WIR


Wir, das sind Hartmut und ich.
Wir lernten uns einst in der Schule kennen.

Das erste Mal sah ich Hartmut im Religionskurs in der Oberstufe.
Er schrieb ständig etwas auf Zettel. Keine Zettel, die er weitergab, um seinem Sitznachbarn still mitzuteilen, wer doof ist. Richtige Ideen, die er irgendwie aus dem Unterricht zog und für sich selbst verwendete, nicht für Herrn Heukamp, der sich vorne abmühte. Er hatte einen Stammsessel in der Stadtbücherei, las sich durch die gesamte Philosophie und erklärte Schülern und Bürgern die Welt. Aber das habe ich, glaube ich, schon mal erzählt. Seine Koteletten waren wirr und bauschig wie winzige Büsche und sein Haar stand grundsätzlich später auf als er selbst. Hartmut war interessant.


Ich weiß nicht mehr, ob unsere Freundeskreise verschmolzen oder einer dafür sorgte, dass der andere endlich mal einen hatte. Jedenfalls zogen wir bald miteinander immer größere Kreise. Zur Abi-Fete am Stadtrand. Zur Land-Disko im Nachbardorf. Zum Rockfestival nach Scheessel. Zum Strand nach Frankreich. Wir kochten Nudeln in Hartmuts VW-Bus, der wie eine Tigerente angemalt war und bis heute hält. Nachts sprühten wir Motive und Sinnsprüche an alte Bunker am Strand von Lacanau-Ocean oder übernachteten auf einem Wirtschaftsweg zwischen Olivenhainen in der Provence. Abends konnte Hartmut ganze Zeltstädte dazu zwingen, sich auf komische Jazzplatten einzulassen, während er am nächsten Morgen zu Biohazard mit gespielter Wut und aufgeplusterten Backen 20 Minuten lang Regenschirme und Plastiktische zertrümmerte. In der Freizeit half er im Jugendhaus aus oder tapezierte unsere Heimatstadt mit Plakaten für Demonstrationen, während wir in der Bude hinter dem Krankenhaus Gyros Pita aßen. Und egal, wie besoffen er war - er kroch zur blauen Stunde aus dem Zelt oder Bus und spazierte in der Ferne durchs Unterholz. Wenn wir leise das Holz knacken hörten, wussten wir, dass er über Dinge nachdachte, die wir nicht ganz verstanden.

Nach dem Abi ging er ins Krankenhaus und ich zum Bund. Das Leben nahm wie immer seinen Lauf, nur dass man uns fünf Tage der Woche heraus geschnitten hatte, deren potentielle Erlebnisse wir jetzt ins Wochenende stopfen mussten. Den Entschluss zusammen zu ziehen, fassten wir nachts am See, als wir im Freien schliefen und eines dieser "in den Himmel guck Gespräche" auf Luftmatratzen hatten. Hartmut beschloss, an der Uni zu studieren, was er auf dem alten Sessel in der Stadtbücherei immer schon studiert hatte und ich beschloss, viel zu baden und wenig zu arbeiten. Wenig, aber richtig. So kam Hartmut an die Ruhr-Uni und ich zu UPS.