes Talent außer seinem Ehrgeiz - massiv Gas gab. Heute ist er Schlagerstar auf dem Ballermann, moderiert eine neue RTL2-Sendung mit einer weiteren BB-Ex, jettet durch die Gegend und arbeitet unaufhörlich, während er seine Familie ganz seriös aus allem heraushält. Er ist "Der Jürgen", eine Stimmungsfigur, die sich vollkommen beliebige "Hits" auf den Leib schreiben lässt, die mal eine Kopie von Wolle Petry, mal eine Kopie von Revolverheld (seine neue Single) sind und der kein Problem damit hat, zuzugeben, dass er die "mal eben" zwischen Tür und Angel einsingt. Zugleich ist er "echt", indem er dieses "es ist keine Kunst, es ist ein Job"-Ding zugibt und beim Moderieren immer noch nicht aus seiner marktschreierischen Haut kann.

Man könnte noch viel zu dieser Staffel und ihrer Symbolik sagen. Dass die Architektur von Studio und Bewohnerhaus ausschließlich runde Formen nutzte, weil es am Ende kaum ein "wahres Ich" gab, an dem man sich hätte festhalten können, statt wie an runden Formen abzugleiten. Dass in der Art, wie BB mit den Kandidaten spielte, häufig die klassische Spieltheorie zum Einsatz kam. Dass Befehle durch ein "rotes Telefon" mitgeteilt wurden. Dass Knubbel seine Blindheit, sich selbst und seine Beziehung zur Welt zu durchschauen, dadurch ausdrückte, dass er sich die Brille über die Mütze zog, so dass er "augenlos" wurde wie der Doktor bei den Muppets. So oder so: Diese Staffel sprach zu uns, beständig, man musste es nur sehen.

Besonders ironisch ist es daher, dass vier Wochen lang parallel dazu die ARD mal wieder ein Reality-TV-Experiment laufen ließ, dass als kulturell hochwertig erachtet wird, gegen "Big Brother 7" aber auf allen Ebenem verliert. Die Rede ist vom "Steinzeit-Experiment". Zwei Familien inklusive kleiner Kinder, zweier Freunde und einer mütterliche Freundin beider Sippen ziehen in ein Original-Steinzeit-Dorf und müssen dort mit steinzeitlichen Mitteln überleben lernen. Schon die Teilnehmer selbst waren unfreiwillig komischer als jeder nordische Maurer, der heute Big Brother gewinnt. Eine "Töpferfamilie" und eine "bäuerliche Familie" bedeutete hier: Ein Hippie-Paar und ein Punk-Paar (er: Iro und Exploited-Shirt im Trailer, sie gepiercete Prenzlauer-Berg-Mutti), aus denen die Steinzeit lediglich die "Wahrheit" herauskitzelte, dass sie mit ihren Kindern überhaupt nicht umgehen können. Als die nämlich plötzlich arbeiten und mithelfen mussten und es statt des "Schnuppschrankes" im guten Punk-Hause nur harte Fladenbrote gab, wurden sie so zickig, dass sich die ganze Selbst-Amputation anti-autoritärer Erziehung zeigte. In der peinlichsten Szene der Sendung fiel dem hilflosen Papa nicht mehr ein, als seine Kinder von der Holzbank direkt in das Lagerfeuer zu kippen, aus Versehen natürlich. Möglich wurde das Ganze nur, weil das ARD es für richtig hält, bedeutend zu kleine Kinder in eine solche Extremsituation zu stecken und zugleich selbstgerecht von einem "Experiment" im Sinne der Forschung zu sprechen, während die von der GEZ gut gefütterten Herren auf den BB-Trash hinabsehen wie auf ein geplatztes Klo auf der Raststätte Hagenberg. Wobei: Extrem war auf der Steinzeit-Reise nur die gelungene Wanderung eines Kettenrauchers über die Alpen; ansonsten wurde den Familien in der "Steinzeit" bei jeder denkbaren Gelegenheit mit Mittelchen aus der Gegenwart ausgeholfen. Der große Bruder hätte das nicht zugelassen.

Euer

Jochen


Mehr zu Big Brother:

Big Brother
BB Fun
BEine andere BB-Theorie

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7. Folge
"Rufen Sie nicht an!" - Sternstunde auf Neun Live


Diesen Monat habe ich wenig Zeit, da ich auf Geschäftsreisen bin. Ich habe einige Auktionen mit wahnsinnigen Komplettsammlungen mieser Filme aufgetan, Auflösungen stinkender Dorfvideotheken in der westfälischen und sauerländischen Provinz. Im Rahmen dieser Reisen übernachtete ich in einer 30-Euro-Absteige mit viel zu weicher Matratze, konnte nicht schlafen und sah des nachts den Big Brother-Moderator und Ballermann-Star Jürgen in seinem eigentlichen Stammjob als Moderator bei Neun Live. Und was ich da sah, zog mir die Schuhe aus. Jürgen war wohl gerade erst ins Studio gekommen, um seine Kollegin abzulösen, es gibt einen 24-Stunden-Nacht-Betrieb auf dem Sender. Er musste das Spiel übernehmen, das sie angefangen hatte und es "nur eben zu Ende bringen", bevor er mit seinem eigenen Anrufquiz anfangen durfte. Dieses "nur eben" gestaltete sich allerdings schwierig. In einem Kästchen standen Worte untereinander, jeweils fünf Buchstaben lang. Aus dem letzten Buchstaben des untersten Wortes musste ein neues gebildet werden, ohne die schon vorhandenen Buchstaben irgendeiner Reihe an selber Stelle noch mal zu benutzen. Zwei Reihen waren noch übrig. Und die Sache so sauschwer, das niemand anrief. Dass diesmal wohl wirklich niemand anrief, denn nicht mal ich bekam ein passendes Wort mehr heraus. Dennoch, was dann passierte, war ein unbeachteter TV-Höhepunkt der letzten Jahre. Hier Jürgens Moderation aus der Erinnerung heraus ab dem Punkt, wo er selbst die Geduld verlor.

"Denken Sie dran, Sie dürfen nicht die schon vorhandenen Buchstaben benutzen. Und auch keine Markennamen oder Namen verwenden."
(Jürgen guckt auf seinen Bildschirm, guckt hoch zum Regisseur)
"Bleibt denn da noch was übrig? Rainer?"
(Regisseur schweigt, Jürgen stutzt)
"Komm, gebt mir mal Zettel und Stift hier!"
(Jürgen friemelt, rät, bastelt, sieht auf)
"Das geht doch gar nicht. Jetzt mal ohne Scheiß, da geht doch nichts mehr!"
(Jürgen friemelt wieder, schmeißt den Stift weg)
"Nee, jetzt mal ohne Scheiß, wie soll das denn gehen?"
(Regisseur plappert was in sein Ohr)
"Ja, was denn? Hier, hier steht es doch. Das geht nicht, das geht nicht, das geht nicht. Weil wir alle Vokale schon haben. A, E, I, O, ist doch alles schon verbraucht!"
(Jürgen stiert selbstgerecht in die Kamera, dann ruckartige Bewegung)
"Weisse wat, ich beende das jetzt hier. Das ist doch Scheiße. Ich komme hierher und soll nur eben die Anja ablösen, und dann so was. Ich..." (Regisseur unterbricht), "... ich... ich geh jetzt rüber in mein Studio!"
(Das Bild wird plötzlich schwarzweiß)
"Ja, was ist das denn jetzt? Hast du mich schwarzweiß geschaltet oder was? Liebe Zuschauer, ihr Fernseher ist nicht kaputt, der Regisseur hat mich nur schwarzweiß geschaltet, um mich zu ärgern."
(Jürgen lacht kollegial, als sei alles nur abgesprochen. Dann schaltet er wieder um)
"So, aber mal im Ernst, Freunde, das Rätsel geht nicht mehr."
(Regisseur plappert ins Ohr, Jürgen zeigt vorwurfsvoll auf seine Zettel)
"Ja, hier! Alle, die anrufen, sagen das Falsche. Weil es nicht mehr geht. Es gibt keine Lösung. Ich geh jetzt rüber."
(Regisseur plappert ins Ohr, Jürgen wirft die Hände in die Luft)
"Dann nehme ich die Gewinnsumme eben mit. Meine Damen und Herren" (Jürgen nimmt seine Papiere unter den Arm und geht links aus dem Bild), "ich gehe jetzt rüber zu meinem Spiel und nehme die 3500 Euro einfach mit."
(Kamera folgt ihm nicht, er kommt wieder ins Bild, Regisseur plappert ins Ohr)
Jürgen brüllt: "Das kann doch wohl nicht wahr sein. Leck mich am Arsch!"
(Regisseur plappert ins Ohr)
Jürgen brüllt: "Dann sag ihm, dass das Scheißrätsel nicht geht. Meine Damen und Herren, die Sendeleitung hat Schiss, ja, Sie hören richtig, Schiss vor den Vorgesetzten, das Spiel abzubrechen."
(Regisseur plappert ins Ohr)
Jürgen brüllt, mittlerweile heiser: "Dann musst du auch mal deinen Arsch hochkriegen und ihm die Meinung sagen! Aber du hast doch Schiss. Nichts als Schiss hast du!"
(Dreht sich wieder zum Zuschauer)
"Meine Damen und Herren, für dieses Rätsel, für dieeeeeses Rätsel hier, gibt es keine Lösung mehr. Rufen Sie NICHT mehr an, Sie verschwenden nur Ihr Geld. Ich wiederhole. Rufen Sie nicht an, es hat alles keinen Sinn!"

(...)

Kann man das fassen?
Da steht ein Moderator von Neun Live, angestellt, um dem Publikum möglichst viele Anrufe aus den Rippen zu leiern und macht eine halbe Stunde lang nichts anderes, als in einem unveränderten, heiseren Brüllaffen-Ton zu erklären, dass es überhaupt keine Lösung gibt und man nicht anrufen solle, weil der Regisseur zu viel Schiss in der Hose habe, die Sendung abzubrechen. Wütend, mit rotem Kopf, mit dicken Schlagadern, nur einmal unterbrochen von einem wissenden Blick, wie ihn sonst nur Großmargenverkäufer von Texas-Feuertöpfen kennen.

Ich als Jochen stehe davor ratlos, lag dort ratlos in meinem Billighotel, gefesselt von dem Geschehen.

Entweder führte in dieser Nacht das ungeschnittene Dauersendeformat Neun Lives dazu, dass sich Schlagerjürgen und Sendeleitung tatsächlich in die Wolle kriegten oder das ganze war Absicht. Da ich aber auch bei meinen Filminterpretationen nur vom Werk und nicht von Absichten ausgehe, spielt es auch keine Rolle. Nimmt man also nur das Werk, war es eine Sternstunde deutschen Trash-TVs. Die blinkende Casino-Oberfläche der Call-In-Shows als Schauplatz der Selbstentlarvung sowohl des Sendeprinzips als auch der internen Hahnenkämpfe.

"Rufen Sie nicht an, die Sendeleitung hat Schiss in der Buchse!"

Großartig.

Euer
Jochen


Mehr zu Neun Live & Jürgen:

Neun Live
Neun Live Milski
Der Jürgen

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8.Folge
Boy Soldiers (Original: Toy Soldiers)


Nein, wir reden hier nicht vom Michael-Dudikoff-Klassiker "Soldier Boyz", sondern von einer Actionproduktion aus dem Jahre 1991, die Thomas Hobbes gefallen haben dürfte. Thomas Hobbes lebte von 1588 bis 1679 und begründete in seinem Werk "Leviathan" die moderne Staatstheorie. Ein Buch, das seine Zeitgenossen aus verschiedenen Gründen in den Wahnsinn trieb und dafür sorgte, dass einige Dinge heute für uns selbstverständlich sind: Die Trennung von Staat und Religion und die persönliche Moral als Privatsache, solange sie nicht anderen aufgezwungen wird. Hobbes sah den Menschen als größten Feind seiner selbst an, als Wolf, sah ständig widerstreitende Interessen gegeneinander antreten, die Krallen gewetzt, durch nichts zu zivilisieren außer eben durch den Staat. Dem geben die Menschen in einem "Gesellschaftsvertrag" das Gewaltmonopol. Nur so kann es gehen.

Jetzt wissen wir heute: Rechtsstaatlichkeit ist durchaus was Gutes, doch der Staat selbst ist ein Halunke. Ein Lobbyist, ein Imperialist, ein Halunke. Also schwören ihm vor allem junge Leute zwischen 15 und 30 ab, halten Demos unter meinem Balkon ab, werfen Steine und weigern sich, bürgerliche Berufe zu erlernen, um Steuern zu produzieren, die dem Staat zu Gute kommen. Oder sie werden Trinker, verplempern Zeit und Geld auf Fußball- und Campingplätzen und schreien im Chor: "Oh, rot-weiß-rot, wir saufen bis zum Tod!" Thomas Hobbes könnte so was nicht dulden. Und da heute kaum noch jemand liest, müsste er Filme machen, um seine Message psychologisch effizient in die Hirne einzupflanzen. Actionfilme. Thomas Hobbes hätte "Boy Soldiers" gedreht. Warum?

In diesem Film überfällt eine Gruppe Terroristen ein Jungen-Internat und nimmt die Jungs als Geiseln. Nicht irgendein Internat, sondern eine Elite-Schule. Hier sind die verzogenen Kinder jener Familien untergebracht, die Einfluss und Geld haben. Hier sollen sie lernen, selber in Zukunft ökonomische Säulen der Gesellschaft zu werden. Sprich: Diejenigen, die nach der Rebellionsphase später als Firmenchefs oder Anwälte selber zu den Mächtigen gehören werden, werden hier erst mal zu Opfern. Der Haupt-Terrorist wiederum, der sich als Opfer fühlt, da sein Vater, ein kolumbianischer Drogenboss, eingekerkert ist, wird zum Täter, weil er seinen Dad anders nicht freipressen kann. Von den Geiseljungs hat nur einer der Jungs keinen Vater in Politik oder Großwirtschaft. Sein Papa ist Mafiosi. Daher hätte er in den Augen der Gangster VIP-Rechte. Er käme frei. Kommt er aber nicht. Er entscheidet sich, sich selbst nicht zur Welt der Kriminellen zu zählen, sondern zur Welt der Gesetzestreuen. Er will kein Wolf sein. Also wird er erschossen, ein überraschend tragisches Element in einer solch lockeren Survival-Produktion, die man schon fast A-Film nennen muss, da mit dem jungen Sean Astin ein späterer Star mitspielt, die jungen Schauspieler preisgekrönt wurden und einige Spielberg-Leute die Finger drin hatten. Dass die Jungs am Ende alles in allem mittels geschickter, gewalttätiger Notwehr sich selbst und ihr Internat retten, ist selbstredend. Der Punkt ist: Sie handeln im Prinzip nicht auf eigene Faust, sondern sind als Söhne der Elite symbolische Stellvertreter des staatlichen Gewaltmonopols, das sie aufgrund der misslichen Lage selbst in die Hand nehmen müssen und dadurch auch erstmals Verantwortung lernen! Wer auf der Seite des Gesetzes steht, darf ordentlich draufhalten. Nur so wird die Ordnung der Dinge gewährleistet.

Diese Botschaft ist heute im Prinzip kaum noch zu vermitteln, da alle wissen oder als Vorurteil glauben, dass "die da oben" grundsätzlich böse sind. Werden die da oben allerdings durch ihre Kinder repräsentiert und sind diese Kinder auch noch aufmüpfige Rebellen UND Opfer, identifiziert sich das Publikum sofort mit ihnen. Das ist der Trick, den Hobbes nicht besser hätte erfinden können. Mache dich selbst zum Underdog, gerade wenn du eigentlich der Overdog bist. Ein beliebter rhetorischer Trick, besonders auch unter extrem erfolgreichen Menschen. "Im Gegensatz zu U2 sind wir eine kleine Band", sagt Dave Grohl von den Foo Fighters dann und das Publikum denkt: "Watt für ein patenter Malocher." Ist man Deutschlands erfolgreichster Pop-Produzent, hat aber trotzdem langsam die Schnauze voll davon, als Arschloch und Täter zu gelten, kann es einem ganz gelegen kommen, im eigenen Haus von ein paar debilen HartzIV-Jungs überfallen zu werden.

Doch noch mal zu Hobbes. Was Hobbes heute noch sicherer als die schlichte Umkehrungspsychologie zum Filmproduzenten machen würde ist sein grundsätzliches Denken, aus dem sein Plädoyer für das Gewaltmonopol überhaupt hervorging. Hobbes war nämlich früher sowas, was heute die Hirnforscher sind. Er sah den Menschen als Maschine an, ohne freien Willen. "Gut" und "böse" gab es für ihn gar nicht, das sortiere der Mensch einfach als "gehört zu uns" und "gehört zu den anderen" und nennt es dann Moral. Gelenkt wird er wie ein Tier nur vom Überlebenstrieb. Vor diesem Hintergrund dürfte das Format des Action-Survival-Films genau sein Format sein, egal, ob er nun ernsthaft "gut" und "böse" bei Terroristen und Internatsjungs relativieren würde oder nicht. Was solche Filme ja eigentlich antreibt, ist der reine, animalische Kampf ums Überleben. Jeder billige Reißer trainiert diese Sichtweise ein, die Hobbes'sche Sichtweise auf unser Dasein. Alles Reden versagt im Grunde, wenn es darauf ankommt. Wir sind Wölfe. Wir kämpfen.

Dass Fließbandfilme nur unfreiwillig Kunst sind und schließlich in der hochkapitalistischen Moderne nur produziert werden, damit ihre Macher ökonomisch überleben, würde Hobbes erst recht ein grimmiges Lächeln ins Gesicht zaubern.

Euer
Jochen


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9.Folge
Die Zumutungen der Solidarität - Die Dschungel-Show 2008 (Ich bin ein Star - holt mich hier raus)


Nun war es also wieder soweit. Nach dreieinhalb Jahren reaktivierte RTL die deutsche Version der Dschungel-Show "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!" Am Prinzip hat sich nichts geändert. 10 B-Prominente im Camp, Dirk Bach und Sonja Zietlow in der symbolischen Schaltzentrale unter dem Blätterdach und draußen vor den Bildschirmen einerseits die "breite Masse" und andererseits die selbsternannten Hüter der Moral, die ihre Entrüstung über den Untergang des Abendlandes einen Tag nach Staffelende in derselben Boulevardzeitung äußert, die das Spektakel die ganzen 16 Tage lang mit dramatisierender Pseudo-Besorgnis ("Gefährden die Stars ihr Leben?") begleitet und gepusht hat.

All das interessiert mich nicht. All das sorgt nicht dafür, dass ich diesen "Trashtest" wieder einmal über ein TV-Produkt verfassen muss und die ganzen schönen Actionreißer-Filme erneut zu warten haben. Was mich aber interessiert und was an dieser Show sensationell diskussionstauglich wäre, würde irgendjemand da draußen das B-Fernsehen sinnbildlich "lesen", ist der Mechanismus, der im Camp zum Tragen kommt. Ein Mechanismus, der dafür sorgt, dass diese Verkörperung "skrupellosen" Sensationsfernsehens eben gerade nicht das bislang schrecklichste Ergebnis einer "ihre Werte verlierenden" Gesellschaft ist, sondern ganz im Gegenteil den Lieblingswert der Moralisten predigt, während sie den Lieblingswert der wahrhaft Freiheitlichen bestraft. Es ist die Solidarität, die in diesem Dschungel auf die Spitze getrieben wird, während der vielgescholtene Egoismus das eigentliche Gegengift darstellen würde!

Zur Erinnerung hier die einfachen Regeln: Ohne Gegenleistung bekommt die Campinggemeinschaft pro Tag nur ein Minimum an Essensrationen. Knapp 800 Kalorien, zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Um mehr zu bekommen, muss jeweils ein Repräsentant der Campinggemeinschaft in den berüchtigten "Dschungelprüfungen" um Sterne und somit um Essensgutscheine kämpfen. Diese "Prüfungen" sind denn ja auch Staffel für Staffel Stein des Anstoßes für den anschwellenden Boxgesang der Moralisten, welche die Menschenwürde verletzt sehen, wenn Kandidaten in Kakerlaken baden, Känguruh-Hoden und Krokodilpenisse essen und sich mit Ratten in eine Gruft einsperren lassen. Der eigentliche Skandal daran ist allerdings nicht der Ekelfaktor, sondern die Umwertung der Prüfung von einer Schikane im Rahmen des Gruppenzwangs zu einer heroischen Selbstüberwindung und somit individuellen Persönlichkeitsstärkung. Die Kandidaten stehen schließlich vor der "Wahl", sich entweder mit 40.000 Kakerlaken übergießen zu lassen und in dem Gekrabbel um Luft ringend nach Essensgutscheinen (= Sternen) zu grabschen oder aber in die Gruppe zurückzukehren und ihr sagen zu müssen: "Ich konnte uns nichts zu Essen besorgen, denn so weit gehe ich nicht." Genau das aber wäre die eigentlich heroische Leistung, vor allem im symbolischen Sinne.

Denken wir uns diese ganze Show doch einmal wirklich als gesellschaftliches Gleichnis. Dann ist die Campinggemeinschaft der Kandidaten das Volk, das nur noch mittels vollkommen entwürdigender "Jobs" (= die Dschungel-prüfungen) an mehr Essen als das absolute Existenzminimum gelangen kann. Der wohlgenäherte, hysterisch überdrehte Paradiesvogel Dirk Bach und die magere, geradelinige "Domina" und hochintelligente Ex-Pilotin Sonja Zietlow wären die zwei Ausprägungen der Elite, die Sendeleitung die logistisch überwachende Regierung und Dschungel-Arzt Dr. Bob der als Fürsorge getarnte repressive Terror des "ärztlichen Blicks" nach Foucault, der nur noch die Schutzbrille reicht, aber längst auf Seiten der Unterdrücker mitspielt. Der Einzelne aus dem Volk ist nun gezwungen, jede noch so absurde Arbeit anzunehmen oder aber vom Rest der Gemeinschaft als "unsolidarisch" angesehen zu werden. Selbstverständlich würde diese das niemals so formulieren. Selbstverständlich wird von allen gebetsmühlenartig versichert, der Mitbürger "müsse das nicht tun, wenn er nicht will", doch diese Versicherung ist ebenso viel wert wie die Garantie, sich Weihnachten "mal wirklich nichts" zu schenken. Wer sich ernsthaft dran hält, steht letztlich als Depp da, wenn die anderen sich alle doch in Unkosten gestützt haben. Oder eben kopfüber in Schlangengruben. Steht der Einzelne also vor der "Wahl", redet er sich den Schwachsinn schön, indem er zum einen die Weihen des Gemeinsinns für seine "Tapferkeit" erhält und sich andererseits die Demütigung positiv zur "Selbstüberwindung" umwertet. Eine aus dem Gruppenzwang und für das gemeinsame Essen erbrachte Selbstaufopferung wird so zum Empowerment des Individuums mittels einer Mutprobe.

Genau so springt auch die echte Gesellschaft mit ihren "Campbewohnern" um. Von entwürdigender Zeitarbeitssklaverei bis zur Unterordnung unter eine hysterische Gesundheitsdiktatur müssen sie zu jeder noch so absurden Gängelung "Ja" sagen, um wahlweise die Rentensysteme, die Solidargemeinschaft, die Krankenkassen oder die Generationengerechtigkeit zu retten. Reklamieren sie hingegen das Recht auf selbstbestimmtes Leben abseits der Aufopferung für die "Gemeinschaft", werden sie als Egoisten aus dem Dschungel verstoßen. So ging in dieser Staffel Julia Biedermann als erste, nachdem sie sich im Angesicht der 40.000 Kakerlaken zu dem einzig ernsthaft würdevollen Schritt entschied, nämlich dem "Nein!" ohne Rücksicht auf die ihr aufgebürdete Versorgung für "das Team". Ein Begriff von "Teamgeist" übrigens, den auch und gerade die jugendlichen Branchen des hippen Kapitalismus nutzen, um ihre schlecht bezahlten Angestellten mittels der sanften Knebelung familiärer Solidarität in 16-Stunden-Tage zu treiben, da niemand "die anderen im Stich lässt" und als erster nach Hause geht. Frau Biedermann tat genau das - und wurde vom Publikum prompt dafür bestraft. Frau Lisa Bund hingegen verließ das Camp trotz schwerer Bauchschmerzen und blutigem Übergeben nur unter Tränen. Die junge Ex-DSDS-Dritte verkörperte den idealen Typus der modernen Angestellten im Cappuchino-Kapitalismus: Immer bereit, niemals krank, immer gut drauf, immer einen feschen R'n'B-Song auf den Lippen und selbst beim Kotzen von Blut nur unter Protest die Firma für ein paar Tage Erholung verlassend. Und nennt mich paranoid, aber ist es bitteschön ein Zufall, dass die Frau, die eben dieses postmoderne Selbstausbeutungsmodell verweigerte, ausgerechnet "Biedermann" heißt, während das junge Huhn, das sich blind an dieses Modell anpasste, ausgerechnet "Bund" heißt? "Bund" wie das Militär? "Bund" wie der Bund als anderes Wort für eine enge Gemeinschaft?

Beim Sieger des ganzen Theaters - Ross Anthony - lässt sich eine solche Namenssymbolik nicht ausfindig machen, doch sein Typus passt perfekt in dieses Schema. Der homosexuelle, mithin in der Gesellschaft nicht als "echter Mann" konnotierte, britische Popstar (Ex-Bro'sis) präsentierte sich als Typus des knatschenden, überkandidelten Hosenscheißers, der immer genau dann, wenn es ernst wurde, alle denkbaren Härten doch über sich ergehen ließ. Durch diesen Kontrast und seine Entwicklung vom scheinbar "lebensuntüchtigen" Hühnchen hin zum äußerst "lebenstüchtigen" Hauptversorger der ganzen Bande, wurde er zum Helden, vor allem, da er dabei "echte Männer" wie Björn-Hergen Schimpf, Eike Immel und DJ Tomekk weit hinter sich ließ. Letzterer war übrigens wegen einer kurz vor der Show aufgezeichneten Handyvideo-Entgleisung inklusive Hitlergruß von der "Sendeleitung" (= Regierung, denn auch im echten Leben war seine Handlung strafbar) disqualifiziert worden. Ross Anthony wurde somit gerade deswegen Dschungelkönig, weil seine "Tapferkeit" seinem quiekigen Typus um so überraschender widersprach. Eine "Tapferkeit" wiederum, die nur im Rahmen der Aufopferung für die Gruppe als solche empfunden werden kann. Zum Schluss aß er lebendige Insekten gegen seine eigene Ansage, dieses Tabu wirklich nicht brechen zu wollen und das nur, um Desserts für die Gemeinschaft zu erspielen. Er hätte auf demselben Tisch auch leckeres, "richtiges" Essen für sich wählen können. Man muss sich diese Symbolik klarmachen: Nach Wochen der Entbehrungen und der fast ganz allein erkämpften, dringend nötigen Rationen sitzt dieser junge Mann im Finale an einem Tisch und hat das letzte Mal die "Wahl" zwischen Gruppenzwang und Egoismus. Unter den Augen der Nation, die "Helden" sucht, frisst er lieber eine große Heuschrecke bei deren lebendigem Leib, als wenigstens dieses eine Mal Egoist zu sein. Das hätte man ihm wahrscheinlich nicht verziehen. Und "Heuschrecken" sind ja beim Volk sowieso sehr unbeliebt geworden...

Dass das Dschungel-Volk wiederum all diese pervertierten Begriffe von "Tapferkeit" auf sich nimmt, lässt sich schlussendlich noch mit der Parallele verbinden, welche die Kandidaten auf der Meta-Ebene der Wirklichkeit mit dem realen "Volk" verbindet: Sie waren oder sind momentan mehr oder minder arbeitslos oder in Geldnot. Da hat man eben jede "zumutbare" Tätigkeit anzunehmen...

Vegetarisch und heuschreckenfreundlich grüßt
Euer
Jochen


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10.Folge
Wokrennen, Turmspringen, Panelshow: Die sorglose Substanz des TV-Spielplatzes


Häufig sagen die Leute: Der Jochen, der kann auch noch jedem Scheiß etwas abgewinnen. Das ist richtig. Daher wende ich mich in dieser Folge meiner Kolumne einem wahrhaft großen Scheiß zu, der viele Fernsehzuschauer nervt: den Event- und Panel-Shows der Privatsender.
Ob Ratespiele, Wok-Rennen, Turmspringen, Stock-Car-Rennen, menschliches "Mensch ärgere Dich nicht!" auf einem Riesenspielfeld, PISA-Test, Promi-Dinner, Burg- und Alm-Soap oder Chart-Show - unablässig kommen Comedians, Moderatoren und Schauspieler zusammen, um gemeinsam öffentlich die Zeit totzuschlagen. Bis auf wenige Ausnahmeformate wie "Genial daneben" stehen diese Shows allesamt für maximales Bohei bei minimaler Substanz. Schnell stehen somit die Kulturwächter und Moralapostel bei Fuß, heben die mahnende Hand und sagen: "Meidet diese kalkulierten Quotenprodukte, denn sie sind berechnend, seelenlos und kalt. Sie sind der Satan der medialen Effizienzdiktatur, der Untergang des Abendlandes und die größte Sünde der Spaßgesellschaft." Ich behaupte allerdings: Sie beinhalten drei Aspekte, die sonst nur hochrespektierten Ausprägungen avantgardistischer Kunst zugeschrieben wurden und werden.

1. Bewusstes Dilettieren
Im Prinzip folgen diese Formate der Funktionsweise der Politik. Dort ist es nicht nötig, als Minister tatsächlich Fachmann für das Gebiet zu sein, das man vertritt. Hans Eichel leitete als Bundesfinanzminister das "Unternehmen Deutschland" mit einem Studium der Philosophie und Geschichte auf Lehramt. Unsere amtierende Ministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan, steht dem naturwissenschaftlich-positivistischen Geist der Forschung, sagen wir mal, nicht allzu nahe: Sie ist katholische Theologin mit Promotion zum Thema "Gewissensbildung". Und Norbert Blüm machte damals nachhaltig und knallhart die Renten sicher, weil er als studierter Germanist, Theologe, Pfadfinder und Messdiener eine unverblümte Sicht auf die ökonomischen Realitäten der Welt hat. Das Verhältnis, das unsere Politiker also zum Thema ihres Amtes haben, haben die Fernsehpromis der Eventshows zum Thema des jeweiligen Spektakels. Sie äußern sich zu eingespielten Musikclips mit Sätzen wie "Ja, das war noch Discomucke, Alter!" oder singen gleich nur den Refrain nach, machen Bauchplatscher vom Fünf-Meter-Brett, fahren Stock-Cars und brechen sich dabei fast die Arme oder lassen sich wochenlang vor aller Augen zu Tänzern oder Eisläufern ausbilden. Kurz: Sie dilettieren. Sie bieten eben nicht "virtuose" Inszenierungen eines eindrucksvollen Könnens, sondern machen sich zu sportlichen Tölpeln, verlieren in PISA- und Bildungsshows gegen 12-jährige Kinder oder offenbaren sich in der Meinungsäußerung während einer Chart-Show als Laien, die Musik genauso unbedarft hören wie der einfache TV-Zuschauer: emotional, intuitiv, an Erinnerungen geknüpft. Der Prominente wird hier zum Menschen "wie Du und ich" und löst so die großen Diktate der Fluxus-Künstler oder auch des Punk ein: Sei dilettantisch, mach einfach mit, durchbreche die Grenze zwischen "Amateur" und "Profi". Das Diktum, das einst erfunden wurde, um mit dem "Geniekult" und der "bürgerlichen Kunst" als affirmative und hierarchische Herangehensweise zu brechen, mündet im Trash-Event-TV des 21. Jahrhunderts als Arena der Dilettanten.

2. Improvisation
Rateshows, sportliche TV-Events, moderne Versionen der "versteckten Kamera" und Stegreifkomödien wie "Schillerstraße" oder "Frei Schnauze" basieren auf einem Element, das früher eher als hochglaubwürdiges Undergroundphänomen oder höchste Ausprägung der Schauspielkunst angesehen wurde: der Improvisation. Mit letztgenannten Formaten schaffte das Improtheater den Sprung ins Mainstreamfernsehen, das sonst nur in subventionierten Kulturschuppen gespielt wurde, an deren Eingang Flugblätter zum Unistreik liegen und in dessen Raum 4.1 im Obergeschoss zugleich das Friedensplenum oder der Marx-Lesekreis tagte. Doch auch im ganz profanen Halali von Autorennen, Amateurboxen, Rechtschreibtest und Turmspringen muss sich die Sendeleitung darauf verlassen können, dass die Akteure nicht hölzern im Weg rumstehen, sondern einen gewissen Level an anschlussfähiger Unterhaltung aufrechterhalten. Das wiederum können sie, da die üblichen Verdächtigen dieser Shows in Sachen Entertainment und Bühnenpräsenz allesamt keine (!) Dilettanten sind.
So fragt man sich häufig, welche Berufsausbildung und Existenzform Gestalten wie Bürger Lars Dietrich, Elton, Ralf Schmitz oder Simon Gosejohann eigentlich haben, da es den Beruf "Überalldabeiseier" ja nun mal nicht gibt. Nun, die Frage ist einfach zu beantworten. Bürger Lars Dietrich hat eine klassische Ausbildung als Balletttänzer und Stuntman. Elton moderierte Sendungen bei Hamburg 1, bevor er sich vom Raab-Konsortium entdecken ließ. Simon Gosejohann ist einer der verdientesten Filmemacher der Underground-Videoszene und gewann dort im Team mit seinem Bruder als The Neverhorst Company zahllose Preise. Ralf Schmitz nennt Schauspiel- und Tanzausbildung sowie ein kleines Gesangsstudium sein eigen und war jahrelang Mitglied beim Improtheater Springmaus in Bonn. Mirco Nontschew ist als Sohn eines Jazzmusikers selber sehr patenter Musiker und steht mit seinen Vokalfähigkeiten im Grunde in der Tradition der Scat-Sänger. So banal es auch ist, so deutlich muss es jedoch einmal gesagt werden: Diese Leute wurden allesamt nicht in den Laboren der Fernsehstationen gezüchtet, sondern sind solide in der Basis verankerte Charaktere, denen sich mit den albernen Bundesjugendlichkeitsspielen des Fernsehens lediglich ein neues, lukratives Betätigungsfeld eröffnete. Was uns zum letzten Aspekt bringt...

3. Selbstbezüglichkeit
In der Kunst werden Attribute wie "glaubwürdig" und "authentisch" üblicherweise dann vergeben, wenn der Künstler seine Sache primär für sich selber macht. Wenn man merkt, dass das Publikum ihm zwar nicht völlig egal ist, dessen Reaktion aber nicht ausschlaggebend oder bestimmend für sein Handeln ist. Unter diesem Gesichtspunkt sind die Panel- und Eventshows die glaubwürdigste Form des Entertainments im deutschen Fernsehen. Dies möchte ich ausnahmsweise mal nicht durch eine Theorie, sondern durch die konkrete Erfahrung meines Lebensgefährten Mario belegen, der bekanntlich als Dauerpraktikant schon nahezu jede TV-Produktion von innen gesehen hat. Er berichtet, dass die Dauergäste sich nicht wegen des Endproduktes selber auf die Tummeplätze dieser Sendungen begeben. Die Sendung an sich und ihre Wirkung nach draußen ist ihnen im Grunde Schnuppe. Sie nehmen an diesen Shows teil, weil das Produzieren der Sendung selbst für sie wie ein großes, spaßiges Klassentreffen ist. Man sieht sich wieder, wird gut versorgt, verbringt mit Proben, Dreh und/oder Liveshow einige witzige gemeinsame Tage und wird dafür auch noch bestens bezahlt. Was wir als TV-Publikum zu sehen bekommen, wenn sich diese Leute den Wok unter den Hintern schieben oder unter Hugo-Egon Balders Moderation als lebendige Spielfiguren über das Feld hüpfen, ist das öffentlich ausgestrahlte Gemeinschaftsvergnügen einer glücksverwöhnten Gruppe fleißiger Kleinkünstler, die ein Privileg nutzen, das niemand von uns selbst ausgeschlagen hätte, hätte er die Chance dazu. Der alberne, oft geistlose, die Zeit vergeudende Blödsinn von Turmspringen bis Schiffe versenken ist die kindliche Kissenschlacht professioneller Spielkinder, denen ihr Ruf derartig egal ist, dass sie durch ihre penetrante Sorglosigkeit mehr "Authentizität" verkörpern als die meisten unkommerziellen Dramaturgen oder Kunstfilmer, die sich bei jedem Schnitt überlegen, ob die Anspielung auf Derrida auch verstanden wird.

Euer
Jochen


Mehr zum Hintergrund einiger Teilnehmer:

The Neverhorst Company


Die Springmaus

Bürger Lars Dietrich

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11.Folge
Final Days - Die letzten Tage der Menschheit


Daryl Hannah hat einmal gesagt: "Wenn man in einem Film wie 'Splash' gespielt hat, der 150 Millionen einbrachte, kann man sich fünf oder sechs Nieten leisten, bevor man wieder arschkriechen muss. Ich musste nun schon eine Weile wieder arschkriechen." Das war 2003. Drei Jahre später spielt sie die Hauptrolle in dem 160 Minuten langen und auch als TV-Serie ausgestrahlten Film "Final Days" von Regisseur Robert Lieberman und wäre ich ein konventioneller Kritiker, würde ich nun sagen: Das Arschkriechen geht weiter. Bin ich aber nicht. Ich bin Euer Jochen und daher schauen wir uns doch mal an, was dieses 12 Millionen billige Trashgleichnis uns zu bieten hat.

Ja, ich sage "Gleichnis", denn schaut man sich den Plot dieser Produktion an, muss man schon sehr ignorant sein, um nicht zu bemerken, dass wir es hier mit einem filmischen Manifest der Staats- und Ideologiekritik zu tun haben. Ein Manifest, das so raffiniert inszeniert ist, dass jeder den politischen Feind seiner Wahl darin wiederfinden kann. Lloyd Walker (gespielt von Gil Bellows, u.a. "Ally McBeal" und "Die Verurteilten") ist Ärchaologe, gräbt in San Francisco, ist chronisch unterfinanziert und erzählt Schulklassen bei Führungen, dass die Menschheit sich Zeit ihres Daseins immer nur gegenseitig vernichtet hat und man niemandem trauen kann. Er verkörpert das Misstrauen. Gegen den Staat. Gegen die Menschheit. Gegen den Idealismus. Die Oberfläche der Dinge täuscht ihn nicht, denn "er gräbt tiefer", deshalb ist er Archäologe. Sein Beruf ist für den Film nicht nur dramatisch notwendig, sondern hat auch Symbolkraft wie etwa der "Landvermesser" in Franz Kafkas "Schloss". Dieser Archäologe findet nun unter der Stadt einige stinkende, seltsame Kokons, die sich später als Vorboten eines gigantischen Nestes von Außerirdischen entpuppen, die Ameisen oder Heuschrecken ähneln. An der Oberfläche schlüpfen sie in Menschenkörper, unter der Erde offenbaren sie ihre wahren Pläne - totale Übernahme des Planeten. Es ist nun kein Zufall, dass diese Aliens Heuschrecken oder Ameisen ähneln und nicht etwa Hummeln, Libellen oder seltenen Schmetterlingen. Die Ameise steht für die effiziente Konformität totalitärer Systeme, die Heuschrecke bekanntlich für das "Abgrasen" von Ressourcen und Märkten. Die Aliens, die im wahrsten Sinne des Wortes "unter uns" (also im Boden oder in der Hölle oder im Unterbewusstsein von uns allen) sind, lassen sich somit je nach Präferenz des Zuschauers als Chiffre für den Kommunismus, den Faschismus oder den ungebremsten Turbokapitalismus lesen; im Grunde für alle radikalen Ideologien, in denen der Einzelne nichts und das Fortkommen des Kollektivs und/oder Prinzips alles ist. Die Aliens sind Projektionsflächen für das, was der jeweils einzelne Zuschauer für "das böse System" hält; Kapitalisten und Liberale werden in den Insekten den Kommunismus erspähen, doch umgekehrt heißt eines der wegweisenden linksradikalen Bücher der letzten 15 Jahre nicht zufällig "Die Aliens sind unter uns."

Pikant und amüsant ist daher, wo und wie genau sich die Aliens im Film in die Menschenwelt einschleichen. Schlüsselraum ihrer fiesen Machenschaften ist ausgerechnet das Bürgeramt der Stadtverwaltung. Hat man als Zivilist hier ein Anliegen, wird man hinter der Tür in einen Schlachthof geführt und dort restlos ausgeweidet und/oder verwertet. Eine wenig subtile Metaphorik, die selbstverständlich auch auf die Vernichtungslager des Dritten Reiches sowie die Gulags unter Stalin anspielt. Dass diese sich "immer noch" oder "immer wieder" hinter der harmlosen Fassade der bürgerlichen Stadtverwaltung verbergen, lässt sich wiederum mehrfach deuten. Linke lesen darin den niemals erstickten "faschistischen" Keim der bürgerlichen Gesellschaft, Liberale den "totalitären" Keim jeder Art von Bürokratie und Konservative den drohenden "kollektivistischen" Keim der roten Gefahr, die sich besonders im gut bezahlten Staatsdienst eingeschlichen hat, der eine Menge verkappter Sozialisten in Lohn und Brot nimmt, die auf dem freien Markt keine Chance hätten. Oberhaupt dieses Terrors ist nun aber kein männlicher, hysterischer Diktatur sondern Daryl Hannah als sexy-diabolische Ameisenkönigin, was der politischen Ebene nun auch noch die christlich-moralische Ebene der Femme Fatale als sündige Versuchung hinzufügt. Motto: Wer sich von seinen Hormonen blenden lässt, zieht sich und die ganze Menschheit wieder mal wörtlich "in den Abgrund", in die rein animalische, "bewusstlose" Existenz des Ameisenstaates.

Schauen wir uns zum Schluss an, wer dem als Team der "Guten" überhaupt entgegenstritt.

1.) Ein misanthropischer, muffeliger Ärchaologe, der ideologisch unverführbar ist, weil er als Verfechter eines desillusionierten, zyklischen Weltbildes keinem System mehr glaubt. Dem Kapitalismus nicht, weil der trotz seiner Leistungen seine Ausgrabungen nicht finanziert. Dem Sozialismus und dem Faschismus nicht, weil die auf einem linearen Bild von Geschichte hin zu einem "idealen" Endzustand beruhen und er eben wie gesagt in Zyklen denkt.

2.) Ein ehemals erfolgreicher Mann, der nun freiwillig als Hausmeister eines Obdachlosenasyls arbeitet und somit die unideologische, praktische Nächstenliebe zu seinem Lebensweg erkoren hat.

3.) Eine angehende Forscherin, die als Vertreterin des Systems "Wissenschaft" von Natur aus nach dem Code wahr/falsch und nicht nach ideologischen Maßstäben urteilt und das Falsifizieren von "Gewissheiten" als Berufsprinzip gewohnt ist.

4.) Ein zu kleinen Gaunereien neigender, angepasster Gebrauchtwagenverkäufer, "der einfach nur unbehelligt sein Leben leben will". Da er sich in einer Szene weder für die eine noch die andere Seite entscheidet, bleibt offen, was mit ihm geschieht.

Dass diese Mannschaft die Aliens am Ende besiegt, ist selbstredend. Die Ideologien halten trotz aller angewendeten Gewalt und Nistplatzgröße nicht stand; nicht umsonst haben die Nester bereits "gestunken". Und ist die Königin besiegt, ist auch die ganze Kolonie am Ende. Dies ist im echten Leben nicht so einfach, wo die gedanklichen Gebäude der "Aliens" durchaus weiter existieren und bei Abwesenheit großer "Königinnen" nur auf Sparflamme laufen, ohne jemals ausgelöscht zu sein. Doch wer weiß, ob nicht auch diese Viecher wiederkommen, wenn Frau Hannah mal wieder wegen des gnadenlosen Konkurrenzsystems im Ameisenstamm "arschkriechen" und Gage machen muss.

Euer
Jochen


Mehr zum Hintergrund:

Rotten Tomatoes


Tierhorror

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12.Folge
Foreigner 2 - Black Dawn


Erinnern wir uns anlässlich dieses Spätwerks von Steven Seagal noch einmal an die grundsätzliche These, die ich, Jochen, euch in meinen Interpretationen nahe bringen möchte. Sie lautet: "Gute" Thriller gleichen Schillers Theorie des sinnlichen Illusionstheaters; B-Movies setzen Brechts Theorie des Verfremdungseffektes um. Schillers Idee vom Theater als "moralische Anstalt" baute darauf, das Publikum emotional in eine glaubwürdige Geschichte hineinzuziehen, die sie im Moment der Inszenierung für so real halten, dass sie mitfiebern. Brecht ging es nicht ums Mitfiebern, sondern um den kühlen Kopf des Mitdenkens. Das Dargestellte ist jeden Moment als Dargestelltes zu erkennen, es gibt keine Illusion.

"Foreigner 2" setzt diese Technik mustergültig um. Der Vorspann wirkt bereits wie eine Parodie auf die Propaganda des Ausnahmezustandes, die von Regierung und Medien seit dem 11. September in regelmäßigen Abständen verbreitet wird. Mit schnellen Schnitten, schroffem Klang und dem wie ein Mantra wiederholten Slogan "Niemand wird verschont!" wird derart hypnotisch auf eine terroristische Gefahr aufmerksam gemacht, dass nicht der Inhalt der Warnung im Vordergrund steht, sondern der Sprechakt selbst. Der Koffer, der daraufhin in der ersten Szene entwendet wird, muss demnach eindeutig mit dem kommenden Terrorakt zu tun haben. Die Entwendung gelingt so leicht, dass sie wie ein Spiel wirkt; beobachtet wird das Treiben von der Agentin Amanda (Tamara Davies) aus einer nahe gelegenen Lagerhalle. Diese spielt als CIA-Agentin die eine Hauptrolle, während Segal in der zweiten als Jonathan Cold bei den Terroristen mitmischt und sich erst sehr spät als Doppelagent in geheimster Geheimmission entpuppt. Der Name ist freilich sprechend. "Jonathan" bedeutet als Ableitung des hebräischen Jeho-nathan soviel wie "Gottes Gabe". Der Jonathan, der Sohn des Mattathias war, kämpfte von 152 bis 142 v.Chr. als Hohepriester der Juden gegen die hellenistischen Herrscher. Der Vorname deutet also auf seine Funktion als Retter hin, als Held und Vertreter des Guten. Der Nachnahme "Cold" überzieht diesen wahren Kern mit dem Eis der Verstellung und der kühlen Fähigkeit, wenn nötig zu täuschen und zu töten.

Schauen wir uns nun zwei entscheidende Aspekte des Films an, die ihn in jedem Moment seine Künstlichkeit ausstellen lassen und jedes Hineinfallen in eine glaubhafte Illusion verhindern. Erstens: Die Darsteller der bösen Fraktion. Zweitens: Die Wahl der Kulissen und der visuellen Ästhetik. Zunächst zu den "Bösen". Sie sind Tschetschenen, sie sind ausgesprochen hässlich, und sie sind ohne jeden Bruch schlecht. Die zwei Brüder, welche die Bande anführen, streiten sich untereinander gelegentlich über die Strategie und Glaubwürdigkeit des Jonathan Cold, doch alles in allem gleichen sie sich in ihrer unangenehmen Präsenz. Der ältliche Ingenieur, der die Bombe baut, raucht zudem unablässig genussfrei wie ein verbitterter PC-Reparaturdienstleister. Kurz: Während Segal und Davies alles in allem zu den attraktiven Menschen dieses Planeten gezählt werden dürfen, wurde für die Bösen das schmierigste Pack aufgetrieben, das sich finden ließ. Optisch wie inhaltlich gibt es hier keine Grauzonen. Gerade das aber stellt die Künstlichkeit des Plots heraus; besonders in einer Zeit, in der wir durch Dutzende der "guten" Serien und Spielfilme lernen durften, dass eine realistische Betrachtung der Welt nur noch in der Relativierung des veralteten Codes gut/böse möglich ist.

Die Grauzone, die zwischen den Parteien nicht existiert, wird dafür wie ein Weichzeichner visuell über den Film gelegt. Alles ist ausnahmslos in einer bräunlich-gräulichen Kulisse gehalten und entsprechend gefärbt. Die Orte der Handlung sind schmutzige Hotelzimmer mit Ledersesseln und alten Schränken, schmutzige Lagerhallen und Industriegebäude oder schmutzige Autobahnbrückenunterführungen. Sprich: Es sind namenlose, ortlose und zeitlose Formate, wie man sie aus Videospielen kennt. Sie erfüllen in ihrer Struktur und Räumlichkeit nur einen einzigen Zweck: Schauplatz von Kämpfen zu sein. Sie bieten Deckungsmöglichkeiten, Verstecke und jederzeit ein oder zwei herumstehende Benzinfässer, auf die sich bei Bedarf schießen lässt. Sie machen dem Publikum klar: Was du hier siehst, hat keine Verankerung in der Wirklichkeit. Es ist ein Spiel und die Kulissen sind das Stadion. Lediglich eine einzige metaphorische Bedeutung lässt sich in die Kulisse hineinlesen. Die Industriebrachen waren früher einmal produktiver Ort menschlicher "Kultur" und Manufaktur, hier wurden Werte, zumindest ökonomische, aktiv geschaffen. Als Brachen werden diese Orte der "Kultur" und der organisierten "Form" nun zu verwahrlosten Gegenden der "Natur" oder "Wildnis" im Sinne mehrfacher Formlosigkeit. Sie ziehen Kriminelle an wie Garagen Weberknechte oder Asseln und diese nutzen sie nicht mehr in ihrer ursprünglichen Funktion, sondern zur Auflösung und Zersetzung der Gesetze und der Gesellschaft. Barbarei gegen Kultur, Parasiten gegen Produktive. Im Krieg zwischen den Tugendhaften und den Atombombenbastlern leidet schließlich vor allem der "einfache" bzw. "arme" Mann, was dadurch gezeigt wird, dass beide Parteien während einer Verfolgungsjagd unter einer Brücke noch den letzten Besitz eines Obdachlosen zerpflügen.

Der von dem auch als Kameramann aktiven Regisseur Alexander Gruszynski im Jahre 2005 inszenierte Film bietet noch mehr Aspekte, die seine Künstlichkeit unterstreichen und jede ernsthafte Identifikation des Publikums mit dem Geschehen unterminieren. Die Leichtigkeit, mit der sich hier eine Atombombe bauen lässt. Die Tatsache, dass das Hotel, in dem das Übel wohnt, ausgerechnet "Stillwell" heißt. Und in der deutschen Fassung (das konnte Gruszynski freilich nicht wissen) das Bonmont, dass der mieseste der Miesen ausgerechnet die Synchronstimme des Doktors aus "Stargate: Atlantis" hat, der in seiner dortigen Stammrolle den großen lieben Jungen verkörpert.

In jeder Minute dieses wie kalter Rauch riechenden Films muss das Publikum rationale Distanz zum Geschehen waren, ist sich auf erster Ebene bewusst, "nur einen Film" zu sehen und begreift auf zweiter Ebene die Unsinnigkeit der in der Wirklichkeit wirksamen Welterklärungs- und Angsterzeugungsmodelle. Wo "gute" Serien wie "24" oder "Sleeper Cell" unterm Strich dazu führen können, dass selbst gebildete Zuschauer vor sich selbst das Fallenlassen ihres eigenen Pazifismus als Reifeprozess hin zum Pragmatismus legitimieren können, bleibt das Fazit eines Films wie "Foreigner 2" ein skeptisch-trockenes: "Na, so kann es ja nicht sein." Was ist realistischer? Was ist subversiver?

Euer
Jochen


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13.Folge
Uri Geller live - UFOs und Aliens


Die Rede, die sich 2008 am stärksten ins kollektive Gedächtnis des Landes einbrannte, war sicherlich die Schelte von Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki am deutschen Fernsehen. Nur Dreck und Unrat gäbe es da, sagte er, ohne diesen Dreck wirklich zu kennen und ausreichend unter den Fingernägeln gedreht und gewendet zu haben. Was Reich-Ranicki und die ganze Garde humanistischer Gelehrter einfach nicht begreifen ist, dass gerade das Privatfernsehen in eine Phase postmoderner Kunst eingetreten ist, die jenseits von Gut und Schlecht in einer Sphäre des Unantastbaren steht. Nahezu alles, was heute gesendet wird, kann und muss als automatischer Kommentar seiner selbst gedeutet werden, als inhärente Satire auf sein eigenes Wesen sowie als Lieferant von etwas, das ich "Kollateralnutzen" nenne. Ein Beispiel: Gartenrestaurierung. Seit Jahren füllen die Sender abertausende von Stunden damit zu zeigen, wie ganz normale Menschen neuen Rasen verlegen, Terrassen bauen, Pools ausheben und gegen störrischen Wildwuchs kämpfen. Menschen die - seien sie nun authentisch oder aus der reichhaltigen Laiendarstellerkartei - im Prinzip uninteressant und unattraktiv sind. Warum also die 1270. Folge von "Ab ins Beet!" oder "Mein Garten"? Eben aus oben angerissenen Gründen:

a.) Inhärente Satire

Selbstverständlich sind sich diese Sendungen ihrer eigenen Obsoletheit bewusst. Gerade deshalb zelebrieren sie das inhaltliche und ästhetische Nichts mit Genuss und bis zum Exzess. Eben weil es keine Selbstironie gibt und noch die letzte Diskussion über die Abschaffung von Gerdas gelbem Lieblingsklo beim Neubau des Scheißhauses zu Ende gebracht und vom Moderator aus dem Off ernsthaft und eifrig kommentiert wird, stellen diese Shows das eigene Vakuum offensiv aus. Sie sind de facto ihre eigene Parodie, ohne dass sie etwas dazugeben müssen.

b.) Kollateralnutzen

Anderen Menschen dabei zuzusehen, wie sie aus einem leeren, matschigen Boden vor dem Haus nach und nach einen Garten mit machen, ist lehrreich. Damit ist nicht gemeint, dass man durch bloßes Zuschauen urplötzlich Bruchstein passend verlegen oder Rollrasen fachgerecht verarbeiten kann. Das ist Unfug, es kann ja auch kein einziger Mensch im Land durch Johann Lafer besser kochen. Was diese Sendungen aber leisten ist, jeden erdenklichen Fehler, den man bei einer solchen Restaurierung in Wirklichkeit machen könnte, schon einmal vorwegzunehmen. Man lernt, zum Streichen des Pools nicht den Freund mit den zwei linken Händen einzuladen, der eine Farbrolle erst eintrocknen lässt, nicht auswäscht und sich dann am nächsten Tag wundert, warum die Rolle sich plötzlich wie eine Urwaldfräsmaschine mit Zacken aus hart gewordenen Farbsplittern anfühlt. Man sieht, wie sich ein Ehepaar drei Monate lang mit Rollrasen, Pool, Spielplatz und Mauer abmüht, nur um festzustellen: Es sieht Scheiße aus. Es muss Scheiße aussehen, weil Rasen, Spielplatz UND Pool auf 30 Quadratmetern in der Reihenhaussiedlung einfach nicht funktionieren. Man lernt aus fremden Fehlern. Ferner gibt es mindestens einen künstlerischen Mehrwert beim Betrachten der Tätigkeiten und Dialoge aus dem "realen" Leben: In den Dokusoaps lebt eine vergessene Kunstrichtung wieder auf - der Naturalismus.

Das alles könnte auch ein Reich-Ranicki erkennen, wäre er mit ausreichend postmodernen, poptheoretischen Muskeln ausgestattet. Spätestens aber das größte private TV-Ereignis des Jahres 2008 hätte ihn und alle weiteren Kritiker stutzig machen müssen: Uri Gellers knapp vierstündige Live-Suche nach außerirdischem Leben auf Pro 7. Diese Sendung schrie in jeder Sendesekunde förmlich heraus, dass sie ein Kunstwerk aggressiver Satire ist, auch wenn sie es freilich nie offen zugeben durfte. Das ist ja der Clou beim postmodernen Fernsehen: Es darf sich nicht entlarven, aber es entlarvt sich doch.

In "Uri Geller Live - UFOs und Aliens. Das unglaubliche TV-Experiment" saßen Uri Geller, der Moderator Stefan Gödde, Erich von Däneken, Johanna Klum sowie Nina Hagen auf einer "Wetten, Daß!"-artigen Couch, empfingen Gäste, starteten Aktionen und diskutierten über die Frage nach außerirdischem Leben. Gerade die Hagen sowie die Klum hätten das Konzept fast zerstört, da sie immer mal wieder ihre Irritation ob des Geschehens andeuteten; ganz so, als wohnten sie dem Geschehen nur aus vertraglichen Gründen bei, seien aber über den Irrsinn der Show nicht aufgeklärt worden. Der rote Faden des Abends bestand darin, ein Bündel von per Mail und SMS geschickten Nachrichten der Zuschauer rauf ins All zu den grünen Männchen zu schicken. Gesendet wurde von einer weit entfernten Satellitenstation in der Ukraine, in welcher der Außenmoderator den brummeligen Militärbefehlshaber sogar nach Ablauf von 3/4 der Show noch einmal heldenhaft davon "überzeugen" musste, die gigantische, achtzig Trilliarden teure Antenne wegen der vielen Zuschauereinsendungen noch einmal auszurichten. Die "ukrainische" Station wurde derweil immer nur in einer einzigen, vom immergleichen Klangbild unterlegten Einstellung von außen gezeigt. Diese Einstellung allein hatte bereits lediglich den Komplexitätsgrad eines statischen Zwischenbildschirms bei einem 20 Jahre alten Amigaspiel wie "Battle Isle" oder "Burntime". Noch besser war dann die Innenaufnahme. Man hätte dem Publikum nicht deutlicher machen können, dass die "ukrainische Station" mit ihren alten Monitoren und hölzernen Darstellern nichts weiter als der Keller des Pro7-Studios war. Es wunderte fast, dass man über den Köpfen der Ukrainer nicht die Schritte Uri Gellers im Hauptstudio hörte. Alle 25 Minuten schaltete man in diese Station, weil es dramatisch "Neues" gäbe, das jedes Mal darin bestand, dass der Außenmoderator aufgeregt über ukrainische Schultern schielte und sagte: "Die Ukrainer sagen mir, es gäbe irgendwelche Interferenzen oder Computerfehler, aber noch wissen wir nichts Genaues." Wer genau hinsah, konnte bemerken, wie die Mundwinkel des Moderators bei dieser Bemerkung zuckten und er am liebsten gesagt hätte, was jeder intelligente Zuschauer denken musste: "Aha, das Outlook ist also abgestürzt."
Im Hauptstudio selber hatte sich ein Vertreter der im Prinzip seriösen Alien-Such-Institution SETI zur wissenschaftlichen Absicherung der Show mit seinem Rechner niedergelassen und konnte diese Wissenschaftlichkeit unterstreichen, indem er bis zum bitteren Ende mitteilen musste, dass leider noch keine Außerirdischen geantwortet hätten, auch wenn dieses Mal 20.000 Pro7-Zuschauer eine Mega-SMS ins All gepustet haben und sicher gewohnt sind, auf SMS umgehend Antwort zu erhalten.

Wer an dieser Stelle immer noch glaubte, bei der Show handele es sich nicht um die bislang konsequenteste und radikalste Ausformung von inhärenter Satire, musste dies spätestens bei den zwei Gästen im hinteren Drittel der Sendung durchschauen. Zum einen waren dies zwei - man muss es so unelegant sagen - Vollpfeifen weiblicher wie männlicher Art, die von ihrer mehrfachen Entführung durch Außerirdische trotz "Hypnose" nicht mal zu berichten wussten, wie es oben im UFO-Labor riecht, was Nina Hagen zu ungebührlichem Nachhaken anregte, das fast das ganze Kunstwerk zerstört hätte. Höhepunkt der Exstase war dann der Rabenflüsterer Vincent Raven, der über seine zwei Raben mit der Zwischendimension der "Anderswelt" kommunizieren kann und dies schließlich mit großem Getöse demonstrierte. Das Prozedere: Er stellt sich neben seine zwei Raben, die auf einer Stange hocken und krächzen. Dann nickt er verständnisvoll, die Musik geht aus, der Nebel verzieht sich und er sagt etwas wie: "Sie haben mir davon berichtet, dass wir nicht allein sind und dass wir die Hoffnung bewahren sollen." Dann schaltete man wieder in die Ukraine, "wo etwas Merkwürdiges vor sich geht, aber noch nichts Näheres zu erfahren ist".

Das, liebe Kritiker, hat eine andere Qualität als "Ab durch die Hecke!" und sogar als das nicht minder inhärent satirische Format "Galileo Mystery". Diese Show war ein mutiges Experiment, denn sie trieb die Charakteristika des postmodernen Fernsehens so auf die Spitze, dass es jeden Moment kurz davor war, seinen Schleier zu verlieren. Hätte es das, wäre irgendwann ein Sendeleiter aus seinem Büro hinabgestiegen wie der Schöpfer von Truman in der "Truman Show" aus seinem Studio im "Mond" und hätte die Wahrheit verkünden müssen. Er hätte gesagt:

"Liebes Publikum,

wir wissen, dass wir Ihnen Dinge vorsetzen, die unvorstellbar sind. Wir können damit aber nicht mehr aufhören, da wir Gefangene sind. So zu drehen und zu produzieren und zu senden ist alternativlos geworden; so alternativlos wie die Tatsache, dass im Radio 30 Mal am Tag Rihanna und Leona Lewis laufen müssen statt 30 verschiedener, hochverdienter Bands, die den Horizont erweitern könnten. Der Horizont ist verdunkelt und wir können ihn nicht mehr erhellen; wir kommen da nicht mehr raus. Würde einer von uns auch nur intern so einen Vorschlag machen, wäre seine Karriere beendet. Es ist nicht sagbar. Wir müssen also dieses Fernsehen machen, es ist ein Naturgesetz, es ist mächtiger als die Evolution und da wir nun mal müssen, machen wir es wenigstens so, dass wir alle spüren, was wir davon halten. Sie, wir, die Teilnehmer, die gedreht werden, die Kameraleute, die Werbekunden, alle. Wir dürfen es nicht sagen, aber wir können es zeigen. Und eines Tages wird diese Zeit als Zeit des Unausgesprochenen in die Geschichte eingehen, als Zeit des Sendung gewordenen Sachzwangs, der sich so schwindelerregend um sich selber dreht, dass wir gemeinsam im Auge des Sturms sitzen und unversehrt bleiben. Halten Sie durch. Wir tun es auch."

Das hätte die Sendeleitung sagen müssen, wäre der Schleier gefallen.
Ist er aber nicht.

Und so leben wir weiter in der Epoche des Fernsehens, die mit sich selbst so umgeht, wie Duchamps es mit Kloschüsseln oder Mixern oder die Sex Pistols es mit Hakenkreuzen und Mülltüten taten: Da schwingt das Andere mit beim Rabenflüsterer oder beim misslungenen Garten und wir alle wissen das. Ich bin gespannt, wie damit in 50 Jahren in der Retrospektive umgegangen wird und welchen Begriff man dafür erfindet. Fest steht allerdings tatsächlich: Wir müssen da durch. Und das geht mit einer leicht verschobenen Perspektive viel besser.

PS: Die zweitbeste inhärente Satire des TV-Jahres 2008 bestand darin, wie Thomas Gottschalk und Marcel Reich-Ranicki im ZDF als Konsequenz aus Ranickis Schelte 30 Minuten lang konsequent eine Diskussion simulierten, ohne auch nur eine Sekunde zu diskutieren. Aber das ist eine andere Geschichte...

Euer
Jochen


Mehr zum Thema:

Offizieller Eintrag bei Pro7

Heise-Artikel über Uri Gellers Leben und Karriere

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14. Folge
Die Kinder der Revolution - Die Dschungel-Show 2009 (Ich bin ein Star - holt mich hier raus)


Das Setting hat sich nicht verändert. Wie schon in den Jahren zuvor stellt die RTL-Dschungelshow ein genaues und bösartiges soziales Gleichnis dar. Die Verschuldeten vegetieren im "Camp" (= im Ghetto) am Existenzminimum vor sich hin und bekommen nur dann mehr als "das Nötigste", wenn sie unzumutbare Jobangebote (= Dschungelprüfungen) der Sendeleitung (= ARGE) annehmen. Das vorlaute Moderatoren-Establishment aus dem Baumhaus (= "die da oben") macht sich derweil über sie lustig und trägt dabei Schmetterlingshüte. Dieser Aufbau funktioniert weiterhin großartig und wurde in der soeben beendeten 4. Staffel noch dadurch unterstrichen, dass Günther Kaufmann oder Ingrid van Bergen ganz offen darüber sprachen, dass sie Schulden haben bzw. primär wegen des Geldes im Camp sind. "Das hier", flüsterte Kaufmann eines Nachts am Lagerfeuer seinem Mitinsassen Peter Bond zu, "das ist sofort weg. Da haben die Gläubiger den Daumen drauf".

An Günther Kaufmann lässt sich aber auch als erster Figur aufzeigen, worin der metaphorische Mehrwert des Gesamtkunstwerks "Dschungelshow" im Jahre 2009 bestand. Jeder Teilnehmer stand für etwas. Kaufmann stand für eine Autorität, die nicht wie in der "Kultur" der Institutionen und Bürokratien erkauft oder per Amt vergeben werden kann, sondern essentialistisch aus der "Natur" der Person und ihrer Ursprünglichkeit selbst erwächst. Diese drückte sich alleine durch seine Körpergröße und wuchtige Präsenz aus, wurde aber von ihm selber noch gemäß der ihm angedachten Rolle durch Kleidung, Verhalten und Intonation bekräftigt. So trug er fast die gesamte Zeit nur eine kurze Hose und war ansonsten nackt. Nacktheit ist in so einer Show aber nur bei den Model-Typen berechnender "kultureller" Ausdruck von Umwerbung des Publikums. Im Falle Kaufmanns stand sie für selbstverständliche Natürlichkeit. Sein Verhalten war eine Synthese aus souveräner, nahezu unbewegter Ruhe und dem cleveren Overacting, jeden Satz mit einem vorschnellen des Kopfes und Aufreißen der Augen bei Betonung auf dem letzten Wort zu beenden. Beim gemeinsamen Schaumbad mit Mausi Lugner leckte er das Weibchen mit langer Zunge skrupellos ab und schrie, als sie zwischen seinen Beinen nach einem in einem Seifenstück versteckten Schlüssel für die Schatzkiste suchte: "HOL IHN RAUUUUUS!!!" Mausi tat es.

Überhaupt, Mausi, Figur Nummer zwei im Kabinett der metaphorischen Typenlehre. Ihre Rolle überraschte mit einer besonders sarkastischen Pointe. Ausgerechnet sie beschwerte sich als Österreicherin über "diskriminierende" Witze, die am Lagerfeuer gegen ihre Landsleute und somit "gegen Ausländer" gerissen worden seien. Die Stellvertreterin der Nation, die auf ewig mit dem Namen Hitler verbunden sein wird, inszeniert sich als Opfer von rassistischer Ausgrenzung, erzählt selber allerdings auch Witze gegen andere Völker, in ihrem Fall namentlich: Die Russen. Die alte Front. Ironischer geht es nicht.

Peter Bond und Guilia Siegel bildeten in dem Arrangement ein Überkreuz-Gegensatzpaar. Die Siegel betrat das Camp mit dem Image, überhaupt nichts zu können und als "Society"-Luder und Gelegenheits-DJ nur ein schöner Körper voller heißer Luft zu sein. Dieses Fremdbild ergänzte sie gleich zu Beginn durch das Selbstbild, sowohl vor "Wasser" wie vor "Dunkelheit" wie vor "Enge" wie vor "Spinnen" gleichermaßen Angst zu haben. Eine Einschätzung, die sie theoretisch für jede Prüfung disqualifizierte. Ex-Glücksrad-Moderator Peter Bond wiederum betrat das Camp mit dem Image, "der Bond" zu sein und als Superheld alles zu können. Dieses Fremdbild ergänzte er durch ein Selbstbild, das an Selbstverliebtheit und mangelndem Realitätsabgleich nicht zu überbieten war. Diesen beiden Figuren wurden nun (welch "Zufall") in der ersten Phase der Show mit Abstand die meisten Prüfungen zugemutet. Ergebnis: Die vermeintlich unfähige Siegel bestand sie alle und erwies sich als stark und kompetent; der vermeintlich starke 00-Bond scheiterte durchgängig und legitimierte seine Niederlagen einfallsreich als alternativlos. Was er nicht schaffte, wäre auch von niemandem sonst zu schaffen gewesen. Diese Überkreuzkonstruktion ist alleine schon handwerklich interessant, führte aber auch zu einem inhaltlichen Mehrwert. Im mikroskopischen Gesellschaftspanorama des 4. Camps stand Guilia Siegel für den Typus "weibliche, kompetente, aber launische Führungspersönlichkeit", was ihr sowohl metaphorisch wie real das Rückgrat brach. Sie war mit ernsthaften Rückenproblemen ins Camp gegangen, was sich am Ende dadurch als Wahrheit erwies, dass sie zum einen freiwillig aufgab (eine Aufgabe führt zur Halbierung der Gage) und sich zum anderen herausstellte, dass sie Metallplatten einoperiert hat. Diese Tatsache verriet sie keinem der Mitstreiter, klagte statt dessen ausdauernd über allgemeine Rückenschmerzen (wer hat die nicht?) und wurde pampig, wenn sie von niemanden die eingeforderte Massage bekam. Anders gesagt: Sie verkörperte den Typus der vollkommen überlasteten Karrierefrau, die tatsächlich für die Gemeinschaft das Essen heimholt (= Gewinne erwirtschaftet, Steuern zahlt, den Sozialstaat mitträgt) und sogar das ziellos vollgeschissene Klo putzt, wegen ihrer miesen Laune und aggressiven Stressabbaus aber trotzdem zur Feindin aller wird. Nebenfiguren wie Ex-Eislaufstar Norbert Schramm oder Soap-Darsteller Michael Mezziani wiederum trugen zur Solidargemeinschaft lediglich watteweiche bis wortlose Freundlichkeit bei, konnten so aber auch niemandes Feinde werden. Und selbst Dummschwätzer Bond durfte nach lediglich einem oder zwei erspielten Sternen das Camp in Siegespose betreten und in dreistem Egoismus davon faseln, dass es ihm bei "dieser geilen Erfahrung nicht um die Sterne ging", ohne am Schluss auch nur annähernd so viel Zorn auf sich zu ziehen wie Guilia Siegel. Die Aussage dieser Inszenierung lautet: Die Leistungsträger werden in Deutschland verachtet, wenn sie nicht freundlich sind. Im Zweifel zählen niemals die Fakten, sondern nur die Präsentation.

Diese Geringschätzung tatsächlich vollbrachter Leistungen schlägt nun den Bogen zu den vier letzten Kandidaten, die am längsten im Camp blieben und somit die Sieger der Staffel darstellen. Kultureller Nährboden für die Geringschätzung des Leistungsprinzips war in Deutschland bekanntlich die Kulturrevolution der 68er. Sie diffamierten Leistungsdenken, Hierarchien oder gewachsene Autoritäten als faschistoid, rissen die Klotüren aus den Angeln und wollten die Welt in eine einzige große Kommune unentfremdeter, "sexuell befreiter" Menschen verwandeln. Das Dschungelcamp ist somit bereits konzeptuell eine direkte Folge ihrer Ideologie: Zehn Menschen auf engstem Raum, ohne Privatsphäre, nah am Ursprung und ihrer "natürlichen" Triebhaftigkeit. Wobei "die 68er" freilich eine heterogene Menge verschiedener politischer Ansätze waren. Naturromantiker und Rousseauisten trafen auf knallharte Rationalisten und Planwirtschaftler; feministische und Geschlechterrollen auflösende Dekonstruierer auf notgeile Rock'n'Roll-Machos mit Mao-Bibel. Allen gemein war und ist allerdings die Verachtung des Bürgerlichen, des Marktliberalen, des Leistungsprinzips. Die vier Finalisten verkörpern somit vier Varianten des "neuen Menschen". Nico Schwanz ist zwar kein Hippie, aber ein ehemaliger Junge aus der DDR, der im Westen zum sexiesten Model der Welt gewählt wurde. Eine Jugend im Sozialismus und eine Adoleszenz im Geiste des Eros: Da wird dem Revoluzzer die Hose feucht. Gundis Zámbó verkörperte mit unablässigem Geschmuse das kuschelige Hippieweib aus der Waldschule und brach ihre Figur mit der bösen Pointe, dass sie sich in den Armen des reaktionären Machos Peter Bond unterm Strich am wohlsten fühlte. Der/die Zweitplatzierte Lorielle London wiederum steht für den Erfolg der Geschlechterdekonstruktion. Im letzten Jahr noch als Sänger Laurenzo bei "Deutschland sucht den Superstar" unterwegs, befindet sich Lorielle zur Zeit mitten in der Umwandlung zur Frau. Nur noch der Penis muss zur Vagina werden, wie die Nation nun weiß, für die prallen Brüste bastelte das transsexuelle "Lottchen" sich einen knapp bemessenen BH mit bloßen Händen aus den Blättern des Dschungels. Siegerin allerdings wurde eine Frau, die "Emanzipation" auf eine völlig andere Art und Weise verkörpert: Ingrid van Bergen, 77, Schauspiellegende. Sie erschoss vor rund 30 Jahren ihren Mann wegen Untreue. Gut, sich wegen Untreue aufzuregen ist bürgerlich. Den Mann zu erschießen wiederum ist Ausdruck weiblicher Stärke, mit dem das deutsche Volk etwas anfangen kann. Und nicht nur das: Es ist Selbstjustiz ("Affekt" und "Rage" hin oder her) und somit ein bisschen Dschungel mitten im zivilisierten Rechtsstaat. Kein Wunder, dass die alte Dame somit Dschungelkönigin werden konnte - sie war es ja bereits. Ihre einzige echte Prüfung bestand darin, als angeblich engagierte und überzeugte Vegetarierin lebende Würmer und Grillen sowie tote Krokodilfüße oder Känguruh-Hoden essen zu müssen. Sie lehnte nicht ab, sie tat es. Sie warf folglich für ein hohes Amt sämtliche ihrer Prinzipien über Bord - ein Werdegang, der den meisten 68ern wohlbekannt ist. Und sie tat es so, dass sie beim Kauen der Hoden - das Sperma des männlichen Kangüruhbockes floss ihr klebrig über die Lippen - nahezu erregt und endorphindurchschüttelt sagte, dass es ihr sogar schmecke. Die Rebellin erlangt die Herrschaft über den Dschungel, indem sie sich an 14 von 16 Tagen von mürrischen, aber kompetenten Mitbürgerinnen aushalten lässt, diese dann wegen "Respektlosigkeit" und "Rücksichtslosigkeit" herausekelt und am Ende das Zepter bekommt, indem sie den Verrat an ihrer eigenen Ethik als "Überwindung" feiert und die Kraft dazu aus dem atavistischen Rausch gewinnt, den Hoden des Mannes zu kauen, den sie somit kastriert und zugleich seine Lebenskraft einsaugt. Einen Shake mit Känguruhpenis nahm zu Beginn der Show auch Lorielle zu sich. Das Verschwinden des Mannes in der Welt des "neuen Menschen" wurde somit zum geheimen Leitmotiv der Show. Die milchigen Tropfen auf den Lippen Lottchens und van Bergens waren verschiedene Ausprägungen dieses einen Motivs. Michael Mezziano - heterosexueller Familienvater mit anständigen Umgangsformen und netter Unterhalter - flog übrigens als erster raus. Zufall war das nicht. Ob die Macher des Dschungelcamps 2009 mit dieser metaphorisch überwältigenden Inszenierung die beschriebenen Umwandlungen der Gesellschaft nun goutieren oder zynisch durch den Kakao ziehen, bleibt offen. Unterschätzt haben dieses Kunstwerk im Feuilleution wie auch sonst überall erneut alle Betrachter.

Behauptet
Euer
Jochen


Mehr zum Hintergrund einiger Teilnehmer:

Ingrid van Bergen


Lorielle London


Nico Schwanz

Gundis Zámbó

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15.Folge
Die Jack Hunter Trilogie


Der tolpatschige, nervtötende und vollkommen zwecklose Assistent stellt seit jeher ein beliebtes Motiv dar. Dies gilt für Groschenromane und B-Film-Abenteuergeschichten wie die Trilogie um "Jack Hunter" genauso wie für hohe Literatur: Man denke etwa an die immerfort ungefragt auftauchenden Assistenten des Landvermessers in Franz Kafkas "Schloß" oder die zwei hüpfenden Bälle in seiner Erzählung "Blumfeld". Noch weitaus debiler als zwei schweigend hüpfende Bälle präsentiert sich der Comedian Mario Naim Bassil in seiner Rolle als Assistent Tarique. Er begleitet den Ärchäologen Jack Hunter in einer fürs Fernsehen gedrehten Spielfilmserie in allerlei Länder, um im Wettlauf gegen den Bösewicht Littmann wichtige, machtspendende Artefakte zu finden. Wir kennen das. Die Filme deklinieren die bekannte Formel in so überdeutlicher Weise durch, das sie im Gegensatz zu den "Indiana Jones"-Originalen die vollkommene Künstlichkeit der Formel selbst ausstellen. Wir dürfen sie in dieser Hinsicht ohne Skrupel als Camp bezeichnen; die Namensgebung des Helden sowie die 100%ig an der Schrifttype der Vorbilder orientierte Titelgestaltung unterstreichen diese These bereits gut genug. Einzigartig ist hier vor allem eben besagter Tarique, da sein Charakter absolut jedes Maß an camp-dienlicher Paraphrase des Bekannten vollkommen hysterisch überschreitet. Tarique ist in 95% der Zeitspanne für gar nichts gut, hat unablässig vor allem Angst und wird von Bassil mit einem derartigen Over-Acting in mimische und körperliche Panik versetzt, dass sich der Zuschauer unablässig fragt: "Warum hat Hunter diesen Assistenten eigentlich mitgenommen?" Das Unglaubliche ist, dass diese Frage von den Filmen niemals beantwortet wird. Der "Assistent" hat keinerlei spezielle oder auch nur grundlegende Fähigkeiten. Er verkörpert die vollkommene Zwecklosigkeit, während Hunter die wandelnde Metapher für grimmiges, stoisches Handeln darstellt. Hunter - den Ivan Sergei meisterhaft "leer" spielt, also ohne ihm irgendeine individuelle Persönlichkeit zu geben - repräsentiert das unablässige "Tun" in der Welt, während Tarique das "Sein" verkörpert, nicht im buddhistischen Sinne, sondern im gedankenlosen Gezappel des Kindes. Am Ende schließlich ist es allerdings genau diese Kindlichkeit, die Hunter rettet, weil sie dann doch Lösungen für Situationen vorbereitet, die unvorhersehbar waren, so etwa, dass Tarique um eine Sonnenfinsternis-Spezialbrille bettelt, die später nicht als Spielzeug, sondern als Schlüsselinstrument zum Einsatz kommt.

Die vollkommen formelhaften Camp-Adventure-Revuen "Die Jagd nach dem verlorenen Schatz", "Die Suche nach dem Grab des Pharao" und "Das Zepter des Lichts" sind somit eigentlich Abhandlungen über den Dualismus zwischen "erwachsenem" Handeln mit Zielrichtung und Zweck und "kindlichem" Handeln ohne Zielrichtung und ohne Zweck. Letzteres muss ersteres in entscheidenden Augenblicken ergänzen, weil sonst der Niedergang aller bevorstünde. Das "Erwachsene" kann ohne das Kindische nicht bestehen. So gesehen bleibt am Ende die Frage, ob das, was sich als grimmig-seriöses Handeln gestaltet, am Ende nicht viel alberner dasteht als das, was bloßes Albern war, aber ohne Intention zum Ziel führte.


Mehr Infos:

Rezension bei klamm.de

Ivan Sergei

Mario Basseli

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