WANNENUNTERHALTUNG


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1. Folge


Ich liege in der Wanne und höre drei Männern zu, die früher Hot Water Music hießen und jetzt mit einem neuen Mitglied unter dem Namen THE DRAFT weitermachen. Mein Wasser ist heiß, aber man kann sich nicht daran verbrühen, es umhüllt einen und lässt mich zu Hause fühlen und das passt alles zu der Musik dieser Band. Sie klingt, als hätten diese drei Leute schon alles gesehen. Die Häfen, die Lagerhallen, die Pfützen hinter den LKWs in einer einsamen Nacht. Als hätten sie malocht, sich verliebt, geheiratet, Kinder gezeugt, sich getrennt, alles einfach gemacht, ohne viel zu denken, emotionsgeleitet und so entschlossen wie ein Automechaniker, der kurz guckt, den Schrauber nimmt und einfach anfängt. Mit dem alten Sänger Chuck Ragan, der sie verlassen hat, haben Hartmut und ich vor vielen Jahren einmal auf einer Treppe hinter dem Blackout gesessen, einem ziemlich guten Punk- und Rockschuppen in der Bochumer Innenstadt, den es heute nicht mehr gibt. Wir tranken Wein und er hatte uns erzählt, dass er eigentlich von einer kleinen Farm für sich und seine Frau träumt, und auch, wenn für Hot Water Music danach noch ein paar Jahre der Durchbruch kam, ahnten wir schon, dass es für ihn alles auf seine Farm hinausläuft. Da sitzt er jetzt auch, schreibt Lieder nur noch auf der akustischen Gitarre und freut sich des Lebens. Seine alten Kollegen spielen immer noch verzerrt, voller Druck und Euphorie und ein wenig melancholischer Verbitterung, aber im Grunde so warm wie das Wasser, das mich umfängt. Wenige schnelle Rockplatten kann man so hören, in der Wanne genausogut wie im Auto oder Live vor der Bühne, aber mit "In A Million Peaces" geht das. Bis die Tür aufgeht.

"Ah, Kumpelrock", sagt Hartmut, legt ein Gartengerät beiseite und wäscht sich die Hände am Becken.
"Was soll das denn heißen?", frage ich.
Hartmut wäscht. "Na ja, das sind doch bestimmt amerikanische Männer Mitte 30, die nebenher noch arbeiten gehen und die Band aus Liebe und Freundschaft machen. Dreck zwischen den Nägeln und Zuckerguss auf dem Herzen. Kumpelrock. Darauf stehen die Leute, das ist so, als würde man über uns beide ein Buch schreiben."
Ich runzele die Stirn. Man weiß bei Hartmut nie, was er spöttisch meint.
"Hör mal WOLKE", sagt er auf einmal, Duschgelglibber im Gesicht, zu mir rüber sehend. "Das ist so urkomisch. Warte..." Er geht in sein Zimmer, fummelt am CD-Schrank, legt eine Disk ein und kommt wieder. Eine Orgel ertönt, fast wie bei einer Tanzband, so Bontempi, oder wie bei Queen. Dann singt ein junger Mann mit komischer Manier in der Stimme: "Ich will mich befreien." Er betont das "befreien" mit einem Hüpfer zwischen dem e und dem i und ich merke, dass es Queen ist. Wörtlich ins Deutsche übersetzt. "Gott weiß, ich will mich befreien" singt der Mann und Hartmut kichert. "Aber warte, die können nicht nur so Klamauk." Er geht wieder zum CD-Player, skippt ein paar Mal und baut sich wieder neben der Wanne auf. Ich habe The Draft derweil auf Pause gestellt. Von der Stimme her wäre der Wolke-Sänger bei dem Draft-Sänger Praktikant, als Kunststudent in der Autowerkstatt. "Ich möchte ein redliches Leben führen/ mit normalen Interessen", singt jetzt der Wolke-Mann und fügt hinzu: "Radfahren, Lesen, Freunde treffen." Man hört, dass er es nicht ernst meint. Man stellt sich vor, wie er da hockt und niemand ihn versteht und er selbst das gut verkraften kann, weil er es zur Pose macht, das aber nicht in der stolzen Bruce Willis-Art, sondern wie ein Künstler, der weiß, welche Skulptur er sich schafft. Ich verstehe, dass Hartmut das mag. Er tanzt durch das Bad und hält mir das Cover vor die Nase. Die Platte heißt "Möbelstück" und sieht aus wie eine Klassik-CD. Die Jungs vorne drauf tragen Anzüge und Notenblätter und sehen aus wie die Streber aus der Schule, die samstags zum Cello-Unterricht mussten. Nur, dass die das absichtlich machen. "Das ist Deutschlands gewitzteste Band momentan", sagt Hartmut und hebt den Finger wie der Lehrer bei Wilhelm Busch. "Das mag sein", sage ich, "aber bei The Draft kriege ich eine Gänsehaut." Hinter uns öffnet sich die Tür zum Flur und Caterina kommt herein. "Die kriege ich bei Slowtide" sagt sie und krault mir auf dem nassen Kopf herum. "Diesem Britpopper aus Bochum?", fragt Hartmut. "Ja!", sagt Caterina, "mach mal rein." Hartmut macht rein und wir hören perfekte Popmusik mit Piano und Gitarre und einer Stimme, die so harmonisch klingt, als staune sie über sich selbst. Ich sehe den Sänger vor Augen, er ist ein Studienkollege von Hartmut. Kevin Werdelmann heißt er. Caterina seufzt und streichelt auf der Hülle herum, auf der "Origins" steht, einfach so am PC ausgedruckt. Kevin hat noch keinen Plattenvertrag. "Kevin hat keinen Plattenvertrag", sage ich, doch das hält Caterina nicht davon ab, weiter zu seufzen und über meine Wanne hinweg auf die Kacheln zu sehen, als bilde sich dort eine Hochebene in Indien ab, auf der Kevin Werdelmann wie ein Bollywoodheld auf Caterina zugetanzt kommt, um sie mit Rosen und weiten Gewändern zu betören. "Deine Frau steht auf den Mann", sagt Hartmut und macht endlich mit seiner Hand- und Gesichtswaschung weiter. "Nein, nur auf seine Musik", sagt Caterina, sieht mich süß an und sagt: "Aber er sieht schon ganz gut aus." Ich tauche ab und mache Blubberblasen. Als ich wieder auftauche, steht auch Susanne neben Hartmut am Becken und wäscht sich Dreck von der Kawasaki ab, die sie zur Zeit repariert. Ich höre gerade THE DATSUNS, sagt sie und spricht weiter wie eine Mutter, die ein Weinrestaurant empfiehlt, aber eben auch schon 35 Jahre in einer Brunnenfirma Männer beaufsichtigt hat. "Smoke And Mirrors", sagt sie, "so eine geile Platte! Als träfen sich AC/DC, ZZ Top, Led Zeppelin und die jungen Stones in meiner Werkstatt, um mir den Tag zu versüßen. Und dann noch mit so einem Namen."
"Ist doch bloß Männerrock", sagt Hartmut.
"Ich maaaaaaaaaag Männer", sagt Susanne und krabbelt ihn. Am Fußende der Wanne fällt ein Ohrenkrabbler vom Rand der Waschmaschine ins Badewasser und bringt mich dazu, wie wild herumzuzappeln, bis er von einer Welle über den Rand gespült wird. "Das ist auch das Schöne am Kevin", sagt Caterina währenddessen ruhig, weil man Gezappel von mir gewöhnt ist, "der kommt sogar nicht wie ein Rockstar rüber, aber eben auch nicht wie ein schüchterner Schuljunge. Der hat einfach Charme."
"Könnte man jetzt mal von diesem Kevin aufhören?", sage ich, nehme die Flasche mit "Blauer Lagune", kippe viel zu viel Badezeug nach und drücke aus Protest wieder auf den Startknopf meines Ghettoblasters neben der Wanne. "I was not to wait to not see it", singen The Draft, zumindest hört es sich in meinem Phantasie-Englisch so an, denn sie singen rau und herzlich und man versteht eben nicht immer alles, so wie im Leben und nicht wie bei diesem Kevin, der so klar artikuliert, dass Frauen seufzen und mitschreiben können. The Draft betonen jetzt zwei Zeilen lauter, gehen dann noch mal in Bass und Schlagzeug allein und öffnen schließlich in einen Refrain, der über der Wanne den Himmel aufreißt und mir Tränen mit Blauer Lagune-Bad in die Augen treibt. "Das ist doch so geil", sage ich, "das klingt, als wenn die ganz genau wüssten, wie das Leben draußen läuft in allen Häusern zwischen Castrop und Kamen, wo die Büsche mit den giftigen Beeren stehen, die arbeitslosen Familien die TV-Strippen quer von Haus zu Haus zu ziehen und man schon um 11 Uhr morgens bei Lidl Bier kauft, aber als würden sie trotzdem sagen: So ist das Leben und es ist jede Minute wert und wir geben keinen verloren!" Ich brülle es fast, weinend, und Hartmut und die Frauen sehen mich an, pitschnass in der Wanne, die Pipi in den Augen und die Pfoten auf dem Rand wie Yannick.
"Es ist doch schön, wenn Musik einen noch bewegen kann", sagt Caterina, nimmt die Slowtide-CD aus Hartmuts Player, singt noch den Rest aus dem Kopf weiter, tut so, als würde sie an mir vorbeigehen, bleibt dann stehen und küsst mich auf die nasse Stirn. "Und keine Sorge, Du bist mein Kevin, mein Kevin hoch zehn!" Ich lächele debil, weil ich ich bin und nicht Kevin, aber ich weiß, dass sie es lieb gemeint hat, und Hartmut macht wieder Wolke an. Der junge Mann singt von einem redlichen Leben, das er nicht führen kann. Hartmut ruft einen Bekannten von Jörgen an, der in der Plattenindustrie arbeitet. Er hätte da so ein Demo von einem Kevin, ob er ihm das mal senden dürfe. Die Frauen jedenfalls würden es alle kaufen, das sei schon mal erwiesen. "Bis auf eine", denke ich, als hinten in der Scheune die Kawasaki angeht und quietschend röhrt. Es können auch die Datsuns sein. Nur laut ist es. Sehr laut.


Die Platten:

THE DRAFT
In A Million Peaces
Epitaph Records/im Vertrieb von SPV
Hörproben
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WOLKE
Möbelstück
Tapete Records/im Vertrieb von Indigo
Hörproben
Homepage

SLOWTIDE
Origins
Demo-CD/Eigenvertrieb unter www.slowtide.com
Hörproben
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THE DATSUNS
Smoke And Mirrors
V2 Records/im Vertrieb von Rough Trade
Hörproben
Homepage

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2. Folge


Ich liege in der Wanne, aber ich komme wir vor wie auf hoher See. Das liegt an Hartmut, aus dessen Zimmer in affenartiger Lautstärke der Schiffahrtsfunk durch die Tür ins Bad und durch die Wohnung flutet. "Tief 997, Westrussland, etwas vertiefend, langsam Nordost ziehend", sagt eine weibliche Stimme. Sie klingt blechern und man hört ihr an, wie sie sich über unendlich viele Meilen durch den Äther drücken musste, um hier in unserem Segelschiff anzukommen und aus dem kleinen schwarzen Empfänger zu tröpfeln. Sie spricht das "Ost" wie "Oooost" aus, mit sehr langem O, und sie spricht überdeutlich, während eine sphärische, leise wabernde Musik ihre Worte unterlegt. Das allerdings irritiert mich. Ich wusste nicht, dass Schifffahrtsfunk mit Musik unterlegt wird. Oder sind es atmosphärische Störungen? Ein stoischer kleiner Rhythmus klopft hinter den Worten der Sprecherin. Sie sagt: "Trog 1007, Südfinnland. Abschwächend, südschwenkend. Hoch 1020, Nordnorwegen. Etwas verstärkend, nordost ausweichend." Es pocht und wabert und spricht, Hartmut muss seine Anlage aufgedreht und Bass Boost sowie Surround-Funktion absolviert haben. Ich habe das Gefühl, dass meine Wanne auf- und abwippt. Ich werde seekrank. Ich nehme mir die Kopfhörer meines Discmans von der Ablage und drehe meine CD auf, laut, um die Durchsagen von hoher See, die Hartmut sich irgendwo aus der Kurzwelle fischt, zu übertönen. Joey Cape singt "Can I face life without this blue eyes" und ich fange augenblicklich wieder an zu flennen. Es ist die falsche CD drin, ich wollte eigentlich etwas Leichtes hören, etwas ganz Leichtes, aber jetzt bleibe ich dabei und lasse mich in das Leid hinein fallen. Joey Cape ist der Sänger von Lagwagon - einer kalifornischen, poppigen Punkband, die ich sehr lieb habe und damals häufig mit Hartmut im Urlaub hörte, bevor der kulturkritische Philosophen las und die Zwölftonmusik entdeckte. Vor einem Jahr hat sich Capes bester Freund Derrick Plourde - der Schlagzeuger fast all seiner Projekte - umgebracht und seither schreibt der Mann Song um Song als Trauerbearbeitung. Erst mit seiner Hauptband und jetzt wieder mit Bad Astronaut, seiner anderen Gruppe, bei der auch Keyboards und langsame Geschwindigkeiten erlaubt sind. Hartmut sagt, er sei der einzige Sänger auf Erden, der es schaffe, mit einer einzigen Intonation und Tonlage so zu tun, als trage er den ganzen Tag kurze Hosen und sei im Grunde doch todtraurig, und da hat Hartmut recht. Ich muss die Lieder nur zwei Mal hören und sie drehen auf der Stelle meinen Tränenhahn auf. Das ist nun wieder auch peinlich und ich tauche unter, um wenigstens das Badewasser mit der Tränenflüssigkeit zu vermischen; die Kopfhörer lasse ich aus Versehen auf dabei und es macht "zurp". Ich kriege keinen Stromschlag, aber die Hörknöpfe sind hin. Ich tauche wieder auf, als die Frauen vor meiner Wanne stehen.
"Hallo", sage ich, ein feuchter Kopf mit feuchten Augen, die jetzt aber auch vom Tauchen stammen können.
Susanne und Caterina sehen mich an. Dann zeigen sie hinter sich zu Hartmuts Tür. "Was ist das?", fragen sie, und es dröhnt wieder durch das Holz: "Süd bis Südoooost, 4-5, später abschwächend."
"Das ist der Schifffahrtsfunk", sage ich.
"Aha", sagt Susanne, die ihren Mann gut kennt und beginnt, dreckige Wäsche aufzuhängen. Caterina macht sich die Haare. Auf die Idee, dass ich auch mal alleine baden wollen könnte, kommt in diesem Haus nie jemand. Vielleicht, weil ich zu oft bade und die Wanne für mich wie ein normales Möbel ist. Jemanden, der im Sessel sitzt, stört man ja auch, ohne vorher anzuklopfen.
"Ich hör lieber die neue Trail Of Dead", sagt Susanne, während sie die Klamotten aus der Waschmaschine zupft. Das ist eine Gruppe, die vor zwei Jahren ein Hotel in Dortmund verwüstete und auch ansonsten recht vital ist. Exzentriker, die machen was sie wollen und psychedelisch klingen, ohne abgehoben zu sein. Ich hab sie ganz gern, manchmal.
"Wisst ihr, was der Sänger dieser Tage gemacht hat?", fragt Susanne. Wir schütteln den Kopf.
"Er hat alleine vier Männer erledigt. Typen, die ihn provozierten und nicht in Ruhe ließen. Hat sie mit Flaschen, Hockern, Plattenspielern und Bühnen-Ausrüstung beworfen, wie eine Furie. Ein Bulle war dabei und hat Bewunderung geäußert. Die sind alle vier im Krankenhaus und haben noch eine Klage wegen Nötigung am Hals. Ist das mal cool?"
Ich nicke über dem Wannenrand und stelle mir vor, dass Martin von der Arbeit das auch gekonnt hätte. "Und trotzdem klingen sie so", Susanne sucht nach Worten, "... so klug. Nicht besserwisserisch. Durchdacht. Und merkwürdig. Im besten Sinne. Also des sich Merkens würdig. Toll."
Caterina lächelt. Weil Susanne so kernige Dinge einfach so beschwärmen kann und weil durch Hartmuts Zimmertür wieder die Schifffahrtsfrau spricht: "Südwest 3. 18 Grad, 1013." Jetzt kommen noch andere Geräusche dazu. Eine modulierte Männerstimme, die immer "lapp lapp" macht.
"Ich wäre mir nicht so sicher, dass das Schifffahrtsfunk ist", bemerkt Caterina, dreht sich um und sagt: "Das beste ist überhaupt das!" Sie hat eine CD aus der Tasche gezogen und zeigt sie uns. Sie sieht aus wie die Bastelei eines Kindes, eine Papphülle zum Ausklappen, aus der sich eine kleine Eule ausfaltet. Dazu ein paar Tannen und Goldsterne. Vorne drauf steht Daniel Benjamin. Der Name klingt wie Kevin Werdelmann, von dem sie auch immer schwärmt. Womöglich kommt der auch aus Bochum. Kevins, Daniels, was soll das denn?
"Der hat 2000 CDs wie diese selber gebastelt und zugeschnitten!", sagt Caterina und sie sagt es, als sei es beachtlicher als alles, was sie jemals von einem Mann erlebt hat.
"Irgendwie muss man ja auf sich aufmerksam machen", sage ich und ein Schaumberg treibt langsam über meine Scham.
Caterina schnauft leise. "Er macht tolle Musik. Sehr melodisch und melancholisch, aber total abwechslungsreich. Wie ein Abend am Waldrand. Musikalisch ohne Ende, aber kein Angeber. Reduziert, aber mit Bewegung."
Ich will sagen, dass diese Beschreibung wie ihre eigenen Bilder klingt und dass die CD dann sicher toll sein muss. Ich will ihr ein Kompliment machen, aber ich kann es nicht und brummele statt dessen etwas in meinen Schamberg.
"Den müsste man mal kennen lernen", sagt sie.
"Natürlich", sage ich. "Wie Kevin. Vielleicht läuft ja irgendwo auch noch ein Maurice herum. Und Cat Stevens hat auch eine neue Platte gemacht."
"Hast Du schlecht gefrühstückt?", fragt Caterina.
"Lapp! Lapp! Lapp!", quakt es aus Hartmuts Tür.
"Verdammt, was ist das denn für ein Gelappe da!!!", brülle ich boshaft aus meinem Becken und in dem Moment geht die Tür auf und Hartmut steht vor uns, die Augen groß wie nach einer Injektion Sauerstoff.
"Ist das nicht der Hammer???", sagt er und deutet auf das Getöse in seinem Zimmer.
Wir schweigen alle drei und sehen ihn an.
"26 Minuten lang nur Schifffahrtsfunk mit Ambient-Musik drunter. Sonst nichts. Man glaubt, dass doch gleich irgendwann eine Pointe kommen muss, aber es kommt keine. Es bleibt so."
"Das hören wir", sage ich.
"Das Stück heißt 'Querfeuer'", sagt Hartmut und Caterina grinst, da sie schon geahnt hat, dass es nicht der echte Schifffahrtsfunk ist.
"Für Heel liegt uns keine Meldung vor", sagt die Frau und im Hintergrund wabert es und die modulierte Männerstimme sagt "au!"
"Das ist Kunst!", sagt Hartmut. "Hört euch mal allein die Worte an. Das ist wie Poesie, wenn man sich darauf einlässt." Er rennt ins Zimmer zurück und spult zurück. "Hört!", sagt er. Die Stimme sagt:

"Ooost bis Südooost, fünf,
im Westteil später Schauerböen
See um einen Meter"

Er spult wieder:

"Ooost bis Nordoost
vier bis fünf
später abnehmend drei bis vier."

Die Musik dahinter wird dramatischer, man weiß nicht, ob man sich wie im Urlaub fühlen soll oder ob gleich eine Katastrophe losbricht. Es ist irdisch und profan und doch wie aus einer anderen Welt.

"Versteht ihr?", fragt Hartmut. Die ganz normalen Meldungen werden zu Dichtung. Der macht das 26 Minuten lang und glaubt, dass wir zuhören. Und wir tun es. Ist das nicht großartig?"
"Was ist das denn?", frage ich.
"Eine Hörspiel-Anthologie", sagt Hartmut. Pressplay. Da sind zig Hörspiele drauf, interessante Sachen. Über Stalker, über verkorkste Blind Dates, über 3-Minuten-Reiseführungen in München. Aber das geilste ist dieser Stefan Hartung, der uns einfach Schifffahrtsfunk zumutet. Das es sowas noch gibt, das ist doch der Hammer. Ein Mensch, der sich einfach hinsetzt, und den Funk moduliert."
"Muss wohl nicht malochen", sage ich und Susanne kichert.
"Daniel Benjamin bastelt 2000 Cover selbst", sagt Caterina.
"Auch toll", sagt Hartmut.
"Ja ja", sage ich.
"Da draußen muss alles schnell gehen", sagt Hartmut. "Du musst in 3 Sekunden Vanish Oxi Action kaufen und dich beim Gurgeln der Waschmaschine mit Gilette Fusion rasieren, während Mario Barth dir erklärt, was angeblich Männer und Frauen ausmacht und Rod Stewart alte Oldies recycelt und gichtgeplagt dazu durchs Bühnebild tapst, damit die ollen Studienräte noch glauben, sie seien Rocker. Und dieser Mann hier nimmt eine halbe Stunde Schifffahrtsfunk auf!!!"
"Er ist heilig!", sage ich.
"Aber sowas von!", sagt Hartmut.
Susanne ist mit der Wäsche fertig. Caterina klappt Daniel Benjamin zusammen und küsst mich auf die Stirn. "Du bleibst mein Lieblingsmann auch wenn Du keine Cover ausschneiden kannst", sagt sie. Ich brummele. Hartmut macht den Schifffahrtsfunk aus und kündigt an, Pommes zu holen. Wenigstens ist er in diesen Dingen sehr un-avantgardistisch.


Die CDs:

CLAES NEUEFEIND (Herausgeber)
Pressplay. Die Anthologie der freien Hörspielszene
Mairisch
Hörproben
Homepage

BAD ASTRONAUT
Twelve Litte Steps, One Giant Dissapointment
Fat Wreck/im Vertrieb von SPV
Hörproben
Homepage

TRAIL OF DEAD
So Divided
Universal
Hörproben
Homepage

DANIEL BENJAMIN
Daniel Benjamin
Haldern Pop/im Vertrieb von Cargo
Hörproben
Homepage

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3. Folge


Ein Park. Vogelgezwitscher. Regen prasselt laut auf ein Blechdach, tropft in Pfützen. Nahe rauschen Autos vorbei. Gitarren zupfen Töne zwischen die Tropfen, die Pfützen und das Rauschen des Verkehrs, als säße ich mit dem Gitarristen gemeinsam auf der Veranda eines zerrupften Hauses, arm, aber glücklich. Jetzt kommen Schritte auf dem Asphalt, sowohl die von Hartmut als auch die auf der Platte, die er in einer wahnsinnigen Lautstärke abspielt, was aber nicht stört, sondern sein Zimmer und das ganze Bad erfüllt. Das Tropfen des Regens passt zum Patschen meiner Füße im Badewasser, es fühlt sich an, als liege ich mitten in diesem Regentag.
"Ist das nicht großartig?", fragt er und macht Augen wie ein Kind. Er hält die CD-Hülle in der Hand, die eine Blume wie aus Origami zeigt und auf welcher der Name des Musikers handgekritzelt steht, mehrmals korrigiert, als sei man sich unsicher.
"Daisuke Miyata. Der Mann ist Buchhändler in Japan", sagt Hartmut. Auf Awaji, der Insel. Sitzt tagsüber zwischen den Folianten und macht nachts diese Musik. Hammer, oder?"
Ich schaue Hartmut an. "Die Sentenz 'Hammer, oder?'passt nicht zur Fragilität dieser Musik!", sage ich und verwirre meinen studierten Mitbewohner dadurch völlig.
"Ich hingegen bin zu virtuoser Sprache fähig, höre aber seit Tagen simple Haudraufmusik!", sage ich, drehe mich männlich ruckartig zur Ablage neben der Wanne und halte Hartmut die Hülle der neuen Franky Lee vor die Nase, einer Punkrockband bestehend aus Mitglieder anderer Punkrockbands, die Hartmut und ich noch vor 8 Jahren alle gehört haben, wenn wir in der Öffentlichkeit Bier tranken. Das macht Hartmut zwar heute immer noch, erzählt dabei aber von Experimentalmusik.
"Matthias Färm", sagt er und tippt auf den Sticker auf der CD-Hülle. "Der Typ von Millencolin?"
"Ja", antworte ich und tippe Schaumblasen auf dem Badewasser aus, wobei ich mir vorstelle, es wären riesige Biosphären, die ich mit einem Finger zum Platzen bringe.
"Und die anderen beiden sind von Randy und The Peepshows?"
"Ja." Jetzt platzt die Sydney-Oper. Dann der Reichstag.
"Lass mich raten", sagt Hartmut, "sie spielen Melodypunk mit Rock'n'Roll-Power und dreckigerer Produktion. Aber sonst wie früher." Es klingt arrogant, wie er das sagt. Ich nehme ihm die CD ab. Die Biosphären, die noch unversehrt sind, wippen auf dem Wasser mit wie Schiffe.
"Das stimmt", sage ich, "und es klingt super."
Hartmut schweigt. Das macht mich wütend.
"Es kann nicht jeder auf einer japanischen Insel sitzen und Pfützen samplen!", sage ich.
Ich fühle mich wie ein Kulturbanause. Caterina kommt mit Susanne herein und wirft Wäsche auf den Stapel neben der Maschine.
"Sag es ihm!", rufe ich aus der Wanne Susanne zu, "sag es Deinem Mann!"
"Was?"
"Das nicht jeder in japanischen Buchlädchen sitzen und Pfützenmusik machen kann."
Susanne sieht uns kurz an und sortiert dann die Wäsche. "Aber in Norwegen", sagt sie. "Da sitzt einer, den ich gerne mag. Thomas Hansen. Der war mal Briefträger."
"Ich werd nicht mehr", sage ich. Auf Hartmuts CD zirpen mittlerweile die Grillen.
"Der macht unablässig Platten, immer ganz einfach, total rudimentär, wie in der Fußgängerzone. Da würde er aber nichts verdienen. Singt zu schräg."
"Du meinst Saint Thomas?", sagt Hartmut und man merkt, dass er auf die Spezialkenntnisse seiner Frau stolz ist.
"Ja, so lautet sein Künstlername", sagt Susanne.
"Der hat doch jetzt mit Hermann Düne zusammengearbeitet!", sagt Hartmut, und langsam fühle ich mich bei diesem Gespräch wie zwischen fremden IT-Experten, die über Treiberbibliotheken reden. Muss ich denn alles mitbekommen? Darf ich nicht einfach bei meinem Malocherpunk bleiben?
"'There's Only One Of Me' heißt die neue Platte."
"Er hat es raus mit den passenden Titeln", sagt Hartmut.
"Auf jeden Fall", sagt Susanne.
Sie schauen sich an, knutschen sich. Und ich, ich bin bloß der dumme kleine Punkrocker in der Wanne! Caterina hockt sich an den Rand der Wanne. "Bist du betrübt?"
Hartmuts Japanerplatte plätschert wieder mit Wasser, ein Holzeimer wird aus einem Brunnen gezogen, oder auf einen Kai. Segelmasten klimpern.
"Ja, bin betrübt!", sage ich.
"Oh wuschihumijamamo", sagt Caterina und knuddelt mich. Ich weiß, das hört sich schlimm an, ist aber sehr schön. Sie flüstert: "Ich find das auch nicht so super, was Susanne da empfiehlt. Haben wir vorhin in der Scheune gehört. Klingt, als sei Cat Stevens besoffen und wehleidig."
Ich finde es süß, wie sie mich trösten will. Wir gegen das Spezialistenpäarchen.
"Aber weißt Du, wer super ist?", fragt Caterina. Ich schüttele meinen Kopf, auf dessen Plateau sich mittlerweile neue Biotope angesiedelt haben.
"Chris Garneau."
"Wer ist denn das schon wieder?"
"Ein New Yorker. Brooklyn. Spielt Klavier und Wurlitzer. Seine Bandkollegen Harmonium, Bass, Melodica und Cello. Das ist edel. Und lustig. Als würde Elton John eine junge, coole Sau sein."
Ich will es ja auch nicht, aber irgendwas sticht in meinem Herz. Kann Caterina nicht einfach mal irgendwelche Bands hören statt immer nur charismatische Solomusiker? Wahrscheinlich wohnt dieser Garneau in einem edlen New Yorker Appartement und serviert Wein und Orangenmarmelade. Oder er haust in einer Altbaubaracke, die er aber voll künstlerisch zurechtgemacht hat, mit selbstgemalten Kunstwerken, Kaffee aus einer Handpresskanne und einem alten Klavier, auf dem er improvisieren kann. Ich zappele ein wenig im Wasser herum und weiß gar nicht, wie mir geschieht. Der blöde Japaner sampelt gerade ein Geräusch, das wie ein Herzschlag im inneren einer Jacke klingt. Ich ziehe Caterina näher zu mir, schaue ihr in die grünen Augen und sage: "Du bleibst doch bei mir, oder? Ich mache uns auch einen Altbau zurecht! Mit Klavier! Ich lerne auch zu spielen!"
Sie erwidert meinen Blick, erst verwirrt, dann verliebt, und knutscht meine Badewasserlippen.
Der Japaner zirpt und zupft.
Es ist doch ein guter Tag.


Die CDs:

FRANKY LEE
Cutting Edge
Burning Heart, im Vertrieb von SPV
Hörproben
Homepage


CHRIS GARNEAU
Music For Tourists
BB Island, im Vertrieb von Cargo
Hörproben
Homepage

DAISUKE MIYATA
Diario
Ahornfelder, im Vertrieb von Hausmusik
Hörproben
Homepage

SAINT THOMAS
There's Only One Of Me
Make My Day Records, im Vertrieb von Alive
Hörproben
Homepage

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4. Folge


Man muss sich die Vorrichtung folgendermaßen vorstellen: Hartmut hat sein Zimmer umgebaut und einige alte Kinositzbänke in die Mitte gestellt, an deren Lehnen kleine Schreibpulte angeschraubt sind. Darauf liegen Zettel und Stift. An den Wänden hängen vorübergehend kleine Boxen, die den Sound seiner Stereoanlage verstärken und ein entsprechend räumliches, lautes Erlebnis garantieren. Auf einem Tapeziertisch an der Wand stehen Kaffee, Bier und Brötchen bereit. Hartmut macht eine Listening Session. Ich liege nebenan in der Wanne.

Normalerweise sind "Listening Sessions" Veranstaltungen der Musikindustrie. Journalisten werden eingeladen und mit Getränken und Süßkram betäubt. Dann hören sie ein neues Album gemeinsam und bei voller, exzellenter HiFi-Lautstärke. Oft führt das dazu, dass sie es besser beurteilen als sie es im Alltag getan hätten. Nicht wegen der Kekse und des Kaffees, sondern weil man ihnen als hyperaktiven, überforderten Vielhörern mit kleiner Aufmerksamkeitsspanne unter sanftem Zwang erlaubt, sich einmal eine Stunde lang nur dieser einen Platte zu widmen. So hat es uns Mario erklärt, der als Teilzeitpromoter schon einige dieser Ereignisse organisiert hat.

Bei Hartmut hat die Session keinen geschäftlichen Hintergrund. Sie ist ein Experiment. Deshalb sitzen nun auch neben Hanno, Martin, Jochen und Bernd einige Fremde in Hartmuts Kinosesseln, bezahlte Probanden, die er rund um die Uni aufgetrieben hat. Sie sind Musiker in Bands, Angestellte des Uni-Radios oder freie Musikjournalisten. Und: Sie müssen raten. Raten, was sie da hören.

"Placebo?"
"Nee, jetzt nicht mehr!"
"Der Gitarrensound hat was."
"Die Bridge ist gut."
"Blackmail?"
"Ach was, dann müsste es dreckiger sein!"
"Ja, aber Du weißt, was ich meine..."
"Ja, weiß ich. Haben wir noch ein Snickers?"

Es ist schön, den Ratenden nebenan zuzuhören. Es klingt wie damals, wenn die Großen noch feierten und ich als kleiner Junge schon im Bett nebenan lag und die Gespräche belauschte. Jetzt liege ich in der Wanne und spiele heimlich "Barkeeper", in dem ich Wasser und verschiedene klebrige Badezusätze in einem Becher mische und daraus Cocktails mache, die ich imaginären Gästen am Wannenrand serviere. Merkt ja keiner. Nebenan kommt der nächste Song. Kräftige, laute Gitarren. Kerniges Schlagzeug. Ruhige Zwischenteile, die sich wieder zum Refrain aufschwingen, nur dass man eben keine Stimme hört, kein einziges Wort vom Text. Das ist ja der Witz: Hartmut hat sich mit Jörgen und dessen Soundprogramm auf dem PC die Mühe gemacht, die Gesangsspur herauszuschneiden. Die Gäste raten weiter.

"Was kann das sein?"
"Klassischer Alternative Rock, irgendwie."
"Jedenfalls kein Wave."
"Nee, endlich mal kein Wave!"
Die zwei Nebenher-Journalisten, die das sagen, lachen.
Ich kippe ein wenig grünes Badezeug auf das Blaue Lagune-Gel, rühre und sage: "Bitteschön, der Herr, zum Wohle!"

Als mein imaginärer Gast trinkt, ertönt drinnen der Beginn einer Metallica-Ballade. Jedenfalls klingt es so.
"Metallica! Späte Metallica!", ruft dann auch gleich die halbe Truppe.
"Typisches Lars Ulrich-Schlagzeug. So spielt nur der."
"Ganz klar."
Ich muss kichern in meiner Wanne.
Ich kenne ja schon die Lösung.
"Der Teil jetzt könnte aber auch von einer Emo-Band sein. Dieser wippende Kniekehlenrhythmus. Der flirrende Sound."
Ich spüre, wie die Erregung der Ratenden steigt. Meine auch, denn jetzt kommt ein Break, das ich großartig finde. Die Hörprofis anscheinend auch.
"Break, break!", ruft einer.
"Ich sag dir, das ist kein Metallica. Das ist eine Emo-Band. Thursday?"
"Jimmy Eat World?"
"Taking Back Sunday?"
"Glaub ich nicht."
"Die eine Stelle aber schon."
"Haben wir noch ein Mars?"
"Hartmut, mach es doch nicht so schwer? Ein kleiner Tipp?"
Ich höre, wie Hartmut mit seinem Kuli auf Holz klopft. "Durchhören, Männer! Und Notizen machen."
Die Männer murren.

Hartmut skippt zu einem Song, der am meisten in die Irre führt.
"Bad Religion! Eindeutig! Neuere Bad Religion! Typischer geht's nicht."
"Auch noch im Refrain?"
"Man weiß ja nicht, wie der Gesang jetzt wäre."
"Trotzdem, der Refrain klingt eher wie... Muff Potter?"
"Wohlstandskinder?"
"Nein!"
"Scheiß auf den Refrain, hör mal den Übergang."
"Ja, klare Sache. Bad Religion. Weiter!"

Hartmut öffnet die Tür und schleicht zu mir an den Wannenrand, während unsere Rockerfreunde nebenan ihre Zettel voll schreiben und mit Referenzen um sich schlagen. Ich will meine Kinderbar aus Badezusatz-Cocktails wegräumen, aber entscheide mich dagegen. Was soll's? Hartmut setzt sich auf den Rand und rührt verträumt im Schaum herum. Ich sehe ihn mit stetig wachsenden Augen an, damit er merkt, dass er gerade in meiner Intimsphäre rührt. Er zuckt kurz zusammen und macht "bruuuhhhgurrrr" wie eine Katze, die man im Schlaf überrascht und zieht den Finger zurück. Dann sagt er: "Sie werden es nicht rauskriegen. Sie kriegen es alle nicht raus. Weil nicht sein darf, was nicht sein kann."
Caterina hat es rausgekriegt, denke ich in meinem Duftwasser, und Susanne auch. Aber die sind auch nicht wie Männer. Denen ist egal, was man wie über Musik denken darf. Besonders Caterina. Neulich hat sie sogar einen Wiemelhauser Nachbarn davon überzeugt. Ein Grund mehr, warum ich sie so liebe.
Nebenan geht es jetzt langsamer und düsterer zu.
"Nirvana. Wieder eindeutig!", höre ich Hanno rufen.
"Der ganze Sound. Die Akustikgitarre über diesem Dave-Grohl-Schlagzeug und dann im Refrain schön verstärkt. Die ganze Klangfärbung."
"Die Klangfärbung ändert sich hier aber songweise, oder? Hartmut, Du bist sicher, dass das alles von derselben Band ist?"
Hartmut beugt sich auf dem Wannenrand nach hinten und ruft: "Ja!"
Dann sieht er mich wieder an. Glücklich und amüsiert.

"Warum ist dir das so wichtig?", frage ich.
Er sieht über meine Fußspitzen hinweg zur Badezeugflasche, die geöffnet auf dem Rand steht. Er atmet ein und holt aus: "Ich habe einen Kumpel, der ist Steuerberater geworden. Er hat sich nie so für Musik interessiert wie wir. Oder wie die hippen Leute, die Zeitschriften lesen und Vergleiche ziehen können. Er war nicht cool. Der hat mir mal was Wahres gesagt. Er sagte: 'Hartmut, in der Steuerberaterwelt, da muss ich nur einen halbwegs ordentlichen Anzug anziehen, ein wenig übers Wetter und über die Nachrichten reden, und ich werde akzeptiert. Richtig akzeptiert. Aber bei den 'Kennern', da kann ich machen, was ich will - ich werde als Spießer entlarvt. Mal weiß ich nicht, warum ich jene Band nicht mit dieser vergleichen darf und warum es plötzlich veraltet sein soll, Pearl Jam zu mögen. Sie lachen dann so komisch. Wie Männer lachen, die jemandem gegenübersitzen, der nicht weiß, was Abseits ist.'"
Ich nicke.
Ich weiß, was er meint.

Hanno steckt seinen Kopf zur Tür rein und sagt: "Der Anfang jetzt ist Motörhead. Aber dieser groovige Teil nicht mehr."
Es dröhnt und rappelt, als er die Tür aufmacht. Das Schlagzeug prügelt, die Gitarren in dem Stück klingen wie Motorboot-Motoren.
"Weiterhören, Notizen machen", sagt Hartmut und geht wieder nach nebenan.
Ich mische einen neuen Badegel-Zusatz und stelle mir vor, James Bond stehe an meiner Bar. "Eis?", frage ich.
Nebenan rufen sie andere Zutaten: "Blur? So 'Song 2'-mäßig? Offspring? Blink182?"
"Der Bass ist gut."
"Irgendwie Pop-Punk."
(...)
"Jetzt ist es New Rock."
"Creed?"
"So Post-Grunge?"
"Live?"
"Irgendeine Allstar-Band mit alten Grunge-Recken?"
(...)
"Indie-Gitarren. Von der Stimmung her."
"Jetzt aber wieder Bratpfanne."
"Silverchair?"
"Ja, wenn man sie in der Strophe mit Crowded House kreuzt."
"Und der Teil ist ein bisschen wie das Kashmir-Riff von Led Zeppelin."
"Ihr seid bekloppt."
"Ja, aber Du weißt, was ich meine..."
"Ja. Haben wir noch ein Bounty?"
(...)
Ich habe James Bond bedient und mache jetzt eine Bloody Mary aus rotem Badezeug und ein wenig scharfem Erkältungsbad. Nebenan wird es wieder balladesk.
"Dieser Beginn. Ding ding dong di ding dong. Ding ding dong di ding dong. Das ist doch bei Green Day geklaut! Bei 'When September Ends'."
"Ei der daus, da hat der Mann Recht!"
"Aufgepasst, meine Herren, das letzte Stück!"
(...)
"Die Akustikgitarre erinnert mich an was."
"U2?"
"Ja, ist schon U2-esk..."
"So weit, irgendwie. Stadiontauglich, aber doch eben mit diesem Indie-Feeling. Trocken. Einfach. Und doch horizontweit! Wunderbar!"
"Travis?"
"Keane?"
"Snow Patrol?"
"Nein, das sind U2."
"Kann ja nicht, wenn alles dieselbe Band war. So hart wie hier einiges war, werden U2 nie mehr werden."
Ich kichere in meiner Wanne und habe die Bloody Mary fertig.

"So, das war's, meine Herren!", sagt Hartmut und sammelt die Zettel ein. Er liest, geht im Zimmer auf und ab und sagt schließlich: Ich zähle hier alles in allem 118 Referenzen und Tipps aus der munteren Welt der Rockmusik von A wie Ash bis Z wie Zero Down. Mein Gott, wer kennt denn hier Zero Down? Egal. Ich habe beim Hören keinerlei Klagen gehört."
"Na ja", sagt Hanno. "Es klang schon alles etwas eindeutig. Ein Stil pro Song quasi."
"Ja, aber doch super inszeniert", sagt Bernd.
"Das finde ich aber auch", sagt Mario.
Die Musiker und Journalisten grummeln zustimmend und knistern an ihren Schokoladenpapieren. Ich setze die Bloody Mary an meine Lippen und tue so, als würde ich trinken.

"Das, meine Herren", sagt Hartmut genau in diesem Moment, "war das neue Album von Tokio Hotel!"
Ich höre, wie zwei Stühle umfallen und ein kleiner Journalist dem starken Martin in die Arme springt und muss so lachen, dass ich aus Versehen wirklich einen Schluck von dem Badezeug-Bloody-Mary nehme. Das Erkältungsbad brennt in meiner Lunge. Ich huste, während nebenan die erwarteten Tumulte ausbrechen.
"Kann nicht sein!"
"Niemals!"
"Was ist das hier? Versteckte Kamera???"
"Filmst Du uns? Wenn jemand mitbekommt, dass ich Tokio Hotel gute Riffs zugeschrieben habe, fliege ich aus meiner Band!"
"Oh mein Gott, ich habe Tokio Hotel mit Thursday verglichen! Mit Bad Religion! Mit Nirvana! Ich verliere meine Stelle beim Musikmagazin! Ich muss mich augenblicklich erstechen! Mist, das Bounty ist zu stumpf dafür!"

Ich muss weiter lachen, aber das verschluckte Badezeug dringt mir wie Sodbrennen durch den Hals bis hinter die pochenden Ohren. Hartmut stellt die CD wieder an - diesmal mit Gesang - und Bill Kaulitz singt seine neuen Texte über Selbstmord, Groupies, Beziehungen, Kindesmisshandlung und den Weltuntergang über die Musik, die eben noch von allen Probanden den Segen bekommen hat.

"Ich nehme alles zurück!"
"Um Himmels Willen!"
"Das ist ja schrecklich!"

"Warum?", fragt Hartmut.
"Ja, verdammt, es sind Tokio Hotel!"
"Hör doch mal, dieser Typ!"
"Diese Texte!"
"Diese Intonation!"

Ich huste in meiner Wanne und würge. Mein Kopf wird immer heißer, als das Badezeug durch meine Hirnbahnen fließt. Ich klammere mich an den Rand, schaue zu Hartmuts Zimmer hinüber und sehe plötzlich, wie es sich in einen Gerichtssaal verwandelt. Die CD läuft im Hintergrund, als Alan Shore aus der TV-Serie 'Boston Legal' den Raum betritt, sein Jackett zuknöpft und sich vor den Hörern aufbaut, die jetzt die Jury sind.

"Was", beginnt er sein Plädoyer, "was können sie dieser Band vorwerfen, was sie nicht auch jeder anderen vorwerfen können, die vollkommen unbehelligt in ihrem Plattenschrank steht und die so vorhin als Referenz genannt haben?
Dass sie Teenagerschwärme sind und auf der Bravo aufbauen? Das haben die Beatles auch getan. Dass sie wie ein A-Team der Rockmusik vier klar zugewiesene Rollen darstellen? Sich maskieren? Nicht authentisch sind? Androgyn gar, im Falle des Frontmanns? Sonst loben Sie das doch! Feiern es Rollenspiel, als Unterwanderung des Zwanges, immer "echt" sein zu müssen, als den Rest rätselhafter, spielerischer Aura, der die Beschimpfungen plumper, homophober Rockisten auf sich zieht und dadurch noch geadelt wird. Sie hassen das Produkthafte? Ich bitte Sie. Es gibt Plastik-Action-Figuren von Bad Religion und dem Alkaline Trio. Pin-Up-Kalender von System Of A Down."
Die Jury nörgelt und zischt.
"Aber die Stimme", sagt einer. "Und diese Texte."
Alan Shore lächelt milde.
"Die Lichter fangen dich nicht / sie betrügen dich", zitiert er. "Ich weiß ja nicht, aber ich halte das für eine gute Formulierung. Sehen Sie, wir verhandeln hier nicht über die Platte. Wir verhandeln über Diskriminierung, über Hochmut gegenüber dem Pop. Die Texte sind romantisch, pathetisch, unironisch, glasklar? Ja! Dürfen sie sein. Bill Kaulitz - und bei dem Satz wippt Shaw mit leicht geschlossenen Augen mit dem Kopf und sieht danach alle Jurymitglieder einzeln an - ist ein guter Sänger geworden. Er ist sattelfest und er hat Widererkennungswert. Und zwar nicht so, wie Trash Widererkennungswert hat. Er flüstert, haucht, zischt, holt weit aus und wandert durch die Melodien. Manchmal wünscht man sich, dass er auch mal schreit, aber das spricht nur für die Emotionalität der Songs und die transportiert er auch so optimal. Das können Sie doch nicht überhören! Und das tun sie auch nicht. Sie sind lediglich dazu erzogen worden, die Direktheit des Mainstreams generell und a priori zu verachten, genauso wie Hollywoodtränen. Für sie sind nasales Gequäke oder dekadentes Genuschel eher glaubwürdig. Dabei weinen auch sie heimlich in ihr Kissen, wenn Phil Collins in die Tiefen der Trauer hinabsteigt. Geben Sie's doch zu!"
Die Jury schweigt. Hanno will was sagen, doch Alan Shore hebt die Hand: "Und falls sie jetzt darauf hinauswollen, dass diese jungen Männer ihre Lieder immer noch nicht alle selbst schreiben, frage ich sie, ob sie wissen, dass das Interpretenprinzip in der Geschichte der Musik ganz normal war. Elvis hat nicht selbst geschrieben. Die Motown-Künstler? Hatten Songwriter. Und raten sie mal, welcher Song auf dieser Platte tatsächlich allein aus der Hand der Kaulitz-Brüder war? Wie beschrieben Sie das beim Ratespiel? Silverchair meets Crowded House? Mit Kashmir-Anspielung?" Die Jury windet sich.

Alan Shore holt zum Schlussplädoyer aus: "Diese Platte, meine Herren, vollbringt eine große Leistung, die SIE eigentlich mit Freuden begrüßen müssten. Gerade sie. Selbst wenn man ihr vorwirft, dass jeder einzelne Song berechnend dem Stil einer großen, exzellenten Rockband folgt - nein, GERADE DANN - müssten sie sie feiern! Diese Platte vollbringt die Leistung, sämtliche Stilmittel der Rockmusik der letzten 30 Jahre verpackt in perfekten Sound und ansprechende Geschichten auf die jüngsten Kids loszulassen, die früher schutzlos dem Retortensound echter Boybands ausgeliefert waren. Sie handelt nicht von Girls, Partys und Prada, sondern von Selbstmord, Missbrauch, scheiternder Liebe und kaputter Kindheit. Von Flucht und Ausbruch. Sie ist der perfekte Ausdruck von "Teenage Angst". Ich möchte das noch mal klarstellen: Vier Jugendliche aus der Provinz Magdeburgs erspielen sich mit Hilfe ihrer Väter und Berater einen Platz an der Sonne, von dem aus es ihnen möglich ist, Millionen und Abermillionen von winzigen Teenagern eine Rockmusik nahe zu bringen, die Sie vorhin selber aus gutem Grund mit Post-Grunge, Emo, Pop-Punk und Alternative Rock verglichen haben. Und das so gut, so in sich tragend, dass es besser kickt als Tausende 'glaubhafter', erfolgloser Epigonen, die keinen einzigen markanten Song zustande bekommen. Aber anstatt diese riesige Chance zu begrüßen, überschütten sie dieses Projekt mit mehr Hass und Abscheu als jemals auf Kim Ill-Jong, George Bush und Pol Pot zugleich niedergehen könnten und hören stattdessen - legitimiert durch eine Dance-Platte von Deichkind - daheim mit ironischem Bruch Scooter, 2 Unlimited und Technotronic. Oder seitengescheitelte Berlin-Mitte-Täschchenträger, die unablässig irgendeine Susi von Klee zum Duett einladen und Schlager trällern, die vom ROCK Universen weiter entfernt sind als dieses neue Album von Tokio Hotel. Das ist die Situation, meine Herren. Das ist die Situation."

Alan Shore lässt diese Rede noch ein wenig nachwirken, als er von der Jury wegtritt und auf meine Wanne zukommt. Ein Knopf fällt ihm vom Jackett in mein Badewasser. Ich sehe auf und Alan Shore ist Hartmut, der besorgt auf mein Badegel-Cocktailglas schaut und wieder im Wasser rumrührt. "Sie sind weg", sagt er. "Sie müssen das erst mal verdauen."
Ich nicke und räuspere mich.
"Das müssen wir wohl alle", sage ich und spüre, wie das Tetesept durch meine Venen rockt.


Die CD:

TOKIO HOTEL
Zimmer 483
Island, im Vertrieb von Universal
Hörproben
Homepage

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5. Folge


Ich liege in der Wanne und kippe gerade aus reinem Übermut zwei Esslöffel Kirschsirup in das Badewasser, als Hartmut in Anzug und mit Fliege aus der Tür zu seinem Zimmer getanzt kommt, ein silbernes Tablett in der Hand, elegante Pirouetten tanzend. Auf dem Silbertablett liegt eine Praline. In seiner Anlage läuft locker swingender Jazzschlager, der klingt, als würde man die Titelmusik des Pink Panther mit Harald Juhnke, Comedian Harmonists, James-Bond-Musik und diesem neckischen Vibraphon von Helge Schneider mischen. Als das Lied zu Ende kommt, hält Hartmut mir auf den letzten Takt hin das Tablett auf den Wannenrand. Ich nehme die Praline und packe sie langsam auf, der Mann auf der CD singt jetzt zu Saxophon und Schmuseschlagzeug "Wenn ich in Stimmung bin" und ein leiser Frauenchor setzt lustvolle "uhuuuus" dahinter. Ich stecke die Praline in den Mund. Es muss aussehen wie der Anfang eines Männerpornos zwischen Waschmaschine und Badeschaum.

"Stil", sagt Hartmut, wirbelt mit dem Tablett in sein Zimmer zurück und wechselt flugs die CD. "Stil ist aus der Mode gekommen." Jetzt ertönt flotter Beatschlager im Stile der 60er, ein Mann gibt zu, dass er "Ein Mann für eine Nacht" sei und eine Frau lehnt seine Offerte sehr charmant ab. "Hörst Du?", sagt Hartmut, als er wieder zu mir reintanzt, "er siezt sie."
"Wen?"
"Die Dame, die im Lied angesprochen wird. Er siezt sie. Er macht sie an, er will sie poppen, aber er formuliert es wie ein Gentleman und sie macht es ebenso mit dem Korb." Hartmuts Fliege hüpft vor Freude an seinem Hals. Er huscht wieder ins Zimmer. "Oder hier!" Er skippt, jetzt singt eine Frau "Liebster bring mir Blumen mit". Hartmut hüpft wieder ins Bad. "So redet heute keiner mehr", sage ich und Hartmut erwidert: "Das ist es doch gerade! Niemand redet mehr so. Niemand spielt mehr so. Gerade das macht es wieder authentisch. Dass es gekünstelt ist." Ich seufze. "Hartmut, ich bade gerade, ich will meinen Kopf nicht anstrengen."
"Kopf anstrengen? Aber hör mal, das geht sofort in den Bauch!" Er spielt wieder den Beat, es orgelt, es wippt, es macht Spaß, er wechselt wieder die CD, das Vibraphon kehrt zurück, schicke Bläser, Bar-Atmosphäre, ein Sänger, der intoniert wie im Theater. Es geht in den Bauch, aber Hartmut wird gleich was Verkopftes sagen.
"Im Rock!", sagt er, und steht jetzt wieder wie ein Monolith im Frack am Wannenrand, "da sagt der Sänger immer 'ich' und meint auch sich selbst, wenn er 'ich' sagt. Er kotzt sein Innerstes nach außen. Aber hier, hier...", Hartmut japst und zeigt wie ein Physiker, der eine Entdeckung gemacht hat, "hier reden sie in Rollen, erzählen Geschichten. Man versteht sofort, dass das 'ich' nicht der Sänger ist. Frauen werden gesiezt, altmodische Formulierungen benutzt, sogar des Genitivs wird gedacht!"
"Ich bin immer ich", sage ich, und rühre im Wasser herum, da der Kirschsirup sich nicht wie Badeschaum auflösen will, sondern komische Kringel im Wasser bildet.
"Das ist uns allen klar", sagt Hartmut, "aber wenn so Rocksänger 'ich' brüllen, dann wird das doch unfreiwillig komisch. Ein Lied ist immer eine Rolle. Und die hier, die es direkt als Rolle gestalten, die sind deshalb eigentlich echter."
"Ich krieg Kopfschmerzen", sage ich.
"Das geht bis in den Klang!", sagt Hartmut, flitzt wieder rüber und dreht die Anlage auf. "Hör mal genau hin!", ruft er rüber, und ich höre genau hin. "Hörst Du das?"
"Wer ist das überhaupt?", frage ich.
"Beatplanet!", ruft Hartmut. "Und der andere ist Götz Alsmann. Aber hör mal genau hin! Hörst Du das?"
Ich weiß nicht, was ich hören soll und tauche daher einen Moment unter. Unter Wasser öffne ich die Augen und sehe die roten Kirschsirupkringel bösartig kreisen. Ich tauche wieder auf, Hartmuts Fliege vor Augen. "Die nutzen den Stereo-Effekt aus und zwar ganz deutlich! Gitarren links, Gitarren rechts. Die machen das wie die Beatles damals, so klar und transparent, dass wir uns beim Hören daran erinnern, was uns selbstverständlich geworden ist. Stereo. Das Normale wird betont, als sei es ein Fortschritt, der jetzt erst errungen wurde. Dadurch wird es aber wieder einer. Und auf ihrer ersten Platte handelte auch ein Lied vom Fortschritt. Während sie selbst so tun, als seien sie dem DDR-Beat des Amiga-Labels entsprungen! Tolles Konzept, oder? Wir lernen durch sie das Alte neu sehen!"
"Sie sind heilig", sage ich.
"Hallo, ihr beiden!", sagt Caterina, die mit Sebastian das Bad betritt und mir einen Kuss auf den feuchten Schädel gibt.
"Ratet mal, wo wir waren!"
Hartmut und ich schweigen und wackeln mit den Schultern.
"Sebastian hat eine Band interviewt, für eine Musikzeitschrift. Eine Rockband."
"Kann nicht sein!", sagt Hartmut.
"Man muss sehen, wo man bleibt", sagt Sebastian.
"Rock sagt 'ich' und ist naiv", sage ich.
"Dieser nicht", sagt Sebastian, als verstehe er sofort, was ich meine.
"Die Band heißt Scraps Of Tape", erzählt Caterina, "vier Jungs aus Schweden, die wie 16 aussehen, mit unfassbaren Schnauzbärten."
"Die weiß sogar ich zu schätzen", sagt Sebastian. "Die Musik meine ich, nicht die Schnauzbärte. Das hat alles Konzept."
"Ihr immer mit euren Konzepten", will ich sagen, aber Sebastian spricht weiter: "... und Seele. Tonnenweise Seele. Die spielen Rockmusik, wie andere Sinfonien schreiben. Nicht pompös gedacht jetzt, sondern erzählerisch. Da heißt ein Lied 'Since All The Birds Are Moving, Shouldn’t We' und die Gitarren klingen dann auch so, als würden sie Vögel aufscheuchen. Da braust es am Ende laut auf und dann ist nicht Schluss, sondern ein Orchester vom Balkan spielt ein wenig Klezmer, weil 'diese Musik der unseren seelenverwandt ist', wie der Gitarrist sagt. Denkt euch das Mal, dieses Abstraktionsniveau."
"Es ist aber auch einfach schön", sagt Caterina, "laut, aber schön. Ästhetisch. Und dann die CD- Gestaltung, traumhaft. Könnte von mir sein."
Hartmut lauscht den beiden und wirkt, als sei er interessiert. Geht aber gerade nicht, Hartmut ist auf dem Anzug- und Fliege-Trip. "Ein bisschen Wein dazu, leise Musik und Du", singt Götz Alsmann als Verführer auf der CD und Hartmut macht wieder Luft-Tanz. "Das sind lieber von Michael Jary drauf", sagt er, "kennt ihr Michael Jary".
"Der hat bei Schönberg und Stravinsky studiert", sagt Sebastian und strahlt, weil er sowas nach dem Ende des Institutes für Dequalifikation wieder sagen darf. Dass er jetzt trotzdem auch über Rockbands schreibt, freut Hartmut, weil es eben solche sind, die noch was Neues zu sagen haben. "Der Horizont, der weite Horizont", sagt Hartmut. "Und daraus dann einfache, unbemühte Lieder machen."
"Ja", sagt Sebastian, "wie diese Band, die klingen auch unbemüht, selbst, wenn sie auf den Putz hauen. Und die kennen Klezmer-Musik. Als Rockband."
"Gut einfach sein kann nur, wer auch das Schwierige könnte", sagt Caterina, "wie in der Malerei." Ich jage wieder den Kirschkringel im Wasser.
"Was hörst Du eigentlich gerade?", fragt mich Hartmut und ich fühle mich zwischen den Dreien wieder wie ein Laie. "Na ja", sage ich und versuche, nicht auf das Fußende der Wanne zu sehen, wo eine CD von Autobot liegt, einem jungen Mann mit Gitarre, der mich köstlich amüsiert, aber dabei immer "ich" sagt und auch keine vernünftigen Arrangements zustande bringt. Götz Alsmann würde ihm in der Jackettfalte verschwinden lassen. Doch was soll's, ich werfe die CD in den kleinen Rekorder an der Wanne. Autobot schrubbt grob und schlicht seine Gitarre und singt: "Ich habe Probleme, die passen zu mir, wie schaffe ich den Endgegner in Level 4?" Er nölt es raus wie NoFX unplugged und ich mache mich schon auf Spott gefasst, als Hartmut und Sebastian zu kichern anfangen, sich die Hülle schnappen und beginnen, in den Liedern der CD herumzuskippen, in denen es um eine Welt ohne Springer, Commander Keen oder intelligente Pornodarsteller geht. Caterina ist das zu schluderig, auch, wenn es das sein will, Sebastian lacht, wie man über Comedians lacht und Hartmut findet den Ansatz "schon irgendwie Punk". Ich kriege endlich den scheiß Kringel zu fassen, der sich nicht auflösen will und schnippe ihn einfach wie ein Würmchen an die Fliesen. Langsam läuft er hinunter, als Autobot fertig ist und Alsmann ihn mit 50er-Jahre-Film-Streichern gen Badezimmerboden begleitet.


Die CDs:

GÖTZ ALSMANN
Mein Geheimnis
Blue Note, im Vertrieb der EMI
Hörproben
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AUTOBOT
Tafeldienst
TLG Records, Direktbestellung unter autobot.de.md
Hörproben
Homepage

BEATPLANET
Komm an Bord
Brigade Mondaine, im Vertrieb von Indigo
Hörproben
Homepage

SCRAPS OF TAPE
This Is A Copy Is This A Copy?
Hörproben
Homepage

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6. Folge


Ich liege unter der Wanne und versuche, den Abfluss zu reparieren. Es ist ein Vorteil, dass unsere Wanne wegen des behinderten Sohnes der Vormieter wie ein Thron auf Sockeln gebaut ist und ich mich somit überhaupt darunter legen kann. Trotzdem regt es mich auf. Es ist eng, es stinkt, man kann nicht richtig hantieren, man bekommt Rückenschmerzen, es ist ein einziges, friemelieges Leid. Das einzige, was mich tröstet, sind Jupiter Jones, eine Band, wie gemacht für Momente, in denen man als Mann Abflussrohre reparieren muss und dabei dennoch kein Prolet ist, der kettenraucht und zu WDR4-Musik über Treue und Liebe seine Frau schlägt. "Denn alleiner warst Du nie", singt der Sänger mit rauer, herzlicher Stimme, die mich zugleich an Chuck Ragan von Hot Water Music und an Hans Hartz erinnert. Hans Hartz hat in meiner Kindheit auf Schlager-Compilations meiner Eltern gesungen, sein größter Hit handelte glaube ich von weißen Tauben. Es war kitschig, romantisch und irgendwie männlich. Wer sowas als Kind mochte, kriegt bei Jupiter Jones eine Gänsehaut. Jetzt verklingen die derben Punkrock-Gitarren und ein Cello spielt wie im Konzertraum eines alten Schlosses, dann kommt wieder so ein grandioses Lied, es heißt "Luft malen und Wunder erklären", ich höre zu, lasse mit brennenden Muskeln von dem Abflussruhr ab und beginne, zu weinen. Der junge Hans Hartz singt: "Ich kann die Stufen sehen/ ich kann die Stimmen hören/ kann kein Wort verstehen/ Erzähl mir nichts von Zeit und dass sie alles heilt/ es ist der Weg, nicht wer ihn geht/ es ist das wie, nicht wo Du stehst." Das plättet mich, ich bin wehrlos, ich liege am Samstag unter meiner Wanne, braunes Wasser suppt aus dem Rohr auf mein Gesicht und mischt sich mit meinen Tränen. Meine Füße schauen unter der Wanne hervor, als hätte sie mich erschlagen. Ich zittere.
"Das ist ja unfassbar!" sagt Hartmut, der in der Tür steht und ich denke, er meint seinen unter der Wanne weinenden Freund. Meint er aber nicht. Er meint die Musik. Ich sehe seine Füße von unter der Wanne herannahen, dann bückt er sich und sein Kopf erscheint. "Du weinst", sagt er, wie es Forscher sagen, die eine ganz neue Schneckenart entdecken.
Ich wimmere, Hans Hartz singt: "wer zählt die Tränen, wenn Du weinst?"
Hartmut sagt: "Das rührt dich wirklich, oder?"
Ich sage nichts. Hans Hartz massiert mich durch, ich kann nichts dagegen machen.
Hartmut steht auf, ich krieche ganz langsam unter der Wanne hervor, er legt eine Hand ans Kinn, schaut in den Badspiegelschrank und fragt sich laut denkend: "Warum ist das so?"
Ich wische mir braune Soße im Gesicht herum, es wird nicht besser dadurch. Hans Hartz singt "Oh hätt' ich dich verloren". Ich kriege einen neuen Weinanfall.
Hartmut bleibt kühl wie ein Forscher: "Warum lässt mich das kalt? Warum finde ich das kitschig und Du weinst?"
"Weil ich Wannen repariere und Du Adorno liest", antworte ich leise. "Du denkst nur noch, Du fühlst nicht."
"Das ist ja wohl gar nicht wahr", sagt er, "und außerdem ist diese Kopf-Bauch-Dichotomie reaktionärer Unsinn."
"Was für ein Ding?"
"Dichotomie."
"Ich brauche eine neue Dichtung."
Wir schweigen eine Runde, das Cello begleitet wieder Jupiter Jones' Männer-Wein-Rock.
"Was hast Du denn für Gegenvorschläge?" frage ich.
Hartmut dreht Jupiter Jones herunter, geht in sein Zimmer, macht eine CD an und zeigt mir die Hülle, während leicht komplizierter, instrumentaler Rock ertönt, der wie eine Jam-Session begabter Fummeler klingt. Die Band heißt Radar, ihre Platte "Rollsplitt".
"Home Sweet Home Records", sagt Hartmut, "eine neue Plattenfirma, gegründet für künstlerische Freiheit und das in diesen Tagen." Ich stehe neben ihm und lass die Arme hängen. Ich tropfe. Mein Gesicht sieht aus, als wäre Pflanztopf-großes Nutella-Glas mit Schlamm auf mich gefallen. Caterina betritt das Bad und schreckt zurück. Dann lacht sie. "Da wird der Zungenkuss zur Feldforschung", sagt sie und nimmt Hartmut die CD-Hülle ab. "Das ist sehr schön gestaltet" sagt sie, "da ist jemand mit Liebe bei der Sache."
"Ich finde das nichtssagend", sage ich und mache Schmolllippen.
"Diese Rockmusik hat kein Zentrum", sagt Hartmut, "nicht nur, weil niemand singt. Sie legt sich nicht fest auf eine Emotion, sie drückt Dir keine Tränen auf. Oder raus. Sie ist ein Rhizom."
"Man kann Theorie nicht hören", sage ich.
"Ich finde das hier gut", sagt Caterina und tauscht die CD aus. "Das kannst Du ausstellen, so elegant ist das. Einfach nur Popmusik mit Gitarren, aber eben so, nun ja, rund. Leicht, aber nicht leichtfertig. Die kommen aus Wien, da versteht man was von stilvoller Bequemlichkeit."
Wir hören schöne Songs, unaufgeregt, harmonisch, manchmal erinnern sie an Dave Matthews, den nur Amerikaner mögen und eben ich. "Wisst ihr wie die Band heißt?", fragt Caterina. Ein Nutella-Klumpen fällt von meiner Nase auf die Fließen. "wemakemusic*. Das finde ich schon wieder super, unprätentiöser geht's nicht, oder? Die Platte heißt 'In A Living Room'". Sie kichert.
"Da nimmt jemand die Kohärenz zwischen Inhalt und Form Ernst", sagt Hartmut.
"Könnt ihr mal mit euren Fremdwörtern aufhören", sage ich, der Badewannen-Reparierer.
Dann kommt Susanne rein, versteht augenblicklich die Lage, nimmt mir die Rohrzange aus der Hand, legt das unfassbare, spröde, den Hörer anspuckende Gebretter der neuen Queens Of The Stone Age-Platte "Era Vulgaris" auf, schiebt sich unter die Wanne, dreht präzise an etwas herum, macht Griffe mit gespannten Muskeln, kommt wieder hervor, drückt mir die Zange in die Hand und sagt: "Fertig!"
Der Hans Hartz von Jupiter Jones singt davon, dass etwas "Sinn macht", obwohl Bastian Sick es ausdrücklich verboten hat. Ich wasche mir das Gesicht und knutsche Caterina.


Die CDs:

JUPITER JONES
Entweder geht diese scheußliche Tapete - oder ich.
Mathildas Tonträger, im Vertrieb von Broken Silence
Hörproben
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QUEENS OF THE STONE AGE
Era Vulgaris
Universal
Hörproben
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RADAR
Rollsplit
Home Sweet Home, im Vertrieb von Poordog
Hörproben
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WEMAKEMUSIC*
In A Living Room
Eigenproduktion, zu kaufen unter wemakemusic.cc
Hörproben
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7. Folge


Ich liege in der Wanne und stelle mir vor, die Schaumberge auf meinem Bauch wären Bergketten in der Prärie. Staub zieht über trockenes Land, ein paar Desperados bedrohen einen einfachen Farmer, der sein Land verkaufen soll und ermorden ihn kaltblütig, weil er nicht klein beigibt. Danach beginnt die Westerngitarre zu spielen und ein bärtiger Mann pfeift in die Hitze hinein, viel zu heiter für das eben Geschehene. Ganz im Hintergrund erheben sich meine Füße aus dem Wasser, sie sind das Ende der Welt, die geheimnisvollen Skulpturen am Ende aller Wüsten, die Gegend, die sonst nur Salvador Dali und der Revolvermann aus Stephen Kings "Dunklem Turm" betreten können. Im Vordergrund trötet jetzt ein Gebläse, als hätten NoFX mit mexikanischen Hüten den Schauplatz betreten, sähen den Killern hinterher und pusteten uns in tarantinoesker Komik den Marsch. Ich muss mir das alles so detailliert vorstellen, denn es ist ja niemand da, mit dem ich darüber reden könnte. Hartmut, Susanne und Caterina stehen draußen auf der Straße und warten darauf, dass ein Mann unser Haus passiert, der angeblich für einen Barfußlauf quer durch Nordrhein-Westfalen trainiert. "350 Kilometer will der zu Fuß gehen!", hat Hartmut gesagt, "das muss man sich mal vorstellen. 350 Kilometer auf blanken Sohlen. Allein die Geste: Da macht einer eine Tournee barfuß, er vermeidetet nicht nur das Auto, sondern auch noch die Bahn und das Rad. Und die Schuhe! Er kehrt bewusst zur unentfremdesten Fortbewegungsform zurück, zur einzigen, welche die Strecke in ihrer ganzen Länge fühlbar machen kann. Goethe hat damals für seine Reisen mit der Kutsche Tage gebraucht für Entfernungen, die wir in 30 Minuten mit dem ICE zurücklegen. Das versteht doch keiner mehr. Der Barfußtyp führt uns das in die Erinnerung zurück!" So redete Hartmut, und ich wurde müde, denn irgendwie ist mir das alles zu viel. Es sollen mir nicht andere Männer vormachen, was sich alles leisten lässt. Es marschiert ja auch nicht ein Wrestler wie Batista in unsere UPS-Zentrale hinein und räumt das Band in 40 Minuten leer.
Calaveras spielen weiter, mit Geigen und Besenschlagzeug trappeln sie über die Prärie und der Sänger croont wie eine Mischung aus Tom Waits, Nick Cave und Chris Rea seine Räuberpistolen in meine Schaumbad-Western-Landschaft, Geschichten mit Titeln wie "Glowing Sun" oder "South Of Vera Cruz", immer pfeifend, immer staubig und traurig und doch mit den mexikanischen Komikern im Hintergrund, kurz vor meinen Zehen, auf meinen Zehen, wippend, tanzend. Es ist schon toll, man kann in diese Platte hineinfallen, die Hartmut blind bei Home Sweet Home bestellt hat, weil er nun alles bei diesem Label bestellt, das keine Strichcodes auf seine CDs druckt, was ihn schon allein überzeugt
Ich sehe den Barfußmann durch die Hügel ziehen, auf und ab, Caterina, Susanne und Hartmut wie kleine Strichmännchen am Fuße des Hügels, hoch schauend, ihn nahezu anbetend zu den traurigen Geigen und locker gezupften Gitarrenseiten vom Friedhof ohne Namen.

"Er kommt, er kommt!", ruft Caterina plötzlich durch Hartmuts Schreibtischfenster hinein, das nebenan geöffnet ist und ich antworte: "Mag er auch kommen, so bade ich doch!"
"Aber er kommt. Barfuß, hier die Straße rauf!"
"Er trainiert nur", sage ich, "dann wird er heute noch öfter vorbeikommen!"
Caterina seufzt.
"Hast du schon Kevin Basler gehört?"
Ich puste in den Schaum. "Nein!"
"Mach das mal!"
Ich schüttele meine Zehen, so dass die Trompeter mit ihren Hüten hinabpurzeln.
"Okay", sage ich und hole missmutig die Calaveras-CD aus dem Ghettoblaster. Ich finde das alles merkwürdig. Ich habe das Gefühl, als liege hinter den Hügeln ein Land, in dem wir Barfußläufern noch öfter begegnen werden. Irgendwann. Ich huste. Ich schiebe Kevin Basler ein. Was Caterina nur immer mit Kevins hat. Kevin Werdelmann und Slowtide, jetzt Kevin Basler und seine namenlose Band. Würden Kevin Spacey, Kevin Kline und Kevin allein zuhaus Platten aufnehmen, würde sie die so blind kaufen wie Hartmut die Alben ohne Strichcodes. Aber gut, ihr zuliebe hören wir mal.
Ich höre und suche nach Schwachpunkten, weil ich eifersüchtig bin. Wir kennen diesen Kevin persönlich, er hat mal in der Nähe gespielt, allein mit seiner Gitarre, akustisch. Ich muss zugeben, dass ich baff war. Ich rief sogar ein genetisches Institut in Zürich an, um herauszufinden, ob junge Männer mit dem Namen Kevin immer automatisch so ein großes Songwriting-Talent haben. Denn das hat er. Jetzt hat er sich allerdings eine Band genommen und sein Album "Loud Is The New Loud" genannt. Und da habe ich es leichter, Schwachpunkte zu finden und in ihnen zu pulen wie in den großen Bläschen meines Badeschaums. Laut klingt Basler nämlich ungelenker als leise, was vor allem an zwei Dingen liegt. Erstens: Seine Band spielt zwar gut, aber irgendwie nicht aus einem Guss. Ich bin kein Musikkritiker, ich bin UPS-Packer, ich kann das nicht erklären. Vielleicht liegt es an der Art der Aufnahme, aber häufig hat man das Gefühl, diese Rockmusik wäre absichtlich so gestaltet wie die Hard Edge-Malerei, die Caterina mir mal erklärt hat. Eine abstrakte Kunst mit klaren Flächen, die streng voneinander getrennt sind. Alles steht nebeneinander, fließt nicht zusammen, ist sozusagen gleich laut, gleich weit vorn. So klingt der laute Basler-Rock. Das ist nicht immer von Vorteil, denn die Melodien kommen eher aus der Zeit, als Hartmut beim Stagediven auf der Schulfete aus 2 Metern Höhe neben den Religionslehrer auf den Rücken fiel, also aus der Zeit des Grunge - und der sollte nicht wie Hard Edge, sondern verwaschener klingen. Basler singt und presst daher auch häufig wie dieser Daniel von Silverchair oder Kurt Cobain, hat aber eigentlich den Pop im Blut. Das passt nicht immer zusammen und führt zu einer gewissen, spürbaren Anstrengung beim Singen.
"Die Lieder an sich sind gut! Künstler dürfen sich auch neu erfinden, aber leise fand ich überzeugender!" rufe ich zum Fenster raus, doch Caterina ist wohl schon wieder an der Straße und guckt den Barfuß-Knallkopp.

Ich bin auch ein Mann, Kevins und Barfußknallköppe hin oder her. Also steige ich aus der Wanne, lege mir ein Handtuch um, tausche die CDs aus, schiebe meine neue Lieblingsband The Gaslight Anthem in den Player, warte, bis es loslegt, stiere bei den ersten Takten noch gegen die Fliesen und lege dann los. Ich schaue an mir herunter, zucke mit meinen beeindruckenden Packer-Bauchmuskeln, lasse dann die Hüfte kreisen und schließlich den Bizeps rein- und rausspringen. Das ist die Aufwärmphase. Dann kommt Lied 2, "I Could'da Been A Contender", der beste Punkrock-Song seit Jahren und seit The Draft. Ich lege los. Schwinge die Beine auf und ab und die Arme hin und her, reiße zwei Badeschaumflaschen von der Ablage, trete Zahnpasta vom Becken und zerre wie ein Irrer an den Wäscheleinen, bis die Haken in den Fugen bröseln. Die Band spielt die Bridge, es ist ein Traum, es stimmt alles. Die Stimme liegt zwischen Bruce Springsteen, Chuck Ragan und einem der guten Cowboys, die die Killer von vorhin hätten aufhalten können. Der Grooveteil zur quietschenden Gitarre, das Zurück-auf-die-Straße und in den Refrain, die ganze Power. So viel Soul in den Stimmbändern, so viel rauhe Energie bei so viel Melodie. "Wooderson", wieder so ein Über-Lied. Wie Jupiter Jones auf Englisch. Ich zerre an der Wäscheleine, bis sie reißt, wickle mich darin ein, verliere das Handtuch und renne nackt, nur von einer blauen Wäscheleine ummantelt, in den Hausflur, als die anderen von ihrem Barfußmann-Gucken reinkommen. Ich zerlege noch die Ablage im Flur, dann sehe ich meine Mitbewohner und meine Freundin schwitzend an, wieder mal pippinass vor Tränen und schweißnass vor Wohnungs-Pogo. "Ich... Mann!" stammele ich noch.
Dann schleiche ich ins Bad zurück und lege mich zum nächsten Superlied auf der CD ohne schlechte Lieder wieder in die Wanne. Draußen höre ich, wie sich leise harte Hornhaut auf Asphalt entfernt.


Die CDs:

KEVIN BASLER
Loud Is The New Loud
Hidden Tracks, Vertrieb über hidden-tracks.de oder kevinbasler.de
Hörproben
Homepage

CALAVERAS
Calaveras
Home Sweet Home, im Vertrieb von Poordog
Hörproben
Homepage

THE GASLIGHT ANTHEM
Sink Or Swim
Gunner, im Vertrieb von Broken Silence
Hörproben
Homepage

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8. Folge


Boah, ist das brutal. Ich gehe mit einem Kung-Fu-Männchen von rechts nach links und meine Gegner kommen von beiden Seiten. Ich kann schlagen, treten und springen. Mehr nicht. In modernen Spielen gibt es 124 verschiedene Combo-Möglichkeiten. Man drückt X und Y gleichzeitig, dann schräg oben, schräg unten, zwei mal B, einmal Select, viermal R, einmal L, links unten, rechts oben und zwei mal links und im Nu zündet die eigene Spielfigur eine Atombombe und vernichtet sämtliche Gegner des Spiels sowie die Gegner der meisten in der Wohnung befindlichen anderen Spiele gleich mit. Aber bei "Spartan X" von 1984 gibt es nur Schlag, Tritt und Sprung. Und das ist sauschwer.

Hartmut hat es auch nicht leicht. Er hört nebenan in seinem Zimmer wieder die neueste Avantgarde-Musik, während ich in der Wanne Uralt-Klassiker spiele, von denen eine obskurse chinesische Firma über 250 Stück auf ein einziges Modul für den Game Boy Advance gepackt hat. All diese Spiele waren mal Module oder gar ganze Spielhallenautomaten. Würde man sie in ihrer Originalgestalt nebeneinander aufreihen, reichten sie von hier bis runter zur Tankstelle an der Königsallee. Ähnliches kann man über Hartmuts Vinyl- und CD-Sammlung sagen, der diese Woche zwei Werke hinzugefügt wurden, die er "mehrfach kauen" muss, wie er sagt. Gerade steht er wie ein Schamane in seinem Zimmer und führt einen Regentanz auf. Es erinnert mich an den schlammverseuchten Hepatitis-Mann von Hannos Konzert damals in Recklinghausen. Hartmut versucht, der Stimmung der CD nachzufühlen, deren Rhythmen so laut durch seine Anlage braten, dass die Kacheln im Bad wackeln. Es handelt sich um Mike Pattons Rockband Tomahawk, die nun ihrem Namen alle Ehre macht und alte indianische Musik spielt, diese allerdings als Rock. Es ist lauter, wuchtiger. Patton macht den beschwörenden Ritualgesang der alten Häuptlinge nach und klingt trotzdem nach sich selbst, aber diese Rhythmen, die haben sie übernommen, kultiviert bis zum Beklopptwerden. Es rumpelt und trommelt und droht, als zöge ein Gewitter auf. "Jawoll!" ruft Hartmut, "gleich bricht der Urgrund aus meinem Teppich!" und er ist mal wieder halbnackt bei seinem Tanz, nur ein langes T-Shirt hat er an und sonst nichts, was noch unanständiger ist, als wäre er ganz nackt, weil immer, wenn er beim Hüpfen aufstampft, sein Geschlecht unter dem T-Shirt hervorlinst. Caterina neckt mich häufig damit, dass es doch kein Zufall sein könne, dass ich Game Boy spielend immer genau dann bade, wenn mein Mitbewohner nackt in seinem Zimmer herumläuft, aber würde ich mit dem Baden die Momente abpassen, in denen Hartmut in der eigenen Wohnung mal angekleidet bleibt, käme ich nie zum Baden. Oder zu kurz. Mein Kung-Fu-Kämpfer wird wieder umgehauen, es gab keine Speicherpunkte 1984.

"Das ist mal was!" sagt Hartmut und kommt in seinem "gerade bei Hugh Grant aufgewachte Schauspielerin"-Hemd in Übergröße an meinen Wannenrand. Er wedelt mit dem Cover. "Wie weit kann man zurück gehen? Wo liegen die Ursprünge? Im Blues der alten Männer oder was? Nein, hier, mein Freund, hier. Bei den Ureinwohnern Amerikas. Weiter kann man dort nicht zurück. Das ist mal eine Idee, eine Hommage! Und wie gut das zu ihm passt."
Ich sage: "Ich mag Patton nicht. Er arbeitet ständig und macht mir Angst. Außerdem hat Denison die alten Indianer-Manuskripte aufgetan!" Hartmut hat den Mund offen. Ich habe neulich heimlich darüber gelesen. Man muss manchmal nur ein wenig Zeit investieren. "Ja ja, Patton ist auf seine Art ein Macho, aber das ist wirklich, das ist..." Er zögert, ein neuer Rhythmus wandert aus seinem Zimmer in seinen Körper und zieht ihn tanzend wieder aus dem Bad.

Ich wähle ein anderes Spiel an. Spelunker. Männchen in Mine. Springen, Sammeln, Kriechen. Ich springe, sammele, "falle" von einem höchstens einen Millimeter hohen Vorsprung und sterbe. Game Over. Nur ein Leben, keine Continues. Nebenan geht eine neue CD an. Ein Hesse erzählt in hessischem Dialekt von der Lebensqualität seiner Stadt und macht sie an den Fressbuden fest. "Unsere Stadt? 16 Chinesen, 25 Italiener. Was heißt da schon klein?" Dazu schrammelt etwas gitarrenähnliches und ein anderer Mann nölt im Hintergrund gleichförmig "All you can eat". Der Hesse sagt: "Zwei Nordsee-Filialen. Ein H&M. Und Karstadt hat bei uns auch noch nicht zugemacht." Ich sterbe mit dem Spelunker nach einem "Sprung", den andere Videospielefiguren nicht mal als Schritt werten würden und nebenan sagt der Hesse: "Und jetzt dieses neue Einkaufszentrum mit Bowling-Center." Der Background-Sänger wird langsam verrückt, er blökt 'all you can iiiieeeeee' immer länger, wie ein Manager mit Burnout, der beginnt, seine eigenen Socken zu essen." Game Over steht auf dem Game Boy, man hat nur ein Leben in der Mine. Wir machen es uns heute nicht leicht.

"Geil. Geil, geil, geil!" sagt Hartmut und kommt wieder ins Bad. "Da muss man doch erst mal drauf kommen!" Ich schaue ihn an, Schaum auf der Nase. Ich zeige auf meinen Game Boy. "Wenn Mario so einen Sprung machen würde, er würde ihn als Tauchen bezeichnen!" Ich schreie. "Die Sau stirbt hier an dem Mini-Stüfchen! Wie haben die denn damals gearbeitet?"
"Manchmal ist es gut, wenn es einem nicht zu leicht gemacht wird!" sagt Hartmut.
"Ja, wenn die Sachen gut sind. Aber manches wird doch nicht zum Spielen gemacht, sondern nur, weil sie einen quälen wollen. Weißt du, wovon ich neulich geträumt habe? Eine schöne, große Landkarte. In den Dörfern mal ein Spiel hier und da, nicht zu schwer, nicht zu leicht, und alles eine Augenweide."
"Das klingt gut", sagt Hartmut.
"Was ist da für ein Hesse in deinem Zimmer?" frage ich, denn der Hesse spricht wieder, dieses Mal zu einer schummrigen, elektronischen Musik. Er erzählt von einer Schickimicki-Party: "Klänge, halbelektronisch", sagt er, "Luft in Orange gehüllt. Nur die Themen sind immer dieselben, die Themen bleiben gleich." Es klingt irgendwie sarkastisch, aber nicht wie der Sarkasmus Überlegener, nicht, wie der Sarkasmus meines Chefs klingen würde. Eher verzweifelt. "Einfach Trinken, einfach schweigen", sagt der Hesse, "oder über neue Filme reden". Dann beschreibt er einen alten Typen im Karohemd, der die Party sprengt und nostalgisch von früher redet, als die Stranglers noch dort spielten und alle sich Bier in die Haare gossen statt Cocktails. "Pass auf, hier, hör mal den Satz!" Hartmut skippt zurück, es wird auf Kuhglocken oder Töpfe geklopft, geklatscht, ein Bass gezupft, eine Gitarre jault. Der Hesse beschreibt das Leben eines hippen Rockjournalisten. "Du hast die Nummer von den White Stripes und immer ein Bett in Brooklyn frei. Jetzt sag nicht, dass alles immer alles dasselbe wäre, alles immer nur Hype. Denn wenn es wirklich anders wäre, wärst du nicht dabei."
"Der Mann predigt", sage ich und schalte den Game Boy ab.
Hartmut schaut mich an wie ein Kursleiter bei Bibel TV.
"Der Mann ist super", sagt Hartmut. "Da stimmt alles. Schau mal hier, das Cover ist per Hand gemalt. Hier, wie ein Zettel am schwarzen Brett, da steht 'Praktikant sucht Postpunk-Band'. Die Gruppe heißt Pechsaftha, weil ein Mann an der Campingplatzrezeption am Telefon 'Pech, Sascha' gehört und daraus einen Namen gemacht hat. Die singsprechen einfach Hessisch. Die treffen sich wenn sie Bock haben in Sommerpensionen, bauen Töpfe und Instrumente auf und machen sich darüber lustig, dass normale Rockmusik heute so ein Routinebetrieb ist wie euer Fließband bei UPS."
"Ach, Hartmut", sage ich.
"Und dass die Leute Städte nach den Einkaufsmeilen beurteilen. Dieser ganze hippe Cappuchino-Scheiß. Hast du gelesen, dass für Biosprit aus Mais in Kolumbien Bauern enteignet und ermordert werden? Mit dem Sprit daraus fährt dann hier so ein Popjournalist durch die Gegend und hört im Bio-Auto Protestlieder gegen den Imperialismus. So sieht es doch aus!"
"Ach, Hartmut", sage ich noch mal und bleibe still.
Er sieht mich an, in meinem warmen Wasser. Lang. Dann sagt er: "Du verstehst mich viel besser, als du immer tust." Er macht kehrt und geht in sein Zimmer. Der Hesse sagt: "Ich bin ihr Kellner, das Licht bleibt an und die Tür nach außen zu." Ich mache den Game Boy wieder an. Wir machen es uns nicht leicht.


Die CDs:

PECHSAFTHA
Dick in Frisco
Tumbleweed, im Vertrieb von Broken Silence
Hörproben
Homepage

TOMAHAWK
Anonymous
Ipecac, im Vertrieb von Soulfood
Hörproben und Homepage


Die Spiele

SPARTAN X
Info

SPELUNKER
Info

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9. Folge


Es lärmt. Aus Hartmuts Zimmer. Wieder mal. Caterina und ich versuchen derweil im Bad, dem Gesang Tobias Rögers zu lauschen. Der nannte sich mal Honolulu Silver und sang bei den Wohlstandskindern, meiner liebsten Pop-Punk-Gruppe des Landes. Hanno, Martin, Hartmut und ich haben einmal eine heftige Nacht bei einem ihrer Konzerte in Krefeld verbracht. Ruppiger, aber zutraulicher Pogo mit weinenden und lachenden Teenagern, harter Suff auf dem Parkplatz, das ganze Programm. Hartmut hat es auch genossen, aber anders als ich oder Martin konnte er sich nie ganz auf die Gefühle einlassen, die man dabei so durchmachen kann. Unreflektierte Gefühle sind ihm suspekt, zumindest wenn sie von nur vier Akkorden und einfachen Melodien verursacht werden. Mit Ton - der neuen Band von Tobias - kann er daher gar nichts anfangen. Ein melancholischer, herzzereißender Gitarrenpop mit traurig-trotzigen Texten, der sich genauso anhört wie sich ein Blick anfühlt, der am frühen Abend durch verlassene Wald- und Wiesenlandschaften schweift. Auch das ist Hartmut suspekt. Er hört gerade wieder unfassbar schräges Zeug, während ich in einem traumhaft duftenden Mix aus Eukalyptusbad als Grundlage und Kopfnoten von "Wildwiese" und "Pflege des Südens" liege und Caterina am Waschbecken steht und an ihren Augenbrauen herumzupft. Tobias kommt gegen die Apokalypse von nebenan nicht an, es ertönen völlig aus dem Takt stolpernde Gitarren, die nicht kraftvoll durchgespielt, sondern zum Surren gebracht werden wie eine Horde Heuschrecken. Ein verstimmter Bass deutet dazu einen Rhythmus an. Die Instrumente verzahnen sich und dann doch wieder nicht; die schiere Wiederholung macht das ganze zu einer abtraumhaften Trance. Kein Hollywood-Albtraum, sondern ungarischer Kunstfilm. Die Tür geht auf. Hartmut steht darin, ein dickes, gelbes Buch in der Hand.
"Hier steht alles drin!" sagt er. "Zeig mir einen Mann, der besser über Musik schreibt und ich arbeite eine Woche freiwillig als Assistent für Roland Pofalla!" Ich kneife die Augen zusammen und tue so, als lese ich den Titel zum ersten Mal. "Rip It Up And Start Again" von Simon Reynolds. "Schmeiß alles hin und fang neu an. Post-Punk 1978-1984." Ich habe dieser Tage heimlich selber in dem Buch geblättert. Ich lasse heißes Wasser nach und sage: "Ich kenne nur Post-Pop." Hartmut ignoriert meine Bemerkung und sagt: "Das da eben waren Mars. Und warte, das hier...", er rauscht ins Zimmer zurück, hebt die Nadel, legt sie wieder ab, lässt uns ein anderes, sehr kaputtes Stück mit Sängerin hören und stellt sich wieder in die Tür, "... das ist Lydia Lunch. Wisst ihr, was die über Musik gesagt hat?" Ich puste in den Badeschaum, Caterina schüttelt mit dem Kopf. "Sie hat gesagt, sie verachte Musik, die fließt und wogt. Sie würde lieber Rasierklingen trinken." Ich lache. "So klingt das auch", sage ich. "Oder hier", sagt Hartmut - wieder Füße auf Teppich, Nadel auf, Nadel ab, jetzt ein Saxophon, dass wie kurz vor dem Kollaps über einem Trümmer-Rhythmus tänzelt - "James Chance und die Contortions. James Chance hat sich damals mit einem Kritiker auf dem Konzert geprügelt. Diese Leute haben in Trümmervierteln von New York gelebt. Kein Geld, viele Drogen und jeden Tag zwanzigtausend Ideen. No Wave. Sie wollten Rock vernichten." Hartmut strahlt. Caterina zupft. Ich stelle das heiße, nachlaufende Wasser auf einen dünnen Strahl, der umso lauter in der Leitung plärrt. Ich sage: "Hartmut, warum müssen so Künstlertypen eigentlich immer den Rock vernichten?"
Hartmut sieht mich an, als hätte ich gefragt, warum Menschen auch mal was anderes als Hamburger essen. Ich bringe meine geheime Lektüre ins Spiel und sage: "Throbbing Gristle haben in Museen vor Kunstpublikum gespielt und sich währenddessen einen blutigen Einlauf gemacht. Sie haben Tonfrequenzen und Lichteffekte ausgetestet, mit denen die Zuschauer ernsthaft verletzt werden konnten."
"Ja", sagt Hartmut. "Sie wollten das Publikum aus seiner Passivität erwecken. Aus dem dämlichen, bewundernden Auf-die-Bühne-Gestarre." Ich erinnere mich an früher, an das Konzert in Krefeld, als Tobias noch Honolulu hieß. "Wenn man die Distanz zwischen Publikum und Star niederreißen will, geht das also am besten, indem man sich einen Einlauf macht und die stinkende Soße dann vor die Füße der Zuhörer fluten lässt?" Hartmut zögert. Ich spreche schnell weiter, bevor ihm eine Theorie dazu einfällt: "Also ich finde ja, die Distanz ist genug überbrückt, wenn man auf die Bühne springen, mitsingen und hinterher mit der Band einen trinken kann." Hartmut schnauft ein bisschen. Das macht er immer, wenn ihm jemand zu untheoretisch argumentiert. "Das ist rockistisch", sagt er. "Diese Verbrüderung. Musik kann doch mehr sein als sentimentale Männergemeinschaft. Sie kann nach Neuem suchen, experimentieren, ganz andere Lebensformen denkbar machen."
"Ach ja?" sage ich und freue mich, dass ich das Buch neulich in einer Mischung aus Himbeer-, Rosen- und Marzipanbadeschaum quergelesen habe, "welche Lebensformen denn? Wonach haben Gang of Four sich noch gleich benannt? Nach den Nachlassverwaltern von Mao, oder? Das ist natürlich eine ganz besondere Lebensform."
"Jetzt wirst du unfair", sagt Hartmut und ich weiß nicht genau, ob er es unfair findet, dass jemand wirklich mal die Quellen gelesen hat, auf die sich ein Intellektueller wie er sonst so überlegen beziehen kann oder ob er es unfair findet, dass ich ihm die marxistische Haltung dieser Bands um die Ohren haue. Caterina lächelt still im Spiegel. Sie erlebt mit, wie ich Hartmut herausfordere. Das habe ich nicht vom ersten Tag an gekonnt. Jetzt geht es langsam immer besser. Das findet sie sexy. Also mache ich weiter: "Diese Leute haben alles versucht, damit Gitarren nicht 'fett' klingen, sondern dünn und kalt wie Messer."
"Ja", sagt Hartmut, "um der Entfremdung einen angemessenen Ausdruck zu geben."
"Was bedeutet Entfremdung?" frage ich.
"Die Verlorenheit des Einzelnen in seiner Funktion als bloßes Rädchen in der kapitalistischen Maschine. Du bist Malocher, du kennst doch sowas!"
"Wir hören nach der Maloche sehr sehr fette Gitarrenmusik. Und während der Maloche hören wir WDR 2."
"Das ist doch kein gangbares Argument."
"Würden wir am Fließband auch noch Musik hören, die das Maschinelle des Fließbands selbst vertont, würden wir bekloppt!"
Hartmut schnellt vor und rutscht fast auf dem Wäscheberg aus, der sich im Bad auf dem Boden gebildet hat. Er hält sich am Wannenrand fest und sagt: "Das ist es doch eben! Der Rock ist Kompensation für eure Entfremdung. Er hält euch als Freizeit fit, um am Fließband funktionieren zu können. Und ist dabei strukturell so berechenbar geworden wie eure starken, männlichen Handgriffe!"
"Diese frühen Industrial-Bands", sage ich, "die haben mit faschistischen Motiven gespielt, um den Faschismus zu entlarven."
"Ja, und?"
"Sie haben sich für Serienkiller begeistert."
"Als Motiv, ja."
"Sie haben im echten Leben sogenannte 'Zigeuner' mit Extrembeschallung vom Gelände gejagt und sich selbst wie Faschisten aufgeführt."
"Als Aktionskunst! Um das Faschistoide im Spießer zu entlarven." Ich denke daran, wie Hartmut damals den Radfahrer vom Sattel schmetterte, um den männlichen Begriff der Kampfbereitschaft zu entlarven. Ich sage: "Hartmut?"
"Ja?"
"Wenn ich demnächst gegen rücksichtslose Schläger protestieren will, mache ich das also am besten, indem ich bei Edeka unten einen Rentner zusammenschlage, um so direkt wie möglich zu zeigen, wie schlimm Gewalt ist?"
"Also, so kannst du das jetzt auch nicht drehen..."
"Doch, kann ich."
Hartmut denkt nach. Das Tolle an Intellektuellen ist, dass sie irgendwann so viel begründen können, dass sie noch ein entsprechendes Theoriegerüst finden würden, um Großmütter zu überfallen und ihre geraubten Papiere wie Mobilees an Angelschnüren von Autobahnbrücken abzuseilen.
"Weißt du, was ich denke, Hartmut? Ich denke, dass sich am besten gegen den Faschismus protestieren lässt, indem man Liebeslieder singt. Wie Tobias Röger zum Beispiel. Oder Phil Collins."
Hartmut zuckt zurück, als ich das sage. In einer Debatte über ein Buch von Simon Reynolds Phil Collins zu erwähnen muss für ihn ähnlich schlimm sein wie die Erwähnung Salman Rushdies für den geselligen Austausch in einer Ehrenfelder Moschee.
"Der Rückzug ins Idyll ist niemals eine Lösung", sagt er, "ganz im Gegenteil. Die politische Romantik hat das ganze Elend doch hervorgebracht. Die Ablehnung der Moderne, das Sehnen nach einem völkischen Ursprung, einem goldenen Zeitalter."
"Ja, wie?" sage ich, "eben hast du noch gesagt, Musik muss eine andere Welt denkbar machen und die Moderne ist böse."
"Ja, die Industrielle. Euer Fließband, da. Neun Live."
"Wo Freiheit ist, ist auch Neun Live", sage ich. "Das ist Schade, aber das ist so."
"Wo Freiheit wäre, würden VW-Manager nicht auf brasilianischen Huren herumreiten und danach der Regierung neue Knebelgesetze für die Sozialhilfe empfehlen, die nach ihrem Namen benannt sind!"
"Und das ändert sich alles, wenn man die Gitarre nicht rockistisch, sondern knöchern spielt?"
"Das ändert sich, wenn Menschen tun, was sie wollen."
"Aha, dann ging es diesen Leuten aus dem Buch da also gar nicht um das große Ganze, sondern um ihre eigene Selbstverwirklichung?"
Hartmut überlegt. "Das eine ergibt das andere. Glaube ich. Je nachdem..."
"Es ist sehr kompliziert", sage ich.
"Ja, es ist sehr kompliziert", sagt Hartmut.
"Kompliziert und spannend", sagt Caterina.
"Da sind wir uns einig", sagt Hartmut.
"Besser spannend als eintönig", sage ich und meine es auch so. Im Grunde mag ich ja diesen Übermut. Ich meine, hey, mein Mitbewohner hat schon zum Advent das Haus wie Christo verhüllt, eine gefälschte Doku-Soap in der WG veranstaltet, unseren Kumpel Steven als "seinen Neger" auf den Fußballplatz gezerrt, um die Rassisten zu entlarven und die Nachbarschaft komplett sabotiert, um zu schauen, was passiert. Wer, wenn nicht ich, würde übermütige Wahnsinnige, die alles ausprobieren, nicht verstehen können? Nur mit Mao sollen sie mir fern bleiben. Hartmut kehrt in sein Zimmer zurück, setzt sich an den Schreibtisch und denkt. Ich lasse Wasser nach, stelle wieder Tons ergreifende, gnadenlos sentimentale, unheimlich ungebrochene Lieder an und winke Caterina, für einen nicht-konzeptuellen Kuss an den Wannenrand zu kommen.

Es ist ein guter Abend.
Theoretisch.
Praktisch auch.


Das Buch:

SIMON REYNOLDS
Rip It Up And Start Again. Postpunk 1978-1984.
Hannibal
Homepage


Die CD:

TON
Wir haben die Zeit sie uns zu nehmen
Die Opposition, im Eigenvertrieb
Hörproben
Homepage

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10. Folge


Wenn man die Inselbildung von Badeschaum regelmäßig beobachtet, wird man feststellen, dass sich in 85% der Fälle während des Badens die Erdgeschichte noch einmal abspielt. Es bilden sich zunächst ein bis zwei riesige Urkontinente, die nur wenige unabhängige Schaumfetzen am Wannenrand oder zwischen den Beinen zulassen. Später dann trennen sich Landmassen von diesen Urkontinenten ab und formen neue, kleinere Gebilde. So auch heute. Ich versuche, mir zu den Gebilden Namen auszudenken, die urkontinental klingen, doch es fällt mir schwer, da Hartmut nebenan wieder sehr laut Musik hört. Wenn Hartmut laut dreht, handelt es sich meistens nicht um Musikstile, die man "üblicherweise" laut drehen würde, sondern um krudes Zeug. Immerhin ist es heute Zeug mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und klarem deutschen Gesang, wenn auch die Gitarren zwischen schräg und brutal und der Gesang zwischen schwärmerisch und Universitätsdozent schwanken. Der Sänger teilt uns mit, dass er es sehr anstrengend findet, "Unter anderen" zu leben, den "Bus in die Freiheit" sucht und von uns erwartet, doch bitte in Zukunft "schlecht" zu sagen, wenn wir "schlecht" meinen und nicht "leider schwierig". Das klingt wie ein Kommentar zu seiner eigenen Musik, bei der ich auch nicht weiß, ob ich "leider schwierig" sagen soll und mich dadurch gegenüber Hartmut wieder als Kunstbanause entlarve.
"Pendikel!", sagt Hartmut und reißt die Tür auf. Das Geschepper der Band schwappt noch mal doppelt so laut hinter ihm ins Bad und schubst ihn wie eine Flutwelle. Nicht wie eine massive, effektvolle, sondern eher zerfleddert und kaputt wie ein Schwall aus einem Rohrbruch. "Pendikel!"
"Das wäre ein guter Name für meinen Urkontinent", sage ich. Hartmut stutzt einen Moment. Dann sagt er: "Die Band. Pendikel. Neue CD. Unveröffentlichte Lieder, von anderen neu gemischte Lieder, sonst kaum zu kriegende Lieder." Er zeigt mir das Booklet der CD, in Bastelpapieroptik gestaltet. "Reise ins Gewisse" steht darauf.
"Ist das nicht ein großartiger Titel?", sagt Hartmut. "Wir reisen immer nur ins Vertraute. Also auch im übertragenen Sinne. Hören, was wir immer schon gehört haben. Wollen Strophe, Refrain und Strophe. Wenn wir einen Film sehen, wollen wir Einleitung, Auslöser, Wendepunkt und Klimax. Käme bei den Nachrichten der Sport zu Beginn, würden wir schon bekloppt. Wir sind eingesponnen in ein Netz aus Formaten. Sogar die Sprache ist so ein Filter. Wir..."
Ich hebe meine Hand aus dem Wasser. Sie durchbricht den Urkontinent Pendikel und spaltet ihn in mehrere Teile. "Das ist also wieder so eine Fortschrittsband, die den Rock auflöst und die Wahrnehmung verändert?", frage ich.
Hartmut spitzt die Lippen. "Na ja, auflöst nicht, aber doch..."
Ich unterbreche ihn: "Warum singt der Mann dann 'sei echt!' Ich denke, 'echt sein' ist eine Lüge von den Bluesstammtischen pensionierter Sozialkundelehrer."
"Das Echtsein hier ist ein Echtsein zweiter Ordnung. Ein Durchbrechen der Phrasenhaftigkeit und eben der Formate. Hör dir das an, hier hast du ein Lied, das ist rein instrumental. Das ist nur Gitarrengezupfe, aber so ganz karg, als hätte David Gilmour einen Kater. Das stromert so vor sich hin und hört einfach auf. Und das nennen die dann 'Phantasievoll (aber unpraktisch)'. Dann covern sie Nick Drake und King Crimson und die Minutemen, geben aber zu, dass sie von denen nicht mal alles kennen. Der Gitarrist von Party Diktator hat sie mal mit Slint verglichen, woraufhin sie ihm gestehen mussten, Slint nicht zu kennen. Ich meine, 'Spiderland', hallo? Wenn ich solche Musik mache und Slint nicht kenne, kann ich auch gleich schreinern, ohne zu wissen, was Mahagoni ist. Wobei Slint eher Sperrholz wären. Gut, man könnte auch sagen, dass hier mehr Les Savy Fav drinstecken. Auch Shellac, mit weniger Kante." Hartmut legt das Kinn in eine Hand, legt den Kopf ein wenig schief und scheint die Ohren Richtung Decke zu strecken. Sein Blick ist der eines Ameisenforschers. "Ich höre auch ungewöhnlichere Verweise darin. Talk Talk zum Beispiel. Es steckt ein ätherischer Rationalismus in diesem Klang. Jesus Lizard. A Silver Mt. Zion."
Ich hebe einen Fuß aus dem Wasser und lasse ihn mit großem Getöse wieder hineinfallen. Drei Kontinente landen auf der Ablage oder kleben nun an der Wand. Ich sage: "Die Gesangsintonation eben bei 'laaange Naaacht', weißt Du, woran die mich erinnert?"
Hartmut zuckt mit den Schultern.
"An Tokio Hotel!"
Hartmut reißt die Augenlider so hoch, dass sie hinter der Schädeldecke verschwinden wie Rollos in ihrem Kasten über dem Fenster. Die Kontinente stehen still, kein Lüftchen geht mehr über ihren Wassern. Auf dem X-Men-Comic auf der Wannenablage hält Wolverine sich beschämt die Hand vor's Gesicht. Leise und mit der Betonung eines entscheidenden dramatischen Momentes in einem Wes-Craven-Film sagt Hartmut: "So etwas darf nicht gesagt werden..." Er blickt sich panisch um, als könnten Shellac, Talk Talk und A Silver Mt. Zion gleich aus den Kachelfugen springen und uns alle exekutieren. Für einen Moment teile ich diese Angst, dann sage ich: "Hartmut, darf ich Dich daran erinnern, dass Du es warst, der hier vor nicht allzulanger Zeit ein Tokio-Hotel-Legitimierungs-Experiment mit ahnungslosen Musikjournalisten durchgeführt hat?"
Hartmut hebt die Hand: "Das war kein Tokio-Hotel-Legitimierungs-Experiment, sondern ein "Die-Bigotterie-des-Rockjournalismus-Entlarvungs-Experiment!" Ich sehe Hartmut an, wie Angela Merkel einen cleveren Journalisten ansehen würde, der sie fragt, ob sie als Physikern ernsthaft an Al Gores Klimapanikmodell glaube. Sagen muss ich nichts. Nur verschmitzt merkeln. Hartmut wedelt mit den Armen. "Okay, okay, aber das geht trotzdem nicht. Man kann nicht über Einflüsse von Pendikel sprechen und dann... das geht einfach nicht. Schau mal, das ist eine Rockband, die so spielt, wie Kafka geschrieben hätte, hätte er in Zeiten des New Wave gelebt. Das ist die 'kleine Literatur' als Musik, das ist..." Der zweite Kontinent ist wieder von den Fliesen in die Wanne zurück gelaufen und schließt sich gerade dem Nordkap an. Ich hole eine Quietscheente ins Wasser, spiele mit ihr und sage: "Ich habe ja manchmal den Eindruck, es geht bei dieser Insidermusik nur ums Sammeln." Ich blättere im Booklet. "Hier zum Beispiel, so ein Satz: 'Bei der Minutemen-Tribute-7-Inch waren wir in phantastischer Gesellschaft von Megakronkel, Rhythm Pigs und The Bugs Know Best.' Wenn ich jetzt auf der Arbeit oder im Trinkgut meinen Kollegen antippe und sage: 'Hoho, Pendikel haben neulich eine Tribute-Seven-Inch für die Minutemen aufgenommen und zwar in Gesellschaft von Megakronkel und den Rhythm Pigs' dann rufen die ganz schnell den Amtsarzt."
Zu dieser Bemerkung sagt Hartmut nichts. Ich verschiebe Kontinente und warte.
"Willst du wissen, was ich gerade höre?", frage ich. Hartmut nickt. Ich drücke auf den Ghettoblaster neben der Wanne und Dave de Bourg beginnt zu singen. "Heute Nacht wär die beste Gelegenheit/ Deine Sachen zu packen und Dich aus dem Staub zu machen" singt er zu einer Musik, die wie eine Mischung aus den Wohlstandskindern und Purple Schulz klingt. Der Refrain öffnet mein Wannenherz: "Doch es sind sechs Milliarden, die das Gleiche wollen/ es sind sechs Milliarden, die müssen und sollen/ es sind sechs Milliarden/ und Du!/ Und es sind sechs Milliarden, die die Sonne suchen/ es sind sechs Milliarden, die ihren Gott verfluchen/ sechs Milliarden und Du!" Das "Duuu" wird gestreckt wie bei Pur, die folgende Strophe klingt wie Marcus Wiebusch von Kettcar. Dann kommt eine Mundharmonika. Ich sehe Hartmut an, wie sein Bedürfnis steigt, mir zu erklären, wie viele konzeptuelle Welten zwischen Dave de Bourg und Pendikel liegen. Ich sehe ihm an, wie er einen Stapel kulturtheoretischer Halbjahrespublikationen aus seiner Bibliothek nebenan holen und mir erläutern will, warum man sentimental-melancholische Songwriter mit Vier-Tage-Bart und koffeingleich auf die Gefühle wirkenden Melodien NICHT mit dem "ätherischen Rationalismus" des krachigen Postrock vergleichen kann. Doch er macht es nicht. Er setzt sich neben die Wanne, legt die Arme auf den schaumfeuchten Rand, nimmt meine Hand und verschwindet mit seinem Blick in Sphären in seiner Kinderzeit, in welcher er noch auf dem Rücksitz des Autos solche einfachen Melodien hören und dazu urlaubshaft seufzen konnte.
Dave de Bourg singt: "Deine Sterne sind verglüht/ und Deine Helden schon lange tot/ und Du fragst Dich nur wohin/ komm ich zeig Dir den Weg..."
Pendikel singen: "Ist so einfach, so einfach ist das nicht/ viele Worte haben gefährliches Gewicht."
"Manchmal bewundere ich Dich", sagt Hartmut.
"Ich Dich auch", sage ich.
Dann hören und sehen wir zu, wie sich Musiken und Kontinente vermischen.


Die CDs:

DAVE DE BOURG
Wir haben nichts mehr zu verlieren
Eigenproduktion, im Vertrieb von EMI
Hörproben
Homepage

PENDIKEL
Reise ins Gewisse
bluNoise, im Vertrieb von Alive
Hörproben und Homepage


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11. Folge


Ein sanft wogender Rhythmus, eine merkwürdige Melodie aus Bass und Computer-Effekten, begleitet von heuschreckengleichem Schaben. Gitarrenpickings. Musik wie ein Schatten am Abend, wo Bäume ihre knochigen Finger um die Mauerecken legen. Musik wie das Zwischenstadium zwischen Wachen und Schlafen, in das ich auch häufig falle, wenn ich so wie jetzt in der Wanne liege; das heiße Wasser durchsetzt mit einer Mischung aus Latschenkiefer, Blue Moon und dem schwarzen Duschdas Noire. Hartmut spielt diese leise Musik sehr laut ab, sie erfüllt die ganze Wohnung und sie kann das auch, weil sie - wie er das nennen würde - "Präsenz" hat. Seine Tür geht auf. Er schleicht ins Bad, einen Buckel machend, auf Zehenspitzen zum Takt der rätselhaften Instrumentalmusik. "Das hat Präsenz, was?", sagt er und klopft auf die CD-Hülle. Ein Baum ist darauf abgebildet, schwarze Zeichnung auf kartonfarbenem Hintergrund, die Äste rechts vor einer Abendsonne. Spectrum LM steht darunter. "Ist kein kitschiges Bild, oder?", sagt er, "trotz Baum und Sonne ist es sachlich, trocken. Wie die Musik, hörst du? Sie erlaubt Sinnlichkeit, aber ohne romantische Rückbindungen." Der nächste Song fängt an. Eine Gitarre schreddelt sachte, die Melodie aus dem Computer erinnert mich an die Sinnlichkeit alter Amigaspiele. "Shadow Of The Beast" vielleicht. Oder "Gods". Hartmut geht in sein Zimmer zurück und wechselt die CD. Ich bemerke das, weil ich die CD-Klappe höre. Musikalisch könnte es immer noch das gleiche Album sein, an einer ruhigeren Stelle vielleicht. Wieder werden Gitarren gezupft, als habe man noch gar nicht angefangen. Ein surrender Grundton erklingt dazu, ein paar Trommeln werden warmgeschlagen. Bevor es richtig losgeht, hängt Hartmut wieder an meinem Wannenrand und hält mir das nächste Bild vor die Nase. Ein rotes Tuch mit hüpfendem Menschen darin, in der Luft vor einer Mauer fotografiert, ein Schatten auf dem Gras und ein Felsen an der rechten Seite. Schwerelos und surreal, wie alte Pink Floyd-Cover. Taunus steht auf dieser Hülle, die Bandmitglieder sind wohl wichtig genug, als dass man wie im Jazz ihre Namen abdruckt. Jan Thoben, Jochen Briesen, Derek Shirley, Michael Thielke, Wilm Thoben, F.S. Blumm. Nach und nach werden der Musik Instrumente hinzugefügt. Ein Vibraphon, ein Standbass, eine Klarinette. Sie füllt sich unmerklich, so wie mein Badewasser ganz langsam wieder wärmer wird, weil ich mit den Zehen den Hahn öffne und nachlaufen lasse. "Neue Ahornfelder-Veröffentlichung", sagt Hartmut, während die Instrumentalmusik dafür sorgt, dass im Zeitraffer gelbe, krumme Blumen aus den Kachelfugen wachsen, "von denen kaufe ich alles. Das andere war von Miyagi. Von denen kaufe ich auch alles." Ich weiß nicht, was Ahornfelder sind und Miyagi kenne ich nur aus "Karate Kid", aber diese gelben Blumen da interessieren mich. Ich setze mich im Wasser auf und kneife die Augen zusammen. Kleine, wasserfallartige Ströme fließen zur Musik dramatisch animiert meine Brustwarzen und - haare hinunter. "Sieh doch da, die gelben Blumen", sage ich, hebe den Finger wie ein alter Mann und starre in die Fugen, als eine Frau zur Musik zu sprechen beginnt. "Sie warnt uns", sage ich, "sie warnt uns vor den Blumen..." Hartmut springt auf und dreht die Musik ab. Kaum, dass sie endet, sinke ich wie ein Sandsack ins Wasser zurück. Es schwappt über die Wanne. "Wahnsinn, diese Wirkung auf Ungeübte", murmelt Hartmut, legt eine weitere CD ein und dreht auf. Ein schwerer, lauter, unnachgiebiger Rhythmus hämmert durchs Bad. Eine Socke fällt von der Leine, die Latschenkieferflasche bekommt einen Riss. Zäh entweicht der Badezusatz. Die Krachmusik scheint nur aus Bass und Schlagzeug zu bestehen und ist genauso hypnotisch wie das ruhige Zeug eben, nur eben mit gegenteiligen Mitteln. Das erreicht sein Ziel: Die gelben Blumen ziehen sich in die Fugen zurück. Sie saugen sie ein wie dunkle Zähne einen Kranz aus Spaghetti. Dann bilden sich in ihnen Risse. "Mach den Krach aus!", rufe ich, doch Hartmut erwidert, brüllend wie im Windkanal: "Das sind Tarngo. Nur Bass und Schlagzeug. Karg und brutal, wie ganz frühe Helmet. Oder Shellac. Oder Melvins. Das ist Kraft ohne Kraftmeierei, verstehst du? Wucht ohne Wille zur Macht. Härte ohne Testoreron. Das hat so eine Sachlichkeit..."
"Hartmut!", rufe ich, steige zu meiner eigenen Überraschung so schnell aus der Wanne, dass ich Kreislauf bekomme, wanke nackt und tropfend über den Milbenteppich zu seiner Anlage und reiße die CD heraus. "Warum?", frage ich, während mein feuchter Otto vor Hartmuts Stirn baumelt, der immer noch vor seiner Anlage auf dem Boden hockt. "Warum was?", fragt er und beobachtet ängstlich mein stirnseitig schwankendes Gemächt. "Warum muss Musik bei dir immer ein Komma-Ohne sein?"
"Ein was?"
"Ein Komma-Ohne. Die sind stimmungsvoll - Komma - ohne romantisch zu sein. Die sind laut und brutal - Komma - ohne männlich und macho zu sein. Komma ohne. Komma ohne."
Ich weiß gar nicht, was ich hier tue. Normalerweise ist es Hartmut, der sich aufregt und das womöglich nackt. Ich gehöre nicht nackt in den Freilauf, ich gehöre in mein warmes Latschenkiefer-Noire. Ich atme tief durch, gehe ins Bad, steige wieder in die Wanne und lege am Ghettoblaster auf der Ablage eine eigene CD ein. Nerd Academy, heiterer, toll gespielter Ska und Reggae aus der Region. Mario hat die CD neulich mitgebracht, er macht so was wie PR für die Band, sie sind Nachwuchs, aber das hört man nicht. Es klingt wie Sublime oder Less Than Jake, es macht Freude und hat Soul. Hartmut hockt auf dem Teppich. Seine Ohren bewegen sich ganz leicht zum Takt wie bei Yannick, wenn draußen Autos vorbeifahren.
"Hier", sage ich, "da gibt es kein Komma-Ohne. Das ist einfach Spaß. Spaß und Wucht und Bläser und ein bisschen Sehnsucht und ein Drummer, der groovt. Fertig, aus. Kein Komma-Ohne."
Hartmut hebt den Zeigefinger, aber ich drücke schon auf Stopp und lege die nächste CD ein. Klimt 1918 heißt die Band. Hall, Echo, spacige Gitarren, Melodien wie bei U2 und ein Gesang wie zwei zehn Meter lange Arme, die Jupiter und Saturn umarmen wollen. Hartmut schürzt ein wenig die Lippen. Das ist ihm zu pathetisch, das weiß ich genau. Mir auch, manchmal, aber manchmal eben auch nicht. "Hörst du", sage ich, "auch kein Komma-Ohne. Nur ganz großes Kino. Theatralik. Huhhhhhhhh!!!" Ich wedele mit den Armen und tue so, als würde ich ertrinken, Leonardo di Caprio auf dem Wrackteil der Titanic, nur dass diese mit Klimt 1918 vielleicht besser gefahren wäre als mit Celine Dion. Bevor Hartmut Einwände erheben kann, ramme ich die dritte CD in den Player, extra, um ihn zu ärgern. Die Jazzkantine hat Hardrock-Klassiker gecovert und daraus Soul- und Jazzstücke gemacht. Ich skippe an die Stelle, wo Xavier Naidoo Metallicas "Nothing Else Matters" singt. So langsam und samtweich und zärtlich dunkel, dass es finsterer ist, als es bei Metallica je war. Hartmut findet es anscheinend auch finster, aber aus anderen Gründen. Ich drehe leiser. Er schweigt. Ich sage: "Und was soll das immer mit der Sachlichkeit? Immer, wenn du deine Platten bestellst, sind sie ein Komma-Ohne und dabei voller Sachlichkeit. Wieso muss Musik sachlich sein? Sind wir hier auf dem Amt und füllen Anlage F aus, oder was?"
Hartmut seufzt. "Manchmal sind wir so weit auseinander", sagt er.
Ich zeige auf die Fliesen. "Bei Taunus sind da eben gelbe Blumen aus der Wand gewachsen", sage ich. "Findest du das sachlich? Und glaubst du echt, die Jungs von Tarngo spüren ihr Testosteron nicht, wenn sie mit Bass und Schlagzeug Mörsermuster in die Mauer fräsen?"
Hartmut bläht die Nasenflügel auf. "Mach noch mal diese Nerds da", sagt er. Ich lege erneut Nerd Academy ein. Die Bläser blasen und der Sänger singt "Let me sleep until tomorrow/ don't wake me up until the/ next break of dawn", doch es klingt so, als sei er immer wach und unter Strom. Hartmut steht auf, geht in die Küche, kehrt mit zwei Bierdosen zurück, stößt mit mir an, wie ich in der Wanne liege und sagt: "Du stellst dich nicht mehr mit deinem Gemächt vor meine Stirn, auch wenn dich meine ästhetische Theorie aufregt, okay?"
Ich trinke, forme mit den Lippen ein Fischmaul und nicke.
Er nickt.
Die Nerds hoppeln und blasen.
Ich wippe mit den Füßen.
Hartmut mit dem Arsch.
Die Nerds machen zwei Sekunden Pause, bevor das nächste Lied beginnt.
"Die Ahornfelder-Platten sind schon super", sage ich. "Und die von Miyagi auch."
Hartmut lächelt.
Die gelben Blumen bleiben in ihren Ritzen.


Die CDs:

JAZZKANTINE
Hell's Kitchen
Sashimi Records, im Vertrieb von Rough Trade
Hörproben
Homepage

KLIMT 1918
Just In Case We'll Never Meet Again
Prophecy, im Vertrieb von Soulfood
Hörproben
Homepage

NERD ACADEMY
Nerd Academy
Eigenproduktion und Eigenvertrieb
Hörproben
Homepage

TARNGO
Enorm
bluNoise, im Vertrieb von Alive
Hörproben
Homepage

TAUNUS
Harriet
Ahornfelder, im Vertrieb von A-Musik
Hörproben
Homepage

SPECTRUM LM
Spectrum LM
Miyagi, im Eigenvertrieb
Hörproben
Homepage


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12. Folge


Ich liege in der Wanne und habe bis eben die Fäuste mit Schaum darauf in die Luft gestreckt. Dabei habe ich das Gebrüll von der CD in meinem Rekorder imitiert und mit Playmobilfiguren auf dem Wannenrand Stagediving gespielt. Das hört sich jetzt vielleicht kindisch an, aber es kann eine Menge emotionaler Sprengstoff in nassen Playmobilfiguren stecken, wenn sie zu Sätzen wie "You can change the things that lie within. (You're worth it) / You're worth so much more than how you you treat yourself" ins Wasser fallen. Die CD hat Martin mir mitgegeben, mein Arbeistkollege bei UPS, der ohne Hardcore nicht ans Fließband treten könnte. Sie gehört zu den 30-40 "Geheimtipps" von Spartenplattenfirmen, die er sich pro Monat zulegt, so wie andere sich im Techno ständig 10-Inch-Platten in weißen Hüllen kaufen, die auch alle gleich klingen und deswegen in ihrer Konsequenz Spaß machen. Diese Band kommt aus Amerika und heißt xLooking Forwardx. Die Xe weisen sie als Anhänger der Straight-Edge-Ethik aus, also jener Strömung im Hardcore, die Drogen jeder Art ablehnt. Alkohol, Nikotin, Dope, meist auch ziellosen und sinnfreien One-Night-Stand-Sex oder andere Abhängigkeiten. Es geht ihnen um Bewahrung der Kontrolle über sich selbst, ein ernsthafter Straight-Edger würde auch niemals acht Stunden pro Tag mit Headset an der Wange "World Of Warcraft" spielen und jedem Anklopfenden ein "leck mich am Arsch!" an den Kopf knallen, wie es heute laut RTL alle Sechzehnjährigen tun. Außerdem glaubt die Band an Gott, ganz ernsthaft, ohne Ironie. "You're a beautiful creation no matter who you are/ molded in the image of a living and loving God", brüllen sie. Ich weiß nicht, ob ich das teile, aber ihre Hingabe macht mich an. Bis eben habe ich ihre CD "The Path We Tread" gehört, doch jetzt geht's nicht mehr, denn jetzt heult in Hartmuts Zimmer ein junger Mann herum: "Wenn der Typ am Kiosk / mich eine Schwuchtel nennt / und du aus meinem Bett in seine Arme rennst", beklagt sich der junge Mann, "wenn diese Junkies mir schon wieder Geld stehlen / mir am Morgen nicht nur Erinnerungen fehlen." Man kann kaum sagen, dass er es singt, auch wenn fahrige Gitarrenmusik darunter liegt, wie sie heutzutage wieder in Großbritannien beliebt ist. Er singt nicht, er beschwert sich. Selbstmitleidig, laut, fast hysterisch. "Wenn ich zum tausendsten Mal mein letztes Geld vertrinke / mit jedem Versuch ein bisschen tiefer sinke / dann hör ich auf, mir was vorzumachen". Ich denke mir, dass dieses Elend den Straight-Edge-Jungs nicht passieren kann. Ich glaube dem jungen Mann nicht, dass er jemals aufhören wird, sich in seinem Versagerleben zu suhlen. Hartmut zappt, ein anderer Song erklingt. Ein wenig aufgeräumter und heiterer, die Gitarre aber immer noch schneidend wie ein Küchenmesser. "Für dich renne ich doch albern rum/ ich schneid' mir die Haare/ ich steh wie ein Idiot da", klagt der junge Mann erneut und dieses Mal klagt er so, wie Rio Reiser früher den Häuserkampf ausrief. "Ich hatte einen Plan, ich hab mich schwer überschätzt / sie hatten ihre Hunde auf mich angesetzt / so und so stolpere ich durch die Jahre / ich tu mich schwer, die Ruhe zu bewahren."
"Hartmut!", rufe ich in sein Zimmer rüber und er öffnet die Tür.
"Ja?"
"Sag dem Mann bitte Mal, er soll sein Leben in den Griff kriegen. Ist ja nicht auszuhalten, so was!"
Auf Hartmuts Stirn bilden sich Falten, die aussehen wie eine umgekippte runde Klammer in Schönschrift. "Wie bitte?", sagt er, "das ist doch nicht dein Ernst!" Er geht kurz ins Zimmer zurück und kommt mit einem gelben Heft von Reclam wieder heraus, eines dieser Formate, in dem wir in der Schule Kleist, Goethe oder Meyer lesen mussten.
"Ich hab jetzt keinen Schnüff auf Schiller, danke!", sage ich.
"Das ist nicht Schiller, das ist der Mann, der sein Leben in den Griff kriegen soll", sagt Hartmut. Er hält mir das Heft vor die Nase. Es ist sehr dünn und sieht nur aus wie von Reclam gestaltet. Nachgemacht. "The Taste And The Money" steht darauf, "Ein Programm". Von Ja, Panik. Eine Band. Eine Band, die ihrer CD ein Manifest in Reclam-Form beilegt. Das kann ja heiter werden.
Hartmut klappt auf und zitiert: "Wir müssen uns glühend verschwenden, glanzvoll und freigiebig verschwenden! Der Exzess, der Rausch, die Raserei muss uns treiben."
"Das ist doch Schwachsinn", sage ich.
"Das ist eine subversive Strategie", sagt Hartmut.
"Was ist subversiv an Suff? Oder an Raserei? Wenn Suff und Raserei subversiv sind, ist der Ballermann eine anarchistische Utopie!"
"Der Ballermann reflektiert sich nicht selber", sagt Hartmut. "Hör, was hier steht: 'Vergesst nicht: das ist alles schon passiert und geschrieben.' Oder: 'Wir stehen zitternd vor markierten Stellen.' Oder: 'Lasst euch nicht benebeln von dem trügerischen Größenwahn der Sucht, denn er steckt vielleicht auch in diesen Worten.' Verstehst du? Die wissen, dass alles schon gesagt wurde. Deswegen arbeiten sie bewusst als Plagiat, schöpfen aus dem Zeichenpool."
"Soviel wie ich gehört habe, ist der Mann ein klagender Jammerlappen. Gut, er ist gebildet. Ungebildete klagende Jammerlappen fahren an den Ballermann und schießen sich ab; gebildete klagende Jammerlappen pimpen ihr Versagen mit drei Zentnern philosophischer Theorie zum Programm auf."
Hartmut ignoriert meine Bemerkung und zitiert weiter: "Wir flehen euch an: schneidet die Penisse aus der Pop-Kultur! Speit jeden Tag auf den Altar eurer Männlichkeit!"
Jetzt rege ich mich auf.
Ich weiß gar nicht, warum es mich in dieser Heftigkeit überkommt, immerhin liege ich heute in einer Wanne mit Badezusatz aus Marzipan und Mandel, aber ich rege mich auf. Ich gestikuliere wüst mit den Händen. Schaum spritzt, Wasser tritt über die Ufer. "Das ist genau das Problem Hartmut, dass diese ganzen jungen Akademiker sich irgendwann voller Selbsthass kastrieren wollen! Die glauben, ihr Leiden wäre rebellisch."
"Ist es auch!", sagt Hartmut. "Durchdachtes Leiden ist eine gelungene Geste gegen die patriarchale Stärkestruktur von Macht- und Konkurrenzkampf."
Ich sehe ihn an. Manchmal frage ich mich, ob Theorien wie eine Grippe sein können, die man, einmal verschleppt, nie mehr los wird.
"Aha", sage ich. "Dann wäre Martin Luther King also besser damit gefahren, hätte er sich jeden Abend betrunken, Reclam-Mainfeste geschrieben und klagend über die eigene Schwäche morgens um 14 Uhr die Post aus dem Kasten geholt?"
"Das ist ein völlig illegitimer Vergleich..."
"Nein, ist es nicht!", unterbreche ich meinen Freund. Ich halte ihm meine CD vor die Nase. "Hier: Straight Edge. Das ist wenigstens mal was Praktisches. Die trinken nicht, die essen keine Tiere, die schwängern nicht aus Versehen Urlaubsbekanntschaften und die gehen fair miteinander um, zumindest in ihrer kleinen Subkultur. Das muss ich dir doch nicht erklären, dass das funktioniert."
Hartmut sagt: "Das ist aber Stagnation. Das ist wieder nur eine Schublade im Schrank der symbolischen Ordnung. Man muss den ganzen Schrank zerschlagen!"
"Nein, man muss einen eigenen bauen. Und das geht nicht, wenn man heulend vor der Tür steht!"
"Mann muss also ein ganzer Mann sein, willst du damit sagen?"
"Ja!"
Das erschreckt Hartmut, dass ich da nicht zögere.
"Man muss sich irgendwann entscheiden", sage ich.
Hartmut zitiert wieder aus dem Manifest von Ja, Panik: "'Beharrt immer darauf: ICH MUSS MICH NICHT ENTSCHEIDEN!' Das steht hier in Großbuchstaben."
"Ach, sich nicht entscheiden zu wollen wird ausgerechnet in Großbuchstaben ausgerufen? Ich soll also stramm stehen und mich gefälligst dazu entscheiden, mein Leben lang Entscheidungen zu verweigern?"
"Such nicht immer nach Paradoxien wie Yannick nach Fischstückchen in der Wohnung!"
"Doch, das mache ich!" Ich schlage mit der flachen Hand aufs Wasser. "Das mache ich!" Ich warte einen Moment ab, bis das Geschwappe in der Wanne effektvoll ausgeklungen ist. "Ich habe nicht ansatzweise so viel gelesen wie du, Hartmut, das gebe ich ja zu. Aber ich werde den Eindruck nicht los, dass deine klugen Köpfe im Grunde die Selbstauflösung wollen. Ja, das ist es doch. Am subversivsten wäre für die, sich komplett aufzulösen."
"Immer noch besser als selbstgerechte Predigten herauszubrüllen", sagt Hartmut und fügt mit einem Blick in das Booklet von xLooking Forwardx hinzu: "Und sich auch noch dem Bible Belt anzuschließen!"
"Das hier", sage ich und nehme ihm das Booklet weg, "ist wenigstens eine Waffe. Man kann darüber streiten, ob es die Richtige ist. Ich saufe ja auch nach der Arbeit und gehe nicht in die Kirche. Aber es geht um Prinzipien. Um Stärke. Ich würde niemals Caterina betrügen. Ich würde niemals etwas auf der Arbeit stehlen. Ich stapele die Pakete so, dass die Kunden keine Trümmerhaufen bekommen. Ich kloppe 17-jährigen mit der geballten Faust auf die Schädelplatte, wenn ich sehe, dass sie draußen einen Achtklässler abziehen. Das sind Prinzipien. Was deine Theorie-Rocker da machen, das ist die freiwillige Selbstentwaffnung!"

Bevor Hartmut etwas erwidern kann - er hat bereits den Zeigefinger gehoben und ausgiebig Luft geholt - hören wir aus der Küche den Beginn einer perfekt produzierten, akustisch gespielten Folkballade. Die Melodie ist melancholisch und herzerweichend, der Takt flott, das Geräusch, wenn die Finger beim Umgreifen über die Saiten schrabben, wurde bewusst auf dem Band gelassen. Nach ein paar Takten, wir können es nicht fassen, beginnt Wolfgang Niedecken Kölsch zu singen: "Enn'ner Naach wie der / schon e paar Daach her..."
"Hallo zusammen!", ruft Susanne, die augenscheinlich das neue Album von Bap laufen lässt, in der Unplugged-Version. "Wieder mal gemeinsam in der Wanne?" Sie lacht. Sie schenkt sich Kaffee ein. Sie skippt einen Song. Jetzt klingt es bluesig, schwerer, unser Nachbar Hans-Dieter würde "erdig" dazu sagen. Niedecken singt: "Ob dä en Kron trägt oder en Turban / ob dä en Maatt hätt oder en Pläät / ob dä jotweißwo uff ene Stern sitz / oder bem Düwel unger de äd".
Hartmut und ich starren durch den Flur. Susanne tänzelt mit ihrem Kaffee herbei und stellt sich in die Badezimmertür.
"Was is'? Habt ihr was gegen Bap?"
Hartmut sagt: "Herr Niedecken findet, es sei egal, ob Gott oben im Himmel sitzt oder unten beim Teufel? Was würden denn wohl deine Straight-Edge-Gotteskrieger dazu sagen?"
"So drücken Kölner nun mal Völkerverständigung aus", sagt Susanne und zitiert nun ihrerseits: "'Ob der in Rom wohnt oder in Mekka, ob der eine Frau ist oder ein Kerl.' Ist dir klar, wie progressiv das immer noch ist, betrachtet man das aus Sicht der Glaubensvertreter?"
"Wie kannst du ein Wort wie progressiv in Zusammenhang mit Bap überhaupt in den Mund nehmen?", fragt Hartmut.
Susanne erwidert: "Erinnerst du dich an dein Tokio-Hotel-Experiment hier im Nebenzimmer, mein Schatz? Wo du den Journalisten die Musik ohne Text vorgespielt hast? Würde ich dir 'Radio Pandora Unplugged' ohne Text vorspielen, würdest du abwechselnd auf Smog, Glen Hansard und Niels Frevert tippen."
"Das ist ja schon mal überhaupt nicht wahr."
"Dir textet der Wolfgang zu eindeutig und bodenständig?"
"Jetzt nennt sie ihn schon Wolfgang."
"Ich bin Kölnerin. Sag nicht, euer Herbert wäre gegen all deine Theorie nicht immun."
"Na ja, also..."
"Dir textet der Wolfgang jedenfalls zu, sagen wir mal, volksnah?"
"Aber natürlich!"
"Ich hab neulich einen Kommentar von irgend so einem Kulturheini gelesen, der sich darüber beschwerte, dass die ungebildeteren Schichten niemals ins Museum gehen. Dann hat ein Museum eine Initiative gestartet, wo es Bratwürste gab und Führungen, die so leicht zugänglich waren wie eine Folge 'Galileo'. Es kamen 5.000 Gäste an einem Wochenende. Da sagte der Kulturheini, es sei eine Schande, dass jetzt jeder Schlapphutträger mit Kleinbildkamera polternd durch die Ausstellung stapfe."
Hartmut sieht seine Frau an, die mit der Tasse an der Tür lehnt. Dann mich in der Wanne, die Hülle von "The Path We Tread" auf dem Rand, bewusstlose Playmobil-Pogo-Figuren im Wasser treibend. Er seufzt sehr, sehr schwer und nachhaltig, schüttelt den Kopf und geht in sein Zimmer.
"Jede Jeck es anders", sagt Susanne.
"Gott liebt alle seine Kinder", sage ich.
Dann lachen wir uns schlapp und beschließen, heute Abend noch Fritten zu holen.

Die CDs:

BAP
Radio Pandora Unplugged
Capitol, im Vertrieb von EMI
Hörproben
Homepage

JA, PANIK
The Taste And The Money
Schoenwetter Schallplatten, im Vertrieb von Broken Silence
Hörproben
Homepage

xLOOKING FORWARDx
The Path We Tread
Facedown Records, im Vertrieb von Alveran
Hörproben
Homepage

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13. Folge


"Schon wieder fast ein Jahr rum", denke ich laut, als ich in der Wanne liege und langsam heißes Wasser in meinen 'Ich ernähre ich mich über die Haut vom Badewasser'-Mix nachfließt. Aus Hartmuts Zimmer ertönt laute Musik, heute allerdings recht angenehme. Transparente, flotte, handgemachte Popmusik mit Schlagzeug, Gitarre und Bass, aber auch mit einem Glockenspiel. Sehr leichtgängig, aber nicht platt, ein bisschen wie Belle & Sebastian, auf die sich in unserer WG bis auf Susanne alle einigen können. Wie bei denen singen auch hier Weiblein und Männlein abwechselnd und gleichzeitig; ein wenig verhuscht, wie Indie-Künstler es halt so tun, die nicht mit einer "Röhre" vor Dieter Bohlen bestehen müssen. Sie singen auf Deutsch. Das Glockenspiel im legeren Rockgroove klingt so, wie gut gestaltete Blumenläden aussehen. Sie singen: "Jetzt wird mir langsam klar/ wir sind schon seit längerem ein komisches Paar/ Müde und super." Hartmuts Tür geht auf, er stürmt ins Bad, ein gebundenes Buch in der Hand. Er ist aufgeregt. Er schlägt das Buch auf. Ein Zettel fällt hinaus und in meine Badeschaumberge. Ich nestele ihn aus dem Schaum, darauf steht "Müde und super". Ich schaue in das Buch. Da steht der Text zum Lied auf einer bräunlich layouteten Seite, die an ein altes Tagebuch oder Fotoalbum denken lässt.
"Das hier ist die Rettung des Abendlandes", sagt Hartmut. Er zeigt mir das Buch von vorne. Viktoriapark steht darauf, Titel: "Was ist schon ein Jahr?" Ein Rasenmäher darunter in Kinderbuchoptik, mit Flammen. Das ist wohl eine CD mit Buch. Die Sängerin singt jetzt nebenan alleine und haucht so betörend wie brüchig. Hat Inga Humpe eine Tochter?
"Die Rettung des Abendlandes", sagt Hartmut noch mal und ich erwidere: "Mach mal halblang mit den wilden Pferden. Du hörst doch sonst selten Musik, die so harmonisch klingt."
"Harmonisch, aber störrisch", sagt er, "außerdem guck mal hier, was siehst Du da?"
"Einen Rasenmäher."
"Was für einen?"
Es ist immer Arbeit mit Hartmut. Ich weiß nicht, was er von mir will.
Er sagt: "Na, ein Handrasenmäher! Das sieht man doch! Kein Stromkabel, kein Benzintank. Es ist ein Handrasenmäher! Das ist Symbolik. Diese Band hier gestaltet zu ihrer CD ein Buch, bei dem Grafikdesigner vor lauter Charme feuchte Höschen kriegen und macht auch sonst alles so, wie sie selbst will. So ein schönes Sammlerstück hier kannst Du nicht runterladen."
"Und deswegen retten sie das Abendland?"
"Ja. Und wegen ihrer Spöttelei. Hier: 'Aufregende neue Freundschaften', das ist ein Biest von Lied. 'Aufregende neue Freundschaften und tolle Klamotten/ Gute Nacht, Marie, was machen wir hier?/ Wir beißen die Zähne zusammen auf einer Party aus Silberpapier.' Wenn das mal nicht poetisch ist. Zugleich naiv. Schein-naiv. 'Grundlos euphorische kleine Biester/ Aufregende neue Freundschaften und super Pullis.' Das Ganze so schräg weggesungen, dass man das Genervte spürt, ohne dass mehr gesagt werden muss als gesagt wird. Das rammt dem Zeitgeist einen Schaschlikspieß in die Rippen!"
Ich schüttele den Kopf im Badewasser: "Wenn Du gegen den Zeitgeist sein willst, musst Du die neue Maffay hören. Oder tatsächlich 'Chinese Democracy' von Guns'N Roses erwerben."
Hartmut winkt ab und zischt.
"Es gibt ein 'Nein!' zum Zeitgeist, das allein dadurch ein 'Ja!' ist, dass es nur die Insider mitkriegen", sage ich und krame neben der Wanne eine eigene neue CD aus den Handtüchern. "Hier, Andre Lux, der steht wirklich abseits von allem!" Ich lege die CD ein. Es ist schon die zweite von Autobot, sie ist gestaltet wie das Cover einer Hörspielkassette und heißt "Autobot und die Schmuggler von der Geisterbucht". Lux singt zur kargen Akustikgitarre mit Minimalschlagzeug: "Den Schwertmeister besiegt/ die Hölle überlebt/ das Orakel getötet/ ein 9:0 hingelegt/ in den Play Offs dominiert/ Gangster geworden/ die Prinzessin gerettet/ gekämpft für den Orden." Ein Lied über Videospiele. Seine anderen handeln u.a. von Steven Seagal, Strahlenkanonen, Marmelade oder dem Epsilon-Mann.
"Der schrammelt einfach so mit seiner Gitarre vor sich hin, trägt Shirts von Screeching Weasel und passt in gar keine Kategorie."
Hartmut nimmt die CD in die Hand. Er sagt: "Das ist mir zu viel Comedy. Das führt ja zu nichts."
"Ach, der Herr braucht immer einen Über- oder Unterbau."
"Ja. Sei doch froh, dass ich so zivilisiert bin. Die meisten Männer brauchen bloß einen Vorbau und sind zufrieden."
"Ha, ha."
"Warte mal, ich hab da noch mehr!"
Er geht wieder in sein Zimmer, schaltet Viktoriapark aus und kommt mit einem kleinen Karton voller CDs ins Bad.
"Hast Du einen Winterschlussverkauf mitgemacht, oder was?"
Er nimmt Autobot aus dem Ghettoblaster auf dem Wannenregal und legt eine neue CD ein. Elektronische Musik mit Groove, atmosphärisch, ein bisschen vertrackt und verspielt. Ich höre zu, er hört zu, er springt zwischen Liedern hin und her. Instrumentalmusik, episch, schroff. Dann wieder Elektronik, genutzt zur Erzeugung von Wärme. Zwischendrin ein bisschen Rap, der sich über den Alltag als Lohnsklave moniert, zu direkt und offensichtlich, das gibt auch Hartmut zu, indem er wortlos weiterskippt. Das meiste ist spannend zu hören und wir tun das, hören einfach zu; Männer können gemeinsam schweigen und hören, ohne dass die Zeit ungefüllt wirkt. Er gibt mir beim Hören die Hülle. Eine Compilation verschiedener Künstler mit Namen wie adcBicycle, The Great Mundane, Nic Bommarito, Nicolas Bernier oder Daniel Maze. Vorne drauf ist ein Mann abgebildet, der versunken vor einem alten klobigen Monitor in einem dunklen Zimmer sitzt. In der Mitte steht "#50".
"Jubiläumsausgabe des Labels", sagt Hartmut, "die kleben bei uns auf dem Kühlschrank. 12Rec aus Bochum. Die Typen, die nur digitale Platten herausbringen, immer gratis, im Einverständnis der Künstler, die sich im Gegenzug Zeit lassen und machen dürfen, was sie wollen."
"Die CD hier ist physisch."
"Ja, ab und an werden welche gepresst. Mal von vorneherein, mal auf Wunsch im Pappschuber und alles. Ist das nicht unglaublich? Das enthebt die Musik aller finanziellen Zwänge. 50 Platten haben die schon gemacht und fast alle sind toll! Dieser Nic Bommarito zum Beispiel ist ein Vagabund. Lebt die Freiheit, reist nur herum. Ab und an sendet er neue Tracks hier in den Ruhrpott, die dann als Album erscheinen. Gratis. Oder The Sleeping Tree, ein Songwriter, ein großer Humorist. 'You've Got To Be Strong' beschreibt, wie einer gemobbt und verkloppt wird und sich dabei in müdem Singsang die Affirmation anhören muss, einfach stark zu bleiben. In den letzten Strophen verkloppt er dann die anderen und singt ihnen vor, dass sie stark bleiben müssen, aber in DEMSELBEN müden Tonfall. Das ist saukomisch! Und klug. Das ist die Rettung des Abendlandes!"
Ich mag die Musik sehr, die ich da höre, aber ich muss Hartmut doch ärgern. Ich sage: "Ein Internet-Label ist die Rettung des Abendlandes? Eben war noch die CD mit Buch, das man nicht brennen kann, die Rettung des Abendlandes..."
Hartmut schnauft.
Er kloppt die nächste CD in den Player. Jetzt werden Ukulelen gespielt. Ein Instrument, das immer so klingt, als hätte es auf der Welt nie Kriege gegeben und als wüchsen überall Lotusblüten. Eine Japanerin singt etwas, das ich zu erkennen glaube. Moment mal, ist das nicht? Tatsächlich... "Sheena Is A Punkrocker" von den Ramones, gesungen von einer Japanerin, instrumentiert mit zwei Ukulelen. Hartmut lächelt und drückt die Nummer 3 an, "Siebenschritt", eine Waise aus Bayern. Dann die Nummer 9, "Koishii egao", ein japanischer Song.
"Coconami" sagt er, "zwei Japaner, Mann und Frau, in München gestrandet. Miyaji, der Mann, als Bäcker und Gitarrist, die Frau als Musiktherapeutin. Jetzt spielen sie Ukulele und Nami singt wie ein Vögelchen. Sie spielen bayerische Volksmusik, japanische Traditionals und die Ramones. Die bayerischen Texte singt Ferdl Schuster, ein alter Urbayer."
"Das ist die Rettung des Morgenlandes", sage ich, denn es macht tatsächlich Laune, auch wenn es mich auf ganzer CD-Länge sicher in den Irrsinn treiben würde.
"Das ist wirklich eigen", sagt Hartmut, "das hat Charakter. Und weißt du, was passieren würde, wenn auch nur einer dieser Tracks öfter als ein Mal im Radio gespielt würde?"
Ich tue so, als wüsste ich es nicht.
"Rauswurf, Teer und Federn, Pech und Schwefel. Ein Radio-DJ könnte gar nicht genug Zwischenschritte erfinden, um von einer konventionellen Nummer irgendwie hierzu überzuleiten. Man muss die Leute ja da abholen, wo man steht."
Ich stutze.
Eine Blase zerplatz auf dem Schaumberg.
Mein Zeh schwillt an.
Hartmut sagt: "Nein, das eben war kein Versprecher."
Coconami zupfen die Ukulele.


Die CDs:

AUTOBOT
... und die Schmuggler von der Geisterbucht
TLG, im Vertrieb von X-Mist
Hörproben und Homepage

COCONAMI
Coconami
Trikont, im Vertrieb von Indigo
Hörproben
Homepage

VARIOUS ARTISTS
So Much Achieved. So Much Left To Do. The Present And Future Of 12rec.net
12Rec, im Eigenvertrieb
Hörproben
Homepage

VIKTORIAPARK
Was ist schon ein Jahr?
Vikram, im Vertrieb von Vikram
Hörproben
Homepage

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14. Folge


Ich liege in der Wanne. Daneben sitzt Martin auf einem Schemel, mein muskulöser Arbeitskollege von UPS. "Ich gehe noch eben mit über", hat er nach der Schicht gesagt und ich betonte deutlich, dass ich baden würde, ob er nun Gast in unserer WG sei oder nicht. War ihm egal. Jetzt hockt er da, trinkt Oettinger aus Glasflaschen und sagt: "Wusstest Du, dass sich aus Plastikflaschen giftige Stoffe ablösen? Hab ich gehört. Bei jeder Schicht am Fließband kippen wir uns aus den Aldi-Wasserpullen Gift in die Birne." Er kippt, schluckt und leckt sich den Schaum von den Lippen. "Bier gibt's noch in Glasflaschen. Damit ist es amtlich: Bier ist gesünder als Wasser. Dank sei der Verpackungsindustrie!" Während er sich seinen leichten Alkoholismus schönredet, rappelt eine CD im Player, die er mitgebracht hat. Deutschpunk der alten, feierfreudigen Schule. Der eine Sänger klingt nach Campino, der andere nach Bela B. Musik und Texte sind kollegial und handfest. Die Strophen erzählen von einem Typen, der pleite ist, von seiner Freundin verlassen wird und schließlich einen gewonnenen Jackpot wieder an einen Taschendieb verliert. "Alles wird gut", grölt die Band im Refrain schwungvoll und ungeschliffen, "Geld und Glück ganz ohne Grund/ Alles wird gut, alles wird gut, bis zum letzten Atemzug." Den Atemzug betont der Sänger mit langem, zu einem "O" tendierenden "U", es klingt wie "Atemzoooooog" und erinnert mich sofort an den Song "Glückspiraten" von den Toten Hosen. "Ein Glückspirat auf dem fahaaaaaalschen Weeeeeäääääg" klingt da so wie hier der "Atemzoooohooooog".

"Mein Lieber Scholli!", sagt Hartmut, der mit einem lauten "Rumms!" die Tür zum Bad aufstößt, "das erstaunt mich jetzt wirklich!" Er ist nicht erstaunt, dass ich nackt und umschäumt in der Wanne liege, während mein muskelbepackter Arbeitskollege mit dem flachen Iro, der Zahnlücke und den großen, lachenden Augen daneben sitzt.
"Was erstaunt Dich, Hartmut?"
"Dass die Toten Hosen ein neues Album gemacht haben, das tatsächlich wieder so klingt wie vor 16 Jahren. Sonst behaupten das die Bands doch immer nur. Alte Schule, zurück zu den Ursprüngen... aber die haben es wirklich getan!"
"Das sind nicht die Toten Hosen, Hartmut."
"Nein?"
"Nein."
Martin reicht ihm die CD-Hülle. Das Cover ist grafisch an den Film "Sin City" angelehnt. Die Band heißt StauEnde. Sie kommt - wie könnte es auch anders sein - aus Düsseldorf.
"Sapperlot", sagt Hartmut. Er nestelt das Booklet aus der Hülle und inspiziert sofort die Texte. Ich hole derweil die polternde und nach Bierspritzern klingende Deutschpunk-CD aus dem Gerät und lege eine schwedische Punkrockband ein, die sich an amerikanischen Traditionen orientiert und mit dem karnevalesken Punkverständnis Nordrhein-Westfalens nichts gemeinsam hat. Sie heißen Death Is Not Glamorous, kommen aus Oslo, prügeln ein wenig gekonnter auf ihre Instrumente ein und zerreiben grundschöne Melodien mit einer Raspelbürste aus melancholisch-bitterem Schreigesang. Ich liebe so etwas. Hot Water Music klingen so oder The Draft, aber auch Strike Anywhere, I Defy oder die Shook Ones. Tausend Bands klingen so, aber das macht nichts. Wir, die wir es lieben, hören die feinen Unterschiede genauso wie ein Techno- und House-DJ eine Riesenbandbreite in einem "Bumm Bumm" hört, das für uns Außenstehende eben nur ein "Bumm Bumm" bleibt.
Hartmut hebt den Blick aus dem Booklet von StauEnde und sagt: "Das kann ja wohl nicht wahr sein!"
"Was?"
"Sauftexte, Texte übers Scheitern, Fußballtexte, da kann ich mit leben. Aber hier, das Lied 'Unrasiert'. Da steht: 'Sie trug Flokatis unterm Arm'. Oder: 'Sie kratzte wie ein wildes Tier'. Und dann: 'Das konnt nicht wahr sein/ Sie war wohl zu lang allein'."
Martin kichert.
"Das findest du lustig?", sagt Hartmut und er ist so empört, als rufe der Text zum Mord an Meerschweinchen auf. "'Sie wahr wohl zu lang allein'. Das heißt doch, dass Frauen sich nur wegen der Männer rasieren und dass dies auch richtig so ist! Was kommt als nächstes? Machen wir Kerle bald wieder eine Gebissprüfung, wenn wir Frauen kennen lernen, so wie die Weißen damals bei den Sklaven auf dem Markt?"
"Hartmut", versuche ich zu beschwichtigen, obwohl ich ihm Recht gebe. Death Is Not Glamorous würden sowas nicht singen. Sie singen: "Set Back, we're gonna try again/ Try to make this life a life we can live in/ Set back, we're going to try again." Das ist zwar abstrakt, aber es gibt Hoffnung. Solche Bands geben immer Hoffnung. Man hat eine Träne im Auge und hebt die Faust. Es ist grobe, schluchzende "Komm schon"-Musik. Würde Caterina jetzt zuhören, würde sie sagen: "Die Melodien gefallen mir, die Klangfarbe der Gitarren auch. Mir gefällt, wenn seine Stimme bricht und er so flehentlich singt... aber müssen die so oft brüllen und knüppeln?"
Ich lasse mir von Martin ein Oettinger mit den Zähnen öffnen, trinke und gebe mich den Emotionen der Platte hin, dieser Lebenslust, welche die blitzsauberen Angebote der "normalen" Welt erst mal vom Tisch wischen muss wie andere den Staub.

Die Tür hinter meinem Kopfteil der Wanne öffnet sich und Caterina betritt das Bad. Ihr Blick auf die zwei Männer, die um mich als dritten in der Wanne herumstehen wie um eine Installation, ist etwas verwirrter als der von Hartmut, aber nicht völlig überrascht. Ich spüre das, ohne hinzusehen. Sie lauscht einen Moment der CD. Sie sagt: "Die Melodien gefallen mir, die Klangfarbe der Gitarren auch. Mir gefällt, wenn seine Stimme bricht und er so flehentlich singt... aber müssen die so oft brüllen und knüppeln?"
Ich drehe mich um, sie beugt sich zu mir, wir küssen uns und ich sage: "Mach doch bessaaaa!"
"Okay", sagt sie, kramt in ihrer Tasche, holt eine CD heraus, legt sie ein und lässt sich ebenfalls von Martin ein Bier geben. Das wundert mich. Trinkt sie Alkohol, ist es meistens Wein. "Hierzu passt Bier", sagt sie und schaut aufs Etikett, "es müsste allerdings etwas Edleres sein."
Ein flotter Rocksong in bittersüßem Tonfall beginnt, der Gitarren- und Basslauf in der Strophe erinnert mich an "1979" von den Smashing Pumpkins. Ich muss an alte Abifeten denken, Hartmut vor seinem Tigerentenbus, künstliche Bonsaibäumschen im Cockpit. Wir saugten damals das Treibgas aus nachfüllbaren Sprühsahneflaschen patronenweise in uns herein. Man bekam eine helle Stimme davon und einen 15-Sekunden-Rausch. Die Jungs mit den gepflegten Haaren und den Freundinnen belachten uns mitleidig. Sie dachten, wir wären Clowns. Dabei war das Sahnegas-Saugen kein Karneval. Eigentlich wollten wir damit sagen, was der Sänger auf der CD gerade sagt, wenn er im Refrain fast schreit: "Dein Arzt hat gesagt es ist okay/ Aber alles tut weh/ Deine Freunde sagen dir, es geht vorbei/ Aber es geht nicht so leicht." Wir wollten damals vieles sagen, was Caterinas neuer Lieblingssänger, der übrigens Bosse heißt, in seinen Lieder besser sagen kann. "Und dann ist da dein Herz/ Und dein Verstand/ Und irgendwo dazwischen tut's weh." Oder: "Lass mich all die Dinge machen/ die ich nie gemacht habe/ Lass mich all die Sachen tun, für die ich keine Zeit hatte." Gespielt wird das alles höchst emotional, mal als knackiger Rock, mal als folkige Ballade. Allerdings ist dieser Mann weiter als wir damals vor unserem Bus. Er singt nämlich auch davon, dass er "glaubt, dass das Glück auf der Straße liegt/ Dass es uns begegnet und bleibt". Das macht sonst kein deutscher Sänger. Er singt darüber, dass Liebe nichts mit dem oberflächlichen Getöse von Abifeten zu tun hat und als er das tut, muss ich ehrlich gesagt fast weinen. "Ich hab dich immer geliebt/ Aber eben leise/ Denn Liebe ist leise/ Und alles hier ist laut/ Liebe ist kein Rock'n'Roll." Caterina krault mir die Haare und ich bin gerührt, ärgere mich aber auch. Ich sage: "Was haben dir eigentlich ständig so zerzauste Songwriter angetan?" Sie schmunzelt und sieht Hartmut und Martin an: "Da ist er wieder eifersüchtig."
"Ja, ist doch wahr..."
"Der Mann ist verheiratet", sagt Caterina.
"Und der eine Sänger von StauEnde ist Anwalt", sagt Martin.
Hartmut schüttelt den Kopf und schweigt so, dass man spürt, wie er angesprochen werden will.
Wir sagen: "Was ist, Hartmut?"
Er schüttelt weiter den Kopf, steht auf, geht in sein Zimmer und kommt seinerseits mit einer CD zurück. "So", sagt er, und wechselt sie ein. "Der Mann hier ist weder von Beruf Gatte noch Anwalt noch BMX-Mechaniker oder was immer deine Emo-Brüder aus Oslo da sind. Der ist mit Leib und Seele Künstler! Der verzehrt sich darin!"
Die Musik beginnt und sie klingt ganz anders als alles, was bislang in unserer WG gelaufen ist. Ein Schlagzeug, ein Akkordeon, laute Blechbläser und ein Gesang zwischen Kneipe und Hafen treiben sie voran. Der Gesang klingt vollkommen fremd. Ich verstehe so etwas wie: "Heysse, heysse yosn ber/ And ik bin in militär" und dann aus mehreren Kehlen: "Alai-lalai-lalai!" Ich kenne kaum Musik, mit der ich das vergleichen könnte. Ein paar Folkpunkbands vielleicht, aber auch Tom Waits.
"Was singt der da?", frage ich und nehme die Hülle in die Hand. "Partisans & Parasites" von Daniel Kahn & The Painted Bird.
Hartmut zitiert aus dem Booklet. Er sagt: "Der Mann singt: 'Heysn heys ikh yosl ber/ un ikh din in militer.' Das ist Jiddish. Auf Englisch heißt es: 'Yes my name is Yosl Ber/ And I serve the militar.' Er ist Schauspieler, Sänger, echter Poet. Dieses Lied erzählt, wie ein israelischer Soldat desertiert, aber nur, weil er 'den Gegner so hasst, dass er ihm nicht mal in die Augen sehen will'. Alle Stücke erzählen Geschichten und zwar auf eine Art und Weise, dass man einerseits von ihrer Theatralik überwältigt ist und andererseits immerfort über das Erzählte nachdenken muss. Da ist es passend, dass sie ihre Musik 'Verfremdungsklezmer' nennen."
Martin trinkt, stößt auf, zeigt mit der Flasche auf die CD und sagt: "Ich würde die mit Flogging Molly auf Tour schicken. Oder den Dropkick Murphys."
"Das kannst du doch wirklich nicht vergleichen", sagt Hartmut.
"Wieso?", fragt Martin, "hör mal die Chöre, wenn die abgehen. Da heißt es 'Faust gereckt und Arm um den Nebenmann gelegt'."
"Ja, da heißt es aber auch zuhören und nachdenken! Ich habe die kürzlich live gesehen und war endlich mal wieder von einem Konzert beeindruckt. Der Mann kündigt 'eine musikalische Dialektik' an und dann spielt er hintereinander "Küsst die Faschisten" nach Kurt Tucholsky und dann "Six Million Germans", die wahre Geschichte eines jüdischen Attentäters, der mittels Trinkwasservergiftung aus Rache für die sechs Millionen Juden sechs Millionen Deutsche killen wollte. Er singt die Moritat von Meckie Messer aus Brechts 'Dreigroschenoper' und dann dichtet er einen Text über Parasiten und Insekten im Tierreich, der so lang und komplex ist, dass jedes biologische Lexikon sich verbiegt und in dem jedes Wort auf den Nanometer genau auf den Takt passt. Hier, hör mal." Hartmut spielt das Lied. Es ist der Hammer. Man sieht das große Gekrabbel förmlich vor sich. Textzeilen wie "Toxoplasma Gondii is a microscopic bug/ Who carries all its genius in its genes" gehen Daniel Kahn so flüssig über die Lippen, dass selbst die besten Rapper die Waffen strecken müssten, ebenso wie der Sänger von Bad Religion, der ja auch ständig komplexe naturwissenschaftliche Fachbegriffe verarbeitet. Caterina und Martin sind ebenfalls beeindruckt.
"Das ist nicht nur lyrisch virtuos, es ist auch wieder so ein Gedankenknacker. Was soll uns das sagen? Ist es ein Bekenntnis zum Materialismus der Evolutionstheorie? Zur Anti-Religiösität? Wie steht der Mann zu seinem Glauben? Wie zu seinem Staat? 'Dumai' zum Beispiel ist ein Lied über 'Staatenlosigkeit' und beim Konzert meinte er, er könne als Jude sehr gut verstehen, wie Scheiße sich das anfühlt. Er lässt also keinen Zweifel an seiner Loyalität zum Staate Israel, widmet den Song aber indirekt auch den Palästinensern. Oder? Oder nicht? Man denkt immerfort über das Gesungene nach und wird zugleich von einer Wuchtmischung aus Kurt Weill, Tom Waits, uralten Arbeiterliedern und Traditionals sowie wahrem Punk-Freigeist überwältigt. Das ist einmalig!"
Aha, Tom Waits, denke ich mir im Stillen. Habe ich doch was drauf mit meinen Vergleichen...
"Das wird mir jetzt alles viel zu politisch hier", sagt Martin und steht auf. "Wer will Pommes von gegenüber?"
"Jetzt flüchtet er vor der Überforderung", sagt Hartmut.
Martin lächelt bedrohlich wie Robert de Niro, bevor er schießt. "Pass auf, mein akademischer Freund! Diese Gruppe da singt für mich, alles klar? Hörst du das nicht? Arbeiterklasse und Ausbeutung, Kampf gegen die Herren. Ich bin hier der Fließbandmann!"
"Hey hey hey", sagen Caterina und ich.
Hartmut und Martin vertragen sich wieder.
"Nee, ist schon cool", sagt Martin, während The Painted Bird unaufhaltsam Quetschkommode, Kontrabass, Bläser und Kehlen an ihre Grenzen treiben.
Hartmut schlägt noch mal nach. Ich glaube nicht, dass die Band politisch so vielseitig ist wie Hartmut glaubt. Ich habe den Eindruck, die wissen viel genauer wo sie stehen als mein lieber Mitbewohner. Aber künstlerisch füllt es das ganze Bad, das ganze Haus, die ganze Welt in dem Moment, wo man sich drauf einlässt.
"Vier mal Pommes Spezial?", fragt Martin, schon im Flur, die Jacke überwerfend.
"Natürlich", antworten wir, "normal wäre ja langweilig!"


Die CDs:

BOSSE
Taxi
Scoop Music, im Vertrieb von Rough Trade
Hörproben
Homepage

DANIEL KAHN & THE PAINTED BIRD
Partisans & Parasites
Oriente Musik, im Vertrieb von Oriente
Hörproben
Homepage

DEATH IS NOT GLAMOROUS
Soft Clicks
Blacktop, im Vertrieb von Radar und Widespread
Hörproben und Homepage

STAUENDE
Alles wird gut
In-D Records, im Eigenvertrieb
Hörproben
Homepage

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15. Folge


Ich liege in der Wanne und höre Hjaltalín. Das ist so eine CD, die ich mir selbst gekauft habe, weil ich darüber Begriffe wie "zauberhaft", "verträumt" und "entrückt" las. Hinter solchen Begriffen versteckt sich nämlich immer perfekte Badewannenmusik, Klangwelten zum Versinken im Schaum. Ist auch so. Caterina, die, während ich bade, die Waschmaschine einräumt, sagt: "Für Isländer ist mir das nicht verrückt genug."
"Wie?", frage ich, nur Nase, Lippen und die Hälfte der Ohren aus dem Wasser ragend.
"Isländer müssen so klingen wie Björk, total experimentell."
"Das ist doch ziemlich abgefahren", sage ich. "Meine Mutter würde das nicht zauberhaft finden."
"Für Island ist das zu gewöhnlich", beharrt sie. "Es ist schön, versteh mich nicht falsch, aber..."
Hartmut unterbricht sie mit einem lauten Ausruf aus dem Treppenhaus: "Was ist denn das???"
Wir horchen. Hartmut scheint etwas aufheben zu wollen. Pappe kratzt auf dem dreckigen Boden, da wir den Flur nie wischen. "Kann mir mal jemand hier helfen?", ruft Hartmut. Ich kann nicht. Ich bade. Caterina stopft Wäsche. "Ich mach schon!", hören wir Susanne, die kauend aus der Küche kommt. Wenig später tragen beide einen riesigen Umzugskarton durchs Bad in Hartmuts Zimmer. Hartmut stützt sich auf ihm ab, als sie ihn absetzen. Er liest das Schild. "Unsere Adresse, kein Absender", sagt er. "Hat jemand was bestellt?"
Wir schütteln die Köpfe.
Er öffnet die Kiste mit einem Schreibtischskalpell, das er noch vom Zivildienst hat und schreit auf: "Das... das sind CDs. Und Magazine. Und Platten. Dutzende!" Er kramt. "Als Füllmaterial sind Trockennudeln dazwischen. Und ein Strohhut!" Hartmut setzt den alten, nach kaltem Zigarettenqualm stinkenden Hut auf, nimmt willkürlich eine CD in die Hand und macht große Augen. Dann findet er einen Zettel. "Schau mal, was du damit anfangen kannst", zitiert er. Ich bewege mich leicht in meinem Wasser, damit sich die Wärme neu verteilt. Caterina wirft ein zu dunkles Shirt beiseite. Susanne holt sich ihr Sandwich aus der Küche und kaut weiter.
"Das muss alles besprochen werden!", sagt Hartmut schließlich und Susanne verschluckt sich fast: "Wie bitte?"
"Ja, das kann doch hier nicht so stehen bleiben. Das ist..."
"Hartmut!", unterbricht ihn Susanne, "wir sind doch keine Redaktion!"
"Nein, nein", sagt Hartmut und bekommt dieses leicht hysterische Zittern, "ich spüre, dass das sein muss. Man erwartet es von uns. Wir müssen aufholen."
"Uff", stöhne ich in der Wanne.
Hartmut beginnt, zu verteilen.
"So, was haben wir denn hier? Ja... ja... aha... okay. Susanne, du machst diesen Stapel. Caterina, hier ist was für dich. Und Fanzines sind auch dabei, ganz viele Ausgaben. Die teilen wir uns", sagt er und legt mir ein paar der Hefte auf die Ablage neben der Wanne.
"Aber...", versuche ich mich zu wehren, höre aber damit auf, als ich sehe, wie Susanne seufzend mit ihrem CD-Stapel abhaut. Ihr Seufzen bedeutet, dass sie die Lage so beurteilt, dass es leichter ist, das alles durchzuarbeiten, als gegen Hartmut anzukämpfen.
"Es muss sein!", sagt er erneut und beginnt schon mit seinem Kontingent. Schnell ertönt aus seiner Anlage merkwürdige Improvisationsmusik, es wibbert und klöppelt und jemand ratschelt mit diesem Schellen-Perkussions-Instrument, das man in der Schule im Musikunterricht immer den ganz Untalentierten in die Hand drückte.
"Das sind Faust", sagt Hartmut, "eine deutsche Krautrocklegende! Früher klangen sie weniger zugänglich."
Aha, denke ich, das ist also zugänglich. Wenn das für Hartmut zugänglich ist, dann ist Phil Collins ein Einlauf.
"Denk dran zu lesen!", ruft er durch das Gewusel, "und zu hören gleichzeitig. Sonst werden wir nicht fertig."
Da kommt ein Karton voller Zeug und wir haben plötzlich Arbeit. Wir müssen wahrnehmen. Weil Hartmut es so will. Ich lege eine CD ein, die nach Nachwuchs aussieht und auf der ein junger Mann zu einfachen Lagerfeuerakkorden und Garagendrums so singt, wie manche junge Männer heute singen: Einerseits den Mund weit offen, andererseits irgendwie gepresst, zerdrückt von Klage und leiser Trauer: "Zukunftslos in deiner Hand, auf den Kinofilm im Kopf gespannt/ auf den Bahnhöfen mit Käfigtüren, exklusiv Verstand verlieren." Das verstehe ich zumindest, der Mann nuschelt ein wenig. Seine Band heißt Gantenbein. Ich schlage eines dieser Hefte auf, die im Karton aus dem Nichts lagen. Es heißt "Der Großmasturbator" und wird wohl kaum im Bahnhofsbuchhandel ausliegen. Drinnen schreiben junge Männer von ihren Erlebnissen als Punkrocker und Berufstrinker und ich habe den Eindruck, das wir bei UPS dagegen plötzlich Waisenknaben sind.
"Das ist Subkultur!", sagt Hartmut und kommt nach einiger Zeit aus seinem Zimmer, in dem mittlerweile ein extrem zorniger Mensch zu schepperigem Gebretter brüllt. Nicht wie ein Hooligan aus dem Bauch, sondern sehr aus dem Kopf, eher schrill, eher so wie ein hungriger Wraith brüllen würde, wenn er keinen Menschen zu essen bekommt. Dass der Vergleich nicht passt, wird mir klar, als Hartmut auf die aufklappbare, schöne Papphülle der Platte tippt und sagt: "Das heißt 'Living Among Meat Eaters'", sagt Hartmut, "und sie sind ihnen nicht wohlgesonnen."
"Das höre ich", sage ich.
Ich nehme ein anderes der in Farbe gedruckten Punkhefte zur Hand. Es heißt Pankerknacker. Davon lagen gleich mehrere im Karton. Eines zeigt auf dem Cover ein Pin-Up-Girl auf einem Motorrad. Ein anderes zeigt eine Vamp-artige Frau in den Armen eines lässigen Mafiosi. Ich frage mich, ob Punker nicht mal gegen so was waren, also heiße Bräute als Blickfang und so, das war doch mal ein Feindbild, das machte doch früher nur der D&W-Auto-Tuning-Katalog. Ich blättere in dem Heft. Eine Story heißt "Feuchtgebiete Trockenlegen" und ist layoutet mit einem Bild, auf dem eine löchrig bestrumpfte Frau einen Kerl mit Knarre am Kopf zwingt, ihre Muschi auszulecken. Über Anzeigen wie "JA zur Einbürgerungsinitiative" oder "Zona Antifascista" sind Bräute gestaltet, die Zigarren rauchen und dabei Steinerkreuz und Nazibinde tragen. Wahrscheinlich ist alles nur Provokation.
"Hartmut, ich verstehe Punk nicht mehr", sage ich und wedele mit dem Softporno.
"Hier", antwortet er und zeigt mir ein anderes Magazin, gedruckt auf rauhem Umweltpapier, Schwarzweiß, in A4. "Trust", zitiert er den Titel, "das heißt Vertrauen. Die machen das seit ca. 120 Jahren. Guck hier, hier drin ist eine Geschichte über SST Records, das womöglich wegweisendste unabhängige Label aller Zeiten. Total genau recherchiert, bis ins letzte Detail gekrochen. Oder hier: Hanson Brothers Photospecial, Mutinity On The Bounty oder was über die Rockterrine, eine Cateringfirma. Die haben schon genauso für Lionel Richie oder Toto gekocht wie für die kleinsten Punkbands. Wer schreibt sonst lange Artikel über sowas?"
Er hat ja Recht, aber trotzdem sage ich, was ich spontan beim Blättern denke: "Hartmut, die schreiben alle nicht gut. Die schreiben so... ja, wie soll ich das sagen... so wie Fabian damals in der Schülerzeitung."
Hartmut reißt die Arme hoch, als hätte ich auf einem SPD-Parteitag die Abschaffung der Gewerkschaften gefordert. "Das ist doch der Sinn der Sache!", heult er, "die Abkehr vom ach so seriööööösen Journalismus, das subjektive Schreiben, das Dringliche."
"Dringlich ist auch, wenn ich mal muss", sage ich.
"Mann!", schimpft Hartmut.
Da kommt Susanne wieder, eine CD in der Hand: "So, das hier hat bestanden!" Hartmut schaut panisch hinter sie in den Flur, weil ihr Satz bedeutet, dass sie alles andere gar nicht besprechen will. Ihre CD ist von Fragile Views, heißt "Thrice" und zeigt die Musiker in einem Proberaum wie ein Wohnzimmer, Zuhörer um sie herum. Ich lege sie in meinen Wannenrekorder. Bluesig, verschleppt, Wah-Wah-Gitarren-Pedal, Dreckschicht auf dem Klang, Stimme leicht schräg verwaschen.
"Die nutzen alte Orange-Verstärker", sagt Susanne.
"Und?", sagt Hartmut.
"Es ist wichtig, welches Werkzeug man hat", sagt Susanne. "Mach mal den Garten mit den 99-Cent-Scheren von Go On. Oder ein Auto ohne Originalteile. Hast du keinen Spaß dran."
"Material ist nicht alles", sagt Hartmut, dem man ansieht, dass ihm das viel zu klassisch rockig ist.
"Orange", sagt Susanne, "das richtige Werkzeug für den einzig wahren Klang."
Caterina betritt das Bad, nachdem sie zwischendurch in meinem Zimmer ihre Pflicht getan hat. "Zwei CDs haben bestanden", sagt sie und Hartmut regt sich auf: "Ja, Herrschaftszeiten, Frauen, wir müssen das alles besprechen! Ihr könnt doch nicht einfach eine Wahl treffen und euch drücken. Wenn ein Karton kommt, muss man ran, es waren Nudeln darin..."
Caterina ignoriert sein Gezeter und sagt: "Zwei Songwriter, zwei junge Männer."
"Natürlich", murmele ich ärgerlich.
Caterina ignoriert es.
"Alex Amsterdam", sagt sie, "das sind eigentlich zwei Typen. Sehr melodisch, bisschen rauh, große Melodien. Ganz große Melodien. Lag ein Zettel dabei. Die spielen 425 Konzerte im Jahr. Morgen zum Beispiel spielen sie in Bochum, Frankfurt, Knüllwald und Kiel."
Hartmut hört auf zu zetern, da er kurz überlegen muss, wie das geht.
"Und der hier", sagt Caterina, legt die CD in den Player und unterbricht das kernige Rock-Geschepper von Susanne. Eine Gitarre wird so gezupft, das ich sofort an einen Film denken muss, der im Zeitraffer das Aufblühen von fernen Wiesen im Frühjahr zeigt. Ich schätze das gut ein, denn die CD heißt "Leaves And Roots", also Blätter und Wurzeln. Sie zupft Frieden in unsere vier Herzen. Sie ist das Schönste, was wir heute hören.
"Sie ist auch noch gratis", sagt Caterina, als hätte sie meine Gedanken gehört. "Gut, wenn man sie physisch haben will, so wir hier im Karton, zahlt man ein paar Münzen. Aber zum Download bekommt man sie gratis." Der Mann, der The Silent Tree ist, singt jetzt zu seinem Frühlingsgitarrenzupfen. Verhuscht und unperfekt, aber sehr gefühlvoll. Hartmut kann sich dem nicht entziehen und setzt sich auf den Badezimmerteppich, im Schneidersitz. Er zupft in Teppich und alter Wäsche. Sein Blick wird entrückt. Er sagt: "Wir machen uns zu viel Stress."
Wir sagen erstmal nichts, lassen zupfen...
"Das sollten wir nicht mehr tun", sagt Hartmut.
Wir schweigen weiterhin.
Wir müssen nichts sagen.
Dann steht Hartmut auf, kramt die Instant-Päckchen aus dem Karton und beginnt, uns in der Küche einen großen Topf voller ungesunder Nudeln zu kochen.


Die CDs und Platten

ALEX AMSTERDAM
The Die Is Cast (EP)
Hörproben
Homepage

FAUST
C'est com... com... compliqué
Bureau B, im Vertrieb von Indigo
Hörproben
Homepage

FRAGILE VIEWS
Thrice
Hörproben und Homepage

GANTENBEIN
Auf dem Holzdielenfußboden
Eigenproduktion, im Eigenvertrieb
Hörproben
Homepage

HJALTALÍN
Sleepdrunk Seasons
Hörproben
Homepage

THE PLAGUE MASS
Living Among Meat Eaters
Noise Appeal, im Eigenvertrieb
Hörproben und Homepage

THE SLEEPING TREE
Leaves And Roots
12Rec, im Eigenvertrieb
Hörproben
Homepage


Die Magazine

DER GROßMASTURBATOR (24h-Ausgabe)
Bericht

PANKERKNACKER #21 & #22
Homepage

TRUST #133 & #134
Homepage


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